Samstag, 13. Mai 2023

Ensemble Modern, Werke von Georges Aperghis, Vladimir Tarnopolski und Rebecca Saunders, musikalische Leitung Bas Wiegers, Alte Oper Frankfurt, 12.05.2023

Ensemble Modern (Foto: Karin Schilling)

Ein spannendes Trio

Ein spannendes Trio renommierter zeitgenössischer Komponisten gestaltete diesen Abend im Mozartsaal der Alten Oper Frankfurt, natürlich, wie sollte es anders sein, großartig musikalisch inszeniert vom Ensemble Modern, das in vollständiger Besetzung zwei Uraufführungen und eine neue Komposition präsentierte.

Es handelt sich um Georges Aperghis´ (*1945) Hopse (2022), um Vladimir Tarnopolskis (*1955) Over Drive (2023) sowie um Rebecca Saunders´ (*1967) vor wenigen Tagen fertiggestelltes Werk Skull (2023).


Ein intensives Vorgespräch mit zwei unterschiedlichen Komponisten

In einem kurzen, aber intensiven Vorgespräch, das die Mitglieder des Ensembles, Eva Böcker und Christian Hommel mit den Komponisten Georges Aperghis und Vladimir Tarnopolski führten, konnte man bereits die Absicht und Beweggründe der beiden Meister ihres Faches erfahren. der griechisch französische Aperghis (das Interview wurde in Französisch geführt) hob seine Affinität zum Theater heraus und meinte, in der Welt der Kinder, denn Hopse meint nichts weiter als das weltweit bekannte Hüpfspiel Himmel und Hölle (im Französischen Marelle), wo nach einer bestimmten Reihenfolge der Felder die Kinder ihre eigene Welt erfahren, sei Kreativität und Optimismus der Schlüssel ihres Tuns. Sein Schlusswort bemerkenswert: „Nehmen sie diese Musik als Ablenkung vom zurzeit traurigen Spiel auf dieser Welt“.

Der aus Russland stammende und in München lebende Vladimir Tarnopolski wurde von Christian Hommel mehr zu seiner aktuellen Situation als zu seiner Musik befragt. Er berichtete von seiner schwierigen Ausreise aus seiner Heimat nach Beginn der russischen Militäraktion gegen die Ukraine (seit April 2022 lebt er München), er musste alles zurücklassen und weiß nicht, wie es in Zukunft weitergehen soll. Er fühle sich zerrissen als Russe sowie als bekennender Pazifist. Nur in seiner Musik könne er seinen Widerstand gegen Gewalt und Ungerechtigkeit zum Ausdruck bringen. Insofern sei Over Drive, 2020 als temperamentvolles Jubiläumsgeschenk zum 40-jährigen Bestehen des Ensemble Modern geschrieben, von ihm neu konzipiert worden. In Zeiten des Krieges und der weltweiten Krisensituation herrsche jetzt Maschinen- und Sirenengeheul, extreme Lautstärken und wilde Exzesse vor. Eine musikalische Anklage, so wie Dimitri Schostakowitsch (1906-1975) seine letzten Werke verstanden wissen wollte.

Die aus Great Britain stammende Rebecca Saunders konnte leider die Uraufführung ihres Werkes nicht persönlich miterleben. Eva Böcker charakterisierte ihre Neukomposition mit den Worten, treffend und kurz: Ein lyrisch dunkles Werk mit großen Spannungsbögen und langen Tonfolgen, meist im Pianissimo gehalten.

Georges Aperghis (Foto: Kai Bienert)

Wie schön kann Tohuwabohu sein

Hopse konnte zwar nicht so recht vom traurigen Spiel auf dieser Welt ablenken, dafür war es zu chaotisch. Man war an die Katzenmusik der Straßenmuskanten im Mittelalter erinnert, viel Lärm und ein großes Durcheinander. Es dominierten flotte, treibende Tonfolgen, extreme Amplitudenwechsel, Cluster und mikrotonales Geheul. Dazu rhythmisch komplexe Folgen ohne Zentrum und Halt, das lediglich durch den Dirigenten, Bas Wiegers, mit konsequenter Takt- und Einsatzgebung zusammengehalten wurde. Der perkussive Einsatz diverser Geräuschmittel bis hin zum finalen Einsatz der Celesta tat sein Übriges. Der Spaß, wenn überhaupt, lag bei der Spielfreude der 18 Instrumentalisten. Wie schön kann doch das Tohuwabohu eines kindlichen Spiels sein.

Vladimir Tarnopolski (Foto: Archiv: Staatsoper Stuttgart)

Ein vierminütiger Weckruf

Over Drive, Neubearbeitung 2023 und insofern eine Uraufführung, wurde mit einem heftigen Trommelreiben und lautem Aufbäumen der Blechbläser (Trompete, Horn, Posaune) eröffnet. Die permanent eingesetzten Glissandi sorgten für höchste Spannung und wilde Aufgebrachtheit. Gefahr im Verzuge schien das Motto dieses vierminütigen Weckrufs. Ein extrem aufreizendes Violinsolo, perfekt von Jagdish Mistry inszeniert, und vom Posaunisten Antonio Jimenez Marin fortgesetzt fand sein Ende in hellsten Flageoletts der Streicher, ähnlich eines Insektenschwarms, der sich ins Nirwana zurückzieht.

 

Ein Schädel voll tiefer Stille

Skull, im Deutschen Schädel, könnte eine Metapher für den Denkprozess sein, den Rebecca Saunders zum Kern ihrer kompositorischen Tätigkeit erkoren hat. Ihr geht es in diesem sehr auegedehnten Werk von gut 35 Minuten Dauer, vor allem um die Erforschung „sonorischer Tiefenschichten“, wozu sie die klanglichen Möglichkeiten der Instrumente ausreizt um zu neuen Klangebenen, sie nennt es Klangwelten, zu gelangen. Diesem ausgesprochen geistreichen Werk hat sie ein Zitat des japanischen Romanautors Haruki Murakami (*1949) vorangestellt: Der Schädel ist von einer tiefen Stille umgeben, die wie das Nichts selbst wirkt. Die Stille liegt nicht an der Oberfläche, sondern wird wie ein Lächeln im Inneren festgehalten.“

Rebecca Saunders (Foto: Ensemble Modern)

Der Hammer des Zeus

Diese philosophischen Worte sind für Rebecca Saunders Programm. Zunächst verbleiben die 15 Instrumentalisten im dreifachen Pianissimo trotz Dominanz von Bassklarinette (Jaan Bossier), Trompete (Sava Stoianov), Horn (Saar Berger) und E-Gitarre (Steffen Ahrens). Eine KORG BX3 Orgel mit idealem Sound zwischen Theremin und echter Orgel von Ueli Wiget und Hermann Kretzschmar mit großer Sorgfalt bedient, tut ihr Übriges.

Eine farbige Landschaft mit langen raumgreifenden Linien und Bögen versetzt den Hörer in einen meditativen Zustand. Erst nach gefühlt 15 Minuten öffnet sich die Textur zur Oberfläche. Es wird laut, Blitz und Donner, ja der Hammer des Zeus schlagen gewaltig zu. Ein ständiges Aufbäumen und Ein-wieder-in-sich-zurückfallen beherrscht das Klangbild. Posaune, Klarinette, Trompete und Horn führen das Spiel, gemeinsam mit den beiden Perkussionisten, Reiner Romer und David Haller, die die Tiefenschichten mit gnadenloser Härte offenlegen.

 

Tolle Werke und ein unergründliches Lächeln

Dann geht es wieder zurück in die Stille des Schädels. Die Glissandi führen jetzt abwärts, viele Fermaten und fragmentierte Tonfolgen bestimmen das Bild. Hier sei noch einmal Murakami zitiert: „Es (das Lächeln sic.) ist unergründlich, ewig, eine körperlose Vision, die auf einen Punkt im Nichts geworfen wird.“ Lassen wir es sacken. Ein tolles Werk und eine brillant schöne Interpretation des Ensemble Modern mit dem überzeugendem Dirigat von Bas Wiegers auf jeden Fall.

Wie überhaupt wieder einmal der gut besetzte Mozart Saal der Alten Oper ein großes Fest der Neuen, zeitgenössischen Musik erleben durfte.              

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