Hercules, ein musikalisches Drama in drei Akten von Georg Friedrich Händel (1685-1759), Premiere und Frankfurter Erstaufführung, Oper Frankfurt, 30.04.2023.
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| v.l.n.r. Paula Murrihy (Dejanira) und Elena Villalón (Iole) Foto: Monika Rittershausen |
Ein exorbitanter
Psychothriller
Ein
exorbitanter Psychothriller wurde auf der schlichten, aber durchweg hellen Bühne
der Frankfurter Oper geboten. Wer aber glaubte, es drehe sich alles in diesem
Drama um den Superhelden und Sohn Jupiters, Herakles, wie ihn die Griechen nannten,
wurde getäuscht. Dejanira, seine Frau ist es, um die sich das Karussell des
Wahnsinns dreht. Ihre Familie ist es, einschließlich der gemeinsamen Kinder, Hyllus
und Lichas, die aus den Bahnen gerät und das wegen einer gefangenen Prinzessin,
Iole, die Hercules aus dem besiegten Feindesland Oechalia mitbringt und den
traumatischen Weg ins Verderben freimacht.
Ein Horrorszenario mit Lieto fine
Aber gehen
wir ins Detail. Dieses Werk zwischen Oper und Oratorium mit Texten von Thomas
Broughton (1704-1774) kam zu Zeiten Georg Friedrich Händels, nicht an. Aus
diversen Gründen wurde die Uraufführung am 05. Januar 1745 im King’s Theatre am
Londoner Haymarket ein absoluter Flop und danach konnte sich dieses Meisterwerk
gut 150 Jahre nicht mehr durchsetzen. Erst in den letzten Jahrzehnten hat man
seinen exorbitanten Wert erkannt und heute gehört es zu den beliebtesten und begehrtesten
Werken aus dem reichhaltigen Oeuvre Händels (man denke beispielsweise an die
großen Inszenierungen von William Christie und Luc Bondy in den frühen 2000ern).
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| v.l.n.r. Elena Villalón (Iole) und Paula Murrihy (Dejanira) Foto: Monika Rittershaus |
An der Oper
Frankfurt haben sich Barry Kosky (Regie), Laurence Cummings
(musikalische Leitung), Katrin Lea Tag (Bühne und Kostüme) , Joachim
Klein (Licht) sowie Tilman Michael (Chor) zur Aufgabe gestellt,
diese musikalische Drama (so hat es übrigens Händel selbst bezeichnet)
zu einem spannenden modernen Bühnengeschehen zu gestalten, in dem tief sitzende
Traumata, Eifersucht, Missverständnisse sowie fatale Fehlurteile und ihre schrecklichen
Folgen eine eigentlich intakte Familie aus den Bahnen wirft, und trotz Tod und
Teufel am Ende doch ein versöhnliches Finale alle aus diesem Horrorszenario in
den lauen Fast-Maiabend entlassen kann
Nicht allein reichhaltige Ideen Barry Koskys und seiner Mitstreiter sorgten für den durchschlagenden Erfolg dieser Inszenierung, sondern vor allem auch die wirklich bestens ausgesuchten Sängerinnen und Sänger, sowie der gut vierzig Personen starke Chor, der alles bisher von ihm Gehörte und Gesehene bildhaft in den Schatten stellte.
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| v.l.n.r. Michael Porter (Hyllus), Paula Murrihy (Dejanira) und Kelsey Lauritano (Lichas) Foto: Monika Rittershausen |
Die
Seelenlage einer Familie
Gleich zu Beginn, nach einer dreiteiligen, das Drama vorzeichnenden Ouvertüre des mit historischen Instrumenten besetzten Orchesters, sang die zwischen Alt und Mezzo changierende Kelsey Lauritano in der Rolle der Lichas (unter Kosky wurde sie vom Diener zur Tochter der Familie) eine Mitleidsarie von tiefer Anteilnahme, mit großem Stimmumfang und gutturaler Tiefe, während auf einer violetten Couch die gänzlich in weiße Gaze verhüllte Dejanira alias Paula Murrihy neben der Statue ihres Gatten sitzend, sich langsam zu erkennen gibt und eine Trauerarie in Da capo Manier von großer Verzweiflung und Verbitterung mit klagender, seufzender, ja trostloser Stimme anklingen lässt. Ihr Sohn Hyllus, vom Tenor und Hausliebling Michael Porter verkörpert, bestärkt seine Mutter in ihrer tiefen Depression und glaubt, in einem Traum, den Tod seines Vaters vom Orakel erfahren zu haben. Er möchte sich aufmachen, um seinen Übervater ausfindig zu machen. Hier sind wir bereits tief in die Seelenlage der Familie eingebunden, die der erstmals auftretende Chor mit einem gewaltigen Choral kommentierend untermalt und in antiker Manier Volkes Stimme widerspiegelt.
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| Chor der Oper Frankfurt (Foto: Monika Rittershausen) |
Eine
gefangene Prinzessin löst das Drama aus
Hercules
kehrt zurück, siegreich, mit der Tochter des getöteten Herrschers der Oechalier
Eurytos. Es ist die schöne Iole, von der ebenfalls schönen Sopranistin Elena
Villalón – die übrigens mit dieser Rolle an der Oper Frankfurt debütiert – gespielt
und gesungen. In einer heftigen Szene wird sie vom Volk über die Bühne gejagt,
gedemütigt und misshandelt. Herkules lässt es zu, aber Hyllus zeigt
Anteilnahme. Unfassbar beeindruckend dann ihre erste Arie, eine Reminiszenz an
ihren getöteten Vater. Ein melodiöser Hit, ein Ohrwurm, der noch durch die
tiefe Emotionalität des Vortrags zu Tränen rührt. Elena Villalón hat von Beginn
an die Herzen des Publikums erobert. Sie erhält auch erstmal Zwischenapplaus.
Hercules, vom jungen Bassisten Anthony Robin Schneider verkörpert, kann endlich seine Frau in die Arme nehmen. Der erste seiner insgesamt drei Auftritte lässt ihn vom Ende aller Waffengänge träumen: „Der Kriegsherr verlässt das blutige Schlachtfeld“. Eine gewaltige Person, wie ein Herkules, mit einer Stimme, die die Wände wackeln lässt. Alles passt: Seine Rolle wie sein kraftstrotzender Gesang, lediglich seinen Koloraturen fehlt noch die geforderte Feinheit. Er ist ein Held auf der Bühne, er ist ein Herkules wie er im Buche steht. Mit einem dionysischen Orgientanz des Chores und aufwühlendem, forderndem Gesang endet der erste Akt. Frenetischer Beifall lässt zur Gewissheit werden, dass diese Inszenierung beim Publikum angekommen ist.
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| Paula Murrihy (Dejanira; links mit gestreifter Bluse) und Chor der Oper Frankfurt Foto: Monika Rittershausen |
Eifersucht,
die teuflische Pest
Der zweite
Akt ist geprägt vom Misstrauen und der Eifersucht Dejaniras. Dejanira
verzweifelt an der Schönheit Ioles (sie ist in ein engelhaft weißes Kleid
gehüllt). Hier sticht die Arie Iolas alias Elena Villalón hervor: „Hüte
dich vor der Eifersucht“ sowie die Dejaniras, alias Paula Murrihy: „Ich
könnte glücklich sein, wenn deine Schönheit nicht wäre.“ Das langsame Anwachsen
der Panik, bis hin zum Wahnsinn bei Dejanira und das friedvolle warnende
zutiefst menschliche Gemüt der Iola wird von beiden Sängerinnen nicht allein
gesanglich, sondern vor allem schauspielerisch mit größtmöglicher Empathie für
diese doch sehr speziellen Rollen auf die Bühne übertragen.
Herausragend unter anderem der Annäherungsversuch des Hyllus an Iole, wo man nicht weiß, begehrt er nur oder liebt er sie. Ein plötzlicher Kuss, eine Backpfeife als Retourkutsche. Auch an dieser Stelle zeigt Michael Porter schauspielerisches Talent zusätzlich zu seinem doch sehr ansprechenden Tenor.
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| Paula Murrihy (Dejanira) und Anthony Robin Schneider (Hercules) Foto: Monika Rittershausen |
Das Gut-gewollte endet im Schlimmsten aller Übel
Höhepunkt ist
natürlich der fahrlässige Todschlag an Herkules durch seine Frau, die sich in
ihrem Eifersuchtswahn an die Worte des Zentaur Nessos erinnert (er wurde nach
der Sage nach einem Vergewaltigungsversuch an Dejanira von Herkules getötet),
der ihr sein blut-getränktes Hemd schenkte mit der Versprechung, sollte ihr
Ehemann ihrer überdrüssig werden, er beim Tragen dieses Hemdes ihr ewige Liebe
beteuere.
Die Rache des Nessos folgt stante pede. Hercules verbrennt durch das Gift des Hemdes. Dejanira verfällt in den Wahn ob ihres Versuches, das Gute zu wollen und das Schlimmste aller Übel erreicht zu haben. So ist der Dritte Akt hauptsächlich geprägt vom Todeskampf des Hercules. Die Todesarie von Anthony Robin Schneider ist erfüllt von Schmerz, Anklage gegen seine Frau und der Bitte an seinen Vater Jupiter, ihn zu erlösen. Sein dritter und finaler Auftritt gehörte zu seinem Besten an diesem Abend. Hilflos dem Schicksal ausgeliefert und dennoch von großer Würde getragen. Ebenso die Arie des Hyllus (Michael Porter), auf dass der Feind die furchtbare Nachricht nicht erhält, bekommt noch einmal ein besonderes Ausrufezeichen. Es war Michael Porters beste Arie der Vorstellung.
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| v.l.n.r. Kelsey Lauritano (Lichas), Anthony Robin Schneider (Hercules; liegend) und Michael Porter (Hyllus) Foto: Monika Ritterhausen |
Grenzenloser
Wahnsinn neben tiefstem Mitgefühl
Jetzt aber
zu den weiblichen Protagonisten. Kaum zu glauben, wie Paula Murrihy es schaffte,
immer noch eine Schippe des Wahnsinns draufzusetzen. Zwischen Fremdanklage und Eigenanklage,
zwischen Verzeihung und wahnwitziger Raserei. Alles in einer Person. Musik,
Gesang und Theatralik verschmolzen ineinander, wie die Brennelemente eines Reaktors.
Einfach unglaublich. Absolut dagegen hielt die unglaublich ausdrucksstarke Elena
Villalón. Sie glänzte durch Anteilnahme und Verzeihung: „Mein Herz ist
voller Mitleid.“ Händel hat nicht von ungefähr ausgerechnet ihr die schönsten
Arien geschrieben. Auch ihre letzte gehört dazu.
Das lieto
fine, oder besser der Deus ex Machina folgt auf dem Fuße. Ein
Priester (der auffallend gute Bassbariton Erik van Heyningen, Neuzugang
im Frankfurter Opernstudio) verkündet die Himmelfahrt des Hercules und den
Befehl des Gottes Jupiter, Hyllus und Iole hätten den Bund der Ehe einzugehen.
Dem kann und darf nicht widersprochen werden. Ein in dieser Vorstellung
seltenes Duett beendet den Thriller, begleitet von einem vierstimmigen Hymnus des fantastisch aufgelegten Frankfurter Opern-Chores: "Ihm (Hercules) gehören deine dankbaren Lobzeichen, das Thema der unsterblichen Liebe der Freiheit! ..." . Die Statue des Hercules verschwindet im „himmlischen“
Rauch, die wahnsinnige Dejanira hält ihm die Hand und der Vorhang fällt.
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| Paula Murrihy (Dejanira), Foto: Monika Ritterhausen |
Stimmig –
besser geht es nicht
Nein, es
bleiben nicht viele Fragen offen. Der Oper Frankfurt ist mit dieser
Inszenierung ein Meisterwerk geglückt. Alles war stimmig, die Bühne, die Kostüme,
das Licht, die Musik (man hatte manchmal das Gefühl, in den französischen
Barock versetzt zu sein), der Gesang und vor allem die Akteure. Besser hätte
die Wahl aller, ausnahmslos aller Teilnehmer nicht ausfallen können. Selten,
dass Produktion, Inszenierung, Dramaturgie und Personen so perfekt
zusammenpassen. Hercules war ein Opernerlebnis mit intensiver Nachhaltigkeit.
Eine Produktion, die durchaus das Prädikat Weltklasse verdient.

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