Dienstag, 2. Mai 2023

127. Internationale Maifestspiele in Wiesbaden vom 30.04 bis zum 31.05.2023

Big Brecht, ein Big-Band Abend mit Songs von Bertolt Brecht und der Musik von Hanns Eisler und Kurt Weill, Staatstheater Wiesbaden, 01.05.2023

Fine Arts Big-Band, vorne: Constanze Becker und Tilo Nest (Foto: Moritz Haase)


Das Erinnern an großartige Künstler

In Zeiten wie diesen erinnert man sich wieder gerne an die künstlerischen Größen der roaring Twenties, an Hanns Eisler, Kurt Weill, Bertolt Brecht, Lotte Lenya, Helen Weigel und die vielen anderen großartigen Künstler, die unangepasst, kritisch und vorausschauend den Untergang der Weimarer Republik und das heraufziehende Unheil des Zweiten Weltkriegs mit geistreichem Sarkasmus, bitterem Humor und vor allem künstlerischer Standfestigkeit begleiteten.



Big-Band und Brecht, ein ungewöhnlicher Mix

Die auch im Rhein-Main Gebiet wohl bekannte Schauspielerin, Constanze Becker, und Ihr künstlerischer Mitstreiter, Tilo Nest (beide spielen zurzeit in Berlin das Peachum-Paar in der Dreigroschenoper), haben sich, gemeinsam mit der Berliner Big-Band Fine Arts, zusammengetan, um an die großen Songs dieser Zeit zu erinnern. Texte und Songs von Bertolt Brecht (1898-1956), Kurt Weill (1900-1950) sowie Hanns Eisler (1898-1962) sollten im neuen Licht eines Big-Band-Arrangements (Stephan Genze und Ferdinand von Seebach) mit zwei renommierten Schauspielstars erscheinen, zeitgemäß aufbereitet im Stil einer Revue.

Das Ambiente im großen Saal des gut besuchten Wiesbadener Staatstheaters stimmte. Viel Farbe im Background, typische Big-Band Konstellation mit 18 Instrumentalisten, auf Sockeln und Treppen postiert, dazu zwei Akteure im Conférencier-Look mit Frack und Schwarz, später in weinrotem Glitzerkleid und Anzug. Alles gut.


Ein Gesangs-Duo mit großen Unterschieden

Das Duo Becker-Nest bot 11 Songs, dazu ein wenig Nachdenkliches aus dem reichhaltigen Brecht Text-Archiv. Neben bekannten Ohrwürmern, wie der Bilbao Song (1929) aus der Komödie Happy End, ursprünglich von Lotte Lenya, hier von Tilo Nest gesungen, aber sehr überzeugend, Die Ballade über die Ungleichheit (1928) und Wie man sich bettet (1928) aus der Dreigroschenoper (1928) und Surabaya Johnny (1929) aus der Theaterkomödie Happy End, präsentierte das Duo auch weniger bekannte Songs. Darunter Der Pflaumenbaum aus der Brecht-Gedichte-Sammlung, zwischen 1933 und 1945 entstanden, vertont von Hanns Eisler und erstmals gesungen von Therese Giehse, hier wiederum von Tilo Nest interpretiert, und die Ballade: An den kleinen Radioapparat (1942) aus dem Balladenbuch op.18 von Hanns Eisler. Noch nie gehört, aber beeindruckend interpretiert. Achtung, Feind hört mit, eine Szene aus Kriegszeiten, in denen das Hören von Nachrichten aus nicht genehmen Ländern hart bestraft wurde: „Du kleiner Kasten, den ich flüchtend trug … versprich mir, nicht auf einmal stumm zu sein.“ Ein Text, der Vergleiche in heutiger Zeit zulässt.

Fine Arts Big-Band, vorne: Constanze Becker und Tilo Nest (Foto: Moritz Haase)

Die Song-Interpretationen

Constanze Becker sang unter anderem: Das Lied von der Nuss (1928) aus der Dreigroschenoper, Zu Potsdam unter den Eichen (1929) aus dem Berliner Requiem, sowie Denn wie man sich bettet (1928) aus der Dreigroschenoper: „Aber wenn man täglich älter wird, da wird nicht nach Liebe gefragt, da muss man seine kurze Zeit benutzen, der Mensch ist kein Tier.“ Ein Text, der eigentlich aufrüttelt und zum Nachdenken zwingt. Constanze Becker, mir zumindest noch bestens in Erinnerung mit ihrer exorbitanten Medea Darstellung im Theater Frankfurt im Jahre 2012, wirkte auf dieser Bühne etwas verloren, ja irgendwie steif und ohne Empathie. Ihren Interpretationen fehlte die Verve und ihre Stimme verfehlte mitunter die Absicht und den tieferen Sinn der Texte. Sicher muss sie sich messen lassen mit vielen guten Interpretinnen wie Lotte Lenya, aber auch Nina Hagen, Ute Lemper oder auch Helen Schneider, die alle diese Songs bereits sehr erfolgreich und sehr individuell auf die Bühne gebracht haben, aber darum geht es weniger. Sicher ist ihre Stimme in Umfang und Ausdruck sehr beschränkt und lediglich im Bereich des Sprechgesangs überzeugend, aber warum spielt sie nicht die Texte und bereichert sie durch Gestik, Mimik und Sprachspiel? Das ist doch ihr Metier? Schade sehr schade. 

Ganz im Gegensatz dazu Tilo Nest. Er ist durch und durch Entertainer. Er tanzt, swingt und lässt es im Alabama Song (1930), aus der Gedichte Sammlung Brechts, übrigens von den Doors zu einem Hit der Rockszene aufgehübscht, mal richtig krachen. Beide singen zwar im Duett, aber nur einer trinkt den Whiskey an der Bar.

 

Eine Big-Band, ganz in der Tradition

Die Fine-Arts Big-Band glänzt durch sehr gute Solisten (nur eine Frau an der Bassklarinette und dem Basssaxophon), jeder der Achtzehn durfte mal seine virtuosen Fähigkeiten demonstrieren. Diese Berliner Formation fügt sich nahtlos in die klassische Big-Band Tradition der amerikanischen 1920er Jahre, Count Basie und Duke Ellington, aber auch Dave Brubeck aus den 1950ern lassen grüßen. Ihr Swing ist betörend, aber auch lateinamerikanische Rhythmen gehören zu ihrem Repertoire. Die Arrangements zu den Songs haben die beiden Musiker Stephan Genze, Schlagzeuger, und Ferdinand von Seebach, Posaunist, zielgenau für ihr Genre zubereitet, aber leider werden sie nicht immer dem Geist der Songs gerecht. Heftige Kontraste in der Lautstärke, aber zu wenig Sinn für die leisen, empathischen Töne bestimmten ihre Begleitung. So waren die Arrangements oft viel zu laut und erdrückten im wahrsten Sinne die Stimmen der Protagonisten. Dennoch, das Publikum war begeistert und ließ noch zwei Zugaben zu.

Fine Arts Big-Band, vorne: Constanze Becker und Tilo Nest (Foto: Moritz Haase)

Die im Dunkeln sieht man nicht

Natürlich die Moritat von Mackie Messer aus der Dreigroschenoper und ein wirklicher gut ausgedachter Rausschmeißer Mutter Beimlein hat ein Holzbein mit Text von Bert Brecht und der Musik von Hanns Eisler. Daraus der Schluss-Vers: Wenn Mutter Beimlein auf den Strich geht, und sie bringt ´nen Freier nach Haus´, dreht sie das Elektrische, bevor sie aufschließt, aufm Treppenabsatz aus.“ Ein herrliches Finale in Zeiten der Vertuschung und der Energiekrise.     

 

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