Ensemble Modern, Konzert mit Werken zeitgenössischer Komponisten, Alte Oper Frankfurt, 16.03.2023
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| Ensemble Modern (Foto: Simon Pauly) |
Vielseitige Programmgestaltung
Ein Konzert
ohne Motto, dafür eines von vielseitiger Programmgestaltung, zusammengestellt gemeinsam
mit der Dirigentin Corinna Niemeyer (*1985), zurzeit künstlerische Leiterin des
Orchestre de Chambre du Luxembourg, und insgesamt vierzehn Musikerinnen und
Musikern des Ensemble Modern. Fünf Kompositionen von größter Diskrepanz wurden
präsentiert, die das Publikum in ein bildhaftes Kaleidoskop der Gefühlswelten
und Stimmungen versetzte, die von tiefer Melancholie bis zu ausgelassenem
Optimismus reichten.
Musikalische
Wechselwirkungen
Gleich zu Beginn „kommunikative Prozesse“, betitelt mit Frames II (2019/2022), von der iranischen Komponistin Elnaz Seyedi (*1982). Sie versteht sich als Grenzgängerin der Kulturen und hat dieses Werk im Auftrag der IEMA (es feiert übrigens in diesem Jahr ihr 20-jähriges Bestehen) 2019 produziert. 2022 wurde es in Utrecht uraufgeführt. Die Grundidee, so die Komponistin sei die Wechselwirkung zwischen massivem Tuttiklang und kammermusikalischer Durchsichtigkeit. Tatsächlich bildeten die immer wieder heftig einsetzenden Tutti-Akkorde eine Art Rahmen zu den solistischen Zwischenspielen der vierzehn Instrumentalisten. Einfache Oboen-, Klarinetten-, Flöten- oder Geigen-Motive, die eher einen statischen als dialogischen Charakter vermittelten. Auch konnte der beabsichtigte kommunikative Prozess zwischen Ensemble und Dirigentin nicht deutlich gemacht werden. Offensichtlich war der Prozess das Ziel.
Manipulationen
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| Foto: British Music Collection |
Es folgte Symphony-Street-Souvenir (2010) von Joanna Bailie (*1973) für sieben Instrumente. Bailie manipuliert eigenen Aussagen zufolge gerne natürliche und städtische Sounds. Diese dreiteilige Hommage an Aldo Clementi (1925-2011) lehnt sich an dessen kompositorische Verfahren an, wie beispielsweise das Spiel mit unterschiedlichen Tempoverläufen und effektvollen Klangkombinationen.
Symphonie, der erste Satz, beschäftigt sich
mit dem Lieblingswerk Clementis, der 2. Sinfonie von Johannes Brahms.
Bailie lässt dazu orchestrale Themenfragmente, wie abwärts führende
Halbtongänge, oder aufsteigende gebrochene Akkorde elektronisch ablaufen und
dazu die einzelnen Instrumente ergänzende Tonfolgen spielen. Hier verschwimmen
elektronische Bearbeitung und natürlich Klangfarben miteinander, ein
verwirrender Mix aus Realität und Virtualität. Dann folgt Street. Hier dreht
sich alles um ein eingespieltes Carillon, ein Glockenspiel, das mitten in einer
Stadt (möglicherweise London) Geräusche, wie Menschenstimmen, Autoverkehr,
Flugzeugrauschen einfängt und die einzelnen Instrumente einarbeitet, mal
imitierend, mal eigenständig. Im dritten Satz Souvenir, beschäftigt sich
die Komponistin mit einer aufgedrehten japanischen Spieluhr, die langsam
ausläuft und dann stehen bleibt. Cello, Bratsche, Flöte und Geige fallen in das
Morendo ein und zeitlupenförmig Takt für Takt in tiefe Depression.
Die Komponistin
spricht von der Unmöglichkeit, ein Werk getreu zu transkribieren. Mag sein.
Aber ihr Ansatz in diesem vierzehn-minütigen Werk entspricht eher einem Versuch,
fremdes Gehörtes, sei es natürlichen Ursprungs oder als musikalisches Kunstwerk
in ein eigenes zu transformieren bzw. zu manipulieren. Ein Werk das wenig
ansprach und dem der musikalische innere Zusammenhang fehlte (außer man kennt
Aldo Clementi).
Tanz oder
Ärger?
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| Foto: LA Phil |
Als nächstes hörte man von Natalie Dietterich (1992), eine US-Amerikanerin, Something Twisted für 11 Instrumente (2015). Was möchte sie uns sagen? Sie selbst spricht von ihrer Faszination fürs Stricken und ihrem Ärger, wenn sie das Garn wegen eines Strickfehlers entwirren muss. Und genau das spiegele ihre Musik in Something Twisted. Ein minimalistisch konstruiertes, rhythmisch repetitiv an einen Twist-Tanz der 1960er Jahre erinnerndes und von der Dirigentin im Stil eines Andrés Orozco-Estrada – den ehemaligen musikalischen Leiter des hr-Sinfonieorchesters – tänzerisch am Pult in Szene gesetztes Mini Werk (knapp 7 Minute), das ein wenig Leben in den ersten Teil des Konzertabends brachte.
Statt Weltmusik Weltoffenheit
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| Foto: eigene Website |
Der zweite Teil des Abends entschädigte denn doch für weitgehende Tristesse des ersten. Christopher Trapani (*1980), Italo-amerikanischer Weltenbummler und selbsternannter „Weltmusik“-Schaffender, machte einen „Vorschlag für eine kaffeefarbene klassische Musik“ (so heißt es zumindest im Programm). Sein No Window without a Wall (2022) für 13 Instrumente war gespickt mit eigenwilligen türkischen Maquams (Siebentonreihen mit unterschiedlichen Tonabständen), Rockmusikalischen Einschüben, elektronischen Klangmanipulatoren wie Eventide Harmonizers, präparierten Klavier-Saiten und Flageolett-Passagen, mit Oboe d’Amore, Mulitphonics der Blechbläser und der Harfe, sowie Bongo, Berimbau (afrikanisches Saiteninstrument) und alles, was irgendwie Geräusche von sich geben konnte. Nicht zu vergessen die wunderbaren Ensembleakteure, die höllischen Spaß an dieser Musik hatten. Weltmusik war das keine, aber Trapani versteht es ausgezeichnet, seine Weltoffenheit, die er, wie er selbst sagt, mit seinem Freund, Komponist und Trompeter, Jon Hassell (1937-2021) teilt, in wirklich lebendige und vielleicht global verständliche Musik umzusetzen.
Beethoven
und die Massenprozession
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| Foto: Bastian Thiery |
Den Schlusspunkt setzte Malte Giesen (*1988) mit Massenprozession (2020) für Kammerorchester und 8-kanalige Elektronik. Die Besonderheit dieses über 20-Minuten dauernde Werk ist sein Bezug zu Beethovens Siebenter Sinfonie, zweiter Satz Allegretto, der auch als Prozessionssatz bezeichnet wird, zumal er sich an die Litaneiformel Sancta Maria ora pro nobis anlehnt. Giesen reflektiert über diesen Satz und vergleicht ihn mit einer „Massenprozession“.
Eigenen
Angaben zufolge entstand diese Komposition während der Corona-Maßnahmen mit
Lockdowns und Abstandhaltung. Ihn habe hier das Verhältnis zwischen Masse und Individuum
beschäftigt, meint er. Daraus habe er zwei Ausprägungen thematisiert. Er
spricht (leider missverständlich) von Individuum und Statistik, versteht aber
unter Statistik seine elektronisch erzeugten Klänge auf 8 Kanälen. Kompliziert
scheint es, aber glücklicherweise einfach in der Rezeption.
Die Musik besteht aus einem ständigen Wechsel zwischen elektronisch-orchestralem Motiv- und Themen Zuspiel und der fraktionierten, rhythmisch verschobenen Gegenbewegung der klassischen realen Instrumente. Technisch versierte Verfremdungen der Klangfarben, Rhythmen und Dynamiken lassen Elektronik und Instrumentation verschmelzen. Dazu wird viel gesampelt, sehr viel algorithmisch vervielfacht (Giesen spricht von Vertausendfachung), Abspielgeschwindigkeiten manipuliert und extrem thematisch fraktioniert. Immer aber schimmert das simple Beethovensche Thema durch. Der Schluss, ein viertöniges aufwärtsstrebendes Motiv, lang-kurz-kurz-lang, endet nicht in der Tonika, sondern im Quartsextakkord. Ein Ende mit Fragezeichen. Ein Werk mit zu viel Beschreibung, aber musikalisch guten Ideen.
Ein
Fünferpaket, das nicht immer überzeugte
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| Corinna Niemeyer (Foto: Simon Pauly) |
Glücklicherweise versteht es das geniale Ensemble Modern, seine getreue Zuhörerschaft nicht allzu sehr zu überfordern und die angebotenen Kompositionen mit größter Aufmerksamkeit und Empathie zu präsentieren. Dieses Fünferpaket (drei der Komponisten waren persönlich anwesend – Joanna Bailie, Elnaz Seyedi und Christoper Trapani) konnte nicht immer überzeugen. Aber es bot doch einen Spiegel der gegenwärtigen allgemeinen künstlerischen Situation der Nach-Corona-Ära. Die Dirigentin Corinna Niemeyer, bot eine sehr bewegte Performance, versuchte allen Werken ihre ganz persönliche Seele einzuhauchen und sie dem Ensemble zu vermitteln (was eigentlich nicht notwendig ist), dabei geriet ihr Atem oft zu laut und ihr tänzerisches Vermögen überbot bisweilen die kompositorischen Absichten. Dennoch eine belebende Erscheinung am Dirigentenhimmel.



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