Ensemble Modern, Werke von Georges Aperghis, Vladimir Tarnopolski und Rebecca Saunders, musikalische Leitung Bas Wiegers, Alte Oper Frankfurt, 12.05.2023
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| Ensemble Modern (Foto: Karin Schilling) |
Ein
spannendes Trio
Ein spannendes
Trio renommierter zeitgenössischer Komponisten gestaltete diesen Abend im Mozartsaal
der Alten Oper Frankfurt, natürlich, wie sollte es anders sein, großartig musikalisch
inszeniert vom Ensemble Modern, das in vollständiger Besetzung zwei Uraufführungen
und eine neue Komposition präsentierte.
Es handelt sich um Georges Aperghis´ (*1945) Hopse (2022), um Vladimir Tarnopolskis (*1955) Over Drive (2023) sowie um Rebecca Saunders´ (*1967) vor wenigen Tagen fertiggestelltes Werk Skull (2023).
Ein
intensives Vorgespräch mit zwei unterschiedlichen Komponisten
In einem
kurzen, aber intensiven Vorgespräch, das die Mitglieder des Ensembles, Eva
Böcker und Christian Hommel mit den Komponisten Georges Aperghis und
Vladimir Tarnopolski führten, konnte man bereits die Absicht und Beweggründe
der beiden Meister ihres Faches erfahren. der griechisch französische Aperghis (das Interview wurde in Französisch
geführt) hob seine Affinität zum Theater heraus und meinte, in der Welt der Kinder,
denn Hopse meint nichts weiter als das weltweit bekannte Hüpfspiel
Himmel und Hölle (im Französischen Marelle), wo nach einer bestimmten
Reihenfolge der Felder die Kinder ihre eigene Welt erfahren, sei Kreativität
und Optimismus der Schlüssel ihres Tuns. Sein Schlusswort bemerkenswert: „Nehmen
sie diese Musik als Ablenkung vom zurzeit traurigen Spiel auf dieser Welt“.
Der aus Russland stammende und in München lebende Vladimir
Tarnopolski wurde von
Christian Hommel mehr zu seiner aktuellen Situation als zu seiner Musik
befragt. Er berichtete von seiner schwierigen Ausreise aus seiner Heimat nach
Beginn der russischen Militäraktion gegen die Ukraine (seit April 2022 lebt er
München), er musste alles zurücklassen und weiß nicht, wie es in Zukunft
weitergehen soll. Er fühle sich zerrissen als Russe sowie als bekennender Pazifist.
Nur in seiner Musik könne er seinen Widerstand gegen Gewalt und Ungerechtigkeit
zum Ausdruck bringen. Insofern sei Over Drive, 2020 als temperamentvolles
Jubiläumsgeschenk zum 40-jährigen Bestehen des Ensemble Modern geschrieben, von
ihm neu konzipiert worden. In Zeiten des Krieges und der weltweiten
Krisensituation herrsche jetzt Maschinen- und Sirenengeheul, extreme
Lautstärken und wilde Exzesse vor. Eine musikalische Anklage, so wie Dimitri Schostakowitsch
(1906-1975) seine letzten Werke verstanden wissen wollte.
Die aus Great Britain stammende Rebecca Saunders konnte leider die Uraufführung ihres Werkes nicht persönlich miterleben. Eva Böcker charakterisierte ihre Neukomposition mit den Worten, treffend und kurz: Ein lyrisch dunkles Werk mit großen Spannungsbögen und langen Tonfolgen, meist im Pianissimo gehalten.
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| Georges Aperghis (Foto: Kai Bienert) |
Wie schön
kann Tohuwabohu sein
Hopse konnte zwar nicht so recht vom traurigen Spiel auf dieser Welt ablenken, dafür war es zu chaotisch. Man war an die Katzenmusik der Straßenmuskanten im Mittelalter erinnert, viel Lärm und ein großes Durcheinander. Es dominierten flotte, treibende Tonfolgen, extreme Amplitudenwechsel, Cluster und mikrotonales Geheul. Dazu rhythmisch komplexe Folgen ohne Zentrum und Halt, das lediglich durch den Dirigenten, Bas Wiegers, mit konsequenter Takt- und Einsatzgebung zusammengehalten wurde. Der perkussive Einsatz diverser Geräuschmittel bis hin zum finalen Einsatz der Celesta tat sein Übriges. Der Spaß, wenn überhaupt, lag bei der Spielfreude der 18 Instrumentalisten. Wie schön kann doch das Tohuwabohu eines kindlichen Spiels sein.
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| Vladimir Tarnopolski (Foto: Archiv: Staatsoper Stuttgart) |
Ein
vierminütiger Weckruf
Over
Drive,
Neubearbeitung 2023 und insofern eine Uraufführung, wurde mit einem heftigen Trommelreiben
und lautem Aufbäumen der Blechbläser (Trompete, Horn, Posaune) eröffnet. Die permanent
eingesetzten Glissandi sorgten für höchste Spannung und wilde Aufgebrachtheit. Gefahr
im Verzuge schien das Motto dieses vierminütigen Weckrufs. Ein extrem
aufreizendes Violinsolo, perfekt von Jagdish Mistry inszeniert, und vom
Posaunisten Antonio Jimenez Marin fortgesetzt fand sein Ende in hellsten
Flageoletts der Streicher, ähnlich eines Insektenschwarms, der sich ins Nirwana
zurückzieht.
Ein
Schädel voll tiefer Stille
Skull, im Deutschen Schädel, könnte eine Metapher für den Denkprozess sein, den Rebecca Saunders zum Kern ihrer kompositorischen Tätigkeit erkoren hat. Ihr geht es in diesem sehr auegedehnten Werk von gut 35 Minuten Dauer, vor allem um die Erforschung „sonorischer Tiefenschichten“, wozu sie die klanglichen Möglichkeiten der Instrumente ausreizt um zu neuen Klangebenen, sie nennt es Klangwelten, zu gelangen. Diesem ausgesprochen geistreichen Werk hat sie ein Zitat des japanischen Romanautors Haruki Murakami (*1949) vorangestellt: Der Schädel ist von einer tiefen Stille umgeben, die wie das Nichts selbst wirkt. Die Stille liegt nicht an der Oberfläche, sondern wird wie ein Lächeln im Inneren festgehalten.“
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| Rebecca Saunders (Foto: Ensemble Modern) |
Der
Hammer des Zeus
Diese
philosophischen Worte sind für Rebecca Saunders Programm. Zunächst verbleiben
die 15 Instrumentalisten im dreifachen Pianissimo trotz Dominanz von
Bassklarinette (Jaan Bossier), Trompete (Sava Stoianov),
Horn (Saar Berger) und E-Gitarre (Steffen Ahrens). Eine KORG BX3
Orgel mit idealem Sound zwischen Theremin und echter Orgel von Ueli Wiget
und Hermann Kretzschmar mit großer Sorgfalt bedient, tut ihr Übriges.
Eine farbige
Landschaft mit langen raumgreifenden Linien und Bögen versetzt den Hörer in
einen meditativen Zustand. Erst nach gefühlt 15 Minuten öffnet sich die Textur
zur Oberfläche. Es wird laut, Blitz und Donner, ja der Hammer des Zeus schlagen
gewaltig zu. Ein ständiges Aufbäumen und Ein-wieder-in-sich-zurückfallen
beherrscht das Klangbild. Posaune, Klarinette, Trompete und Horn führen das
Spiel, gemeinsam mit den beiden Perkussionisten, Reiner Romer und David
Haller, die die Tiefenschichten mit gnadenloser Härte offenlegen.
Tolle
Werke und ein unergründliches Lächeln
Dann geht es
wieder zurück in die Stille des Schädels. Die Glissandi führen jetzt abwärts,
viele Fermaten und fragmentierte Tonfolgen bestimmen das Bild. Hier sei noch
einmal Murakami zitiert: „Es (das Lächeln sic.) ist unergründlich, ewig, eine
körperlose Vision, die auf einen Punkt im Nichts geworfen wird.“ Lassen wir es
sacken. Ein tolles Werk und eine brillant schöne Interpretation des Ensemble
Modern mit dem überzeugendem Dirigat von Bas Wiegers auf jeden Fall.
Wie
überhaupt wieder einmal der gut besetzte Mozart Saal der Alten Oper ein großes
Fest der Neuen, zeitgenössischen Musik erleben durfte.




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