127. Internationale Maifestspiele in Wiesbaden vom 30.04 bis zum 31.05.2023
Die Welt will getäuscht werden, Chris Pichler, Rezitation, und Salon-Ensemble Wiesbaden, Musik, nach dem Roman von Thomas Mann: Die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull (1955), Foyer-Wiesbaden, 07.05.2023
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| Chris Pichler (Foto: Valerie Voithofer) |
Ein
offener Roman – kein Unglück
Man sollte
die fiktive Biographie des „Diebes und Schwindlers“ Felix Krull vorab
vielleicht gelesen haben. Allein wegen der einzigartigen Sprache Thomas Manns
(1875-1955). Ein Werk, das den klassischen Bildungsroman parodiert und als Schelmenstück
durchaus zum Besten gehört, was Thomas Mann zeitlebens zu Paper brachte. Zudem
brauchte er sein halbes Dichterleben, (zwischen 1910 und 1913 sowie zwischen
1950 und 1955), um, ja um die Memoiren dennoch nicht beenden zu können.
Lediglich den ersten Teil in Form von drei Büchern beendete er kurz vor seinem
Tod und meint lapidar dazu: „Wie, wenn der Roman weit offenbliebe? Es wäre kein
Unglück meiner Meinung nach.“
Zwischen
Schein und Sein
Das „Allround-Talent“,
die österreichische Schauspielerin, Regisseurin, Sängerin, Texterin und vor
allem Sprachkünstlerin, Chris Pichler (*1969), wagt sich, gemeinsam mit
acht Musikern aus dem Raum Wiesbaden – das Ensemble nennt sich schlicht Salon-Ensemble
Wiesbaden – an das fast 400 Seiten dicke Werk, kristallisiert daraus einige
wenige Episoden und transformiert den liebenswerten, geschmeidigen Tausendsassa,
Felix der Glückliche, in der Doppelbödigkeit von Schein und Sein, von Dichtung
und Wahrheit zu einem modernen, zeitgenössischen Narzissten, den wir alle, mehr
oder weniger, in uns tragen.
Walzer,
Märsche, Galoppaden – zum Entspannen
Dazu lassen kurze Intermezzi mit Walzern, Märschen, Galoppaden und einem herrlichen Csárdás die Künstlerin Luft schnappen und das Publikum entspannen. Es sind Petitessen unter anderem von Hans Christian Lumbye (1810-1874), einem dänischen Kapellmeister und Komponisten, von Johann Strauß Vater und Sohn, allen wohl sattsam bekannt, von Charles Gounod (1818-1893), Léo Delibes (1836-1891), Richard Wagner (1813-1883), Ferdinand Radeck, (1828-1903), ein Preußischer Militärmusiker, sowie Arnold Schoenberg (1874-1951). Ja, Sie, verehrter Leser, liegen richtig, denn Schoenberg konnte auch volkstümlich. Seine Die Eiserne Brigade, ein Marsch mit Pfeffer, schrieb er im Jahre 1916 für Streichquartett und Klavier, noch vor seiner Zwölftontechnik-Phase. Und bemerkenswert: Béla Kélér (1820-1882). Warum er? Er lebte mehrere Jahre im Umkreis von Wiesbaden, war hier Kapellmeister von 1870-1872, davor Hofkapellmeister beim 2ten Regiment des Herzogs von Nassau von 1863 bis 1866 mit Unterbrechungen bis 1868, komponierte in dieser Zeit mehrere Walzer und Galoppaden mit großem Erfolg, darunter sein wohl bestes Stück: Am schönen Rhein, da gedenk ich Dein mit Anklängen an Friedrich Silchers Loreley-Lied von 1837 und natürlich auch Parodien auf Straußens weltberühmten Walzer An der schönen blauen Donau. Sein Grand Galopp Infernal von 1864, die Schlussmusik des Programms, zeigt noch einmal seine Affinität zu den dramatischen Opern seiner Zeit. Selbst Johannes Brahms hat ihm die Melodie seines Walzerohrwurms Nr. 5 g-Moll abgekupfert.
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| Chris Pichler (Archiv-Foto: Chris Pichler) |
Ein
Oktett kongenial zur Rezitation
Das
Salon-Ensemble Wiesbaden interpretierte die Zwischenmusiken kongenial zur
Rezitation, ja die einzelnen Musiker wurden direkt in die Schauspielerei
mit einbezogen und machten auch prächtig mit. Im Einzelnen zu nennen sind: Karl-Heinz
Schultz und Christine Seiler an der Violine, Nina Torborg-Hunck
an der Viola, Mariusz Wysocki am Violoncello, Eunseon Kim am Kontrabass,
Thomas Richter an der Flöte, Tomas Eckhardt an der Klarinette und
Erika le Roux am Piano. Ein Oktett, das zum Teil dem Staatsorchester
Wiesbaden angehört, aber auch selbstständig agiert. Alles passte, man hatte den
Eindruck, dass hier ein Ensemble mit langjähriger gemeinsamer Praxis auftrat.
Die Walzerrhythmen - ein Gedicht, die Märsche - ein Tschingderassabum und der Höllen
Galopp - ein diabolischer Tanz mit grinsender Fratze.
Größte
schauspielerische und sprachliche Kunst
Jetzt zur
Hauptakteurin, Chris Pichler. Sie verstand es, aus dem Text des Hochstaplers
Felix Krull ein Rezital von größter schauspielerischer Kunst zu zaubern. Sechs
Episoden entnahm sie der Schrift: Die Zeit von der Geburt bis zu seinem achten
Lebensjahr, eine Zeit, in der seine Überzeugung wächst, von edlerem Holz zu
sein.
Dann das Kurkonzert
des vermeintlichen Wunderkindes. Er spielt auf eine Holzgeige, so als ob, und
hält sich für den Meister dieses Instruments, zumal der Beifall des Publikums ihm
recht zu geben scheint. Karl-Heinz Schultz mimt das Kind auf der Geige
und Chris Pichler sekundiert mit ausladender Gestik.
Das Erlebnis
mit dem berühmten Operettenkünstler Müller Rosé im Wiesbadener Theater scheint
den Jungen zu schocken. Wie kann ein so beliebter Sänger und Schauspieler,
fragt er sich, in Wirklichkeit so hässlich sein? Da gibt es für Felix nur eine
Erklärung: Die Menschen wollen getäuscht werden. Womit wir beim Thema des
Abends sind. Pichler glänzt in dieser Sequenz durch Sprachderbheit, dem
vorliegenden Text gemäß, aber vor allem durch Mimik und Tonfall an der Grenze
des Geschmackvollen kratzend. Schaurig schön und gruselig für alle Ästheten.
Krull
entschließt sich, der Schule fern zu bleiben. Er hat bereits das Geschäft des
Scheins und der Lüge voll im Griff. Seine „Schulkrankheit“ wird zwar
durchschaut, aber seine Abneigung gegen alles Plumpe, Herkömmliche und Banale
respektiert. Herrliche Textstellen, immer noch aus dem ersten Buch, führen in
die Kaserne zur militärischen Musterung. Ein erster Höhepunkt im Buch, wie auch
für die Darstellerin und Vorleserin. Krull hält den militärisch-medizinischen
Komplex zum Narren. Er will Soldat werden, kann (möchte) aber nicht. Am Ende
der Untersuchung fällt er in einen epileptischen Zustand und wird ausgemustert.
Krull scheint untröstlich, hat aber sein Ziel erreicht: Nie Soldat zu werden.
Hier läuft ein Film der Extreme ab. Pichler entkleidet sich, zum Schein, fällt
zunehmend in einen verwirrten Zustand, changiert zwischen Himmel hoch jauchzend
und zu Tode betrübt und fällt schließlich in ein kurzzeitiges Koma. Man glaubt
es nicht, eine Reality-Show erster Güte und dazu noch von ausgesprochen
sprachlicher Eleganz. Wie geht das zusammen? Glücklicherweise ist die Pause
dazwischen, in der die Protagonistin neue Kräfte sammeln kann.
Felix Krull ist jetzt auf der Fahrt nach Paris, wo er als Liftboy in einem Grand-Hotel unterkommen soll (Es ist der Wille seines Paten Schimmelpreester). Bekanntlich klaut er einer feinen Dame das Schmuckkästchen (er nennt den Akt „ein Geschehen“) und findet im besagten Hotel als Armand die Dame wieder, die ihn zwar nicht erkennt, aber sich auf der Stelle in ihn verliebt. Madame Houpflé alias Diane Philibert, sie ist nämlich Schriftstellerin, vernascht den jungen Mann nach allen Regeln der Kunst. Sogar sein Geständnis, er habe ihr das Schmuckkästchen entwendet, macht sie noch mehr an. Jetzt wird er in ihren Augen zum Hermes, dem Gott der Diebe, mit der Aufforderung, sie in ihrem Beisein zu bestehlen, denn das mache sie außerordentlich gereizt und sexuell stimuliert. Felix Krull ist bereits mitten im Wahnsinn, in der Welt des Absurden angelangt, dafür aber reich, ja wohlhabend.
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| Chris Pichler (Archiv-Foto: Chris Pichler) |
Eine
exquisite Tirade, die Amor in den Schatten stellt
Hier endet
das Rezital. Die Liebesgeschichte ist leider nicht in Worte zu fassen. Was Pichler
hier auf die Bühne bringt ist einfach unaussprechlich. Sie beherrscht das
vulgär Französische wie das deutsch Verführerische. Sie ist Felix Krull und
Diane Philibert zusammen, sie kredenzt einen Liebesakt, oder besser ein
sexuelles Begehren, das alle Register überschreitet. Sprache, Mimik, Gestik und
Schauspielerei amalgamieren zum Abschluss zu einer exquisiten Tirade, die Amor
in den Schatten stellt.
Die
Geschichte aber geht weiter. Wie sagte Thomas Mann ebenfalls noch: „vielleicht
sind sie (die Geschichten des Felix Krull) 'zum unendliche Sehnsucht' erregenden Fragment geboren.“ (Zitat aus dem Buch) Recht hat
er. Felix Krull lebt noch heute irgendwie in jedem von uns. Das Buch braucht
insofern keinen Abschluss und Chris Pilcher wie auch ihr begleitendes
Oktett haben den Nagel des aktuellen geistigen Zustandes der Gesellschaft mit
erfrischendem Humor auf den Kopf getroffen.



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