Mainly Mozart vom 22.04 bis zum 30.04.2023
Hagen-Quartett, Wolfgang Amadeus Mozarts (1756-1791) letzte drei Streichquartette, Alte Oper Frankfurt, 27.04.2023 (eine Veranstaltung der Frankfurter Museumsgesellschaft e. V.)
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| Hagen-Quartett: v. l.: Veronika Hagen, Rainer Schmidt, Lukas Hagen, Clemens Hagen Foto: Harald Hoffmann |
Die "Preußischen Quartette", so österreichisch wie nur irgendwie
Mit dem
Festival Mainly Mozart feiert Frankfurt den Komponisten Wolfgang Amadeus
Mozart eine Woche lang mit einem umfangreichen Programmangebot aus
unterschiedlichsten Perspektiven in unterschiedlichen Spielstätten. Das
weltbekannte, seit über 40 Jahren bestehende Hagen-Quartett
interpretiert die letzten drei Streichquartette Mozarts (entstanden zwischen
1789 und 1790, KV 575, 589 und 590), bekannt auch als „Preußische Quartette“.
Waren die
Quartette ursprünglich für den König von Preußen, Friedrich Wilhelm II
(1744-1797), gedacht, der sie allerdings nie zu hören bekam, so fielen die drei
letzten Quartette durchaus als so österreichisch, um nicht zu sagen, so wienerisch
wie nur irgendwie aus. Aber dazu später.
Drei
Meisterleistungen und ein gescheitertes Geschäft
Bekanntlich steckte Mozart, ein notorischer Spieler mit aufwändigem Lebensstil (so war das wertvollste, was er bei seinem Tod hinterließ seine Kleidung) wieder einmal in Geldnöten, und glaubte, durch eine Liebedienerei an den Preußischen König, er wollte ihm sechs Streichquartette schreiben, und da der König ein leidenschaftlicher Cellist war, auch diesem Instrument den Vorzug in den Kompositionen geben, könne er neue Geldquellen eröffnen. Alles Wunschträume, denn der König, der Werke von Haydn und Boccherini bevorzugte, ignorierte aus unbekannten Gründen den Habsburger Untertan. Kurz: Aus dem erhofften Geschäft wurde nichts. Übrig blieben drei Quartette – Die allerdings von höchster Qualität und mit vielen Neuheiten gespickt. Es wäre falsch, Mozart Armut andichten zu wollen und diesen Versuch der Anbiederung als Verzweiflungstat zu missdeuten. Nein. Mozart zählte zwar nicht zu den Superreichen seiner Zeit, aber sein jährliches Einkommen lag bei ca. 10.000 Gulden, was heute einer Kaufkraft von ca. 140.000 EUR entspricht. Eine Summe, mit der sich gut leben ließ. Also könnte man vermuten, diese letzten Quartette (parallel dazu schrieb er gerade an der Oper Cosi fan tutte, die Opern Don Giovanni von 1787 sowie Le Nozze di Figaro von 1786 waren echte Kassenschlager) sind eher ein Versuch, das Image und Selbstwertgefühl des Genies aufzupolieren, was, wie gesagt, gründlich in die Hose ging.
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| v. l.: Clemens Hagen, Veronika Hagen, Rainer Schmidt, Lukas Hagen Foto: Archiv/Schubertiade |
Ein Gespräch
mit vier vernünftigen Leuten
Was aber das
Hagen-Quartett aus den Werken machte, war schlicht sensationell. Die drei
Geschwister (Lukas Hagen, 1. Geige, Veronika Hagen, Bratsche und Clemens
Hagen, Violoncello) sowie der zweite Geiger Rainer Schmidt gossen das
außergewöhnliche musikalische Talent der Wiener Klassik in ein Zeremoniell des
beredten Gedankenaustauschs von vier heiteren Gesprächspartnern. Johann
Wolfgang Goethe hätte von einem „Gespräch unter vier vernünftigen Leuten“
gesprochen.
Unglaublich
gesanglich das Streichquartett D-Dur (KV 575). Ein Andante mit
Mozarts Veilchenlied, das er bereits in seine Oper Die Entführung aus
dem Serail eingebaut hat. Dann das Menuetto, ein deutscher Tanz mit
Wiener Walzer Effekten, rustikal und lieblich in einer Tour, ganz nach Mozarts
Geschmack. Schließlich ein triolisches, von endlosen Dreiklängen beherrschtes komplexes
Sonatenrondo, in dem Mozart aus einer seiner frühen Sinfonien, der A-Dur
Sinfonie von 1771 (KV 114), zitiert.
Zwischen Eleganz
und Rustikalität
Typisch für alle
drei Quartette ist, dass sie immer im Ritardando und lakonischer Einfachheit
enden. Mozart dehnt nie aus, selten findet man bei ihm lange ostinate Phrasen
oder endlose Schlussszenen mit ausladenden Kadenzen. Nein, vor allem diese drei
Quartette glänzen durch kompositorische Dichte und vernünftigen Dialogstrukturen
der Instrumente. Auffallend bei den ersten beiden Quartetten ist die Dominanz des
Cellos, wohl als Schmankerl für den König gedacht. Dennoch steht die
Gleichberechtigung aller Teilnehmer des Gedankenaustauschs immer im Fokus.
Das zweite
Streichquartett in B-Dur und im Mai 1790 fertiggestellt, ist ganz auf
italienische Kantabilität eingestellt. Eleganz und Rustikalität wechseln sich
ab und im Larghetto, in Es-Dur gehalten, darf das Cello noch einmal die
melodische Linie vorgeben, ein poetischer Zauber ohne ausladende Virtuosität,
aber mit bemerkenswerter Hingabe des Interpreten, Clemens Hagen,
zelebriert. Das Finale im Allegro Assai, ein echter Ohrwurm, borgt sich
zwar einiges von Haydn (das Thema beispielsweise), aber man spürt auch die tiefe
Auseinandersetzung Mozarts mit der Kontrapunktik Johann Sebastian Bachs. Er
treibt ein begeistertes Spiel mit der Note gegen Note, dem Spiel von Rede und
Gegenrede, von Original und Umkehrung. Bemerkenswert das „letzte Wort“. Ein
Ausklang im Pianissimo mit einem Halbtonschritt, so lakonisch, wie Mozart es
nur schreiben konnte.
Zwischen
glatter Oberfläche und tiefem Ernst
Die dritte Vorstellung des F-Dur Quartetts (fertiggestellt im Juni 1790) nimmt gleich zu Anfang Franz Schubert Liedschaffen vorweg. Ein galantes Spiel zwischen glatter Oberflächlichkeit und tiefem Ernst. Dieses Quartett ist das konzertanteste der drei. Hier ist die Gleichberechtigung der Instrumente auf ihrem Höhepunkt angelangt. Man könnte auch von glanzvoller Entfaltung der dialektischen Kontroverse sprechen. Das Andante in C-Dur, eine Ballade mit durchgehendem ostinatem Motiv, entschwebt schlussendlich in himmlische Höhen. Das Menuett wiederum in d-Moll gehalten, klingt wie ein Scherzo von Beethoven. Dazu ein kontrapunktisches Trio mit tänzerischer Attitüde von absoluter Dichte. Einfach genial. Das Finale, ein Rondo in der Ursprungstonart F-Dur, schwankt zwischen Zornesausbruch und hintersinnigem Humor. Eine ungarische Melodie scheint Mozart darin verarbeitet zu haben, synkopiert mit einem Hauch von Swing, eine Melodie, die sich zum Schluss auf leisen Sohlen davonschleicht.
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| Hagen-Quartett: v. l.: Rainer Schubert, Clemens Hagen, Veronika Hagen, Lukas Hagen Foto: Harald Hoffmann |
Höchste
Modernität
Mozart setzt
mit den drei sog. „Preußischen Quartetten“ der Wiener Klassik völlig neue
Impulse und bereitet bereits die Romantik vor, sein Finale des dritten
Quartetts ist das modernste seiner Zeit und zeigt bereits tief in das 19.
Jahrhundert. Das Hagen-Quartett, da gibt es keinen Zweifel, gehört zum
Besten auf der Welt, vor allem, was die Interpretation, ja die ernsthafte
Auseinandersetzung mit dem Quartetten-Werk Mozarts betrifft. Ein langer,
herzlicher Applaus des Publikums ließ die Vier noch einmal zu einer Zugabe hinreißen.
Sie spielten das Andante Cantabile aus dem sogenannten „Dissonanzenquartett“,
das Streichquartett in C-Dur (KV 465), im März 1785 entstanden. Ein Urteil
erübrigt sich. Wie heißt es dazu in einem Kommentar der Villa Musica: „Ein
erfüllterer Gesang für vier Streicher ist kaum jemals geschrieben worden.“



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