Montag, 13. März 2023

Lulu, Oper in drei Akten von Alban Berg, Premiere im Staatstheater Darmstadt, 12.03.2023

Juliana Zara als Lulu, Peter Lodahl als Maler, Gruppe Darmstädter Frauen (Foto: Nils Heck)

Lulu – das gefährlichste Raubtier

Lulu ist die Oper der sexuellen Hörigkeit, des triebhafte Verfallenseins, der puren Erotik. Die Person Lulu wiederum ist das gefährlichste Raubtier, „geschaffen, um Unheil anzurichten, zu locken, zu verführen, zu ermorden … ohne dass es eine spürt“ so sagt es zumindest der Tierbändiger des Zirkus´ bewundernd im Prolog der Oper und vergleicht sie mit einer Schlange. Alban Berg (1885-1935) wiederum sah in Lulu „eine Heldin von überdimensionierter Kraft im Erleben und Erleiden.“

All diese Eigenschaften der Lulu lassen allerdings ein eindimensioniertes Bild zurück, das sie zur Männerverderberin, zum Urtyp des Vamps werden lässt, die alle Männer ins tödliche Unglück stürzt, die dem Zauber ihres Körpers, der Urgewalt ihrer sexuellen Kraft verfallen.

Juliana Zara, Peter Lodahl (Foto: Nils Heck)

Premiere: Friedrich Cerha gewidmet

Bekanntlich orientierte sich Berg an den Texten von Frank Wedekinds Dramen Der Erdgeist (1894) und Die Büchse der Pandora (1904) und schuf dazu eine dodekaphone Musik mit einer Zwölftonreihe, ausgehend von der Lulu zugeordneten Grundreihe, die durch Permutationen auf alle handelnden Personen leitmotivisch zugeordnete werden kann. Leider verstarb der Komponist, noch bevor die Oper fertiggestellt war. Friedrich Cerha (1926-2023) ist es zu verdanken, dass der dritte Akt mit 268 instrumentierten Takten und einem Particell von 1326 Takten, posthum vervollständigt und fertiggestellt werden konnte, und es im Jahr 1979 in Paris zur dreiteiligen Uraufführung kam, die weltweit Live im TV übertragen wurde. In Memoriam an den Anfang Februar verstorbenen Komponisten ist diese Premiere Friedrich Cerha gewidmet.

v. l.: Uwe Stickert, Juliana Zara, Oliver Zwarg, hinten: Statistinnen, vorne liegend: Thomas Mehnert
(Foto: Nils Heck)

Ein weiblicher Blickwinkel der "Monster-Tragödie"

Die Regisseurin Eva-Maria Höckmayr und ihr Team um Paul Zöller (Bühne), Julia Rösler (Kostüme), Isabelle Becker (Dramaturgie) sowie Daniel Cohen (musikalische Leitung) haben sich eigenen Angaben zufolge eines anderen Blickwinkels bedient.

Lulu (Juliana Zara, Sopran), das Tier (so bezeichnet sie sich selbst), ist das Objekt der Begierde. Sie bewegt sich auf einem Sockel, der von ihren Liebhabern ständig umkreist wird. Jeder von ihnen hat ein eigenes Portrait ein eigenes Bild von ihr im Kopf. Der Maler (Peter Lodahl, Tenor), ihr zweiter Ehemann, wird reich durch ihre Portraits, auch die Gräfin Geschwitz (KS Katrin Gerstenberger, Mezzosopran) portraitiert ihre Geliebte auf Leinwand. Der Symbolik des Portraits wird der weibliche Blick entgegengesetzt. Höckmayr hat dazu eine achtzehnköpfige Gruppe von „Darmstädter Frauen“ zusammengestellt, die die patriarchalische Welt durchbrechen sollen. Sie umkreisen parallel zu den Männern Lulu, öffnen und schließen die Szenen und imitieren die Handlungen ihrer Protagonistin.

Immer dann, wenn einer ihrer Gatten stirbt, sind sie präsent und begleiten den physischen Abgang ihrer Ehemänner durch enge Kreisbildung, so beim Medizinalrat (Thomas Mehnert, Bariton), beim Maler oder bei Dr. Schön (Oliver Zwarg, Bariton). Inwieweit der weibliche Blick damit geöffnet werden soll, sei dahingestellt. Immerhin kam durch das weibliche Ensemble mehr Bewegung und Farbe in die „Monster“-Tragödie – mal Revuetänzerinnen mit Federschmuck, mal Lolitas in rosa-pink –, die doch allzu oft ins Statische, in die Pose abzugleiten drohte. Sexuelle Verfallenheit, Hörigkeit und Erotik waren insgesamt Mangelware. Zwar in Text und Gestik erkennbar, sind sie doch lediglich in minimalen Dosen schauspielerisch vermittelt worden. 

v. l.: Sten Byriel, Juliana Zara, Lena Sutor-Wernich als Gymnasiast, Georg Festl  (Foto: Nils Heck) 

Der unbedingte Liebeswunsch der Lulu

Lebendig und charakterlich herausragend waren dennoch der Athlet (Georg Festl, Bassbariton), der Leben in die schale Bude brachte, ebenso wie der lüsterne alte Greis Schigolch (Sten Byriel, Bassbariton), der sich väterlich gab aber eigentlich Lulu auf seine alten Tage nur flachlegen wollte, und das ausgezeichnet gesanglich wie schauspielerisch in Szene setzte. 

Bemerkenswert auch der Geschlechterkampf zwischen Dr. Schön und Lulu am Ende des 1. Aktes. Hier wird das Anliegen Lulus, unbedingt geliebt zu werden, nach der Art wie sie es im 2. Akt wortwörtlich formuliert, deutlich: „Ich habe nie in der Welt etwas anderes scheinen wollen, als wofür man mich genommen hat“, wogegen Dr. Schön, seiner Hörigkeit bewusst, Lulu eigentlich den Tod wünscht, um selbst vor ihr gerettet zu werden. Eine höchst emotionale Szene, in der beide ihren besten Gesang und ihre charakterlichen Grundhaltungen eindrücklich dramatisieren konnten. Musikalisch fundamentiert in einer Sonatenform mit kontrastierender Thematik. Ganz ausgezeichnet vom Ensemble vorgetragen.  

 

Der Abstieg

Lulus Aufstieg und Abstieg, großartig in der Musik durch Krebsbildung der Grundreihen und in der Handlung durch die Wiederkehr der Ehemänner in neuer Gestalt (Medizinalrat als Professor, Maler als Prinz von Uhuabe, und nicht zuletzt Dr. Schön als Jack the Ripper) widergespiegelt, ist eine Meisterleitung der Bergschen Operngestaltung. 

Der Wendepunkt in der zweiten Szene des 2. Aktes (Dr. Schön ist durch fünf Pistolenschüsse erlegt, Lulu als Mörderin ins Gefängnis gesteckt) wird durch ein Intermezzo von ausgesprochener Intensität, stark an den Prolog erinnernd, eingeleitet. Zwar kommt Lulu durch eine List frei (die Geschwitz legt sich statt ihrer in das Cholera Bett im Knast), aber ihr Abstieg ist unaufhaltsam vorprogrammiert. Was ist der Grund?

Lulus einzige Liebe, Dr. Schön, ist tot. Alwa (Uwe Stickert, Tenor), sein Sohn, kann seinen Vater nicht ersetzen, will er auch nicht. Er sieht in Lulu lediglich Musik, Musik, Musik. Und die kann sein heller, klarer Tenor wunderbar inszenieren. Nicht wenige behaupten, diese Figur entspreche dem Alter-Ego Bergs.

Mitte: Juliana Zara, 18 Darmstädter Frauen (Foto: Nils Heck)

„Das war ein Stück Arbeit“

Die Geschwitz verfällt zwar auch Lulus Erotik, kann bei ihr aber nicht andocken. Lulu profitiert zwar von ihrer bedingungslosen Hingabe, will sie aber lieber mit dem Athleten verkuppeln, als ihrem Begehren nachzukommen. Der geile Schigolch sieht in Lulu lediglich eine Geldmaschine, die es zu ölen gilt (Prostitution und Jungfrauenaktien), scheitert aber an ihrer Standhaftigkeit: Ihr ist die Dekadenz und Gewalttätigkeit ihres Umfeldes zuwider. Dennoch bleibt ihr schlussendlich nur die Prostitution. 

Die Wiederkehr ihrer Ehemänner, der Leierkasten symbolisiert diesen Zustand, endet bei Jack the Ripper in der Gestalt von Dr. Schön. Er mordet sie meuchlings. Ein schrecklicher Schrei, die Frauengruppe rahmt das fürchterliche Bild und Jack the Ripper alias Dr. Schön bleibt nur noch zu sagen: „Ich bin ein verdammter Glückspilz. Das war ein Stück Arbeit.“

Die Geschwitz, und das vermittelt den weiblichen Blick, wird nicht, wie logisch vorgesehen, ebenfalls ermordet. Nein sie entkleidet sich, legt sich auf die Leiche der Lulu und raunt: „Ich bin dir nah – verflucht!“ bevor der Vorhang fällt. Na ja! Was haben sich da die Teamer eigentlich gedacht?

v. l.: Juliana Zara, Oliver Zwarg, Georg Festl (Foto: Nils Heck)


Lulu – eine femme fatale

Lulu ist und bleibt eine femme fatale des frühen 20. Jahrhunderts. Die Figur einer Zeit, in der die Frauenrolle durch Wahlrecht, Scheidungsrecht, Universitätszugangsrecht und generelle Gleichberechtigung fundamental neu justiert wurde. Die Emanzipation erreichte in der westlichen Welt neue Dimensionen und gerade in der Kunst konnte dieser, damit einhergehende Konflikt für Frauen und Männer in besonderer Weise problematisiert werden (Erinnert sei hier auch an die Salome von Richard Strauss). 

Lulu ist nicht der „Weibsteufel“, der die Männerköpfe vernebelt, keine „Kreatur“, die wie Dr. Schön lamentiert, „mich durch den Straßentod zum Martertod schleift … du Würgengel … du unabwendbares Verhängnis!“ Für Berg ist sie, auch aufgrund seiner Erfahrungen mit den Frauen seiner Zeit (er hatte ein Kind von der Haushälterin seiner Eltern, ebenso liebte er väterlich Alma Mahler, die früh starb, und der er sein einziges Violinkonzert widmete), wie „ein grelles Licht, in das die Falter flattern, um zu verbrennen“. Genau genommen sucht sie die wahre Liebe, glaubt, sie in Dr. Schön gefunden zu haben, wird aber maßlos enttäuscht. 

Sie muss schmerzlich erfahren, dass in der kapitalistischen, dekadenten Welt selbst der Frauenkörper zur profitablen Ware wird (Stichwort: Jungfrauenaktien) und, so klischeehaft es klingen mag, die Menschen zu Charaktermasken dieses Zustandes werden. Dazu gehört übrigens auch die Geschwitz, die mit überzeugender Gestik, Wagnerscher Dramatik und Theatralik von der Altmeisterin KS Katrin Gerstenberger gesungen wird.

Oliver Zwarg, Juliana Zara (Foto: Nils Heck)

Eigenwillige Inszenierung und abwechslungsreiche Pausen

Eine insgesamt eigenwillige Inszenierung wurde da geboten, mit guten Ideen (der Sockel, die Drehbühne, die Kostüme), aber auch mit einem feministischen Blick, der der Rolle der Lulu, wie gesagt, nicht gerecht wird, ja gerecht werden kann. Das Staatstheater hatte sich in den beiden Pausen einiges ausgedacht: eine pianistische Jazzsession sowie eine Bildauktion (das Bild des Malers aus dem 1. Akt, 1. Szene wurde für 190.00 EUR an den Mann gebracht), und damit für einen angenehmen Vier-Stunden-Abend gesorgt. Eine gute Idee. Die 10-minütige Unterbrechung nach der zweiten Szene des ersten Aktes, hat zwar zu einigen Ungereimtheiten in der Handlungsfolge geführt, aber der Premiere keinen Nachteil gebracht.

Der Besuch von Lulu ist durchaus zu empfehlen, zumal Musik (wunderbares Orchester) und Gesang (vor allem die oben genannten Akteure) zu großen Teilen wirklich begeistern können.

 

 


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