Lulu, Oper in drei Akten von Alban Berg, Premiere im Staatstheater Darmstadt, 12.03.2023
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| Juliana Zara als Lulu, Peter Lodahl als Maler, Gruppe Darmstädter Frauen (Foto: Nils Heck) |
Lulu – das
gefährlichste Raubtier
Lulu ist die
Oper der sexuellen Hörigkeit, des triebhafte Verfallenseins, der puren Erotik.
Die Person Lulu wiederum ist das gefährlichste Raubtier, „geschaffen, um Unheil
anzurichten, zu locken, zu verführen, zu ermorden … ohne dass es eine spürt“ so
sagt es zumindest der Tierbändiger des Zirkus´ bewundernd im Prolog der Oper
und vergleicht sie mit einer Schlange. Alban Berg (1885-1935) wiederum sah in
Lulu „eine Heldin von überdimensionierter Kraft im Erleben und Erleiden.“
All diese Eigenschaften der Lulu lassen allerdings ein eindimensioniertes Bild zurück, das sie zur Männerverderberin, zum Urtyp des Vamps werden lässt, die alle Männer ins tödliche Unglück stürzt, die dem Zauber ihres Körpers, der Urgewalt ihrer sexuellen Kraft verfallen.
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| Juliana Zara, Peter Lodahl (Foto: Nils Heck) |
Premiere:
Friedrich Cerha gewidmet
Bekanntlich orientierte sich Berg an den Texten von Frank Wedekinds Dramen Der Erdgeist (1894) und Die Büchse der Pandora (1904) und schuf dazu eine dodekaphone Musik mit einer Zwölftonreihe, ausgehend von der Lulu zugeordneten Grundreihe, die durch Permutationen auf alle handelnden Personen leitmotivisch zugeordnete werden kann. Leider verstarb der Komponist, noch bevor die Oper fertiggestellt war. Friedrich Cerha (1926-2023) ist es zu verdanken, dass der dritte Akt mit 268 instrumentierten Takten und einem Particell von 1326 Takten, posthum vervollständigt und fertiggestellt werden konnte, und es im Jahr 1979 in Paris zur dreiteiligen Uraufführung kam, die weltweit Live im TV übertragen wurde. In Memoriam an den Anfang Februar verstorbenen Komponisten ist diese Premiere Friedrich Cerha gewidmet.
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| v. l.: Uwe Stickert, Juliana Zara, Oliver Zwarg, hinten: Statistinnen, vorne liegend: Thomas Mehnert (Foto: Nils Heck) |
Ein weiblicher
Blickwinkel der "Monster-Tragödie"
Die Regisseurin
Eva-Maria Höckmayr und ihr Team um Paul Zöller (Bühne), Julia
Rösler (Kostüme), Isabelle Becker (Dramaturgie) sowie Daniel
Cohen (musikalische Leitung) haben sich eigenen Angaben zufolge eines
anderen Blickwinkels bedient.
Lulu (Juliana
Zara, Sopran), das Tier (so bezeichnet sie sich selbst), ist das Objekt der
Begierde. Sie bewegt sich auf einem Sockel, der von ihren Liebhabern ständig
umkreist wird. Jeder von ihnen hat ein eigenes Portrait ein eigenes Bild von ihr
im Kopf. Der Maler (Peter Lodahl, Tenor), ihr zweiter Ehemann, wird
reich durch ihre Portraits, auch die Gräfin Geschwitz (KS Katrin
Gerstenberger, Mezzosopran) portraitiert ihre Geliebte auf Leinwand. Der
Symbolik des Portraits wird der weibliche Blick entgegengesetzt. Höckmayr hat
dazu eine achtzehnköpfige Gruppe von „Darmstädter Frauen“ zusammengestellt, die
die patriarchalische Welt durchbrechen sollen. Sie umkreisen parallel zu den
Männern Lulu, öffnen und schließen die Szenen und imitieren die Handlungen ihrer
Protagonistin.
Immer dann,
wenn einer ihrer Gatten stirbt, sind sie präsent und begleiten den physischen
Abgang ihrer Ehemänner durch enge Kreisbildung, so beim Medizinalrat (Thomas
Mehnert, Bariton), beim Maler oder bei Dr. Schön (Oliver Zwarg,
Bariton). Inwieweit der weibliche Blick damit geöffnet werden soll, sei
dahingestellt. Immerhin kam durch das weibliche Ensemble mehr Bewegung und
Farbe in die „Monster“-Tragödie – mal Revuetänzerinnen mit Federschmuck, mal
Lolitas in rosa-pink –, die doch allzu oft ins Statische, in die Pose
abzugleiten drohte. Sexuelle Verfallenheit, Hörigkeit und Erotik waren
insgesamt Mangelware. Zwar in Text und Gestik erkennbar, sind sie doch lediglich in minimalen Dosen schauspielerisch vermittelt worden.
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| v. l.: Sten Byriel, Juliana Zara, Lena Sutor-Wernich als Gymnasiast, Georg Festl (Foto: Nils Heck) |
Der
unbedingte Liebeswunsch der Lulu
Lebendig und charakterlich herausragend waren dennoch der Athlet (Georg Festl, Bassbariton), der Leben in die schale Bude brachte, ebenso wie der lüsterne alte Greis Schigolch (Sten Byriel, Bassbariton), der sich väterlich gab aber eigentlich Lulu auf seine alten Tage nur flachlegen wollte, und das ausgezeichnet gesanglich wie schauspielerisch in Szene setzte.
Bemerkenswert
auch der Geschlechterkampf zwischen Dr. Schön und Lulu am Ende des 1. Aktes.
Hier wird das Anliegen Lulus, unbedingt geliebt zu werden, nach der Art wie sie
es im 2. Akt wortwörtlich formuliert, deutlich: „Ich habe nie in der Welt etwas anderes
scheinen wollen, als wofür man mich genommen hat“, wogegen Dr. Schön, seiner
Hörigkeit bewusst, Lulu eigentlich den Tod wünscht, um selbst vor ihr gerettet zu
werden. Eine höchst emotionale Szene, in der beide ihren besten Gesang und ihre
charakterlichen Grundhaltungen eindrücklich dramatisieren konnten. Musikalisch
fundamentiert in einer Sonatenform mit kontrastierender Thematik. Ganz ausgezeichnet
vom Ensemble vorgetragen.
Der
Abstieg
Lulus Aufstieg und Abstieg, großartig in der Musik durch Krebsbildung der Grundreihen und in der Handlung durch die Wiederkehr der Ehemänner in neuer Gestalt (Medizinalrat als Professor, Maler als Prinz von Uhuabe, und nicht zuletzt Dr. Schön als Jack the Ripper) widergespiegelt, ist eine Meisterleitung der Bergschen Operngestaltung.
Der Wendepunkt in der zweiten Szene des 2. Aktes (Dr. Schön
ist durch fünf Pistolenschüsse erlegt, Lulu als Mörderin ins Gefängnis gesteckt)
wird durch ein Intermezzo von ausgesprochener Intensität, stark an den Prolog
erinnernd, eingeleitet. Zwar kommt Lulu durch eine List frei (die Geschwitz legt
sich statt ihrer in das Cholera Bett im Knast), aber ihr Abstieg ist
unaufhaltsam vorprogrammiert. Was ist der Grund?
Lulus einzige Liebe, Dr. Schön, ist tot. Alwa (Uwe Stickert, Tenor), sein Sohn, kann seinen Vater nicht ersetzen, will er auch nicht. Er sieht in Lulu lediglich Musik, Musik, Musik. Und die kann sein heller, klarer Tenor wunderbar inszenieren. Nicht wenige behaupten, diese Figur entspreche dem Alter-Ego Bergs.
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| Mitte: Juliana Zara, 18 Darmstädter Frauen (Foto: Nils Heck) |
„Das war
ein Stück Arbeit“
Die Geschwitz verfällt zwar auch Lulus Erotik, kann bei ihr aber nicht andocken. Lulu profitiert zwar von ihrer bedingungslosen Hingabe, will sie aber lieber mit dem Athleten verkuppeln, als ihrem Begehren nachzukommen. Der geile Schigolch sieht in Lulu lediglich eine Geldmaschine, die es zu ölen gilt (Prostitution und Jungfrauenaktien), scheitert aber an ihrer Standhaftigkeit: Ihr ist die Dekadenz und Gewalttätigkeit ihres Umfeldes zuwider. Dennoch bleibt ihr schlussendlich nur die Prostitution.
Die Wiederkehr ihrer Ehemänner, der
Leierkasten symbolisiert diesen Zustand, endet bei Jack the Ripper in der Gestalt
von Dr. Schön. Er mordet sie meuchlings. Ein schrecklicher Schrei, die
Frauengruppe rahmt das fürchterliche Bild und Jack the Ripper alias Dr. Schön
bleibt nur noch zu sagen: „Ich bin ein verdammter Glückspilz. Das war ein Stück
Arbeit.“
Die Geschwitz,
und das vermittelt den weiblichen Blick, wird nicht, wie logisch vorgesehen, ebenfalls
ermordet. Nein sie entkleidet sich, legt sich auf die Leiche der Lulu und
raunt: „Ich bin dir nah – verflucht!“ bevor der Vorhang fällt. Na ja! Was haben
sich da die Teamer eigentlich gedacht?
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| v. l.: Juliana Zara, Oliver Zwarg, Georg Festl (Foto: Nils Heck) |
Lulu –
eine femme fatale
Lulu ist und bleibt eine femme fatale des frühen 20. Jahrhunderts. Die Figur einer Zeit, in der die Frauenrolle durch Wahlrecht, Scheidungsrecht, Universitätszugangsrecht und generelle Gleichberechtigung fundamental neu justiert wurde. Die Emanzipation erreichte in der westlichen Welt neue Dimensionen und gerade in der Kunst konnte dieser, damit einhergehende Konflikt für Frauen und Männer in besonderer Weise problematisiert werden (Erinnert sei hier auch an die Salome von Richard Strauss).
Lulu ist nicht der „Weibsteufel“, der die Männerköpfe vernebelt, keine „Kreatur“, die wie Dr. Schön lamentiert, „mich durch den Straßentod zum Martertod schleift … du Würgengel … du unabwendbares Verhängnis!“ Für Berg ist sie, auch aufgrund seiner Erfahrungen mit den Frauen seiner Zeit (er hatte ein Kind von der Haushälterin seiner Eltern, ebenso liebte er väterlich Alma Mahler, die früh starb, und der er sein einziges Violinkonzert widmete), wie „ein grelles Licht, in das die Falter flattern, um zu verbrennen“. Genau genommen sucht sie die wahre Liebe, glaubt, sie in Dr. Schön gefunden zu haben, wird aber maßlos enttäuscht.
Sie muss schmerzlich erfahren, dass in der kapitalistischen, dekadenten Welt selbst der Frauenkörper zur profitablen Ware wird (Stichwort: Jungfrauenaktien) und, so klischeehaft es klingen mag, die Menschen zu Charaktermasken dieses Zustandes werden. Dazu gehört übrigens auch die Geschwitz, die mit überzeugender Gestik, Wagnerscher Dramatik und Theatralik von der Altmeisterin KS Katrin Gerstenberger gesungen wird.
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| Oliver Zwarg, Juliana Zara (Foto: Nils Heck) |
Eigenwillige
Inszenierung und abwechslungsreiche Pausen
Eine
insgesamt eigenwillige Inszenierung wurde da geboten, mit guten Ideen (der Sockel,
die Drehbühne, die Kostüme), aber auch mit einem feministischen Blick, der der
Rolle der Lulu, wie gesagt, nicht gerecht wird, ja gerecht werden kann. Das
Staatstheater hatte sich in den beiden Pausen einiges ausgedacht: eine pianistische
Jazzsession sowie eine Bildauktion (das Bild des Malers aus dem 1. Akt, 1.
Szene wurde für 190.00 EUR an den Mann gebracht), und damit für einen
angenehmen Vier-Stunden-Abend gesorgt. Eine gute Idee. Die 10-minütige
Unterbrechung nach der zweiten Szene des ersten Aktes, hat zwar zu einigen
Ungereimtheiten in der Handlungsfolge geführt, aber der Premiere keinen
Nachteil gebracht.
Der Besuch von
Lulu ist durchaus zu empfehlen, zumal Musik (wunderbares Orchester) und Gesang
(vor allem die oben genannten Akteure) zu großen Teilen wirklich begeistern
können.







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