Evgeny Kissin, Klavierrezital in der Alten Oper Frankfurt, 27.02.2023
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| Evgeny Kissin in der Alten Oper Frankfurt (Foto: Wonge Bergmann) |
Er ist
wieder da
Evgeny
Kissin (*1971), das einstige Wunderkind aus Moskau ist wieder da. Nach
gefühlten 20 Jahren seiner Abwesenheit, zumindest im Rhein Main Gebiet, gab er
in der brechend vollbesetzten Alten Oper Frankfurt ein Klavierrezital von über
120 Minuten, wo jede Minute seines Spiels eine Besonderheit seines Charakters
zum Ausdruck brachte.
Evgeny
Kissin, jüdischer
Herkunft, worauf er großen Wert legt, verließ mit 19 Jahren, gemeinsam mit
seiner Familie Russland, um in einem freien, demokratischen Land leben zu
können. Nein, es war nicht Deutschland oder die USA, es war zunächst Israel,
das er und seine Familie als Wahlheimat auswählten. Dort erhielt er 2013 die
israelische Staatsbürgerschaft.
Keine Konzerte
in Autokratien
Aber der
freiheitsliebende und jegliche Form von Autokratie ablehnende Künstler („keine Konzerte
in Autokratien“) wechselte von Israel nach Tschechien, wo er bis heute in Prag
lebt. Seiner Auffassung nach verstehen die Tschechen die komplizierte Lage
Israels aus eigener historischer Erfahrung besonders gut. Seine Kritik unter
anderem an Deutschland und den westlichen demokratischen Staaten, die er in
einem Interview mit Hannah Kristina Friedrich vor zwei Jahren in Prag äußerte,
fällt gerade für die europäische demokratische Linke und die Grünen nicht sonderlich
positiv aus: Sie ahnten nicht, wie teuflisch Totalitarismus und Diktatur sein
können, verspielten aber durch fragwürdige Analysen die demokratischen und freiheitlichen
Werte ihrer liberalen Staaten. Deutschland als Wahlheimat habe er wie seine
Familie ausgeschlossen, da dort der Antisemitismus und die Xenophobie immer
noch das Leben von Minderheiten erschwerten.
Vier
Epochen – Vier der besten Tastenkünstler
Das hierzu. Kissin hatte ein Programm ausgewählt, das auf den ersten Blick kontrastreicher nicht sein kann. Allein vier musikalische Epochen mit ganz unterschiedlichen musikalischen Stilarten, aber von Komponisten, die allesamt zu den besten Tastenkünstlern ihrer Zeit gehörten. Zunächst Johann Sebastian Bachs (1685-1750) Chromatische Fantasie und Fuge d-Moll BWV 903 (1720), gefolgt von Wolfgang Amadeus Mozarts (1756-1791) Klaviersonate Nr. 8 D-Dur KV 311 (1777). Eine der 12 Polonaisen von Frédéric Chopin (1810-1849), nämlich die Polonaise fis-Moll op.44 (1841) und von Sergej Rachmaninow (1873-1943), noch aus seiner Zeit in Russland, eine Romance op.21/5 „Der Flieder“ (1902), zwei der insgesamt 24 Préludes op. 32/8 (1910) und op. 23/10 (1903) sowie aus seinen 17 Etüden, alle um 1916 entstanden, die Nummern 1 c-Moll, Nr. 2 a-Moll, Nr. 4 h-Moll, Nr. 5 es-Moll und Nr. 9 D-Dur op. 39.
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| Evgeny Kissin in der Alten Oper Frankfurt (Foto: Wonge Bergmann) |
Eher sachlich als gefühlsvoll
Kissin-2023
ist nachdenklicher, ernsthafter und etwas schwergängiger geworden, was auch
sein äußeres Erscheinungsbild prägt. Nicht mehr zart und filigran, sondern
altermäßig gesetzt und etwas fülliger. Sein makelloses, fehlerfreies Spiel hat in
keiner Weise gelitten. Aber sein Anschlag auf den Tasten zeugt von seiner
tiefen durchaus reflexiven Verbundenheit mit sich und seiner Umwelt. So interpretiert er die Bachsche Chromatische
Fantasie zunächst stark pedaliert, weniger als Toccata, sondern eher
mit schwergängigen Skalen, weniger expressiv wie gefordert, sondern eher
rezeptiv. Erst die Fuge, die er verhalten ansetzt, lässt Leben in sein Spiel
kommen. Der deutliche Wechsel zwischen Dux und Comes des bekannten chromatischen
Themas – nach dem diese Fantasie auch benannt ist –, die großartige
Artikulation seines Tastenspiels, lässt den Sturm und Drang, den Bach mit
dieser Komposition verband, erahnen, wenngleich Kissin eher die Sachlichkeit statt
das Gefühl in den Vordergrund stellt.
Kein
Mozart, aber ein Kissin
In diesem
Sinne interpretiert er auch Mozarts mit knapp 19 Jahren komponierte D-Dur Sonate.
Eine Tonart der Freude und Zuversicht, komponiert von dem Teenager in Mannheim
kurz vor seiner Abreise nach Paris. Kissin lässt hier kaum Spielfreude und Ausgelassenheit
zu. Sein Spiel wirkt wie von einem Metronom gesteuert, ungeheuer pointiert mit
hartem Anschlag, aber wie eine Maschine vorwärtsgetrieben. Das betrifft im Wesentlichen
auch das Andante, eigentlich lyrisch und wie ein Rondo gestaltet. Auch
hier dominiert eher ein schwergängiger Anschlag, fast ein wenig depressiv. Das
abschließende Rondo gerät ihm sehr flott von der Hand. Kissin
konzentriert sich hier auf den dynamischen Kontrast und brilliert in der kurzen
Kadenz, die das Finale dieser Sonate einleitet. Kein wirklicher Mozart, dafür
aber ein Kissin, der seine innere Stimme spielen lässt.
Kissin,
ein Wiedergänger von Horowitz?
Chopins Polonaise
op. 44 gehört zu seinen patriotischen Prachtstücken. Ein vierteiliges Klanggemälde
mit heroischer Einleitung, mit einem marschähnlichen Mittelteil, einer
liedhaften Mazurka und einem imposanten Finale mit schier rasant abfallenden
Oktavreihen. Kissins Verständnis dieser Polonaise kam dem seines
Schöpfers schon sehr nahe. Chopin betrachtete seine insgesamt 17 Polonaisen vor
allem auch als nationale Verbundenheit mit seiner Heimat, die er wegen der
russischen Besetzung nach dem Novemberaufstand 1830 verlassen musste. Kissin
wiederum machte aus diesem derben Gesellschaftstanz einen nachdenklichen, fast
wehmütige Volkstanz mit eingebauten triumphalen Passagen. Man war in vielem an
den legendären Vladimir Horowitz erinnert, der noch in hohem Alter von 85
Jahren diese außergewöhnliche Polonaise in ähnlicher Weise spielte.
Kissin ein Wiedergänger seines genialen Vorgängers und Leidensgenossen
Horowitz? Irgendwie haben beide einige Gemeinsamkeiten aufzuweisen.
Keine
Programmatik, dafür Stimmungsbilder
Dann der
zweite Teil des Abends, der ausschließlich Rachmaninow gewidmet war. Hier
spätestens war Kissin angekommen. Nach einer kurzen Einspielungsphase mit zwei Préludes
und einer Romanze, kaum länger als sechs Minuten, wechselte sein Programm zu
den 17 Etüden. Er nennt sie zu Recht Études tableaux (Bild Etüden), denn
Stimmungsbilder sind es, die diese Auswahl von fünf Piecen aus seinem op. 39 widerspiegeln.
Zwar hat Rachmaninow den einzelnen Etüden keine programmatischen Hinweise gegeben. Interessant aber ist zu erwähnen, dass Ottorino Respighi (1879-1936), ein Freund von ihm, diesen Vorschlag gemacht hat und er durchaus zustimmend einwilligte. So überschrieb Respighi zum besseren Verständnis, unter anderem die Nummer 2 op.39 mit Das Meer und die Möwen, und die Nummer 9 op. 39 mit orientalischer Marsch. Kissin machte zusätzlich aus der Nummer 1 ein rollendes Gewitter, aus der Nummer 4 eine wilde Toccata und aus der Nr. 5 ein Feuerwerk mit romantischer Szenerie. Die Thematik der beiden letztgenannten findet sich auch in Rachmaninows zweiten Klavierkonzert (1902) wieder.
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| Evgeny Kissin in der Alten Oper Frankfurt (Foto: Wonge Bergmann) |
Ein Zugaben-Hammer zum Abschied
Kissin ist
nicht allein ein nachdenklicher und sehr kritischer Künstler, nein, sein Spiel
ist Teil seines Charakters und wohl auch Gemütszustandes. Jede Ader, jeder Muskel,
seine gesamte Physis ist mit jeder seiner Interpretationen eng verknüpft. Das
Publikum zollte ihm stehenden Beifall mit einem Blumenmeer der Anerkennung.
Drei Zugaben schenkte der sichtlich gerührte und sich langsam entspannende Superstar
seinem dankbaren Publikum. Darunter zwei weitere der Études tableaux und als
Rausschmeißer das cis-Moll Prélude op.3/2. Ein Hammer. Mehr gibt es dazu nicht
zu sagen.
Kissin
schreibt übrigens Gedichte und komponiert auch. 1988 erstmals in Deutschland,
spielte er unter Herbert Karajan bei den Berliner Philharmonikern das b-Moll
Klavierkonzert von Peter Tschaikowski und gilt seitdem als Überflieger
seines Metiers. Hoffen wir, den nach so langer Abstinenz doch schmerzlich vermissten
Ausnahmekünstler in Zukunft wieder regelmäßiger bei uns in Deutschland
antreffen und erleben zu dürfen. Sein Auftritts-Prinzip lautet allerdings: „Ich
spiele niemals in einem autokratischen Staat.“



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