Sonntag, 9. April 2023

Timelessness, Choreographien von Xie Xin, Marc Brew und Eyal Dadon, Staatstheater Wiesbaden, 08.04.2023

Ein langer Premierenabend erwartete das zahlreich erschienene Publikum mit drei Uraufführungen des Hessischen Staatsballetts von drei international renommierten Choreographen: Xie Xin (China) mit Timeless, Marc Brew (Großbritannien) mit exisTence und Eyal Dadon (Israel) mit Boléro.

Timeless-Ensemble (Foto: Bettina Stöß)

Eine Augenweide und ein Ohrenschmaus

Timeless, eine 45-minütige Meditation zwischen chinesischer Philosophie und kalligraphischer Malerei, ein von elastischer Eleganz und musikalischem Minimalismus getragenes Glanzstück, hätte durchaus als finaler Höhepunkt der fast dreistündigen Veranstaltung gelten können, denn in Tanz (dreizehn Tänzer und Tänzerinnen), Choreographie (Xie Xin), Musik Sylvian Wang), Bühne (Hu Yanjun), Kostüme (Li Kun) und Licht (Gao Jie) war diese Performance in jeder Hinsicht eine Augenweide und ein Ohrenschmaus von bester Qualität.

In vier Bildern zeichnete Xie Xin (*1994) Raum-und-Zeit des Lebens, von der Wiege bis zur Bahre, von den Tänzern in bildhaften Körperbewegungen – eingehüllt von wallenden Stoffschichten – dargestellt und untermalt von pentatonischen Klängen der auf einem fiktiven Berg verweilenden zehn Instrumentalisten (ein Piano und neun Streicher). Ein nahezu barockes Bild, durchwirkt von Tai-Chi und Chi-Gong, ein durchgehendes Basso continuo des ausgezeichneten Pianisten (Waldemar Martynel) und melodiöse Einlagen von Cello und Geige, dazu blumenreiche Gruppenbilder mit zwei, drei bis zu sechs Personen, darunter Pas de Deux´ von ausnehmender Schönheit und hinreißender Noblesse. Alles zusammen ein Ying und Yang des Daseins, ein Spiel mit der Zeit in einem sich stets verändernden Raum, der durch Lichterketten in Berg-, Tier- und Landschaftsformen dezent angereichert wurde. Alles in Allem eine Performance zum Atmen, Genießen und Nachdenken.

Timeless-Ensemble (Foto: Bettina Stöß)

Elemente Sonne, Wasser, Luft – Drama des Klimawandels

In exisTence, Choreographie, Konzept, Regie und Licht von Marc Brew, *1977 (Musik: Angus MacRae, Bühne, Kostüme und Videoprojektionen Emma Klingsbury), sollte am Beispiel der Elemente: Sonne, Wasser und Luft, das „Drama des Klimawandels“ in Bewegung und Musik umgesetzt werden. In fast 50 Minuten wurde das Publikum in eine Art Fabrikhalle mit übergroßem Ventilator versetzt (der amerikanische Katastrophenfilm Daylight ließ grüßen), vor dem zunächst die Sonne (Lichtkegel von der Bühnendecke), mit akrobatischem Tanz und klassisch-dramatischer Filmmusik des hessischen Staatsorchesters (Leitung: Holger Reinhardt) das Zentrum bildete. Hinter dem Ventilator verdorrte die Welt, während vor ihm die in Sportkleidung gehüllten Körper kraftvoll das menschliche Leben mimten, Zweikämpfe kreierten und dem rhythmischen Ostinato des Ensembles die Würze gaben.

Dann folgte das Wasser, ein Element des Konstruktiven wie des Destruktiven. Nach heftigem Trommelwirbel und elektronischen Unwettergeräuschen, entstiegen die Tänzer dem Ventilator, in weiße, wallende Kleider gehüllt, und von künstlichem Rauch umgeben, und tanzten bei liedhafter Begleitung einen Feen-Tanz, bildeten lange Ketten wie bei einer Polonaise, tanzten in Paaren, Dreier- und Mehrfachgruppen, während sich hinter dem Ventilator die Apokalypse fortsetzte. Dann kommt der Wind, zunächst als Sturm mit Donnerkeil und Weltuntergangsgetöse, perfekt von der Elektronik kreiert. Die Musik wechselt in den Dreiviertel- bzw. in den Sechsachtel-Takt. Die Perkussionisten bestimmen den Beat der Tänzer, die allerdings eher im windigen Traummodus agieren: mit weichen Bewegungen und dynamischen Figuren. Kontrastreich ja. Aber auch sinnstiftend? 

exisTence- Ensemble (Foto: De-Da Productions)

Viel Hollywood-Verschnitt und Effekthascherei

Mit seitlich aufgestellten 24 Metallventilatoren werden schließlich lange Schleier auf die Bühne geblasen. Dazwischen bewegen sich die Tänzerinnen und Tänzer wie in Trance. Am Schluss bleiben zwei von ihnen übrig. Die restlichen besteigen den großen Ventilator, während – Hollywood könnte es nicht besser inszenieren – das hell erleuchtete Paar mit ausgestreckten Armen die Rettung der geschundenen Welt ikonisiert.

Na ja. Viel Hollywood in Musik, Tanz und Choreographie, zu viel Effekthascherei und leider auf einer Modewelle reitend, die künstlerisch wenig Sinn macht. Dabei waren die Tänzerinnen und Tänzer bestens trainiert und das Orchester spielte die an einen Hans-Zimmer-Verschnitt erinnernde Musik mit großer Verve.

exisTence- Ensemble (Foto: De-Da Productions)

Die dunkle Seite des Boléro

Zum Abschluss, zwei Stunden und zwanzig Minuten waren bereits verstrichen, musste man noch den berühmt berüchtigten Boléro von Maurice Ravel anbieten, dessen Uraufführung 1928 in der Pariser Oper das Publikum wegen der erotischen Interpretation der damals bereits 43-jährigen Tänzerin Ira Rubinstein sowohl schockte, als auch faszinierte und bis heute in unzähligen Versionen kursiert. Dieses Mal in einem Doppel: Einmal als „dekonstruierte Fassung“ (O-Ton: Eyal Dadon) mit einem männlichen Solotänzer, gefolgt von der realen Fassung mit 15 Tänzerinnen und Tänzern.

Eyal Dadon (*1989), ein in Ballettkreisen bekannter Tänzer, Choreograph und Komponist, hatte sich dem spanischen Tanz, einem Fandango ähnlich, von seiner düsteren Seite nähern wollen. Ein andalusischer Gruppen-Tanz aus dem frühen 18. Jahrhundert „mit dunklen, verborgenen Seiten“, geheimnisvoll und etwas böse? – Er vergleicht ihn tatsächlich mit Voldemort aus J.K. Rowlings Harry Potter. – Das wird wohl sein Geheimnis bleiben. Diese gedankliche Version setzt er denn auch in ein verlassenes Fabriklager mit schrägen Typen ins Bild (Bühne und Kostüme: Bregje van Balen, Licht: James Proudfoot).

Boléro-Ensemble (Foto: De-Da Productions)

Dekonstruktion mit Bomberjacke und Blue-Jeans

Der Solotänzer (Jorge Moro Argote) tanzt mit Bomberjacke und Blue-Jeans. Das Orchester zerlegt die Melodie in Einzelteile (er nennt es, wie gesagt, Dekonstruktion) und der Tänzer schwankt zwischen Schüttelfrost, Robotik und hektischen Ausfällen. Alles zusammen wirkt schrecklich artifiziell, um nicht zu sagen unprofessionell. Nichts passte, weder das Neudenken der Musik, noch die Interpretationsversuche des sehr athletisch agierenden Argote.

Der zweite Teil, gestaltet von 15 Tänzerinnen und Tänzern mit der Originalmusik von Maurice Ravel, litt leider von Anfang an unter Ermüdungserscheinungen einzelner Orchestermitglieder (fehlerhaftes Spiel) und dem zusehends schwindenden Elan aller Akteure (viele Tänzer standen bereits dreimal auf der Bühne und das Orchester hatte wohl die Konzentration bei der dekonstruierten Version des Boléro verloren). Man spielte und tanzte sich so durch und war froh, als mit lautem Getöse, marschähnlichen Bewegungen der Akteure in "zerstörten Kostümen" sowie ein finales Lichtflimmern, das Ende eingeläutet wurde.

Boléro-Ensemble (Foto: De-Da Productions)

Less is more

Der Beifall war, wie immer bei Ballettveranstaltungen frenetisch, um nicht von schrill zu sprechen. Das aber kann nicht über die Tatsache hinwegtäuschen, dass man für diese Premiere eine Schippe zu viel auflud. Wie heißt es so schön und bereits sattsam bekannt: Ein bisschen weniger kann viel mehr sein, oder im Englischen: Less is more.

 

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