Joy Enjoy Joy (2022), Tanzperformance von Ann Van den Broek (*1970), die Kompanie WArd/waRD zu Gast beim Hessischen Staatsballett, Staatstheater Wiesbaden, 04.03.2023
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| Kompanie WArd/waRD (Foto: Rio Staelens) |
Freude
als soziale Botschaft
Freude,
Freude genießen könnte man frei Joy Enjoy Joy übersetzen. Ann Van den Broek
(*1970), außerhalb Deutschlands eine preisgekrönte Tänzerin und Choreographin
(sie gründete ihre Kompanie Ward/waRD im Jahre 2000 in Rotterdam) ist eher
bekannt durch ihre düsteren Produktionen wie Memory Loss (2019) oder Accusations
(2017). Sie selbst sagt über sich, dass menschliche Verhaltensmuster, Befindlichkeiten
und Eindrücke, die in der Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Lebenswelten
entstehen, ihre wichtigsten Inspirationsquellen seien. Ihre Tanzsprache
orientiere sich an der „zeitgenössischen Gesellschaft“. Ihr Bedürfnis sei es,
gegen die Konformität anzukämpfen und klare politische, soziale wie auch
ideologische Botschaften auszusenden.
Können
wir Freude noch genießen?
Joy Enjoy Joy (Uraufführung am 12. Januar 2022 in Mulhouse, Frankreich) will ein Spiegelbild der Zeit sein. Und wer glaubt, dass Van den Broek hiermit die reine Freude auf die Bühne projiziere, der hat sich gewaltig getäuscht. Es beginnt mit einer musikalischen Einführung, die stark an Trailer von Horrorfilmen erinnert. Tiefe dumpfe pochende Geräuschfelder, die ein tiefes Bauchgrummeln erzeugen. Rolltische, gebräuchlich in Kliniken und Psychiatrien, sind in der Mitte der Bühne konzentriert, auf ihnen stehen acht Tänzerinnen und Tänzer, die Armbewegungen wie in einer Gebärdensprache vollziehen. Metronom-genaue Taktschläge begleiten die durchstrukturierten Bewegungen. Dazwischen deklamiert im Sprechgesang einer der Tänzer Texte über das Fröhlich-Sein. Man lacht und kommentiert den Sermon mit: „Do, What you like!“. Eine Videoleinwand, verbunden mit einer mobilen Kamera (Outside Eye, Marc Vanrunxt), lässt die, durch ein Guckloch schauenden Akteure nacheinander in Nahaufnahme erscheinen. Eine Art Vorstellungsnummer, die allerdings gekonnt inszeniert ist.
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| Kompanie WArd/waRD (Foto: Rio Staelens) |
Lässt
sich Freude befehlen?
Überhaupt
verbindet Van den Broek Bewegung, Musik, Text und Video kongenial miteinander.
Dazu gehören ein abwechslungsreiches Lichtdesign (Bernie van Velzen) und
angemessene Kostüme (Marielle Vos), die schlicht, farblich dezent
(lediglich am Schluss tanzt eine Tänzerin in einem aufreizenden Glitzerkleid in
einer Diskothek), permanent gewechselt werden. Es herrschen Grün-, Rot-, und Blautöne
vor. Die Musik (Nicolas Rombouts) erinnert, wie gesagt, an das Horrorgenre,
ist aber stark geprägt von Rhythmen, die oftmals martialisch, immer aber in
metronomischer Gleichförmigkeit, sehr lautstark und provokativ, gestaltet sind.
Die Beats wechseln zwischen 70 und 100 Schlägen in der Minute und werden von
den acht Tänzerinnen und Tänzern (vier Frauen, vier Männer) in einfachen Schritten,
mal schneller, mal langsamer, immer aber synchron miteinander verknüpft,
gestaltet. Man ist nicht selten an eine militärische Übung erinnert. Später,
gegen Ende der Performance, kommen komplexere Tanzschritte dazu. Die Choreographie
ist insgesamt sehr einfallsreich und klar auf das Finale zugespitzt (es wird
immer heftiger und auch athletischer, wie in einem Steigerungslauf). Van den
Broek bevorzugt die minimalistische Komponente des Ausdruckstanzes.
Freude
ist ein hartes Geschäft
Denn sie hat
eine Botschaft. Und die wird gesungen, gesprochen, und mit allen Mitteln der
stimmlichen Möglichkeiten zum Ausdruck gebracht. Man stöhnt, grunzt, schreit,
konvulsiert, schnalzt und bedient sich aller Töne, die ein menschliches Organ
hervorbringen kann. Freude kann sehr schmerzhaft sein. Sätze wie „Tortur is
bliss“ (Tortur ist Glückseligkeit), „Joy is a hard life“ oder „I surrender“,
wonach eine (sprachlich verklausulierte) vergewaltigungsähnliche Szene folgt,
lässt das Lachen vergehen und die Freude an der Freude einfrieren. Immer wieder
folgen Szenen der Erschöpfung (Exhausted) und des Kummers (Sorrow) und das „Dansing
through the Night“ mit dem Abschütteln aller Leiden („Shaking off the Paine“)
lässt die Lebenslust eher zum Frösteln als zum Erwärmen anregen.
„Loving is a hard Beat, Crying is a hard Beat, Diing is a hard Beat“. Diese Ausrufe lassen die Paare zwar erstmals, und zum einzigen Male, zusammenkommen (Sie umarmen sich schlicht). Aber nach all der Zeit des erzwungenen Abstand-Haltens, der geschürten Angst vor dem Nächsten, den Menschen, kann man auch dieser Szene wenig Freude abgewinnen.
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| Kompanie WArd/waRD (Foto: Rio Staelens) |
Freude
lässt sich nicht verbieten
Man trennt
sich auch gleich wieder und verfällt in den militärischen, genau austarierten
Marschrhythmus. Jetzt aber komplexer, das heißt mit Tanzschritten und gekonnten
Taktverschiebungen. Auch Chorgesang wird jetzt hörbar, man springt und dreht
sich, die Schrittfolgen werden virtuos. „Are you Ready for Joy!“, rufen die
Protagonisten ins Publikum und stellen sich noch einmal einzeln vor. Dann
stehen sie auf den Rolltischen, lachen in den großen Saal des Staatstheaters
und machen in sehr verständlicher Gebärdensprache deutlich, dass bei aller
Pein, bei aller Freudlosigkeit der vergangenen Jahre doch das Wesen des
Menschen nicht zerstörbar ist: Die Freude an der Freude. Joy Enjoy Joy!!!
Vielleicht
etwas zu lang geraten ist diese Performance, doch eine sehr gute Beobachtung
unserer jetzigen Welt (zumindest der in Europa) und ein nachdenklicher Beitrag zur
Frage, warum die Freude nach den schrecklichen drei vergangenen Jahren es so schwer
hat, zur psychischen und körperlichen Erleichterung beizutragen. „Me feel Love“
(ein Song aus den 1970ern von Donna Summer) singt eine Tänzerin in Glitter-Look und macht
Selfies. Ihr Gesang wird immer wilder und hitziger, schließlich fällt sie in
einen Erschöpfungszustand. Ja, „Joy is a hard Life“ und lässt sich in heutigen
Zeiten nicht so einfach mehr händeln.



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