Timelessness, Choreographien von Xie Xin, Marc Brew und Eyal Dadon, Staatstheater Wiesbaden, 08.04.2023
Ein langer Premierenabend erwartete das zahlreich erschienene Publikum mit drei Uraufführungen des Hessischen Staatsballetts von drei international renommierten Choreographen: Xie Xin (China) mit Timeless, Marc Brew (Großbritannien) mit exisTence und Eyal Dadon (Israel) mit Boléro.
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| Timeless-Ensemble (Foto: Bettina Stöß) |
Eine Augenweide
und ein Ohrenschmaus
Timeless, eine 45-minütige Meditation zwischen
chinesischer Philosophie und kalligraphischer Malerei, ein von elastischer
Eleganz und musikalischem Minimalismus getragenes Glanzstück, hätte durchaus als finaler Höhepunkt der fast dreistündigen Veranstaltung gelten können, denn in Tanz (dreizehn
Tänzer und Tänzerinnen), Choreographie (Xie Xin), Musik Sylvian Wang),
Bühne (Hu Yanjun), Kostüme (Li Kun) und Licht (Gao Jie)
war diese Performance in jeder Hinsicht eine Augenweide und ein Ohrenschmaus von
bester Qualität.
In vier Bildern zeichnete Xie Xin (*1994) Raum-und-Zeit des Lebens, von der Wiege bis zur Bahre, von den Tänzern in bildhaften Körperbewegungen – eingehüllt von wallenden Stoffschichten – dargestellt und untermalt von pentatonischen Klängen der auf einem fiktiven Berg verweilenden zehn Instrumentalisten (ein Piano und neun Streicher). Ein nahezu barockes Bild, durchwirkt von Tai-Chi und Chi-Gong, ein durchgehendes Basso continuo des ausgezeichneten Pianisten (Waldemar Martynel) und melodiöse Einlagen von Cello und Geige, dazu blumenreiche Gruppenbilder mit zwei, drei bis zu sechs Personen, darunter Pas de Deux´ von ausnehmender Schönheit und hinreißender Noblesse. Alles zusammen ein Ying und Yang des Daseins, ein Spiel mit der Zeit in einem sich stets verändernden Raum, der durch Lichterketten in Berg-, Tier- und Landschaftsformen dezent angereichert wurde. Alles in Allem eine Performance zum Atmen, Genießen und Nachdenken.
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| Timeless-Ensemble (Foto: Bettina Stöß) |
Elemente Sonne,
Wasser, Luft – Drama des Klimawandels
In exisTence, Choreographie, Konzept, Regie und Licht von Marc Brew, *1977 (Musik: Angus MacRae, Bühne,
Kostüme und Videoprojektionen Emma Klingsbury), sollte am Beispiel der
Elemente: Sonne, Wasser und Luft, das „Drama des Klimawandels“ in Bewegung und
Musik umgesetzt werden. In fast 50 Minuten wurde das Publikum in eine Art
Fabrikhalle mit übergroßem Ventilator versetzt (der amerikanische Katastrophenfilm
Daylight ließ grüßen), vor dem zunächst die Sonne (Lichtkegel von der Bühnendecke), mit akrobatischem
Tanz und klassisch-dramatischer Filmmusik des hessischen Staatsorchesters
(Leitung: Holger Reinhardt) das Zentrum bildete. Hinter dem
Ventilator verdorrte die Welt, während vor ihm die in Sportkleidung gehüllten
Körper kraftvoll das menschliche Leben mimten, Zweikämpfe kreierten und dem
rhythmischen Ostinato des Ensembles die Würze gaben.
Dann folgte das Wasser, ein Element des Konstruktiven wie des Destruktiven. Nach heftigem Trommelwirbel und elektronischen Unwettergeräuschen, entstiegen die Tänzer dem Ventilator, in weiße, wallende Kleider gehüllt, und von künstlichem Rauch umgeben, und tanzten bei liedhafter Begleitung einen Feen-Tanz, bildeten lange Ketten wie bei einer Polonaise, tanzten in Paaren, Dreier- und Mehrfachgruppen, während sich hinter dem Ventilator die Apokalypse fortsetzte. Dann kommt der Wind, zunächst als Sturm mit Donnerkeil und Weltuntergangsgetöse, perfekt von der Elektronik kreiert. Die Musik wechselt in den Dreiviertel- bzw. in den Sechsachtel-Takt. Die Perkussionisten bestimmen den Beat der Tänzer, die allerdings eher im windigen Traummodus agieren: mit weichen Bewegungen und dynamischen Figuren. Kontrastreich ja. Aber auch sinnstiftend?
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| exisTence- Ensemble (Foto: De-Da Productions) |
Viel Hollywood-Verschnitt
und Effekthascherei
Mit seitlich
aufgestellten 24 Metallventilatoren werden schließlich lange Schleier auf die
Bühne geblasen. Dazwischen bewegen sich die Tänzerinnen und Tänzer wie in Trance.
Am Schluss bleiben zwei von ihnen übrig. Die restlichen besteigen den großen
Ventilator, während – Hollywood könnte es nicht besser inszenieren – das hell
erleuchtete Paar mit ausgestreckten Armen die Rettung der geschundenen Welt ikonisiert.
Na ja. Viel Hollywood in Musik, Tanz und Choreographie, zu viel Effekthascherei und leider auf einer Modewelle reitend, die künstlerisch wenig Sinn macht. Dabei waren die Tänzerinnen und Tänzer bestens trainiert und das Orchester spielte die an einen Hans-Zimmer-Verschnitt erinnernde Musik mit großer Verve.
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| exisTence- Ensemble (Foto: De-Da Productions) |
Die
dunkle Seite des Boléro
Zum
Abschluss, zwei Stunden und zwanzig Minuten waren bereits verstrichen, musste
man noch den berühmt berüchtigten Boléro von Maurice Ravel anbieten,
dessen Uraufführung 1928 in der Pariser Oper das Publikum wegen der erotischen Interpretation
der damals bereits 43-jährigen Tänzerin Ira Rubinstein sowohl schockte, als
auch faszinierte und bis heute in unzähligen Versionen kursiert. Dieses Mal in
einem Doppel: Einmal als „dekonstruierte Fassung“ (O-Ton: Eyal Dadon) mit einem
männlichen Solotänzer, gefolgt von der realen Fassung mit 15 Tänzerinnen und
Tänzern.
Eyal Dadon (*1989), ein in Ballettkreisen bekannter Tänzer, Choreograph und Komponist, hatte sich dem spanischen Tanz, einem Fandango ähnlich, von seiner düsteren Seite nähern wollen. Ein andalusischer Gruppen-Tanz aus dem frühen 18. Jahrhundert „mit dunklen, verborgenen Seiten“, geheimnisvoll und etwas böse? – Er vergleicht ihn tatsächlich mit Voldemort aus J.K. Rowlings Harry Potter. – Das wird wohl sein Geheimnis bleiben. Diese gedankliche Version setzt er denn auch in ein verlassenes Fabriklager mit schrägen Typen ins Bild (Bühne und Kostüme: Bregje van Balen, Licht: James Proudfoot).
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| Boléro-Ensemble (Foto: De-Da Productions) |
Dekonstruktion mit Bomberjacke und Blue-Jeans
Der Solotänzer
(Jorge Moro Argote) tanzt mit Bomberjacke und Blue-Jeans. Das Orchester
zerlegt die Melodie in Einzelteile (er nennt es, wie gesagt, Dekonstruktion) und der Tänzer
schwankt zwischen Schüttelfrost, Robotik und hektischen Ausfällen. Alles zusammen wirkt
schrecklich artifiziell, um nicht zu sagen unprofessionell. Nichts passte, weder das
Neudenken der Musik, noch die Interpretationsversuche
des sehr athletisch agierenden Argote.
Der zweite Teil, gestaltet von 15 Tänzerinnen und Tänzern mit der Originalmusik von Maurice Ravel, litt leider von Anfang an unter Ermüdungserscheinungen einzelner Orchestermitglieder (fehlerhaftes Spiel) und dem zusehends schwindenden Elan aller Akteure (viele Tänzer standen bereits dreimal auf der Bühne und das Orchester hatte wohl die Konzentration bei der dekonstruierten Version des Boléro verloren). Man spielte und tanzte sich so durch und war froh, als mit lautem Getöse, marschähnlichen Bewegungen der Akteure in "zerstörten Kostümen" sowie ein finales Lichtflimmern, das Ende eingeläutet wurde.
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| Boléro-Ensemble (Foto: De-Da Productions) |
Less is
more
Der Beifall
war, wie immer bei Ballettveranstaltungen frenetisch, um nicht von schrill zu
sprechen. Das aber kann nicht über die Tatsache hinwegtäuschen, dass man für
diese Premiere eine Schippe zu viel auflud. Wie heißt es so schön und bereits sattsam
bekannt: Ein bisschen weniger kann viel mehr sein, oder im Englischen: Less is
more.




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