Montag, 20. März 2023

Elektra, Tragödie in einem Aufzug von Richard Strauss (1864-1949), Text von Hugo von Hofmannsthal nach Sophokles, Premiere in der Oper Frankfurt, 19.03.2023

Aile Asszonyi (Elektra) Foto: Monika Rittershaus

Wer ist Elektra?

Elektra, schwarz gekleidet, sitzt in der linken Ecke der Bühne, abseits, grübelnd. Fünf Mägde des Königshauses tuscheln. Sie haben Angst vor dieser Person, sie sei giftig wie eine wilde Katze, sie gehöre unter Schloss und Riegel, niemand halte ihren Blicken stand. Wer aber ist Elektra? Sie, die Tochter Agamemnons, kann den Mord an ihrem Vater (er hat bekanntlich Iphigenie auf dem Gewissen, um sein Volk sicher vom trojanischen Krieg nach Hause zu führen), ausgeführt von ihrer Mutter Klytämnestra und ihrem Geliebten Aegisth, nicht verkraften und sinnt auf Rache. Aus dem braven Königstöchterlein wird eine von Besessenheit zerfressene Figur, oder wie Hugo von Hofmannsthal (1874-1929), der Textgeber, es treffend formuliert: „In Elektra wird das Individuum in der empirischen Weise aufgelöst, indem eben der Inhalt seines Lebens es von innen her zersprengt, wie das sich zu Eis umbildende Wasser einen irdenen Krug.“

 

Die Dominanz dreier Frauen – Borderliner

Drei Figuren dominieren diese Tragödie, die 1909 an der Dresdener Hofoper ihre Uraufführung erlebte, mit zunächst mäßigem Erfolg. Es sind neben Elektra (Aile Asszonyi, Sopran und Debütantin im Frankfurter Opernhaus), ihre Schwester Chrysothemis (Jennifer Holloway, Sopran) sowie ihre Mutter Klytämnestra (Susan Bullock, Mezzosopran), drei Charaktere, die unterschiedlicher kaum sein können. Alle drei Borderliner mit manisch narzisstischen Verhaltensmustern, die die Triebfedern der Tragödie bestimmen, aber auch ihrem Schicksal unausweichlich erliegen.

Es beginnt mit der Zwiegespräch-Arie Elektras: „Agamemnon, Vater!“ Ein Schrei unter eisernen Schlägen des Orchesters. Aile Asszonyi singt ihre Visionen der erwünschten Bluttat mit unglaublicher Stimmgewalt und versteht es ebenso perfekt, in zarterste Töne zu wechseln, wenn sie an die schönen Kindheitserlebnisse mit ihrem Vater zurückdenkt. Ein Einstieg nach Maß.

v.l.n.r. Jennifer Holloway (Chrysothemis) und Aile Asszonyi (Elektra) sowie im Hintergrund Ensemble
(Foto: Monika Rittershaus)

Chrysothemis alias Jennifer Holloway erscheint – befindet man sich in einer psychiatrischen Klinik, oder sind es Traumgebilde, die im Hintergrund der Vorhänge der klinisch, karg gestalteten Bühne mit wenigen Lampions und senkrecht gefalteten Wänden stattfinden? (Bühnenbild: Katrin Lea Tag, Licht: Olaf Winter) – und ist von tiefer Unruhe geprägt. Sie warnt ihre Schwester, man wolle sie in den Turm werfen, betont aber ihren Wunsch, das Leben zu leben, denn „ehe ich sterbe, will ich auch leben!“ Zarte Melodiebögen zeichnen ihre Arie aus, sie singt mit ausdrucksstarkem Sopran voller Hingabe an ihre Schwester, aber auch mit Sorge und Angst über ihre eigene Zukunft. Ein Duett der Schwestern, beseelt von der Lebens- und Harmoniesucht der einen, wie vom Unverständnis und der störrischen Beharrung der anderen.

Im Hintergrund sieht man bereits die von Gewissensbissen geplagte Klytämnestra, wie sie mit ihrem Gefolge Rat sucht (beim Arzt oder bei den Göttern bleibt offen). Dann trifft sie auf Elektra und bittet sie in ihrer Verzweiflung um Hilfe. Denn sie kann seit dem Gattenmord nicht mehr schlafen und wird von Albträumen überzogen. Elektra lässt sich zum Schein auf den Handel ein.

Auch hier eine großartiger Psychoszene. Klytämnestra zittert vor Angst, sie weiß keinen Ausweg aus ihrer Psychose, ist aber narzisstisch auf sich selbst bezogen und benutzt ihre Tochter lediglich als Mittel zum Zweck. Das gelingt Susan Bullock sowohl sprachlich also auch gesanglich in überzeugender Manier. Bullock lässt ihre Stimme, im Grenzbereich von Alt und Mezzo, zwischen Zusammenbruch und Überheblichkeit schwanken, sie mimt die Mutter wie die Teufelin in abrupter Folge, begleitet von einer Musik am Rande der Tonalität wie auch voll lyrischer Einschübe.

Großartig ihr Rollenverständnis, zumal sie bei der Nachricht, „Orest ist tot!“ (Orest, der Bruder der beiden Schwestern, ist der vermeintliche Vollstrecker des Mordes an seiner Mutter), in Triumphgehabe wechselt und auf die Prophezeiung Elektras, sie entkomme erst ihren Albträumen, „wenn eine Frau geopfert werde“, mit Häme reagiert. 

v.l.n.r. Ensemble sowie Susan Bullock (Klytämnestra) und Aile Asszonyi (Elektra)
Foto: Monika Rittershaus

Die psychologische Wende

Elektra ist durch diese Nachricht schwerst getroffen. Sie versucht zunächst ihre Schwester zu überreden, den Mord an ihrer Mutter zu vollziehen. Das muss misslingen. Auch hier toben die extremen Charaktere: Starre Beharrlichkeit auf der einen und paranoider Schrecken auf der anderen Seite.

Elektra ist allein. Sie muss ihrem Schicksal gerecht werden. Da erscheint, zunächst unerkannt, Orest. Hier ereignet sich die Wende in Elektras Seele. Sie ängstigt sich vor dieser „hohen Gestalt“. Erst als sie sich als ihren Bruder Orest zu erkennen gibt, wendet sich das Blatt. Musikalisch wie seelisch. Elektra wird weich, liebevoll, ja hingebungsvoll. „Oh lass deine Augen mich sehen!“, singt Aile Asszonyi mit größter Emotionalität. Doch jetzt ist auch ihr innerer Wandel gekommen. 

Ein Schleier wird herabgelassen, ein Kind (sie selbst) streift an ihm entlang und die Erkenntnis wächst, dass sie sich vor der Unschuld des Kindes schämen muss: „Ich habe alles hingeben müssen! Die Scham geopfert.“ Eine Arie der Traumbilder, Erinnerungen und Hoffnungen – kongenial vom Orchester (ca. 100 Musiker unter der Leitung von Sebastian Weigle) untermalt, wie überhaupt die Musik, nicht allein an dieser Stelle, die menschliche Gefühlsskala bis in die innersten Geheimnisse in Töne umzusetzen verstand – lässt die Besessene ihren krankhaften Zustand erkennen. Der Schleier färbt sich rot, ihr Schicksal scheint sich erfüllt zu haben.

Aile Asszonyi (Elektra) umringt von Tänzerinnen und Tänzern (Foto: Monika Rittershaus)

Triumpf und Totentanz

Orest (Simon Bailey, Bariton), vollzieht seine Tat. Er brilliert nur kurz in der packenden Erkennungs-Szene, die mit zum Ergreifendsten der Tragödie zu zählen ist. Mit warmem Timbre und brüderlicher Zuneigung beteiligt er sich an der Selbstbezichtigung seiner Schwester, die ihren Hass, „das einzige, das sie ans Leben bindet“, mit erschreckender Offenheit schildert. Der Tod Klytämnestras und ihres Gatten Aegisth (Peter Marsh, Bariton, er ist eher Statist als Sänger), verwandelt den Palast in Triumpf- und Feierlaune.

Elektra hätte allen Grund zu feiern. Ihre Rache hat sich erfüllt. Alle Geschwister sind heil. Aber Elektra ist geheilt, geheilt von einer Krankheit, die ihr Leben und das der anderen vergiftete. Strauss bietet hier einen deformierten Walzer im Dreiviertel Takt, der sich sukzessive in einen dämonischen, ekstatischen Sechsachtel-Takt transformiert und zu einem Totentanz wird. Elektra schweigt und tanzt, die Polonaise der vielköpfigen Palastgesellschaft erstirbt langsam und verfällt in Starre. Elektra schweigt, tanzt und fällt. Ihr Leben, wie auch immer, hat sich erfüllt. Chrysothemis fällt über sie und ruft nach Orest (der Einzige, der ihr bleibt). Der Vorhang fällt.

rechts: Jennifer Holloway (Chrysothemis, rennend) und Aile Asszonyi (Elektra; liegend) sowie Ensemble
(Foto: Monika Rittershaus)

Ein Thriller von emotionaler und sinfonischer Urgewalt

Eine Inszenierung von Claus Guth und seinem Team, die alle Facetten des Tragödien-Stoffes erfüllte: von der sinfonischen bzw. tiefenpsychologischen Polyphonie der Musik bis zum Herausschälen der typischen Verhaltensmuster der genial aufgestellten Protagonistinnen (die Männer sind in dieser Oper eher Staffage). Ein Thriller von emotionaler und sinfonischer Urgewalt, wobei die Musik die gesamte menschliche Gefühlsskala durchläuft und vom Frankfurter Opern- und Museumsorchester unter der Leitung von Sebastian Weigle in bester Manier präsentiert wurde. Allen weiteren Darstellern und Statisten gehört größter Respekt, denn ohne sie wäre das Unternehmen Elektra mitnichten gelungen. Der Beifall war überschwänglich. Zu Recht. Erstmals durfte das Orchester auf der Bühne erscheinen. Ein absolutes Novum, aber eine glänzende Idee. Eine Premiere der Extraklasse und reif für die Opernwelt.  

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen