Dienstag, 23. Mai 2023

9. Sinfoniekonzert der Frankfurter Museumsgesellschaft, Leitung: Sebastian Weigle, Klavier: Kit Armstrong, Alte Oper Frankfurt, 22.05.2023 (eine Veranstaltung der Frankfurter Museumsgesellschaft e.V.)

Sebastian Wiegle (Foto: Barbara Aumüller)

Große Innovatoren des 19. Jahrhunderts

Es sollte, so die Ansage, das letzte Konzert unter der Leitung von Sebastian Weigle (*1961) sein, der mit dem Ende der diesjährigen Saison Frankfurt, und damit das Opern- und Museumsorchester in Richtung Japan verlassen wird. Das allerdings ohne jeglichen Pomp und lange Lobeshymnen, sondern ausschließlich durch reine musikalische Qualität. Einige Worte des Abschieds hätte man sich dennoch gewünscht. Weigle wählte für diesen finalen Auftritt Werke von Richard Wagner (1813-1883), Franz Liszt (1811-1886) und Camille Saint Saëns (1835-1921) – drei Komponisten, die das 19. Jahrhundert prägten und vor allem die Moderne einleiteten – und machte deutlich, dass sein Schwerpunkt in der Spätromantik, im Symphonischen und vor allem im Dramatischen liegt

 

Ein wahres Tongedicht – Einsamkeit und Seelenqualen

Der Abend im Großen Saal der Alten Oper (leider nicht sonderlich gut besucht) begann mit Wagners Faust Ouvertüre WWV 59, ein Frühwerk, das der Komponist im Winter 1840 in Paris fertigstellte, es 1843 und 1855 überarbeitete, und dessen letzte Version 1855 in Zürich uraufgeführt wurde. Eigentlich ein Torso, denn das Werk sollte ursprünglich eine Symphonische Dichtung im Stil von Hector Berlioz´ Romeo und Julia (1839) oder auch Franz Liszts Faust Sinfonie (1854) werden. Übrig blieb stattdessen eine Ouvertüre von knapp dreizehn Minuten, die allerdings vieles von Wagners späteren Meisterleistungen erahnen lässt. Ein Tongedicht im wahrsten Sinne mit leitmotivischem Charakter, die Fausts Pakt mit dem Teufel, seine fatale Liebschaft mit Gretchen und sein Streben nach dem Sinn des Daseins in wenigen musikalischen Zügen schildert. Die Kritiken der UA waren euphorisch. So meinte zum Beispiel der russische Komponist Peter Tschaikowski (1840-1893), sie sei „eines der ausgezeichnetsten Werke der deutschen symphonischen Literatur“ und Hans von Bülow (1830-1894), Wagner Adept und Ausnahmepianist, schrieb, die Ouvertüre beschreibe „das Leiden allgemein menschlichen Inhalts“.

Das Frankfurter Museumsorchester in voller Größe (gut 80 Instrumentalisten) fand nach anfänglichen Stockungen (Tuba und Kontrabässe klapperten sich ins Geschehen) alsbald in die Atmosphäre von Fausts „Einsamkeit“ und konnten die Seelenqualen des Protagonisten vor allem in der Schlusssequenz beeindruckend darstellen.

Kit Armstrong (Foto: Hamburger Abendblatt)

Zwischen romantischer Innigkeit und diabolischer Dramatik

Dann erschien der Star des Abends, Kit Armstrong (*1992), mittlerweile nicht mehr zu den herausragenden Talenten in diesem Metier zählend (Der Pianist und Bauchautor Sir Alfred Brendel nannte ihn die größte Begabung, der er je begegnet sei), und wagte sich an Franz Liszts 2. Klavierkonzert A-Dur. Auch dieses Werk erfuhr mehrere Metamorphosen, bevor es endgültig, nach fast 18-Jahre langer Entwicklungsdauer, 1857 im Weimarer Hoftheater unter dem Dirigat des Komponisten und dem Klaviersolisten Hans von Bronsart (1830-1913) uraufgeführt werden konnte.

Armstrong, ein fast zerbrechlich wirkender, völlig unprätentiös auftretender Tastenkünstler, stieg sehr lyrisch in das Concerto Symphonique (so nannte es Liszt zumindest) ein und formte seine erste Kadenz ausgesprochen verhalten in romantischer Innigkeit, fast Schubertinanisch. Aber bereits hier erwies sich das Orchester als zu gewaltig und der Anschlag des Künstlers als zu filigran, um dem riesigen Klangkörper Paroli bieten zu können. Das einteilige, gut 22 Minuten dauernde Werk, fordert vom Solisten wie vom Orchester größte Innen- wie Außenspannung. Es changiert zwischen Dämonie und tiefer Liebe, zwischen verschlagenem Teufel und tiefgläubigem Mönch, zwischen Poesie und eruptiver Dramatik. Eigentlich ein biographisches Selbstbildnis des Komponisten höchstpersönlich.

 

Gewaltige Übermacht gegen Lasst-mich-auch-mal-ran

Armstrongs technische und pianistische Brillanz ist unbestritten, konnte er doch die Dominanz des viel zu lauten Orchesters nicht durchbrechen. Die unglaublich virtuosen Passagen wurden vom Tutti oft überdeckt und die Kadenzen der in sich verschachtelten Sätze wirkten oftmals wie ein Versuch, der gewaltigen Übermacht ein Lasst-mich-auch-mal-ran entgegenzusetzen.

Das Publikum war dennoch begeistert, ist Armstrong doch ein höchst sympathischer Mensch und seit vielen Jahren ein gern gesehener Gast in Frankfurt. Seine Museums Residenz (die an diesem Abend sein Ende fand) mit Museums Salon, Kammerkonzerten, Sinfoniekonzerten, Familienkonzert und eigenen Kompositionen sind der lebendige Beweis dafür. Interessant in diesem Zusammenhang seine kurze Zugabe: Ein kleines Klavierstück von Franz Liszt, ohne Werkangabe, vermutlich eine Idee am Frühstückstisch. Ein Kinderspiel auf den Tasten, in simpler Zweistimmigkeit. Vielleicht ein Hinweis auf Armstrong Seelenleben? Jedenfalls gefällt er mehr als Kammerspieler, denn als Konzertpianist.

Frankfurter Opern- und Museumsorchester (Foto: Jürgen Friedel)

Ein Eklektiker mit Freiheitsdrang

Das Finale des Konzertabends sollte noch einmal das gesamte Repertoire des Orchesters wie des Dirigenten mit der 3. Sinfonie c-Moll op.78. (1885/86), genannt die „Orgelsinfonie“, von Camille Saint Saëns zum krönenden Abschluss gebracht werden. Camille Saint Saëns war ein Kosmopolit, der die verschiedenen Kulturen der Welt in seine Musikwerke packte, sich als Eklektiker verstand und mit mehr als 300 Werken bis heute die Nachwelt beglückt.

Seine Orgelsinfonie gehört dazu. Dass Saint Saëns auch zu den besten Organisten seiner Zeit gehörte, das ist weniger bekannt. Von 1858 bis 1877 spielte er die Orgel an der Pariser Èglise de la Madelaine und keine geringerer als Franz Liszt nannte ihn den besten Organisten der Welt. Ihm hat er denn auch diese Sinfonie gewidmet. Zustande allerdings kam sie aus anderen Gründen. Seinen Impuls hierfür erhielt er aus Großbritannien, wo bereits Konzertsaal Orgeln existierten und der Sekretär des London Philharmonic Society, Francesco Berger (1834-1933), ihn zu einem dieser Konzerte einlud und ihn bat, ebenfalls eine Sinfonie mit integrierter Orgel zu schreiben. Gefragt, getan. Saint Saëns schrieb an Berger: „Die Arbeit an der Symphonie ist in vollem Gange. Aber ich warne Sie: Es wird ungeheuerlich.“

 

Ausgesprochen sakral und majestätisch

Tatsächlich schafft der Eklektiker ein zweisätziges, aber im eigentlichen Sinne viersätziges Monument von einzigartiger Qualität. Ein monothematisches Dies Irae von gut 35 Minuten Dauer, in dem die Orgel eher eine grundierende Wirkung erzeugt: eine zusätzliche Klangfarbe von ausgesprochener Sakralität und majestätischer Größe. Spärlich genutzt, lediglich im Poco Adagio des ersten Teils und dann im finalen Maestoso, fast ausschließlich mit akkordischem Basso continuo auf verschiedenen Registern und erst später mit treibender Motivik, die das Fugato des Schlussteils, das Allegro einleitet.

Ein gewaltiger Rausch zwischen Karneval, witziger Paul Dukas Verspieltheit und dramatischer Autoritätsanrufung. Leider aber auch hier die Orgeleinsätze oftmals zu laut. Und der vierhändige Klavierpart, zu Beginn des Maestoso, fällt vollkommen ins Wasser und wird gleichsam erdrückt von der gewaltigen Klangkraft der Orgel und des Orchesters.

 

„Ich habe alles gegeben, was ich geben konnte“

Insgesamt jedoch eine beeindruckende Vorstellung dieser außergewöhnlich eingängigen und nachhaltig wirkenden Sinfonie. Saint Saëns dazu: „Hier habe ich alles gegeben, was ich geben konnte.“ Übertragen auf Sebastian Weigle: Er hat alles gegeben, was er geben konnte.

Weigle, ursprünglich ein Berliner, mit Hochschulabschluss in Horn, Klavier und Dirigieren an der Hanns-Eisler-Uni in Berlin, leitet seit 2008/09 als Generalmusikdirektor das Frankfurter Opern- und Museumsorchester. Sein zukünftiges Handlungsfeld wird in Japan sein, wo er in Tokio seit 2019 Chefdirigent des Yumiuri Nippon Symphonic Orchestra ist. Ein Wahl-Frankfurter tritt ab, ohne Brimborium mit quasi leisen Sohlen. Danke, Danke, Danke.  

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