Mozarteumorchester Salzburg und der Bachchor Salzburg, musikalische Leitung: Andrew Manze, Sprecher: Klaus Maria Brandauer, Alte Oper Frankfurt, 23.05.2023
![]() |
| Mozarteumorchester Salzburg (Foto: Nancy Horowitz) |
Zwei
Werke von ungeheurer Strahlkraft
Ein
denkwürdiger Abend mit großartigen Künstlern, wunderbarer Musik und einem Klaus
Maria Brandauer (*1943) als Märchenerzähler, wie man sich einen solchen immer
schon gewünscht hat. Auf dem Programm stand die „Unvollendete“ 7. Sinfonie
D 759 von Franz Schubert (1797-1828) sowie der shakespearesche Sommernachtstraum
op. 61 in der musikalischen Version von Felix Mendelssohn Bartholdy (1809-1847).
Beide Werke von ungeheurer Strahlkraft und spekulativen, wie seltsamen
Geschichten, die um sie ranken.
Die
vollendete Unvollendete
Kommen wir zunächst zur „Unvollendeten“. Schubert schrieb sie bereits 1822, ließ sie allerdings, ganz im Gegensatz zu seinen sechs Vorgängern, die er kürzester Zeit schrieb, scheinbar unvollendet liegen. Warum? Das bleibt Spekulation. Lag es an der bis dahin ungebräuchlichen Tonart h-Moll? Lag es an seiner prekären finanziellen Lage, die ihn zu anderen Kompositionen zwang. Schließlich liebäugelte er mit einer Oper (Rosamunde), die ihm doch größere Reichtümer versprach. Oder – und das könnte ebenfalls sein – wollte er womöglich die Sinfonie gar nicht weiterführen (immerhin waren noch zwei Sätze angedacht) und hat sein zweisätziges Werk somit als vollendet betrachtet. Alles, wie gesagt Spekulation. Tatsächlich wird diese Sinfonie erst am 17.12.1865 im Redouten Saal der Wiener Hofburg uraufgeführt, nachdem die Partitur durch die Hände vieler „Sammler“ gegangen war, und zwei Jahre später vom Wiener Musikverlag Carl und Anton Spina unautorisiert mit der Bezeichnung Die Unvollendete versehen wurde. Tatsache ist aber auch, dass sie sofort das Publikum begeisterte und bis heute zu den meistgespielten Sinfonien dieser Welt gehört.
|
Auf zu
neuen musikalischen Levels
Was das Mozarteumorchester
unter der Leitung von Andrew Manze (*1965) aus diesem „Torso“
herauszauberte, war allerdings phänomenal. Ein spannungsgeladener Krimi, zunächst
von düsteren Linien der Kontrabässe und Celli im ersten Satz Allegro moderato
gezogen, hin zu höchst energetischen Ausbrüchen und wildem Gang durch die
Tonarten, zum Kontrast im zweiten Satz, einem Andante con moto von
gesanglicher Wärme und himmlischen Liebeserklärungen. Andrew Manze verstand es,
mit weit ausholenden Bewegungen und exzentrischer Körpersprache, ähnlich denen
eines Violinsolisten, das von der ersten Sekunde an bestens motivierte Orchester
mitzureißen und dem Werk romanhaften Touch zu verleihen. Auch wenn Schubert,
wie behauptet wird, immer unter der Dominanz Beethovens gelitten haben sollte,
mit dieser Unvollendeten hat er nicht nur gleichgezogen mit seinem Meister,
sondern ganz neue sinfonische Wege eröffnet. Das Mozarteumorchester öffnete
nicht allein die Türen dahin, sondern führte auch zu neuen musikalischen Levels.
Grandios.
Von der
Ouvertüre zur Bühnenmusik
Auch Mendelssohns musikalische Version des Sommernachtstraums ist von vielen Unterbrechungen durchzogen. Zunächst stand bereits 1827 die Ouvertüre auf dem Papier und hatte bereits großen Erfolg zu verzeichnen. Erst 17 Jahre später, 1843 nämlich, beauftragte ihn kein geringerer als Friedrich Wilhelm IV., daraus eine Bühnenmusik zu zaubern, die sich auf Anhieb zum Dauerbrenner entwickelte. Ouvertüre und Schauspielmusik gehen eigentlich zwei getrennte Wege, wenngleich viele Szenen bereits in der Ouvertüre verarbeitet sind. Sie führt in die Traumwelt des Elfenreiches, in ein Verwirrspiel voller Zauber, Streitereien und Machtspielchen, gemischt mit Bosheiten, herrlichen Liebesbeteuerungen und spukvollen Verwandlungen. Und hier kommt Klaus Maria Brandauer ins Spiel. Der Grandseigneur des Schauspiels, der alte weise Mann betritt die Bühne und deklamiert gleich zu Beginn des Bühnenspektakels: „Wir sind aus solchem Stoff, aus dem die Träume sind und unser ganzes Leben ist eingebettet in einen langen Schlaf.“
![]() |
| Klaus Maria Brandauer (Foto: Sergi Pons) |
Klaus
Maria Brandauer ist das Schauspiel
Dann folgt
eine ausgedehnte Pause, in der er langsam in einen tiefen Schlaf zu fallen scheint,
denn die Ouvertüre dauert doch gut eine viertel Stunde. Erst zu Beginn
des Schauspiels in zwölf Akten – es beginnt mit einem rasenden Scherzo
der Streicher – erwacht der Meister der Sprache und der Gestik und erzählt,
immer im Wechselspiel des Orchesters, die Nachtmähr der Elfen in einem Wald in
der Nähe Athens, wo sich Oberon, der Geisterkönig, mit seiner Gattin Tytania um
den Edelknaben Puck, indischer Herkunft, streiten und Tytania als Siegerin
hervorgeht. Rache ist angesagt. Ein Zauberkraut, das denjenigen, schlafend in
die Augen geträufelt, in das erste Geschöpf, das ihm über den Weg läuft,
verliebt macht, wird zum Auslöser eines komödiantischen Melodrams.
Puck, der es beschafft, verwechselt die zahlreichen Protagonisten seiner Zauberei. Der Wald voller liebesverwirrter Menschen und Geister verwandelt sich in ein Irrenhaus. Aber Ende gut, alles gut. Die Hochzeit lässt die Paare zusammenfinden. Fast. Denn in der Annahme, Thisbe sei vom Löwen gefressen worden, stürzt ihr Geliebter Pyramus sich in sein Schwert. Thisbe folgt ihm nach. Ein Romeo und Julia Intermezzo versteht sich. Hm. Kein Epilog. Kein Happy End. Doch! Puck stellt klar: Alles nur ein Schlafes Traum. Brandauer wiederum spricht: „Tot, alles tot. Alles wie gehabt. Schwärmt aus und trefft euch in der Dämmerung.“ Alles zurück auf Anfang! – Und die Musik macht mit. – „Ihr habt nur zugeschaut. Gute Nacht. Geht heim!“
| Klaus Maria Brandauer, Andrew Manze und das Mozarteumorchester Salzburg (Foto: Theresa Kost) |
Kongeniales
Zusammenspiel – ein Gesamtkunstwerk
Brandauer,
sowieso eine Bühnen- und Filmlegende, ist ein Erlebnis für sich. Sein Spiel mit
dem Publikum und dem Orchester war ein Hör- wie ein Sehgenuss. Er deklamierte,
raunte, drohte, sang (ja er sang) und schimpfte. Er verführte, verzweifelte und
hoffte. Er klagte und heuchelte. Dazu passten kongenial die musikalischen
Einlassungen des Orchesters und nicht zu vergessen die Damen des Bachchors
Salzburg mit den beiden Sopranisten Daria Strulia und Doris Maria
Ritter, die im Melodram des dritten Aktes und im Schlussakt zum Einsatz
kamen. Mozart- wie Mendelssohngerechte Stimmen von wunderschönem Timbre und
sehr reinen Höhen.
75 Minuten
ein fulminantes Solo Schauspiel von Klaus Maria Brandauer, ein Bachchor
Salzburg von himmlischem Schönklang (Chorleiter Michael Schneider), ein Mozarteumorchester
von einmaliger Qualität verbunden mit einem befeuernden und beflügelnden Andrew
Manze am Pult, der zudem die komplexen Spielereignisse mit größter Bravour
meisterte. Was will man mehr. Ein Gesamtkunstwerk auf höchstem Niveau. Besser
geht es nicht.


Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen