Oryx and Crake (2023), Musiktheater von Søren Nils Eichberg (*1973), Staatstheater Wiesbaden, 01.03. 2023, 2. Aufführung (Uraufführung am 18.02.2023 im Staatstheater Wiesbaden)
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| v. l.: Christopher Bolduc, Samuel Levine, Anastasiya Taratorkina, Benjamin Russell (alle Fotos: Karl und Monika Forster) |
Das
faustische Streben der Gentechnologie
Søren Nils Eichberg ist kein Unbekannter am Staatstheater Wiesbaden. Bereits 2017 erregte er Aufsehen mit Schönerland, worin er das Flüchtlings- und Migrantenproblem thematisierte. Mit Oryx and Crake, ein Auftragswerk des Hauses, versucht er sich dieses Mal an der gegenwärtigen „kaputten Welt“ und hat dazu den gleichnamigen Roman von Margaret Atwood (*1939) zur Vorlage genommen. Eine Art Science-Fiction, oder wie Atwood selbst ihren Roman klassifiziert, eine Speculative-Fiction, worunter sie eine Fiktion versteht, die auf bereits vorhandenen technischen Mitteln und wissenschaftlichen Praktiken beruht.
Die Welt wird darin von einem digitalen-finanziellen Komplex beherrscht, die Staaten sind aufgelöst, große, mächtige Konzerne haben ihre eigenen Machtzentren gebildet, mit eigenen Gesetzen, eigenen Regeln und Wertvorstellungen. Das faustische Streben der Gentechnologie macht es möglich, die Welt nach den Vorstellungen einer nebulösen Clique zu gestalten (im Roman ist es OrganInc, wo Tierarten genetisch verändert werden, sowie die Firma RejoovensEsense, die die Glückspille BlyssPluss entwickelt). Dabei spielen Oryx (Säbelantilope) und Crake (Teichhuhn) eine zentrale Rolle.
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| Craker |
Von der
Glückspille zum Weltuntergang
An dieser
Stelle sei kurz die Handlung des Musiktheaters skizziert. Crake ist in Paradice,
einem nach außen abgeschottetem Ort der Firma RejoovensEsense aufgewachsen.
Seine Eltern sind Mitarbeiter der Firma. Die Mutter, Molekularbiologin, erkennt
den falschen Weg der biotechnologischen Entwicklung und wird depressiv. Sie
verkörpert die klassische Kassandra, die das Unheil kommen sieht. Der Vater
schwört auf die Wirkmächtigkeit der Pharmakologie, der gentechnisch modulierten
Schweine und menschenähnlichen Kunstwesen und verwirft die Kassandrarufe seiner
Frau. Crake ist ein geistiger Überflieger und entwickelt eine Glückspille BlyssPluss,
in die er aber aus eugenischen Gründen ein Virus versteckt, das die Menschheit
ausrottet.
Ob die
Craker, eine primitive menschenähnliche Spezies, auch das Ergebnis seiner Forschungen
ist, bleibt unklar. Jedenfalls sind sie die künstlich hergestellten Überlebenden
der globalen Katastrophe. Angehängt an die Erzählung ist noch eine fatale Dreier-Liebesgeschichte
zwischen Oryx – eine digitale Schönheit aus dem Online Spiel Extinctathon und
in Wirklichkeit eine Prostituierte – Crake und Jimmy. Sie führt zu einem Eifersuchtsdrama mit
tödlichem Ausgang. Jimmy ist übrigens ein Freund von Crake, kein wissenschaftlicher
Überflieger, sondern eher musisch und künstlerisch veranlagt.
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| v. l.: Benjamin Russell, Christopher Bolduc, Samuel Levine |
Das
furchtbare Erwachen
Zwar weit weg von Margaret Atwoods Dystopie, schafft das Libretto von Hannah Dübgen (*1977) ein schwarzes Märchenszenario, in dem die Erzählung von hinten aufgezäumt wird. Mit Hologrammen einer völlig verwüsteten Welt (warum das?), alles ist nur noch schwarz-weiß, die Hasen sind verstrahlt, die Pflanzen und Bäume kahl, (großes Lob an Astrid Steiner, Videos, und Klaus Krauspenhaar, Licht) wird das Publikum empfangen. Musikalisch untermalt mit metallic Dawn (Eichberg) Klängen, das heißt tiefste Tremoli der Kontrabässe, Toncluster der Bläser und perkussive Marimba- und Klavier-Schläge. Auf einem in die Bühne ragenden Ast sitzt Snowman (Benjamin Russell, Bariton), in schmutzige Tücher gehüllt, und erwartet den Sonnenaufgang. Awakening lautet sinngemäß denn auch die Übertitelung des ersten Aufzugs. Snowman, das sei vorweggenommen ist Jimmy, der vermeintlich einzige Überlebende der Menschheit. Die Craker treten auf die Bühne, nackt (in fleischfarbenen Anzügen) - in ihrer Erscheinung ein bisschen wie australische Aborigines (Atwood schrieb ihren Roman in Australien) - und singen hilferufend wie die Kinder zu Snowman, er solle ihnen dieses und jenes erklären (Andrea Schmidt-Futterer, Kostüme).
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| Chormitglieder, rechts: Mikhail Biryukov |
Die
Kassandrarufe der Mutter
Der zweite
Aufzug Falling ist der Vergangenheit gewidmet. Die Familie tritt in Erscheinung
Mutter (Louise Fenbury, Sopran), der Vater (Mikhail Biryukov,
Bariton), Jimmy als Kind (Joel Stambke, Alt) und Crake als Kind (Jakob
Hebgen, Alt). Die Kassandrarufe der ganz in Rot gewandeten Mutter werden
vom Vater ignoriert. Man sieht in Hologrammen Pigoons (Organschweine) und Wolvogs
(Hund und Wolf-Kreuzungen). Jimmy und Crake vergnügen sich am Computerspiel Extinctathon,
wo die gesamte Evolution vom Einzeller bis zum Menschen abläuft und lernen Oryx
(Anastasiya Taratorkina, Sopran) kennen. Beide verlieben sich sofort in
sie. Dazwischen singt Snowman – er ist Beobachter der Szenerie – über Crake,
dem letzten Prometheus, seine Pillen Strategie und darüber, dass er als letzter
Überlebender bald sterben müsse.
Der dritte Aufzug Eating lässt wieder die Familie in Erscheinung treten, bei düsterer Musik voll extremer Kontraste, mit hohen und tiefen Passagen, viel Saitenzerren und Reißen an Holz und Klangkörper, Tremoli und Glissandi. Der Gesang von Snowman ist sprechend-rezitativisch. Er hat sich verletzt, glaubt zu sterben und sucht Hilfe im ehemaligen Paradice. Er hadert mit den Craker, die er ablehnt, aber (er hat es Oryx versprochen) versorgen muss. Er will das Chaos beseitigen, weiß aber nicht wie.
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| vorne: Benjamin Russell, hinten: Anastasiya Taratorkina, Craker |
Liebe ist
nur ein Wort
In Walking
baut sich eine riesige Kuppel auf. Musikalisch begleitet von höchstem
reibendem Flageolett, heftigen Trommelschlägen und Glockenspiel. Oryx und Jimmy
(Samuel Levine, Bariton) dominieren diesen Aufzug. Sie kommen sich
näher, liegen auf einem Bett und lieben sich. Ein weißes Tuch erhebt sich über
ihren Leibern. Oryx erzählt in einem längeren Arioso ihre Lebensgeschichte,
eine verklausulierte Migrationsgeschichte aus einer Welt der Armut in die Welt
der Prostitution. Crake (Christopher Bolduc, Bariton) beobachtet
eifersüchtig die Szene. Seine destruktive BlyssPluss-Pillen-Idee wird geboren. Chemische
Formeln bauen sich auf. Er spricht mehr als dass er singt: „Weil wir Hoffnung
haben, gehen wir unter“. Nietzsche lässt grüßen. Mit gewaltigen Paukenschlägen
wechselt die Handlung zum fünften Aufzug: Remembering.
Die
Blutkarte Welt
Die Mutter wird von zwei Aufsehern abgeführt. Jimmy, Oryx und Crake streiten sich, das weiße Tuch der Liebe färbt sich rot, die chemischen Formeln von Crake werden blutig. Snowman singt verzweifelt: „Die Natur holt sich alles wieder zurück“, während Crake fabuliert: „Es gibt zu viele Menschen, das macht sie schlecht“. Die rotgefärbte Weltkarte verdeutlicht die globale Katastrophe, die die virusverseuchten Pillen angerichtet haben. Der Weltuntergang ist in vollem Gange. Eifersüchtig ersticht Crake Oryx, und Jimmy rächt sich mit dem Todesschuss. Allein zurück wird er von heftigster Klangfächenmusik mit lautem Trommelwirbel und dunklen Clustern begleitet.
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| v. l.: Benjamin Russell, Christopher Bolduc, Anastasiya Taratorkina, Samuel Levine |
Wer
rettet wen?
Liberating,
der vorletzte Aufzug
wird mit einem längeren Zwischenspiel eingeleitet. Jimmy, jetzt Snowman, sitzt
auf seinem Ast, den er nicht absägen kann, und sinniert darüber, ob er sein
Oryx gegebenes Versprechen, die Craker in die Welt einzuweisen, überhaupt
erfüllen kann bzw. möchte. Die Craker erscheinen und mit ihr eine Gestalt mit
rotem Kopfschmuck und metallenem Gewand. Ein neuer Gott, dem die Craker
huldigen? Es scheint so.
In Returns,
bitten die Craker Snowman, ihnen den Weg zu zeigen. Aber Snowman fühlt sich
allein auf dieser Welt. Die Hologramm Bilder vom Anfang scheinen sich zu
wiederholen. Aber sie sind etwas farbiger. Es kommt Licht ins Dunkel. Im
Hintergrund sieht man drei Menschen (!) an einem Feuer sitzen. Ist eine Begegnung
möglich? Eine große Schrift Encountering lässt gleichzeitig den Vorhang
fallen. Schluss, Aus, Ende.
Ein
Experiment, das viele Fragen offenlässt
Dieses Musiktheater, von einer Oper möchte man nicht sprechen, kann mit Fug und recht als ein Experiment bezeichnet werden. Eine schwarze Märchenerzählung, die viele Fragen offenlässt. Sicher ist die Vorlage (2003) von Margaret Atwood genial und das Libretto von Hannah Dübgen gut gemeint. Aber die Frage, wie man den Stoff auf die Bühne bringt, ist damit noch lange nicht beantwortet. So ist der von der Regie (Daniela Kerck, Inszenierung und Bühne) avisierte Wechsel der Zeitebenen in den wenigsten Szenen nachvollziehbar. Dazu gehören auch die sieben Aufzugstitel, die nur bedingt zum Inhalt passen. Erinnern, Realität und Konsequenz werden zu oft durcheinandergemischt, ebenso wie die Problematik der Gentechnik pauschal mit Umweltzerstörung und allgemeiner Apokalypse gleichgesetzt wird.
Die Figur des Snowman/Jimmy ist wenig einleuchtend: Mal lamentierend, mal todesängstlich, mal unwirsch, immer aber hadernd mit seiner Einsamkeit, die real in keiner Szene deutlich wird, denn er kommuniziert ja ständig und sitzt selten auf seinem Ast. Crake und Jimmy wie auch Mutter und Vater bleiben charakterlich im vagen, ihr Gesang ist wesentlich reduziert auf Sprechen und Rezitieren. Die vom Komponisten erwünschte tiefenpsychologische Komponente gelingt allenfalls in der Person von Oryx. Ihr widmet er auch den ariosen Gesang und nur sie allein kann wirklich brillieren. Sie bekommt auch den meisten Beifall. Ansonsten wird viel erzählt und deklamiert, aber wenig Emotion und Tiefenpsychologie transportiert.
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| Benjamin Russell, Statisterie (Schlussbild) |
Eine
Musik – leitmotivisch und kraftvoll
Die Musik (aus: Eichbergs Sinfonie Nr. 3 für Orchester und Chor von 2015) vermittelt
tatsächlich leitmotivische, den Charakter differenzierende Elemente, so wie es
Richard Wagner trefflich beherrschte. Beispielsweise gebrochenen Akkorde bei Crake,
die Seufzer Motivik bei Snowman oder die Melodische Linie bei Oryx. Alles Okay,
aber leider kaum herauszuhören, da sich die Musik fast ausschließlich im
Klangflächenbereich bewegt, sehr der Filmmusik eines Thrillers ähnlich.
Besonders hervorzuheben sind die Intermezzi zwischen den einzelnen Aufzügen.
Hier ist die Musik von Eichberg erfrischend kraftvoll und schafft Atmosphäre. Albert
Horne, der für die musikalische Leitung und den Chor verantwortlich war, hielt
durch sein souveränes Dirigat die doch sehr komplexen Handlungsebenen zusammen
und sorgte zumindest für ein musikalisches Highlight.
Der kaum
besetzte große Saal des Staatstheaters Wiesbaden, einige Besucher gingen
vorzeitig, zeigte wenig Begeisterung, zollte jedoch freundlichen Beifall, wie
in Wiesbaden üblich. Ein Experiment bleibt eben ein Experiment.







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