Montag, 3. April 2023

Der verlorene Sohn (The Prodigal Son) / Die Jünglinge im Feuerofen (The Burning Fiery Furnace), zwei Kirchenparabeln von Benjamin Britten (1913-1976), Premiere im Frankfurter Bockenheimer Depot, 02.04.2023

(The Prodigal Son): v.l.n.r. Brian Michael Moore (Jüngerer Sohn), Magnús Baldvinsson (Vater) und Jarrett Porter (Älterer Sohn) Fotos: Barbara Aumüller

Parabelerzählungen, die Beachtung verdienen

Die ungewöhnliche Form der Parabelerzählung hat es in sich. Hier wird eine realistische, sehr irdische Geschichte erzählt und mit einer himmlischen Bedeutung aufgeladen. Und das mit geringsten Mitteln, das heißt mit wenigen Solisten, kleinem Kammerchor und gering besetztem Ensemble. Ein Musiktheater für die Straße oder die Kirche. Benjamin Britten, der in den 1950er Jahren den ostasiatischen Raum besuchte und dort das No-Theater, die Gamelanmusik sowie das Kabuki-Theater kennenlernte und später neue Ausdrucksformen traditioneller Mysterienspiele (Mystery Play) suchte, hat mit diesen beiden biblischen Parabelerzählungen, Der verlorene Sohn (1968) und Die Jünglinge im Feuerofen (1966) große Beachtung gefunden. Ihre Uraufführungen in der Bartholomäuskirche von Orford (in der Nähe von Aldebourgh, seinem Wohn- und selbst gegründeten Festivalort) erregte großes Aufsehen. Auch in Mitteleuropa wurde diese Form des Musiktheaters schnell adaptiert und fand starke Beachtung. 

 

Anregungen zum Nachdenken

Warum das? Die Gründe sind einfach erklärt. Es sind epische Theater, eng am Publikum orientiert, trotz des biblischen spirituellen Charakters aus dem Leben gegriffen und, ähnlich einem Passionsspiel, ein Ereignis, das die Seelen ergreift und zum Nachdenken anregt, ohne den Zeigefinger zu heben. Benjamin Brittens Genialität (nicht zu vergessen seine Texter William Plomer, 1903-1973) ist es zu verdanken, dass die beiden Kirchenparabeln, er nennt sie auch Parables for Church Performance, auch heute noch an Aktualität nichts eingebüßt haben. Im Gegenteil.

(The Prodigal Son): Brian Michael Moore (Jüngerer Sohn) und Ensemble

Ein sinnhaftes Spiel der Gleichnisse

Das Gleichnishafte dieser beiden Performances ist, das sei vorweggenommen, in dieser Neuinszenierung von Manuel Schmitt und seinem Team um Bernhard Siegl (Bühnenbild), Dinah Ehm (Kostüme), Jonathan Pickers (Licht), Lukas Rommelspacher (Musikalische Leitung) sowie Alvaro Corral Matute (Kinderchor) und Konrad Kuhn (Dramaturgie) mit Bravour erfüllt worden. Die Auswahl des Bockenheimer Depots als Inbegriff einer Industriekathedrale (man trug seine Nachbildung wie eine Monstranz durch den siebenfurchigen Acker des Theaterraums), die Verwendung von Zeichen und Symbolen von der Archaik (Hacken, Eimer, Metallbehältnisse etc.) bis zum Hightech („Col“ – ein Roboterinsekt), die Sonne als Lebenselixier, die fünf Elemente (Wasser, Luft, Erde, Metall, Feuer), alles wurde bedacht und sinnhaft in das Spiel integriert.

Aus spieltechnischen Gründen begann man mit dem verlorenen Sohn. Die Geschichte aus dem Lukas-Evangelium, Kapitel 15, ist knapp erzählt folgende: Der Sohn des reichen Bauern gerät in der verführerischen Stadt auf Abwegen, verliert alles, auch sich selbst („Du bist nichts“), und wird bei seiner Rückkehr von seinem Vater mit offenen Armen empfangen: „Er ward verloren und wieder gefunden. Dies ist ein großer Tag!“ Sehr spannend die Aussage des Verführers (Michael McCown, Tenor): „Ich habe ihn verführt, aber der verlorene Sohn ist heimgekehrt. Seid nicht selbstgerecht, denn wer sich überhebt, der wird fallen.“

(The Burning Fiery Furnace): Ensemble

Betörende Klarheit, Einfachheit und Intensität

Sieben Ackerfurchen aus 24 Tonnen Lehm, ein Haus aus Schilfruten, eine Stadt, bestehend aus einem Treppensockel mit goldenem Schwein, mit hintersinniger roter Leuchtreklame (SUN-SON-SIN), viel Glitzer und vor allem schrill gekleideten Schmarotzern, Verführern und Bettlern. Der Goldmantel des verführten Sohnes, sein Erbteil, wird ihm langsam vom Körper gezogen bis er nackt dasteht. Großartig gespielt und gesungen von den neun Sängern und den fünf Kindern. Ihr schräger Gesang „Schönheit weckt Heißhunger“ passte bestens in die skurrile Szenerie, zumal sie mit Schafsmasken (Symbol der Bettler?) umherliefen.

Die musikalische Begleitung, ornamentiert und bewusst unsauber mit vielen perkussiven Einlagen, mal den Marsch, mal den Dialog imitierend, wurde von den insgesamt zehn Instrumentalisten (Bratsche, Kontrabass, Horn, Trompete, Harfe, Orgel, Flöte und Schlagwerk) mit bester Wirkung auf den überwiegend monodischen Gesang ausgeführt, bestens getimed (die Entfernungen waren wegen der länglichen Bühnenauslegung oftmals gut 40 Meter) und von betörender Klarheit, Einfachheit und Intensität. Ein großes Lob an dieser Stelle für den umsichtigen Dirigenten Lukas Rommelspacher, der mit dieser Premiere sein Debüt feierte.

Hervorzuheben sind Magnús Baldvinsson, dessen warmer Bassbariton als Vater große Ruhe und innere Ausgeglichenheit ausstrahlte. Seine beiden Söhne, Jarrett Porter, der Ältere, ein dramatischer Bariton mit ungeduldiger und enttäuschter Attitüde, sowie der Brian Michael Moore, der Jüngere, ein lyrischer Tenor mit lebhaftem Charisma, gaben als Trio ein perfektes Gespann ab. Dazu noch Michael McCown, ein Verführer in rotem Bienenschutzanzug, der die Rolle des Mephisto aber auch des Erzählers brillant verkörperte.

(The Prodigal Son): Brian Michael Moore (Jüngerer Sohn; vorne auf dem Boden liegend)
und Ensemble

Üppig und Einfallsreich

Die zweite Parabel nach der Pause, Die Jünglinge im Feuerofen, glänzte durch ein üppiges und einfallsreiches Bühnenrepertoire. Auch hier kurz das Prozedere aus dem Buch Daniel, Kapitel 3: Drei Judäer, Hananja (Barnaby Rea, Bass), Misael (Brian Michael Moore, Tenor) und Azarja (Pilgoo Kang, Bassbariton) sollen, bevor sie die Verwaltung dreier Provinzen von Babylon übernehmen, dem Gott Merodak huldigen. Sie verweigern sich. Nebukadnezar, der König Babylons (Michael McCown, Tenor) droht jedem, der sich nicht unterwirft mit dem Tode in einem brennenden Ofen. Ein Wunder geschieht. Die Drei Opfer entsteigen unversehrt dem Ofen, ein Engel, der Inbegriff des göttlichen Monotheismus, überbringt die Botschaft des Einen Gottes. Die Feuerprobe des rechten Glaubens ist bestanden. Nebukadnezar vernichtet den alten falschen Gott, vertreibt seinen irdischen Vertreter, den Astrologen (Danylo Matviienko, Bariton) und konvertiert zum jüdischen Glauben. Gesiegt haben das Vertrauen und der unbeirrbare Glaube an den rechten Gott.

(The Burning Fiery Furnace): in der Bildmitte v.l.n.r. Barnaby Rea (Hananja), Brian Michael Moore (Misael) und Pilgoo Kang (Azarja) sowie im Hintergrund Ensemble


Große musikalische und dramaturgische Unterschiede

Diese Parabel unterscheidet sich in Handlung und Musik gewaltig von der Erstgenannten und später Komponierten. Zwar ist der Rahmen ähnlich, aber die Musik und der Gesang sind ostasiatisch geprägt, mit Pentatonik, Ganztonreihen und Gamelan ähnlicher Rhythmik. Der Gesang ist heterophon mit ostinater Melismatik (vor allem bei der Anbetung des Gottes Merodak). Auch die Szenerie ist vielgestaltiger und die Dramaturgie aufwendiger. So ist die Ofenszene verknüpft mit der Enthüllung des goldenen Gottes aus einer stilisierten Gussform. Ein metallenes Rohr von der Decke entlässt Rauch und sprüht Funken. Auch die Verkleidung der Höflinge in silberglitzernde Astronauten passte in die Idee der Verknüpfung von Archaik und Moderne. Die Anbetung eines Molochs (alias Baal) hat eine zeitlose Komponente: Wissenschaft und Technik sind die heutigen Moloch-Religionen. Nicht zuletzt sollte das etwas fußschwache Roboterinsekt der Marke Col diesen gedanklichen Zusammenhang verdeutlichen.

Herauszuheben auch hier die drei Judäer, Barnaby Rea, Brian Michael Moore sowie Pilgoo Kang, die dreistimmig (!) agierten und die Rolle der Verfolgten, Verhassten wie auch der Glaubensstarken in unterschiedlichster Art und Weise theatralisierten. Michael McCown sang und spielte den König Nebukadnezar auch hier kongenial, mal als exzentrischer Herrscher, mal als überzeugter Konvertit. Danylo Matviienko als Astrologe mit weißem Kleid und Federhut, wie auch Jarrett Porter als Herold und Anführer der dekadenten Höflinge boten nicht allein eine gute Figur, sondern ebenso auch prächtige Gesangspassagen.    

(The Burning Fiery Furnace): auf dem goldenen Podest v.l.n.r. Danylo Matviienko (Der Astrologe (Abt)), Michael McCown (Nebukadnezar) und Jarrett Porter (Herold und Führer der Höflinge) sowie Ensemble

Verlust der Aufklärung

Achten wir die Natur, sind wir demütig gegenüber unserer Umwelt und überheben wir uns nicht im Glauben, wir Menschen könnten die Welt nach unseren Vorstellungen beherrschen. Es ist der ewige Streit zwischen Naturerfahrung und Naturbeherrschung, im übertragenen Sinne zwischen Las Vegas und sagen wir einmal Erbach im Odenwald. Das ist die Botschaft dieser Parabel. Es sind die Welten der Natur und die der Technik, die der Produktion und die der Konsumption, die der Herrscher und die der Beherrschten, die der Zerstörer und die der Erbauer, die beide Parabeln vereinen. Ein gelungenes Musiktheater, zwar ohne Zeigefinger, dafür aber mit einem gehörigen Anteil an Nachdenklichkeit. Aufklärung, wie sie heute wiedergewonnen werden muss.     

 

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