127. Internationale Maifestspiele in Wiesbaden vom 30.04 bis zum 31.05.2023
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| Faun (Foto: Gregory Bartardon) |
Großer
Tanzdoppelabend
Wie fast
schon üblich für die internationalen Maifestspiele in Wiesbaden, gehören die
Ballettabende zu den Highlights des Festivals. So auch der Tanzdoppelabend mit
der Companie des Grand Théâtre de Genève mit Faun (2009)
und VΪA (2023). Letzteres erfuhr seine Uraufführung erst vor
einem Monat in Genf.
Der Faun
und die Nymphe
Faun (2009), eine Produktion des
Choreographen und Ballettdirektors des Grand Théâtre, Sidi Larbi Cherkaoui (*1976),
eine Gallionsfigur in der Szene, hat die Aufsehen erregende Choreographie des
legendären Vaslav Nijinsky (1889-1950) im Jahre 1912, nach der Musik von Claude
Debussys Préludes à l´aprés-midi d´un faune (1894), zum Anlass genommen,
diese skandalumwitterte Version (Nijinsky soll angeblich eine Selbstbefriedigungsszene
imitiert haben) neu zu interpretieren, ja genau genommen neu zu erfinden.
Tatsächlich lässt er die Musik Debussys zweimal durch kompositorische Einschübe
von Nitin Sawhney (* 1964), einem britischen Musiker mit indischer
Herkunft, ergänzen, was, das sei vorweggenommen, der Version Debussys keinen
Abbruch einbringt, sondern eher Unschuld und Begehren des erotisierten Fauns gegenüber
der scheuen Nymphe musikalisch verstärkt. Orientalisch-afrikanische Sequenzen sind
dabei unüberhörbar und Debussy, das weiß man, hat sich zeitlebens mit der
asiatischen wie auch afrikanischen Folklore auseinandergesetzt und Elemente
davon in seine Musik eingebaut.
Die beiden Tänzer, deren Namen wohl bewusst nicht genannt werden, glänzten von Anfang an durch großartige Technik und geschmeidige Bewegungen. Nach kurzen solistischen Einlagen nähern sich die beiden Antipoden langsam ihrem Gegenüber, dazwischen herrliche Fuß- und Körperspiele, um sich schließlich zu vereinen. Eine knapp 15-minütige „Balz“ von ausnehmender Schönheit, unterstützt durch eine passende Licht- und Szenenchoreographie von Adam Carrée, der an vielen Projekten von Cherkaoui beteiligt ist.
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| Faun (Foto: Gregory Bartardon) |
Liebesidyll
oder erotisches Spiel
Dennoch ein Einwand: Bekanntlich steht L´apres midi d´un faun auf den Spielplänen zahlreicher Ballett-Ensembles und ist immer wieder einmal neu aufgelegt worden. Vielleicht die bekannteste und authentischste darunter die von Sasha Waltz (*1963) von 2013. Cherkaouis Neuerfindung hat zwar durchaus seinen Reiz, ist aber ein wenig zu süßlich und geht eher als Liebesidyll durch denn als erotisches Spiel. Der Faun aber versinnbildlicht den gehörnten und bocksfüßigen Waldgeist, der seiner ungezügelten sexuellen Triebhaftigkeit freien Lauf lässt, während die Nymphe, eine Naturgottheit niederen Ranges, die Unschuld und Reinheit verkörpert. All das wird zwar musikalisch zum Ausdruck gebracht, aber choreographisch leider weniger.
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| VΪA (Foto: Gregory Bartardon) |
Zwischen
Hip-Hop und Ritual
VΪA ist
die neueste Kreation des französisch-marokkanischen Choreographen Fouad Boussouf
(*1976), der mit zwölf Tänzerinnen und Tänzern des Ballet du Grand Théâtre de Genève eine gut einstündige ritualisierte Performance zwischen Hip-Hop,
afrikanischer Tradition und ausgelassener Lebensfreude hinzauberte. Dabei
unterstützte ihn der schweizerische Installationskünstler Ugo Rondinone,
die Kostümbildnerin Gwladys Duthil, der Licht Designer Lukas Marian
sowie der französische Komponist Gabriel Majou.
Ein perfektes Farbenspiel mit den Grundfarben rot, blau und gelb, ein Kleiderspiel von roten Kutten, über blaue Hosenanzüge bis zu hautengen gelben Gymnastik-Outfits. Dazu eine elektronische Musik in 80er-Hip-Hop-Beats und zunächst düsterer Klangflächen, die sich in ekstatische Höhen und Lautstärken hochschraubten. Der Puls wechselte von achtzig auf einhundertsechzig Beats, während die Akteure wild, aber kontrolliert ihre Partien zwischen Yoga, Tai-Chi, Capoeira, Taekwondo oder anderen individuellen Vorlieben auswählten. Dazwischen aber Gruppentänze vom Feinsten, synchron und makellos. Man war immer wieder an eine ritualisierte Szenerie erinnert, vor allem dann, wenn einzelne Tänzer aus der Reihe tanzten und exzentrische eigenwillige Bewegungen vollführten.
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| VΪA (Foto: Gregory Bartardon) |
Die
letzte Haut zur Freiheit
Ruhepunkte
sorgten für ein Durchatmen, man formte Skulpturen (Ugo Rondinone lässt grüßen),
blütenähnliche Formationen, spielte mit dem Schatten und zog zu Orgelklängen,
einem Choral ähnlich, in zeitlupenartigen Bewegungen symbolisch die letzte Haut,
oder auch den letzten Panzer vom Körper. Ein Tor zur Freiheit? Beeindruckend
das Gelb in Gelb, welches als letzte Farbkombination das Leben, die Lust oder
auch den Sinn des Rituals symbolisieren sollte. Eine lange, sehr lange Sequenz
innerhalb der Performance. Wie in Trance, für Manche möglicherweise wie ein meditativer
Abschluss der kraftraubenden sehr intensiven Performance, die nicht allein vom
Tanz, sondern ebenso vom Farb-, Licht- und Kostümkontrast, aber auch von einer
pochenden, ja fast aufdringlich-übergriffigen Musik gestaltet wurde, die Niemandem
erlaubte, auszusteigen. Eine leider viel zu ausgedehnte Coda endete schließlich
im Raunen einer ersterbenden Musik und im Dunkel des Unsichtbaren.
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| VΪA (Foto: Gregory Bartardon) |
Großer Beifall. Aus Erschöpfung oder voller Begeisterung, das sei dahingestellt. Die Companie ersetzte den Vorhang durch Tanz und Hip-Hop-Beats. So geht´s auch.


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