Mondenkind, Jazzrezital von und mit Michael Wollny (*1978), Alte Oper Frankfurt, 31.03.2023
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| Michael Wollny (Foto: Die Glocke) |
Lasst die
Fantasien regieren
Der Begriff „Mondenkind“
ist vielfach gebräuchlich. Googelt man nach ihm, findet man ihn vielfach
verwendet bis hin zu Shop Beschreibungen im Spielwarenbereich. Ursprünglich
aber ist er Michael Ende (1929-1995) zu verdanken, der in seiner legendären Unendlichen
Geschichte (1979) die menschliche Welt des Hauptprotagonisten Bastian mit
der Fantasiewelt verknüpft. Bastian nämlich liest in einem Buch und wird mehr
und mehr in die Geschichte hineingezogen, bis er Teil der Handlung wird. Er
soll einen neuen Namen für die kindliche Kaiserin finden, die die Fantasien
regiert, aber vom „Nichts“ bedroht wird. Bastian verleiht ihr den Namen Mondenkind
und rettet damit die Kaiserin und die Welt der Fantasien. Mondenkind
wird somit zum Zauberwort und Schlüssel für eine neue Welt.
„Der
einsamste Mensch aller Zeiten“
Michael
Wollny (*1978)
rettet mit seinem zweiten Soloalbum Mondenkind (2020) nicht allein die
Welt der Fantasien. Ihn bewegt ein weiteres Motiv. Denn Mondenkind, so
nennt er seine zweite CD-Produktion, ist auch Ergebnis seiner Erfahrung mit der
Einsamkeit und der Parallelität mit dem ersten Mondflug der Apollo 11 im Jahre
1969. Hier fühlt er sich, eigenen Aussagen zufolge, mit Michael Collins
verbunden, der als einziger Astronaut in der Kapsel verbleiben musste, während
die beiden anderen, Neil Armstrong und Buzz Aldrin, die ersten Schritte auf dem
Mond wagten. Er umrundete insgesamt dreizehn Mal den Mond und fühlte sich, vor
allem hinter dem Mond, ohne jeglichen Funk- und Sichtkontakt, als „der einsamste
Mensch aller Zeiten“. Soweit so gut.
Michael Wollny
erzählt, wie er während des Corona-Lockdowns zwei Tage in den Berliner Teldex
Studios für diese CD-Aufnahme verbrachte, völlig isoliert, ohne irgendeinen
Menschen in seiner Umgebung. Sogar der Toningenieur sei lediglich hinter einer
Scheibe sichtbar gewesen. Mondenkind
sei für ihn sowohl der improvisierte Ausflug in die Fantasie, wie auch die
Inkarnation des Einsamkeitsgefühls eines Solisten, der sich die Welt des Unbekannten
erstastet.
Zwischen „Stress,
Freiheit und Selbstverwirklichung“
Tatsächlich
aber ist Wollny ein Teamplayer. Seine Jazz-Residenz in der Alten Oper Frankfurt2022/2023
umfasst immerhin acht Konzerte, wobei das Mondenkind Jazz Solo die
absolute Ausnahme ist. Aber eines jedoch ist bemerkenswert: Die Einsamkeit des
Solisten auf der Bühne empfindet er einerseits als „Stress“, aber andererseits
auch als „Freiheit und Selbstverwirklichung“ (O-Ton Wollny): „Auf der Bühne
herrscht eine eigene Energie, bei der man manchmal alle Pläne vergessen kann.“ Mondenkind
ist durchgeplant, besteht aus mindestens 15 Stücken, die akribisch, geradezu
wissenschaftlich aufeinander abgestimmt sind (Wollny), aber gleichzeitig bedeutet
Mondenkind für ihn auch ein Prozess, der immer wieder neue Wege öffnet, sich vom
Alten emanzipiert und das Prinzip der "Nicht-Routine" verfolgt. Insofern sind
der Fantasie alle Tore geöffnet. Die kindliche Kaiserin lebt.
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| Michael Wollny (Foto: Südwest-Presse.de) |
Ein
höchst variables Tastenspiel
Der brechend
volle Mozart Saal der Alten Oper Frankfurt strotzte vor Erwartung. Wollny ist
mittlerweile Kult, zumindest im Rhein Main Gebiet. Leger und unprätentiös setzt
er sich an den Steinway-Flügel und beginnt ruhig, gelassen, fast suchend sein
Tastenspiel.
Ein
einleitendes Präludium, White Moon bezeichnete es Wollny später, bestand
aus modernen Jazz-Patterns und herrlichen klangreichen Dezimen. Blue Notes
wechselten mit heftigen Arpeggien. Ein ständiges Auf- und Ab zwischen homophonem
Choral und freier Improvisation aus dem Bebop und cool-Jazz Bereich. Free Jazz
Elemente fehlten ebenso wenig wie harmonische Passagen. Sein zweites Rezital, Father
Lucifer, bestand zu Anfang aus melodischen Elementen, die Wollny variabel, bis
zu flächigen Klangpassagen fortspann und sich sukzessive zu Clustern auswuchsen. Hier
verwendete Wollny dezente Elektronik und bearbeitete gleichzeitig die Saiten
des präparierten Flügels.
Viel Ehre
für Vergessene und Freunde
Das dritte Stück
war Rudolf Hindemith (1900-1974, der Bruder von Paul) gewidmet, die Sonatine
Nr. 7, 2. Satz (1925? 2005 wiederentdeckt). Eine neoklassische Komposition
für Klavier. Liedhaft mit gegenläufiger Skalierung bis hin zu orchestralen Oktavbewegungen.
Wollny zauberte eine wunderbare Klangwelt aus der doch spröden Melodik dieser
Sonatine, von einem Musiker und Komponisten, der völlig vereinsamt, musikalisch
vergessen, in der Nähe von München verstarb und dessen Werke erst seit den
Nullerjahren des 21. Jahrhunderts wieder gespielt werden. Wollny hat somit
nicht allein dem Komponisten eine Ehre erwiesen, sondern seinem Werk auch eine
ganz persönliche Note verliehen.
Tale, eine Reminiszenz an den Bassisten, u.a. von Duran Duran, John Taylor (*1960), war geprägt von punktuellen
Patterns, in tropfender oder auch pochender Form, und extrem virtuoser
Chromatik. Allerdings wurde es von einem durchgehenden Bluesrhythmus
durchzogen, der dem höchst variablen Stück Struktur und tänzerische
Leichtigkeit verlieh.
When the Sleeper Wakes, das folgende Stück, gehörte zum Lyrischsten des Abends. Ein swingender Ragtime mit diversen Free-Elementen, aber von eindringlicher Klangvielfalt. Starke Pedalierung und elektronisch erzeugter Hall ließen an ein Schubertsches Moment musicaux denken. Eine romantische Nacht der Improvisation im Sechs-Achtel-Takt. Dazwischen Repetitionen im D-Zug Tempo. Ein besinnlicher Schluss beendete damit den ersten Teil des Abends bei frenetischem Beifall.
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| Michael Wollny (Foto: Jazzlabel ACT) |
Mondenkind
– Voll kosmischer Energie
Wollny bedankte
sich und freute sich über den Applaus. Mondenkind war das Thema des nächsten
Stücks, Lunar Landscape nennt er es auf seiner gleichnamigen CD. Mit einem
einführenden Dreiklangs Akkord im mittleren Bereich des Flügels, pochender
Sekunde auf dem fünfgestrichenen h c und dumpfem Saitenklang im
Bassbereich des Instruments, schaffte Wollny eine Atmosphäre des Endlosen.
Dazwischen astrale Tontrauben und Klangbrechungen, sehr frei gestaltet, aber
von kosmischer Energie durchdrungen. Lange flächige Passagen, extrem virtuose
Einlagen und Ragtime ähnliche Rhythmen zogen sich durch das Stück und endeten
in einer romantischen Schlusscoda, die Franz Schubert nicht besser hätte komponieren
können.
Schließlich
der Hexentanz. Ein Rock-Jazz Stück mit schnellen Triolen, schlagenden
Beats, durchwirkt von einem Klangrauschen mit mikrotonalen Veränderungen im Stil
eines György Ligeti. Auch kontrapunktische Einlagen durften nicht fehlen. Selbst
Olivier Messiaens Vogelgesang vermeinte man herauszuhören. Ein perkussives Ende
ließ denn auch den Saal brodeln. Eine Teufelsküche des Applauses.
Eine Reminiszenz
an die kindliche Kaiserin
Mit Little
Person als Zugabe verabschiedete sich Wollny. Es ist ein Lied für
Kinderchor, ein Lied, in dem sich zwei einsame Kinder finden, und das Leben
genießen, denn „das Leben ist jede Minute kostbar, und wertvoller mit dir
darin, also lasst uns etwas Spaß haben … du bist derjenige, den ich am liebsten
habe.“ Ein Lied, ganz im Sinne der kindlichen
Kaiserin. Wollny kann auch tief romantisch, gefühlvoll und vor allem
fantasievoll. Er kommunizierte gleichsam mit dem kaiserlichen Mondenkind an den
Tasten, und: „Bastian wusste mit Sicherheit, dass er nie in seinem Leben etwas Schöneres
gesehen hatte als dieses Gesicht … Und Mondenkind hatte ihn angeblickt, ihn,
Bastian Balthasar Bux.“ (aus: Die Unendliche Geschichte). Dem gibt es nichts
hinzuzufügen. Ein Abschluss erster Güte und eine Aufforderung, das Mondenkind
zum täglichen Begleiter zu machen.
Die zweite
Zugabe, ein echter knalliger Rausschmeißer, erhitzte zwar ein weiteres Mal die
Gemüter, war aber eigentlich überflüssig. Trotzdem, ein Abend mit bester Jazz
Performance.



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