Wunderkammer, Michael Wollny, Klavier, Tamar Halperin, Cembalo, Kit Downes, Keyboard und Guy Sternberg, Elektronik, Naxoshalle, 02.06.2023

"Wunderkammer": Michael Wollny (Foto: Wonge Bergmann)
Eine
denkmalgeschützte Wunderkammer
Es ist das achte und letzte Konzert von und mit Michael Wollny (*1978) im Rahmen seiner Frankfurter Residenz 2022/2023 in der Alten Oper und eines der wohl abgefahrensten. Warum das? Einmal, weil wohl alle denkbaren Tasteninstrumente vertreten sind – zwei präparierte Klaviere, ein Flügel, eine Hammondorgel, ein Cembalo, eine Celesta, ein Keyboard (Akkordeon inbegriffen), ein Portativ (Örgelchen), ein Synthesizer sowie ein Glockenspiel. Alles das noch elektronisch verfeinert und perfekt Sound-designed. – und zum anderen, weil es quasi outgesourced in der Frankfurter Naxoshalle stattfand, einem denkmalgeschützten Gebäude aus der Gründerzeit mit ausnehmend schöner Akustik und überraschendem Ambiente.

"Wunderkammer": Michael Wollny, Kit Downes, Guy Sternberg (Foto: Wonge Bergmann)
Eine
Kammer der Raritäten und Kuriositäten
Wunderkammer, so Michael Wollny, ist ein Projekt, das er vor vierzehn Jahren entworfen hat und sich zur Aufgabe stellte, alle nur möglichen Tasteninstrumente in ein Werk zwischen Jazz, Klassik und Pop einzubauen. Eine Art Kammer der Raritäten und Kuriositäten sollte es sein, ein Kabinett der Intimitäten. Ursprünglich gedacht als Soloauftritt, wurde es doch sehr bald, auf einen Tipp des befreundeten israelischen Toningenieurs und Sound-Producers, Guy Sternberg, hin, ein Quartett des Außergewöhnlichen, der Seltenheiten. Ein Kabinett, in dem sich ein kleiner Kreis von Sachkundigen um den „König“ alias Michael Wollny schart. Hier sind es neben dem genannten Guy Sternberg noch die aus Israel stammende Cembalistin und Multitastenspezialistin, Tamar Halperin (*1976) sowie der britische Organist, Komponist und Jazzmusiker, Kit Downes (1986).

"Wunderkammer": Tamar Halperin (Foto: Wonge Bergmann)
Minimalismus
der Farben
Von den 10 Stücken, die das Quartett ohne Pause vorstellte, hatten nicht weniger als sechs den Titel Kabinett (1-6). Die anderen nannten sich Studioglas, Chur, Trio Interlude und Sagée (abgeleitet von Emilie Sagée, 1813- ?, einer Vertreterin des Paranormalen aus dem frühen 19. Jahrhundert. Sie konnte an mehreren Orten gleichzeitig sein und erregte deshalb größtes Aufsehen). Die Reihenfolge ist eigentlich egal, da alle Stücke vom Klang und der minimalistischen Struktur lebten, weitestgehend auskomponiert. Lange Ostinati wurden ausgeschmückt von kurzen Terz-Quart- oder auch Quint-Motiven, Taktwechseln und Rhythmusverschiebungen. Dazwischen wunderschöne Flächenstrukturen und eigenwillige Farbkombinationen zwischen dem Glockenklang der Celesta und dem trockenen Bass des Cembalos. Chur (Schweiz?), das an dritter Stelle gespielte Stück, bestand aus einem elektronisch komplexen Rhythmus und darüber gebauten Improvisationen von Flügel und Cembalo, in dreiteiliger Form, während Mezmer (abgeleitet von Kirchendiener?), an Nummer fünf gesetzt, eher aus Arpeggienwellen, ganz klassisch, und einem klar notierten Solo von Tamar Halperin bestand, wobei der elektronisch verfremdete hallische Klang des Instruments den Raum der Naxoshalle förmlich erbeben ließ. Auch wechselte man des Öfteren die Plätze der Kabinettstückchen, was auf die Vielseitigkeit der Akteure hinwies, aber auch die Geschlossenheit ihrer Musik.

"Wunderkammer": v. l.: Michael Wollny, Kit Downes, Guy Sternberg, Tamar Halperin
(Foto: Wonge Bergmann)
Verwunderung
– Wunder – Verstand
Ja, der Stil
erinnerte denn doch an die berühmten Minimalisten wie Steve Reich, Terry Riley
oder auch Philip Glass, die Ende des 20. Jahrhunderts diese musikalische
Ausdrucksweise begründeten und bis heute einen wichtigen Part in der Neuen
Musik spielen. Gut 70 Minuten lang wurde die gut besetzte Naxoshalle von diesem
Quartett in einen rauschhaften Klangraum gehüllt, mit hypnotischen und sphärischen
Elementen und großem farblichen Ideenreichtum, wobei der Einbau einer kratzenden
Vinylplatte von „Wunderkammer 2010“ nicht fehlen durfte. Dennoch, wie meinte
bereits René Descartes (1596-1650) im 17. Jahrhundert zu den Wunderkammer-Museen:
Zuviel an Verwunderung könne auch negativ sein, da es den Gebrauch des
Verstandes verhindere oder pervertiere (aus: Die Leidenschaften der Seele,
1649). Sei´s drum. Gerade in der Musik kann man kaum davon zu viel haben und in
diesen Zeiten kann auch mal der Verstand aussetzen. Das Auswärtsspiel der
Wunderkammer war auf jeden Fall ein voller Erfolg.
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