Mittwoch, 19. April 2023

Hohe Messe in h-Moll (BWV 232), Johann Sebastian Bach (1685-1750), mit dem Monteverdi Choir und den English Baroque Soloists unter der Leitung von Sir John Eliot Gardiner (*1943), Alte Oper Frankfurt, 18.04.2023 – eine Veranstaltung der Frankfurter Bachkonzerte

Monteverdi Choir & English Baroque Soloists (Sir John Eliot Gardiner in der Rückenansicht)
Archivfoto: Bruno Moussier

Zwischen Oratorium und Oper

Vor gut vier Jahren, am 06.03.2019, präsentierte die Frankfurter Bachkonzerte e. V. am gleichen Ort das Opus Magnum Johann Sebastian Bachs (1685-1750) mit dem Chor und dem Ensemble Pygmalion unter der Leitung von Raphael Pichon (*1984) vor vollem Hause und mit absolutem Erfolg (siehe meinen Bericht zu dieser Aufführung). Damals glaubte man, eine Steigerung sei nicht möglich.

Doch. Sie ist es. Sir John Eliot Gardiner (*1943) konnte mit den von ihm gegründeten Ensembles, dem Monteverdi Choir (1964) und den English Baroque Soloists (1978) – beide nennen die Londoner Kirche St. Martins in the Fields als ihr Zuhause und zählen den neuen König Charles III. zu ihrem Schirmherrn – das damalige Highlight Bachscher Universalkunst noch einmal toppen, ohne die damalige Aufführung schmälern zu wollen.

Vor allem der Grad zwischen Oratorium und Oper wurde unter Sir Gardiners Dirigat zu einem Spiel auf der Klinge mit diversen Aha-Effekten. Viele der insgesamt neun Arien (gesungen von sieben Solosängern und Sängerinnen) und 18 Chorpartien hätten dem antiken Theater durchaus Konkurrenz machen können.

 

Die Bilanz eines langen Lebens als Komponist und Mensch

Die H-Moll-Messe ist bekanntlich das ganz persönliche Erbe des barocken Überfliegers Johann Sebastian Bach, ein Werk ohne Aufführungsmöglichkeit zu seinen Lebzeiten, ohne Auftrag und ohne Aussicht auf Drucklegung. Es ist eine Bilanz seiner kompositorischen, aber auch weltanschaulichen Sicht der Dinge des Lebens. Nicht von ungefähr dauerte es ca. 19 Jahre bis das Werk vollendet vorlag, nämlich 1749, ein Jahr vor seinem Tod, und noch einmal dauerte es gut 90 Jahre, bis die Gesamtausgabe des gut zweistündigen Opus bei Simrock/Bonn vorlag. Das war 1836. Wann die erste Gesamturaufführung stattfand, kann nicht mehr ermittelt werden. Aber bekannt ist, dass in Frankfurt im Jahre 1856 die erste öffentliche Gesamtaufführung vom Cäcilienchor Frankfurt veranstaltet wurde, und das, wie es heißt, mit durchschlagendem Erfolg.

English Baroque Soloists, in der Mitte: Kati Debretzeni (Foto: Monteverdi Choir) 

Ein zweistündiges Spektakel

Gehen wir ins Detail. Zweiunddreißig Sängerinnen und Sänger eröffnen mit dem Kyrie das gut zweistündige Spektakel des christlichen Glaubensbekenntnisses mit gewaltiger Kraft und farbenreicher Instrumentierung. Historisch informiert lautet das Stichwort und meint damit barocke Instrumente wie Oboe d´amore, Barockfagotte, Traversflöten, Barocktrompeten, Corno da caccia, Barockcelli sowie barocke Violen etc. Die Bläser im Doppel (ausgenommen die Trompeter), die Violinen sechsfach, und die tiefen Streicher zweifach besetzt. Nicht zu vergessen der Basso continuo, bestehend aus Cembalo und Orgel. All das schafft ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Gesang und Ensemblespiel, keiner dominiert oder lässt den Widerpart verstummen

 

Ein Frohlocken mit schmetternden Trompeten

Gleich zu Anfang ein Gedicht an Musik, ein ausladendes Fugenthema, und gleichzeitig eine sich aufladende Spannung, die auch den letzten Zweifler mitzureißen verstand. Das Gloria, ein grenzenloser Jubel, ein Frohlocken mit schmetternden Trompeten im Dreierpack, die ganze Bandbreite der barocken Rhetorik. Erster musikalischer Höhepunkt das Laudamus te, ein Duett zwischen der ersten Geigerin, Kati Debretzeni, und der Mezzosopranistin Bethany Horak-Hallett. Ein äußerst virtuoser Part für beide Solisten, lange melismatische Linien und sehr komplexe Figuren der Violine machten diese Lobpreisung Gottes zu einem großartigen Ereignis.

 

Expressionistische Ausdruckskraft

Kern dieser Messe ist allerdings das Credo, das aus neun Teilen besteht, sieben Chören und zwei Soli. Es ist der tiefe Glaube an die Auferstehung, die hier thematisiert wird.  Das Leben Jesu Christi, von der Geburt bis zum Kreuzigungstod, der Auferstehung bis zu dem Bekenntnis des Jüngsten Tages.

Hier herrschte höchste Empathie und Begeisterung aller Teilnehmer vor. Das Duett zwischen der Sopranistin Hilary Cronin und der Mezzosopranistin Bethany Horak-Hallett, Credo in unum Deum, war ein gesanglicher Hochgenuss zweier herausragender Sängerinnen mit einem herrlichen Accompagnato von zwei Oboen, Violinen und Orgel. Aber auch jeder einzelne Chor bis zum Confiteor, dem Bekenntnis zu Gott und der Wiederauferstehung, waren geprägt von extremer Dynamik, tiefer Trauer mit Seufzern, Lamenti und passi duriusculi, einer effektvollen Rhetorik von ungemeiner Bildhaftigkeit und fast schon expressionistischer Ausdruckskraft. Sprunghafte Wechsel in den Jubelmodus folgten einer Dramaturgie der Gefühlswallungen und Theatralik. Zwischen Hoffen, Zweifeln, Zuversicht und Erwartung, alles dabei, und von den Chor- und Ensemblemitgliedern nicht allein gesungen und gespielt, sondern vor allem auch sichtbar theatralisch demonstriert.

Sir John Eliot Gardiner (Foto: Liszt Academy)

Zwischen Zweifel und Hoffnung

Das Sanctus in hellem D-Dur wechselte in Oktav Sprüngen zwischen Himmel und Erde, einer bewegenden Welle des ewigen Flusses und einem Kosmos der Unendlichkeit, rhetorisch durch eine Circulatio, eine kreisförmige Bewegung, verdeutlicht. Es ist das Hosianna in excelsis, das Lob an den Herrn, der bald kommen möge, und schließlich im Agnus Dei, die Hoffnung auf die Vergebung alle Sünden, die den Schlusspart der Messe thematisieren.

Dazu gehört ein Sologesang des Benedictus vom Tenor Nick Pritchard, der mit einer lyrischen, fast flehenden Stimme das Loblied auf den Herrn singt, wunderbar von der Traversflöte unterstützt, sowie das Agnus Dei, gesungen von dem Countertenor Reginald Mobley. Ein Mann mit „schillernder Stimme“ und mehr. Er sang seine beiden Arien (Qui sedes ad dextram patris, aus: Gloria) mit ausnehmender Schönheit, brillanten Höhen und kraftvollem Akzent. Sein Lamm Gottes hatte etwas Messianisches im positiven Sinne.

 

Aus den dunklen Tiefen in die hellen Höhen

Das Dona nobis pacem des Abschlusschores klang wie aus den Tiefen des Meeres aufsteigend und langsam in den Himmel fahrend. Ein Ausklang voller Nachdenklichkeit, aber auch, und das war das Besondere dieser Aufführung, ein Erlebnis, die die Missa gleichsam einem Mysterienspiel oder gar einer Parabel vergleichbar macht. Wie bereits gesagt, eine Gradwanderung zwischen Oper und Oratorium. Wenn Adorno von Genuss und Erkenntnis im Zusammenhang mit dieser H-Moll Messe spricht, eine scheinbare Contradictio in Adjecto, dann hat er dennoch den Kern getroffen. Denn Schönheit ist auch Genuss, und Erkenntnis trägt zur Freiheit bei, auch wenn ihr viel Leid (siehe das Leiden Christi) vorausgeht.

Foto: Simon Canetti-Clarke

Sir John Eliot Gardiner ist Musik ganz

Der vollbesetzte Saal der Alten Oper war hellauf begeistert; feierte jeden der sieben Solisten und alle Teilnehmer gleich (den Counter Reginald Mobley mit Recht etwas gleicher) und Sir John Eliot Gardiner in besonderer Weise mit stehenden Ovationen. Seine Erscheinung ist einmalig, sein Dirigat mit ausladenden Bewegungen und klarer Gestik ist ganz Musik, um nicht zu sagen Musik ganz. Gardiner ist die h-Moll Messe, sie ist seine ureigene Interpretation, sein Wille und seine Vorstellung, um Schopenhauer zu zitieren. Man könnte mit Fug und Recht auch sagen, die Große H-Moll-Messe von Johann Sebastian Bach hat Sir John Eliot Gardiner zu seiner eigenen transformiert (viele solistische Wechsel, aber auch chorische Zusammenfassungen weisen darauf hin). Er hat sich mit der H-Moll Messe Bachs ein Gesamtkunstwerk geschaffen.

 

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