Sonntag, 28. Mai 2023

127. Internationale Maifestspiele in Wiesbaden vom 30.04 bis zum 31.05.2023

Gerade NOW, Choreographien von Marco Goecke und Martin Harriague, Premiere im Staatstheater Wiesbaden, 27.05.2023

Midnight Raga v. l.: Marcos Novais, Ramon John (Foto: De-Da Productions)

Außergewöhnliche Choreos von außergewöhnlichen Choreographen

Mit Marco Goecke (*1972) und Martin Harriague (*1986) hat das hessische Staatsballett zwei außergewöhnliche Choreographen engagieren können, die mit zwei mitreißenden Produktionen, die unterschiedlicher nicht sein können, das zeitgenössische Spektrum des Balletts auf spektakuläre Weise widerzuspiegeln verstehen. Marco Goecke mit einem Auftragswerk des Netherland Danse Theatre mit Midnight Raga (2017) und Martin Harriague mit der Uraufführung von Of Prophets and Puppets.


Zwischen Masochismus und Sadismus

Den Anfang machte Midnight Raga. Eine Zwei-Personen Performance, hier mit Ramon John und Marcos Novais (Mitglieder des hessischen Staatsballetts), nach der Musik von Ravi Shankar und Etta James. Goecke, ganz Exzentriker, vielfacher Kulturpreisträger und zurzeit wohl der erfolgreichste und auch bekannteste deutsche Choreograph, bot in diesem knapp zwölfminütigen Meisterstück die gesamte Palette tänzerischer Möglichkeiten, bis zur völligen Verausgabung und Grenzüberschreitung. Er selbst liebäugelt diesbezüglich sogar mit den Begriffen Sadismus und Masochismus: Die meisten Tänzer und Tänzerinnen wollen das so, meint er im Programminterview, „sie sind vielleicht ein wenig masochistisch … dann bin ich vielleicht in der Sache etwas sadistisch.“  

Tatsächlich bildeten Tanz, Musik, Licht (Udo Haberland) und Kostüme (Marco Goecke) ein absolut stimmiges Ensemble. Eine Bühne in Blautönen, dunkel aber immer mit raffiniert komponierten Lichtstimmungen. Die Hosen der beiden Tänzer weit, aus tiefblauem Satin und die Musik, ja die Musik: Sie bildete einen Höhepunkt ganz eigener Qualität. Einmal Ravi Shankars (1930-2012) Life-Auftritt auf Woodstock im Jahre 1969 mit einer Raga-Performance, die bis heute seine Bekanntheit im Westen trägt, und dann in der Fortsetzung ein Blues von Etta James (1938-2012), einer US-Ikone der 1968er, die mit dem Song I´d Rather Go Blind auf dem Jazzfestival 1975 in Montreux für Furore sorgte. Beide Musiken stehen für Aufbruch, Nonkonformismus, Trance und Trip der 68er Generation.

Midnight Raga v. l.: Ramon John, Marcos Novais (Foto: De-Da Productions)

Ein Rausch der Sinnlichkeit

Was die beiden Tänzer zu Leistungen ganz ungewöhnlicher Art animierte. Ihre Bewegungsmuster waren von Nervosität geprägt, schnell, adynamisch, hektisch, immer aber synchron zur Musik, was bei Shankar, dessen Raga, ohne erkennbaren Rhythmus mit einem fortlaufenden Bordun der Sitar, die Möglichkeiten für Borderline-Improvisationen bot. Solistisch bereits ein Genuss zuzuschauen, wird das folgende Duett vom typischen Rock-Blues der 70er Jahre untermalt: Ein Pas de Deux von beeindruckender Dichte und aufreibender Nähe. Die beiden Performer tanzten sich förmlich in einen Rausch der Sinnlichkeit, in einen fiktiven Liebesakt, dessen Verschmelzung von Goecke zu Recht mit dem Sprichwort des „jemanden auffressen können“ verglichen wird. Ein aufregendes Doppel von größer Intensität und fantastischen Bewegungseinfällen.    

Of Prophets and Puppets Daniel Myers (Foto: DE-Da Productions)

Zwei entgegengesetzte Charaktere mit eigener musikalischer Dynamik

Dann folgte Of Prophets and Puppets, eine Choreographie des jungen Franzosen Martin Harriague, der den Titel seiner Arbeit aus dem gleichnamigen Artikel des britischen Boulevard Blatts The Sun entnahm – ein Artikel über Greta Thunberg und der Frage ihrer wo möglichen Manipulation durch Industrie und Eltern – und daraus eine Show aus Tanz, Puppenspiel und Talk zimmerte, in der Donald Trump in einer fiktiven Begegnung mit der Klimahüpferin den künstlerischen Schwerpunkt setzte. Nicht aber die entgegengesetzten Charaktere reizten den umtriebigen Gestalter seiner Performance, sondern deren eigentümliche Sprachrhythmen und musikalische Dynamiken. Zwar wiederholt Thunberg am laufenden Band Shop Stop und ihre Rede vor der UNO Vollversammlung wird in rhythmischen Folgen rezipiert und Trump lässt das Money makes the world go round gepaart mit No Energy – no Plains durch den Äther brüllen, beide als Puppen auf der Bühne präsentiert, aber im eigentlichen Sinne geht es Harriague um den musikalischen Soundtrack, einer Musik des amerikanischen Funk der Siebziger Jahre (The Fearless Flyers alias Vulfpeck), einer Mischung aus Elektro Pop und Soul Music (Beispiel Parcels), elektronischer Geräuschmusik (Thomas Koner) oder auch pure Barock/Klassik von Johann Sebastian Bach (Italienisches Konzert) bis Gustav Mahlers Totenlieder.

Of Prophets and Puppets links hinter dem Pult: Daniel Myers, Kompanie des hessischen Staatsballetts 
(Foto: DE-Da Productions)

Glanz und Glitzer, schrill und tuntig

Dazu eine Talkshowatmosophäre wie sie vom Moderator Daniel Myers dargeboten: schrill, sexy-tuntig, spitzzüngig, surreal und weiß Gott schizophren, kaum noch zu überbieten war. Eine Wucht im Stil des amerikanischen Showidols Tucker Carlson, dazu noch ein Tänzer der Extraklasse. Eine Kompanie von fünf Tänzerinnen und Tänzern mit Broadway Einlagen von großer Brillanz komplettierte das 45-minütige Spektakel mit eleganten sportlich höchst anspruchsvollen Zwischentänzen, voller Glanz und Glitzer.

Of Prophets and Puppets links: Daniel Myers, Kompanie des hessischen Staatsballetts 
(Foto: DE-Da Productions)


Sprechpuppen verändern die Welt

Kitsch as Kitsch can, möchte man meinen, wenn, ja wenn nicht der Anspruch des Choreographen darin bestehe, politische, soziale wie ökologische Themen in seine Arbeit zu integrieren. Hier tat er es mit zwei Antipoden der westlichen Welt, die in einem fiktiven Treffen ihre Unversöhnlichkeit nicht besser demonstrieren können, als im Wiederholen des immer Gleichen (Sprechpuppen halteben). Ganz im Sinne des französischen Existentialanthropologen Jean Baudrillard (1929-2007) scheint die Welt lediglich noch aus der Repräsentation der Illusion statt der Wahrnehmung des Realen zu bestehen. Großartig in diesem Sinne die getanzte und verfremdete Rede der Thunberg vor der UNO Vollversammlung 2019 und die ungehobelten Ausfälle des Präsidenten Trump, begleitet von der Funk-Music der Fearless Flyers. Nachdenklich aber auch die Passagen, in der Trump die Thunberg auf den Arm nimmt (ein schwieriges, aber gelungenes Unterfangen der Tänzer mit den beiden Puppen) und vorsichtig auf den Boden legt. Dazu Johann Sebastian Bachs langsamer Satz aus dem Italienischen Konzert

Eine Satire endet melodramatisch mit der fiktiven Beerdigung der Thunberg, untermalt von den Totenliedern Gustav Mahlers. Alle Paare tanzen noch einmal ein bewegtes Pas de Deux und verschwinden im Dunkel des Bühnenhintergrunds.

Of Prophets and Puppets: Kompanie des hessischen Staatsballetts (Foto: DE-Da Productions)


Kitsch kann äußerst unterhaltsam sein

Ein vielschichtiges, satirisch geschärftes, von schwarzem Humor getränktes, unglaublich gut moderiertes, stark getanztes und perfekt choreographiertes Gesamtkunstwerk. Martin Harriague ist zweifelsohne ein Multitalent, der Bühne, Ausstattung, Licht und Performance in einer Person gestaltet, unterstützt allerdings von Mieke Kockelkorn und Arianna Di Francesco, ebenfalls aber zu nennen sind vor allem die beiden Beraterinnen der Puppenchoreographie, Caroline Kühner, sowie des Schauspiels, Sophie Pompe. Beide haben ganze Arbeit geleistet und dem Stück das Salz in der Suppe geliefert. Kein Lehrstück, dafür aber kann Kitsch wirklich äußerst unterhaltsam sein.

Der volle Kleine Saal des Staatstheaters Wiesbaden rastete förmlich aus und drohte auseinanderzubrechen. Es hat nicht viel gefehlt.

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