Samstag, 1. April 2023

Mondenkind, Jazzrezital von und mit Michael Wollny (*1978), Alte Oper Frankfurt, 31.03.2023

Michael Wollny (Foto: Die Glocke)

Lasst die Fantasien regieren

Der Begriff „Mondenkind“ ist vielfach gebräuchlich. Googelt man nach ihm, findet man ihn vielfach verwendet bis hin zu Shop Beschreibungen im Spielwarenbereich. Ursprünglich aber ist er Michael Ende (1929-1995) zu verdanken, der in seiner legendären Unendlichen Geschichte (1979) die menschliche Welt des Hauptprotagonisten Bastian mit der Fantasiewelt verknüpft. Bastian nämlich liest in einem Buch und wird mehr und mehr in die Geschichte hineingezogen, bis er Teil der Handlung wird. Er soll einen neuen Namen für die kindliche Kaiserin finden, die die Fantasien regiert, aber vom „Nichts“ bedroht wird. Bastian verleiht ihr den Namen Mondenkind und rettet damit die Kaiserin und die Welt der Fantasien. Mondenkind wird somit zum Zauberwort und Schlüssel für eine neue Welt.

 

„Der einsamste Mensch aller Zeiten“

Michael Wollny (*1978) rettet mit seinem zweiten Soloalbum Mondenkind (2020) nicht allein die Welt der Fantasien. Ihn bewegt ein weiteres Motiv. Denn Mondenkind, so nennt er seine zweite CD-Produktion, ist auch Ergebnis seiner Erfahrung mit der Einsamkeit und der Parallelität mit dem ersten Mondflug der Apollo 11 im Jahre 1969. Hier fühlt er sich, eigenen Aussagen zufolge, mit Michael Collins verbunden, der als einziger Astronaut in der Kapsel verbleiben musste, während die beiden anderen, Neil Armstrong und Buzz Aldrin, die ersten Schritte auf dem Mond wagten. Er umrundete insgesamt dreizehn Mal den Mond und fühlte sich, vor allem hinter dem Mond, ohne jeglichen Funk- und Sichtkontakt, als „der einsamste Mensch aller Zeiten“. Soweit so gut.

Michael Wollny erzählt, wie er während des Corona-Lockdowns zwei Tage in den Berliner Teldex Studios für diese CD-Aufnahme verbrachte, völlig isoliert, ohne irgendeinen Menschen in seiner Umgebung. Sogar der Toningenieur sei lediglich hinter einer Scheibe sichtbar gewesen.  Mondenkind sei für ihn sowohl der improvisierte Ausflug in die Fantasie, wie auch die Inkarnation des Einsamkeitsgefühls eines Solisten, der sich die Welt des Unbekannten erstastet.

 

Zwischen „Stress, Freiheit und Selbstverwirklichung“

Tatsächlich aber ist Wollny ein Teamplayer. Seine Jazz-Residenz in der Alten Oper Frankfurt2022/2023 umfasst immerhin acht Konzerte, wobei das Mondenkind Jazz Solo die absolute Ausnahme ist. Aber eines jedoch ist bemerkenswert: Die Einsamkeit des Solisten auf der Bühne empfindet er einerseits als „Stress“, aber andererseits auch als „Freiheit und Selbstverwirklichung“ (O-Ton Wollny): „Auf der Bühne herrscht eine eigene Energie, bei der man manchmal alle Pläne vergessen kann.“ Mondenkind ist durchgeplant, besteht aus mindestens 15 Stücken, die akribisch, geradezu wissenschaftlich aufeinander abgestimmt sind (Wollny), aber gleichzeitig bedeutet Mondenkind für ihn auch ein Prozess, der immer wieder neue Wege öffnet, sich vom Alten emanzipiert und das Prinzip der "Nicht-Routine" verfolgt. Insofern sind der Fantasie alle Tore geöffnet. Die kindliche Kaiserin lebt.

Michael Wollny (Foto: Südwest-Presse.de)


Ein höchst variables Tastenspiel

Der brechend volle Mozart Saal der Alten Oper Frankfurt strotzte vor Erwartung. Wollny ist mittlerweile Kult, zumindest im Rhein Main Gebiet. Leger und unprätentiös setzt er sich an den Steinway-Flügel und beginnt ruhig, gelassen, fast suchend sein Tastenspiel.

Ein einleitendes Präludium, White Moon bezeichnete es Wollny später, bestand aus modernen Jazz-Patterns und herrlichen klangreichen Dezimen. Blue Notes wechselten mit heftigen Arpeggien. Ein ständiges Auf- und Ab zwischen homophonem Choral und freier Improvisation aus dem Bebop und cool-Jazz Bereich. Free Jazz Elemente fehlten ebenso wenig wie harmonische Passagen. Sein zweites Rezital, Father Lucifer, bestand zu Anfang aus melodischen Elementen, die Wollny variabel, bis zu flächigen Klangpassagen fortspann und sich sukzessive zu Clustern auswuchsen. Hier verwendete Wollny dezente Elektronik und bearbeitete gleichzeitig die Saiten des präparierten Flügels.

 

Viel Ehre für Vergessene und Freunde

Das dritte Stück war Rudolf Hindemith (1900-1974, der Bruder von Paul) gewidmet, die Sonatine Nr. 7, 2. Satz (1925? 2005 wiederentdeckt). Eine neoklassische Komposition für Klavier. Liedhaft mit gegenläufiger Skalierung bis hin zu orchestralen Oktavbewegungen. Wollny zauberte eine wunderbare Klangwelt aus der doch spröden Melodik dieser Sonatine, von einem Musiker und Komponisten, der völlig vereinsamt, musikalisch vergessen, in der Nähe von München verstarb und dessen Werke erst seit den Nullerjahren des 21. Jahrhunderts wieder gespielt werden. Wollny hat somit nicht allein dem Komponisten eine Ehre erwiesen, sondern seinem Werk auch eine ganz persönliche Note verliehen.

Tale, eine Reminiszenz an den Bassisten, u.a. von Duran Duran, John Taylor (*1960), war geprägt von punktuellen Patterns, in tropfender oder auch pochender Form, und extrem virtuoser Chromatik. Allerdings wurde es von einem durchgehenden Bluesrhythmus durchzogen, der dem höchst variablen Stück Struktur und tänzerische Leichtigkeit verlieh.

When the Sleeper Wakes, das folgende Stück, gehörte zum Lyrischsten des Abends. Ein swingender Ragtime mit diversen Free-Elementen, aber von eindringlicher Klangvielfalt. Starke Pedalierung und elektronisch erzeugter Hall ließen an ein Schubertsches Moment musicaux denken. Eine romantische Nacht der Improvisation im Sechs-Achtel-Takt. Dazwischen Repetitionen im D-Zug Tempo. Ein besinnlicher Schluss beendete damit den ersten Teil des Abends bei frenetischem Beifall.

Michael Wollny (Foto: Jazzlabel ACT)

Mondenkind – Voll kosmischer Energie

Wollny bedankte sich und freute sich über den Applaus. Mondenkind war das Thema des nächsten Stücks, Lunar Landscape nennt er es auf seiner gleichnamigen CD. Mit einem einführenden Dreiklangs Akkord im mittleren Bereich des Flügels, pochender Sekunde auf dem fünfgestrichenen h c und dumpfem Saitenklang im Bassbereich des Instruments, schaffte Wollny eine Atmosphäre des Endlosen. Dazwischen astrale Tontrauben und Klangbrechungen, sehr frei gestaltet, aber von kosmischer Energie durchdrungen. Lange flächige Passagen, extrem virtuose Einlagen und Ragtime ähnliche Rhythmen zogen sich durch das Stück und endeten in einer romantischen Schlusscoda, die Franz Schubert nicht besser hätte komponieren können.

Schließlich der Hexentanz. Ein Rock-Jazz Stück mit schnellen Triolen, schlagenden Beats, durchwirkt von einem Klangrauschen mit mikrotonalen Veränderungen im Stil eines György Ligeti. Auch kontrapunktische Einlagen durften nicht fehlen. Selbst Olivier Messiaens Vogelgesang vermeinte man herauszuhören. Ein perkussives Ende ließ denn auch den Saal brodeln. Eine Teufelsküche des Applauses.

 

Eine Reminiszenz an die kindliche Kaiserin

Mit Little Person als Zugabe verabschiedete sich Wollny. Es ist ein Lied für Kinderchor, ein Lied, in dem sich zwei einsame Kinder finden, und das Leben genießen, denn „das Leben ist jede Minute kostbar, und wertvoller mit dir darin, also lasst uns etwas Spaß haben … du bist derjenige, den ich am liebsten habe.“  Ein Lied, ganz im Sinne der kindlichen Kaiserin. Wollny kann auch tief romantisch, gefühlvoll und vor allem fantasievoll. Er kommunizierte gleichsam mit dem kaiserlichen Mondenkind an den Tasten, und: „Bastian wusste mit Sicherheit, dass er nie in seinem Leben etwas Schöneres gesehen hatte als dieses Gesicht … Und Mondenkind hatte ihn angeblickt, ihn, Bastian Balthasar Bux.“ (aus: Die Unendliche Geschichte). Dem gibt es nichts hinzuzufügen. Ein Abschluss erster Güte und eine Aufforderung, das Mondenkind zum täglichen Begleiter zu machen.

Die zweite Zugabe, ein echter knalliger Rausschmeißer, erhitzte zwar ein weiteres Mal die Gemüter, war aber eigentlich überflüssig. Trotzdem, ein Abend mit bester Jazz Performance.     

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