Sonntag, 30. April 2023

 Mainly Mozart vom 22.04 bis zum 30.04.2023

Enthusiastenchor, Chor und Orchester der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst (HfMDK) unter der Leitung von Florian Lohmann (Chor) und Vassilis Christopoulos (Orchester), Alte Oper Frankfurt, 29.04.2023

"Enthusiastenchor" (Foto: Wonge Bergmann)

Ein enthusiastisches Unterfangen

Mit dem Festival Mainly Mozart feiert Frankfurt den Komponisten Wolfgang Amadeus Mozart eine Woche lang mit einem umfangreichen Programmangebot aus unterschiedlichsten Perspektiven in unterschiedlichen Spielstätten. Chor und Orchester der HfMDK präsentieren das letzte unvollendete Werk Mozarts (1756-1791), das mythenreiche Requiem KV 626 (1791), unterbrochen von einer Neuinterpretation, Lichtungen I und II (2023), von Michael Ostrzyga (*1975) sowie von Olivier Messiaens (1908-1992) Les Offrandes oubliées (1930).

Ein gewaltiger Chor und fast ebenso viele Orchestermusiker betreten die Bühne den nahezu vollbesetzten Alten Oper Frankfurts – mehr als 200 an der Zahl – und man fragt sich automatisch nach der Programmansage: Enthusiastenchor?! In einem kurzen Gespräch zwischen dem Leiter des Hochschulchors, Florian Lohmann, und dem Intendanten der Alten Oper Frankfurt, Dr. Markus Fein, wird deutlich, worum es geht. Ein zweijähriges Projekt soll an diesem Abend seinen Höhepunkt erfahren. Der Chor nämlich wurde aus vielen freiwilligen sing- wie musikbegeisterten jungen Leuten zusammengestellt und mit dem Orchester der HfMDK für diese Aufführung koordiniert. Die Premiere mit zwei Werken von Olivier Messiaen und Wolfgang Amadeus Mozart sollte das Ergebnis der Arbeit widerspiegeln und man kann es vorwegnehmen, es war ein gelungenes, enthusiastisches Unterfangen mit vielen kleinen Petitessen.

"Enthusiastenchor", Vassilis Christopoulos (Foto: Wonge Bergmann)

Die vergessenen Opfer

Dazu gehörte die Aufführung des Frühwerks von Olivier Messiaen, Les Offrandes oubliées (die vergessenen Opfer). Sein erstes Orchesterwerk, in dem sich sein Bekenntnis zur katholischen Religion in einem bildhaften Triptychon widerspiegelt: Das Kreuz, die Sünde sowie die Auferstehung. Bildhaft umrahmen zwei sanfte Seitenaltäre einen aufgeregten Mittelteil voller Verzweiflung und Wildheit. Messiaen ist zwar noch stark an den impressionistischen Meistern Claude Debussy und Maurice Ravel orientiert, aber seine ureigene Handschrift lässt sich bereits in den ungleichen Taktlängen, den langen freitonalen Linien sowie in der atmosphärischen Dichte erkennen. Vor allem im erlösenden Schlussteil, nur von Violinen und Violen im Pianissimo gespielt, hört man bereits den Farbenreichtum und vogelähnlichen Klang seiner Musik, bis zum Aufstieg ins Unendliche. Ein Orchesterwerk zwischen Himmel und Hölle, zwischen Leid und Erlösung. Großartig interpretiert vom sehr aufmerksamen, technisch und musikalisch versierten studentischen Orchester, unter der unprätentiösen Leitung von Vassilis Christopoulos, der übrigens seit 2016 als Professor für Orchesterdirigieren an der HfMDK das Zepter führt.

"Enthusiastenchor", Florian Lohmann (Foto: Wonge Bergmann)

Ein Torso mit Mythenbildung

Dann das Requiem. Auch hier eine Besonderheit. Bekanntlich hat Mozart lediglich zwei Drittel des Auftragswerks fertigstellen können (Er starb während des Kompositionsvorgangs). Da es ein Auftragswerk war, und der Vertrag mit dem Grafen von Walsegg (1763-1827) eingehalten werden musste, versuchten sich mehrere seiner Schüler und Ratgeber an der Vervollständigung, die letztlich Franz Xaver Süßmayr (1766-1803) gelang. Er revidierte alle Fassungen, ergänzte das unvollständige Lacrimosa und schrieb die letzten vier Teile des Requiems neu: das Sanctus, das Benedictus, das Agnus Dei und die Communio. Geschickt wie er war, hielt er sich streng an den Stil Mozarts (er arbeitete seit Jahren mit ihm zusammen) und verstand es, seine Schrift täuschend echt nachzuahmen und so dem Grafen das angeblich vollständig von Mozart komponierte Werk, im Einverständnis mit seiner Frau Constanze, zukommen zu lassen.

An dieser Stelle beginnt die Mythenbildung. Wer war der Auftraggeber, den nie jemand zu Gesicht bekam. Was ist an diesem Requiem überhaupt noch mozartisch, wo er doch lediglich den Introitus und das Kyrie vollständig auskomponiert, die anderen Teile bis zum Hostias aber nur kryptisch skizziert hatte. Viele Komponisten versuchten sich folglich an diesem Werk, veränderten hier und dort Gesang und Instrumentation, komponierten neu.

"Enthusiastenchor" vorne v. l.: Florian Lohmann, Vassilis Christopoulos, Michael Ostrzyga, Michael Nagy, Benjamin Bruns, Sarah Romberger, Kateryna Kasper (Foto: Wonge Bergmann) 

Eine Neuinterpretation – Chor affin und spannungsgeladen

So auch im heutigen Fall der Komponist Michael Ostrzyga. Er bekam den Auftrag von der Alten Oper Frankfurt und präsentierte mit Lichtungen I und II seine Uraufführung. Eigenen Aussagen zufolge versteht er Lichtungen als Assoziation, meint damit, dass er in die „Ränder des Requiems eingreift“. Danach werden die Aufzeichnungen Mozarts mitten im Lacrimosa (nach acht Takten) unterbrochen, wird dann skizzenhaft fortgesetzt, um dann nach dem Domine Jesu und Hostias endgültig zu enden.

Diese beiden Randpunkte nimmt sich Ostrzyga heraus und besetzt sie mit einer eigenen Interpretation des Requiems. Hierzu nimmt er Brieftexte, Gedichte, Musikzitate von Mozart, aber auch Anlehnungen an Georg Friedrich Händels Oper Israel in Egypt sowie Textstellen aus Josef von Eichendorff Nachtgedicht. Eine sehr spannende Auswahl, aber leider textlich kaum zu verstehen. Seine Musik kontrastiert extrem diejenige des Requiems. Sie ist sehr Chor affin, das heißt gut zu singen und zu sprechen – es wird gezischt, geblasen, gesummt und minimalistisch gesungen. In der Instrumentierung dominiert das Perkussive und Dissonante – allerlei Geräuschkörper vom Blasen, Pfeifen, Rasseln, Zupfen bis zum Schlagen der Instrumente. Aber die relativ kurzen Abschnitte sind durchweg mit höchster Spannung geladen. Geschickt werden die zwei Kompositionen mit langen Fermaten vorbereitet und beendet. Ein Durchatmen ist möglich. Das Ansinnen des Komponisten, in das Requiem, trotz aller Bearbeitungen und diverser Interpretationen, einen neuen Geist zu installieren, indem er die „Leerstellen“ mit weltlichen, kommentierenden Texten und einer modernen, weit von Mozart entfernten Musik füllt, ist aufgegangen. Seine Lichtungen können durchaus als Bereicherung des Requiems verstanden werden. Der herzliche Applaus bestätigte dies darüber hinaus.

"Enthusiastenchor", Michael Ostrzyga (Foto: Wonge Bergmann)

Herrlicher Gesang, herrliche Musik

Mit Kateryna Kasper, Sopran, Sarah Romberger, Alt bzw. Mezzosopran, Benjamin Bruns, Tenor und Michael Nagy, Bassbariton hatte man vier außergewöhnliche Sänger engagiert, die sowohl im lyrischen wie im dramatischen Bereich brillierten. Alle konnten mit jahrelanger intensiver Oper- und Liederfahrung aufwarten, was sich ungemein positiv vor der gewaltigen Kulisse des Chores und des Orchesters auswirkte. Florian Lohmann, seit Oktober als Professor für die Chorleitung in der HfMDK tätig, schaffte mit souveränem Dirigat einen bestmöglichen Ausgleich zwischen Chor, Orchester und Solisten. Nie hatte man das Gefühl, das einer den anderen in Lautstärke und Dynamik erdrückt. Im Gegenteil. Einzig die Artikulation und Akzentuierung ließen in den wichtigen Textpassagen von Lichtungen zu wünschen übrig. Ansonsten hätte sich sowohl Olivier Messiaen – eigentlich viel bekannter als Vogelexperte und seinem umfangreichen catalogue d’oiseaux, wie als Erfinder der seriellen Musik – an dieser Aufführung erfreut, wie auch Mozart an der gefühlten hundertsten Interpretation seines musikalischen Torsos: das Requiem.

  

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen