Romeo und Julia (1955), Film von Leo Oskarowitsch Arnstam (1905-1979) mit der Originalmusik von Sergej Prokofjew (1891-1953), live gespielt von der Deutschen Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz unter der Leitung von Franz Strobel, Alte Oper Frankfurt, 17.03.2023
.jpg)
oben: Yuri Schdanow, Galina Ulanova, unten: Frank Strobel mit der Deutschen Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz
(Foto: Alte Oper Frankfurt)
Ein Welterfolg auf Umwegen
Es ist gerade einmal sechs Wochen her, dass das Royal
Philharmonic Orchestra unter der Leitung von Vasily Petrenko zu Gast in der
Alten Oper Frankfurt Teile aus den beiden Ballett-Suiten Prokofjews spielte und
dabei nicht nur die Grenzen des musikalisch Möglichen überschritt, sondern auch
die höchst emotionale Musik des Komponisten mit Leidenschaft und fantastischer
Virtuosität in bildhafter Kontextualität zu vermitteln verstand.
Der Film zu diesem Ballett entstand zwanzig Jahre später,
nachdem Prokofjew einige Änderungen hat vornehmen müssen, da sein Lieblingswerk
von verschiedenen Theatern wie auch vom Publikum nicht von Anfang an verstanden
und angenommen wurde. Erst die Uraufführung 1938 im Nationaltheater Brünn und die
Annahme und Aufführung des Balletts vom Leningrader Kirow-Theater 1940 brachten
den Durchbruch und ließen dieses Werk zum Welterfolg werden. Entscheidenden
Anteil dabei hatten die Hauptdarsteller Galina Ulanova (1909-1998) als Julia
und Yuri Schdanow (1925-1986) als Romeo.
Ein Thriller à la Hitchcock
Beide sind es auch, die von Lew Arnstam alias Leo Oskarowitsch Arnstam (1905-1979) für die Titelrollen seines Films Romeo und Julia ausgesucht wurden. Arnstam gehörte zu den einflussreichsten und besten Regisseuren der UdSSR und machte aus dem Shakespeare Stoff eine spannende Tragödie, die er in die Renaissance-Kulisse von Jalta auf der Krim verlegt, sie mit unglaublichen Massenszenen in Hollywood-Manier versieht und dazu eine Kameraführung modernster Art (Gesichtsmimik und Nahaufnahmen) vorlegt, die noch heute Staunen lässt. Die handelnden und tanzenden Protagonisten sind allesamt gute Tänzerinnen und Tänzer, dazu mit großem schauspielerischem Talent gesegnet. Auch die Kostüme, zwischen barocker Üppigkeit und folkloristischer Farbigkeit changierend, sind ein absoluter Hingucker. Dazu die Dramaturgie des dreiaktigen Filmmonuments mit einem ergreifenden Epilog (Julias und Romeos Tod), wie ein Bild aus Botticellis oder Rafaels Kunst-Manufaktur – ein Thriller, wie ihn Hitchcock nicht hätte besser machen können.

Filmplakat von 1955 mit Jury Schdanow, Galina Ulanova,
links oben: Alexej Jermolajew als Mercutio und recht oben: Sergej Koren als Mercutio
(Plakat: romanian-movie-collectibles.eu)
Ästhetische Augenweiden
Ohne ins Detail gehen zu müssen sind doch die Pas de Deux´
von Galina Ulanova und Yuri Schdanow immer eine ästhetische Augenweide, aber
auch die Kampfszenen zwischen den verfeindeten Familien der Capulets und Montagues
zeugen von der vielfältigen Ausbildung der Tänzer, die durchaus in einem
japanischen Ninja oder Samurai Streifen eine gute Figur gemacht hätten.
Großartig auch die Theatralik des Gefechts zwischen Tybalt und Mercutio. Rache
und Hass in allen Gesichtern, aber auch unendliche Trauer und Entsetzen über
die Tat. Ein Massenminienspiel von großer Ausdruckskraft und überwältigender mimischer
Intensität.
Die Musik spricht und befiehlt
Jetzt die Musik. Dazu ein Zitat von Galina Ulanova: „Prokofjews kraftvolle, wahrhaft wirkende, unserer Hörvorstellung so nahe und gleichzeitig Shakespeare so entsprechende Musik mit ihrer so klaren, eindeutigen … Charakteristik verlangte, so und nur so sich zu bewegen, wie die Musik spricht und befiehlt.“ (aus dem Programm) Und genau das gelang nicht allein den Tänzerinnen und Tänzern auf der Leinwand (nebenbei noch ein sehr gelungenes Color-Grading), sondern auch dem riesigen, gut 120-Instrumentalisten starken Orchester. Frank Strobel, der natürlich die Originalmusik Prokofjews für die live-Interpretation bearbeiten und synchronisieren musste, gehört mittlerweile zum bekanntesten und wichtigsten Vertreter des Genre Film und Musik auf dem Globus. Als Dauergast in der Alten Oper – ein großes Glück – ist mir vor allem seine Live-Präsentation von Stanley Kubricks 2001 – Odyssee im Weltraum (2015), wie auch seine Modern Times Vorstellung von Charlie Chaplin (2022) in bester Erinnerung.

Frank Strobel (Foto: concerti.de)
Wunderbarer Background
Natürlich macht es einen Unterschied, die Prokofjewschen Ballettsuiten
ohne Rücksichtnahem auf das Tanzgeschehen zu interpretieren, wie es, wie oben
bereits erwähnt, das Royal Philharmonic Orchestra unter Vasily Petrenko
meisterhaft gelang, aber man muss seinen Hut ziehen vor diesem doch sehr jungen
Orchester, ohne festes Haus, wie es heißt, das mit großer Empathie, makellos
das Tanzgeschehen auf der Leinwand begleitete und den Bewegungen der
Tänzerinnen und Tänzer einen wunderbaren Background boten. Auch sie mussten
sich selbstverständlich den lyrischen, bedrohlichen, düsteren, rhythmisch
komplexen wie auch den äußerst virtuosen Passagen stellen. Der gut besetzte
Große Saal der Alten Oper Frankfurt war begeistert, auch von der musikalischen Präsentation der Deutschen Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen