Samstag, 18. März 2023

Romeo und Julia (1955), Film von Leo Oskarowitsch Arnstam (1905-1979) mit der Originalmusik von Sergej Prokofjew (1891-1953), live gespielt von der Deutschen Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz unter der Leitung von Franz Strobel, Alte Oper Frankfurt, 17.03.2023

oben: Yuri Schdanow, Galina Ulanova, unten: Frank Strobel mit der Deutschen Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz
(Foto: Alte Oper Frankfurt)

Ein Welterfolg auf Umwegen

Es ist gerade einmal sechs Wochen her, dass das Royal Philharmonic Orchestra unter der Leitung von Vasily Petrenko zu Gast in der Alten Oper Frankfurt Teile aus den beiden Ballett-Suiten Prokofjews spielte und dabei nicht nur die Grenzen des musikalisch Möglichen überschritt, sondern auch die höchst emotionale Musik des Komponisten mit Leidenschaft und fantastischer Virtuosität in bildhafter Kontextualität zu vermitteln verstand.

Der Film zu diesem Ballett entstand zwanzig Jahre später, nachdem Prokofjew einige Änderungen hat vornehmen müssen, da sein Lieblingswerk von verschiedenen Theatern wie auch vom Publikum nicht von Anfang an verstanden und angenommen wurde. Erst die Uraufführung 1938 im Nationaltheater Brünn und die Annahme und Aufführung des Balletts vom Leningrader Kirow-Theater 1940 brachten den Durchbruch und ließen dieses Werk zum Welterfolg werden. Entscheidenden Anteil dabei hatten die Hauptdarsteller Galina Ulanova (1909-1998) als Julia und Yuri Schdanow (1925-1986) als Romeo.

 

Ein Thriller à la Hitchcock

Beide sind es auch, die von Lew Arnstam alias Leo Oskarowitsch Arnstam (1905-1979) für die Titelrollen seines Films Romeo und Julia ausgesucht wurden. Arnstam gehörte zu den einflussreichsten und besten Regisseuren der UdSSR und machte aus dem Shakespeare Stoff eine spannende Tragödie, die er in die Renaissance-Kulisse von Jalta auf der Krim verlegt, sie mit unglaublichen Massenszenen in Hollywood-Manier versieht und dazu eine Kameraführung modernster Art (Gesichtsmimik und Nahaufnahmen) vorlegt, die noch heute Staunen lässt. Die handelnden und tanzenden Protagonisten sind allesamt gute Tänzerinnen und Tänzer, dazu mit großem schauspielerischem Talent gesegnet. Auch die Kostüme, zwischen barocker Üppigkeit und folkloristischer Farbigkeit changierend, sind ein absoluter Hingucker. Dazu die Dramaturgie des dreiaktigen Filmmonuments mit einem ergreifenden Epilog (Julias und Romeos Tod), wie ein Bild aus Botticellis oder Rafaels Kunst-Manufaktur – ein Thriller, wie ihn Hitchcock nicht hätte besser machen können.

Filmplakat von 1955 mit Jury Schdanow, Galina Ulanova,
links oben: Alexej Jermolajew als Mercutio und recht oben: Sergej Koren als Mercutio
(Plakat: romanian-movie-collectibles.eu) 

Ästhetische Augenweiden

Ohne ins Detail gehen zu müssen sind doch die Pas de Deux´ von Galina Ulanova und Yuri Schdanow immer eine ästhetische Augenweide, aber auch die Kampfszenen zwischen den verfeindeten Familien der Capulets und Montagues zeugen von der vielfältigen Ausbildung der Tänzer, die durchaus in einem japanischen Ninja oder Samurai Streifen eine gute Figur gemacht hätten. Großartig auch die Theatralik des Gefechts zwischen Tybalt und Mercutio. Rache und Hass in allen Gesichtern, aber auch unendliche Trauer und Entsetzen über die Tat. Ein Massenminienspiel von großer Ausdruckskraft und überwältigender mimischer Intensität.

 

Die Musik spricht und befiehlt

Jetzt die Musik. Dazu ein Zitat von Galina Ulanova: „Prokofjews kraftvolle, wahrhaft wirkende, unserer Hörvorstellung so nahe und gleichzeitig Shakespeare so entsprechende Musik mit ihrer so klaren, eindeutigen … Charakteristik verlangte, so und nur so sich zu bewegen, wie die Musik spricht und befiehlt.“ (aus dem Programm) Und genau das gelang nicht allein den Tänzerinnen und Tänzern auf der Leinwand (nebenbei noch ein sehr gelungenes Color-Grading), sondern auch dem riesigen, gut 120-Instrumentalisten starken Orchester. Frank Strobel, der natürlich die Originalmusik Prokofjews für die live-Interpretation bearbeiten und synchronisieren musste, gehört mittlerweile zum bekanntesten und wichtigsten Vertreter des Genre Film und Musik auf dem Globus. Als Dauergast in der Alten Oper – ein großes Glück – ist mir vor allem seine Live-Präsentation von Stanley Kubricks 2001Odyssee im Weltraum (2015), wie auch seine Modern Times Vorstellung von Charlie Chaplin (2022) in bester Erinnerung.

Frank Strobel (Foto: concerti.de)


Wunderbarer Background

Natürlich macht es einen Unterschied, die Prokofjewschen Ballettsuiten ohne Rücksichtnahem auf das Tanzgeschehen zu interpretieren, wie es, wie oben bereits erwähnt, das Royal Philharmonic Orchestra unter Vasily Petrenko meisterhaft gelang, aber man muss seinen Hut ziehen vor diesem doch sehr jungen Orchester, ohne festes Haus, wie es heißt, das mit großer Empathie, makellos das Tanzgeschehen auf der Leinwand begleitete und den Bewegungen der Tänzerinnen und Tänzer einen wunderbaren Background boten. Auch sie mussten sich selbstverständlich den lyrischen, bedrohlichen, düsteren, rhythmisch komplexen wie auch den äußerst virtuosen Passagen stellen. Der gut besetzte Große Saal der Alten Oper Frankfurt war begeistert, auch von der musikalischen Präsentation der Deutschen Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz.          

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