Dienstag, 28. Februar 2023

 Evgeny Kissin, Klavierrezital in der Alten Oper Frankfurt, 27.02.2023

Evgeny Kissin in der Alten Oper Frankfurt (Foto: Wonge Bergmann)

Er ist wieder da

Evgeny Kissin (*1971), das einstige Wunderkind aus Moskau ist wieder da. Nach gefühlten 20 Jahren seiner Abwesenheit, zumindest im Rhein Main Gebiet, gab er in der brechend vollbesetzten Alten Oper Frankfurt ein Klavierrezital von über 120 Minuten, wo jede Minute seines Spiels eine Besonderheit seines Charakters zum Ausdruck brachte.

Evgeny Kissin, jüdischer Herkunft, worauf er großen Wert legt, verließ mit 19 Jahren, gemeinsam mit seiner Familie Russland, um in einem freien, demokratischen Land leben zu können. Nein, es war nicht Deutschland oder die USA, es war zunächst Israel, das er und seine Familie als Wahlheimat auswählten. Dort erhielt er 2013 die israelische Staatsbürgerschaft.


Keine Konzerte in Autokratien

Aber der freiheitsliebende und jegliche Form von Autokratie ablehnende Künstler („keine Konzerte in Autokratien“) wechselte von Israel nach Tschechien, wo er bis heute in Prag lebt. Seiner Auffassung nach verstehen die Tschechen die komplizierte Lage Israels aus eigener historischer Erfahrung besonders gut. Seine Kritik unter anderem an Deutschland und den westlichen demokratischen Staaten, die er in einem Interview mit Hannah Kristina Friedrich vor zwei Jahren in Prag äußerte, fällt gerade für die europäische demokratische Linke und die Grünen nicht sonderlich positiv aus: Sie ahnten nicht, wie teuflisch Totalitarismus und Diktatur sein können, verspielten aber durch fragwürdige Analysen die demokratischen und freiheitlichen Werte ihrer liberalen Staaten. Deutschland als Wahlheimat habe er wie seine Familie ausgeschlossen, da dort der Antisemitismus und die Xenophobie immer noch das Leben von Minderheiten erschwerten.

 

Vier Epochen – Vier der besten Tastenkünstler

Das hierzu. Kissin hatte ein Programm ausgewählt, das auf den ersten Blick kontrastreicher nicht sein kann. Allein vier musikalische Epochen mit ganz unterschiedlichen musikalischen Stilarten, aber von Komponisten, die allesamt zu den besten Tastenkünstlern ihrer Zeit gehörten. Zunächst Johann Sebastian Bachs (1685-1750) Chromatische Fantasie und Fuge d-Moll BWV 903 (1720), gefolgt von Wolfgang Amadeus Mozarts (1756-1791) Klaviersonate Nr. 8 D-Dur KV 311 (1777). Eine der 12 Polonaisen von Frédéric Chopin (1810-1849), nämlich die Polonaise fis-Moll op.44 (1841) und von Sergej Rachmaninow (1873-1943), noch aus seiner Zeit in Russland, eine Romance op.21/5 „Der Flieder“ (1902), zwei der insgesamt 24 Préludes op. 32/8 (1910) und op. 23/10 (1903) sowie aus seinen 17 Etüden, alle um 1916 entstanden, die Nummern 1 c-Moll, Nr. 2 a-Moll, Nr. 4 h-Moll, Nr. 5 es-Moll und Nr. 9 D-Dur op. 39.

Evgeny Kissin in der Alten Oper Frankfurt (Foto: Wonge Bergmann)

Eher sachlich als gefühlsvoll

Kissin-2023 ist nachdenklicher, ernsthafter und etwas schwergängiger geworden, was auch sein äußeres Erscheinungsbild prägt. Nicht mehr zart und filigran, sondern altermäßig gesetzt und etwas fülliger. Sein makelloses, fehlerfreies Spiel hat in keiner Weise gelitten. Aber sein Anschlag auf den Tasten zeugt von seiner tiefen durchaus reflexiven Verbundenheit mit sich und seiner Umwelt.  So interpretiert er die Bachsche Chromatische Fantasie zunächst stark pedaliert, weniger als Toccata, sondern eher mit schwergängigen Skalen, weniger expressiv wie gefordert, sondern eher rezeptiv. Erst die Fuge, die er verhalten ansetzt, lässt Leben in sein Spiel kommen. Der deutliche Wechsel zwischen Dux und Comes des bekannten chromatischen Themas – nach dem diese Fantasie auch benannt ist –, die großartige Artikulation seines Tastenspiels, lässt den Sturm und Drang, den Bach mit dieser Komposition verband, erahnen, wenngleich Kissin eher die Sachlichkeit statt das Gefühl in den Vordergrund stellt.

 

Kein Mozart, aber ein Kissin

In diesem Sinne interpretiert er auch Mozarts mit knapp 19 Jahren komponierte D-Dur Sonate. Eine Tonart der Freude und Zuversicht, komponiert von dem Teenager in Mannheim kurz vor seiner Abreise nach Paris. Kissin lässt hier kaum Spielfreude und Ausgelassenheit zu. Sein Spiel wirkt wie von einem Metronom gesteuert, ungeheuer pointiert mit hartem Anschlag, aber wie eine Maschine vorwärtsgetrieben. Das betrifft im Wesentlichen auch das Andante, eigentlich lyrisch und wie ein Rondo gestaltet. Auch hier dominiert eher ein schwergängiger Anschlag, fast ein wenig depressiv. Das abschließende Rondo gerät ihm sehr flott von der Hand. Kissin konzentriert sich hier auf den dynamischen Kontrast und brilliert in der kurzen Kadenz, die das Finale dieser Sonate einleitet. Kein wirklicher Mozart, dafür aber ein Kissin, der seine innere Stimme spielen lässt.

 

Kissin, ein Wiedergänger von Horowitz?

Chopins Polonaise op. 44 gehört zu seinen patriotischen Prachtstücken. Ein vierteiliges Klanggemälde mit heroischer Einleitung, mit einem marschähnlichen Mittelteil, einer liedhaften Mazurka und einem imposanten Finale mit schier rasant abfallenden Oktavreihen. Kissins Verständnis dieser Polonaise kam dem seines Schöpfers schon sehr nahe. Chopin betrachtete seine insgesamt 17 Polonaisen vor allem auch als nationale Verbundenheit mit seiner Heimat, die er wegen der russischen Besetzung nach dem Novemberaufstand 1830 verlassen musste. Kissin wiederum machte aus diesem derben Gesellschaftstanz einen nachdenklichen, fast wehmütige Volkstanz mit eingebauten triumphalen Passagen. Man war in vielem an den legendären Vladimir Horowitz erinnert, der noch in hohem Alter von 85 Jahren diese außergewöhnliche Polonaise in ähnlicher Weise spielte. Kissin ein Wiedergänger seines genialen Vorgängers und Leidensgenossen Horowitz? Irgendwie haben beide einige Gemeinsamkeiten aufzuweisen.

 

Keine Programmatik, dafür Stimmungsbilder

Dann der zweite Teil des Abends, der ausschließlich Rachmaninow gewidmet war. Hier spätestens war Kissin angekommen. Nach einer kurzen Einspielungsphase mit zwei Préludes und einer Romanze, kaum länger als sechs Minuten, wechselte sein Programm zu den 17 Etüden. Er nennt sie zu Recht Études tableaux (Bild Etüden), denn Stimmungsbilder sind es, die diese Auswahl von fünf Piecen aus seinem op. 39 widerspiegeln.

Zwar hat Rachmaninow den einzelnen Etüden keine programmatischen Hinweise gegeben. Interessant aber ist zu erwähnen, dass Ottorino Respighi (1879-1936), ein Freund von ihm, diesen Vorschlag gemacht hat und er durchaus zustimmend einwilligte. So überschrieb Respighi zum besseren Verständnis, unter anderem die Nummer 2 op.39 mit Das Meer und die Möwen, und die Nummer 9 op. 39 mit orientalischer Marsch. Kissin machte zusätzlich aus der Nummer 1 ein rollendes Gewitter, aus der Nummer 4 eine wilde Toccata und aus der Nr. 5 ein Feuerwerk mit romantischer Szenerie. Die Thematik der beiden letztgenannten findet sich auch in Rachmaninows zweiten Klavierkonzert (1902) wieder.

Evgeny Kissin in der Alten Oper Frankfurt (Foto: Wonge Bergmann)

Ein Zugaben-Hammer zum Abschied

Kissin ist nicht allein ein nachdenklicher und sehr kritischer Künstler, nein, sein Spiel ist Teil seines Charakters und wohl auch Gemütszustandes. Jede Ader, jeder Muskel, seine gesamte Physis ist mit jeder seiner Interpretationen eng verknüpft. Das Publikum zollte ihm stehenden Beifall mit einem Blumenmeer der Anerkennung. Drei Zugaben schenkte der sichtlich gerührte und sich langsam entspannende Superstar seinem dankbaren Publikum. Darunter zwei weitere der Études tableaux und als Rausschmeißer das cis-Moll Prélude op.3/2. Ein Hammer. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen.

Kissin schreibt übrigens Gedichte und komponiert auch. 1988 erstmals in Deutschland, spielte er unter Herbert Karajan bei den Berliner Philharmonikern das b-Moll Klavierkonzert von Peter Tschaikowski und gilt seitdem als Überflieger seines Metiers. Hoffen wir, den nach so langer Abstinenz doch schmerzlich vermissten Ausnahmekünstler in Zukunft wieder regelmäßiger bei uns in Deutschland antreffen und erleben zu dürfen. Sein Auftritts-Prinzip lautet allerdings: „Ich spiele niemals in einem autokratischen Staat.“

  

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