Parisien/Peirani Project, zwei französische Protagonisten der aktuellen Jazzszene mit ihren Formationen Louise (Sextett) und Jokers (Trio), Alte Oper Frankfurt, 09.05.2023 (im Rahmen von JAZZnights)
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| Duo Abrazo, Èmile Parisien (Sopransaxophon), Vincent Peirani (Akkordeon) Foto: Wonge Bergmann |
Das Beste
aus der französischen Jazzszene
Èmile
Parisien
(Sopransaxophon) und Vincent Peirani (Akkordeon) gehören zurzeit wohl
zum Besten was die französische Jazzszene zu bieten. Tatsächlich werden beide
mit Preisen überschüttet und die von ihnen gegründeten Formationen Louise
und Jokers zeugen von ihrem Einfallsreichtum, ihrem Hunger auf Neues und
nicht zuletzt von ihrem musikalischen wie instrumentalen Innovationsbedürfnis.
Hommage
an den Tango
Als Duo
Abrazo eröffneten das ungleiche Paar den doch sehr ausgedehnten
Konzertabend vor nicht ausverkauftem Großen Saal der Alten Oper Frankfurt. Eine
Hommage an den Tango sollte es sein, ganz in der Tradition von Astor Piazzolla
(1921-1992), Tomás Gubitsch (*1957) und Xavier Cugat (*1957). Aber auch
Anklänge an die Lyrik von Kate Bush (*1958) waren nicht zu verkennen.
Beide haben sich 2010 auf einer Korea-Tour kennengelernt und treten seit 2014 als Duo Abrazo (übersetzt: Umarmung, Engtanz, aber auch Nahkampf) auf die Bühnen der Welt und können auf mehr als 1000 Konzerte zurückschauen. Ungleich waren sie aufgrund ihrer Körpergröße (Peirani war zwei Köpfe größer als sein Mitstreiter), aber auch wegen ihres Temperaments. Parisien, ganz Musik, tanzte förmlich seine Partien und lebte intensiv die teils selbst komponierten und oftmals arrangierten Stücke (ein Medley aus: Fuga misteria und Deus Example), während Peirani relativ cool seine Parts entwickelte und höchst virtuos die Knöpfe seines Akkordeons bediente. Beide bezeichnen sich als eine Art Ehepaar: „Am Anfang ist alles großartig, ein Paradies. Doch dann gibt es immer wieder Krisen, das ist ganz normal.“ In knapp 25 Minuten zeigten beide ihre unglaubliche Musikalität. Ein traumwandlerisches Zusammenspiel, sensibel, magisch und von einer vitalen Lust geprägt. Ein „Ehepaar“, das blendend harmonierte.
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| Sextett Louise, v. l.: Roberto Negro, Joe Martin, Émile Parisien, Theo Croker, Nasheet Waits, Manu Codija (Foto: Jacques Lerognon) |
Freie Bewegung
in Räumen
Das Sextett
Louise hat sich 2018 zusammengefunden und sein erstes Album Louise
genannt, nach der Bildhauerin Louise Bourgeois (1911-2010), deren riesige "Maman"-Spinnen-Skulpturen
Parisien tief beeindrucken. Sie seien, so der Saxophonist, Sinnbild dafür, wie
der Corona-Lockdown den Menschen die Freude daran genommen habe, sich in Räumen
bewegen zu können. Räume des Webens, Pflegens und Schützens. Auch enthalte der
Titel seine unbedingte Liebe zu den Müttern und ihren Kindern.
Zwei Stücke
aus dem neunteiligen Album präsentierte das Sextett, bestehend aus drei Amerikanern
(Theo Croker, Trompete, Joe Martin, Kontrabass, Nasheet Waits,
Schlagzeug), einem Italiener (Roberto Negro, Piano) sowie zwei Franzosen
(Èmile Parisien und Manu Codija, E-Gitarre). Warum die besondere
Erwähnung der Nationalitäten? Alle Mitstreiter stehen für die musikalischen
Vorlieben Parisiens. Die Amerikaner für die Wurzeln des Jazz (er stand mit
ihnen erstmals auf einer Tribute-Tour mit den Jazz Animals auf der
Bühne) und Roberto Negro sowie Manu Codija für tiefe Freundschaft und
langjähriges Erforschen des europäischen Jazz.
Zwischen
sanfter Harmonik und wilder Eruption
Diese Formation spielte zwei der neun Stücke aus ihrem ersten Album Louise, Louise und Memento Part I. Sie changierten zwischen sanfter Harmonik und wilder Eruption. Hervorragend der Trompeter Theo Croker, der vor allem im cool-Jazz zuhause ist mit starker Affinität zu Miles Davies. Auffallend auch Nasheet Waits am Schlagzeug, der vor allem in Memento, das Parisien seiner Mutter widmet, durch rhythmische Variabilität und technische Versiertheit auffiel. Eigenwillig auch das Klaviersolo von Roberto Negro. Eher ein kontrapunktischer Versuch der Improvisation, wirkte bei ihm doch vieles fragmentarisch, um nicht von experimentell zu sprechen. Stark war er im perkussiven Bereich. Neben dem Schlagzeuger gehörte er zu denjenigen, die die Band zusammenhielten. Dennoch, alle waren versierte Künstler an ihren Instrumenten, hatten sichtbare Freude am Spiel und boten sich spannende Dialoge.
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| Trio Jokers, v. l.: Federico Casagrande, Vincent Peirani, Ziv Ravitz (Foto: Archiv - Jazz-Bayreuth) |
Statt
Trumpfkarte – Bösewicht
Nach der
Pause folgte ein kleines Desaster. Das Trio Jokers, das neueste Steckenpferd
von Vincent Peirani mit Federico Casagrande an der E-Gitarre und Ziv
Ravitz am Schlagzeug, scheiterte zunächst an der Technik. Man begann in
einer unerträglichen Lautstärke. Pause. Nach fünf Minuten, zweiter Versuch. Kaum
besser. Man einigte sich schließlich auf einen Kompromiss: ein schlechter, wie
sich alsbald herausstellt. Wie heißt es sinngemäß in der Homepage: Joker habe
nicht die Bedeutung eines Bösewichts wie im amerikanischen Comic, sondern vielmehr
die einer Spielkarte, die überall als Trumpf eingesetzt werden könne. Eine
Carte Blanche also, eine unbeschränkte Handlungsfreiheit. Leider stellte sich
eher der Bösewicht ein.
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| Duo Abrazo, Èmile Parisien (Sopransaxophon), Vincent Peirani (Akkordeon) Foto: Wonge Bergmann |
Die vermaledeite
Technik
Man hörte
lediglich ein undifferenziertes Rauschen, alles in einer kaum erträglichen
Lautstärke. Sampler und Sequenzer führten ein Eigenleben, ohne jegliche
Kontrolle. Man spielte drei Titel aus ihrem L´Album: River, Salsa
Fake, Twilight, aber leider muss man, trotz der unbestrittenen Brillanz der
Drei, diesen Teil des Konzertabends streichen. Schade, schade, schade. Warum,
fragt man sich, können solch erfahrene Künstler, die dazu noch von der
Spontaneität inspiriert sind, nicht die Technik, Technik sein lassen, und frei
heraus ihr schöpferisches Talent auf der Bühne präsentieren. Stattdessen werkelte
man bis zum bitteren Ende an den Samplern und Sequenzern herum und die Frau an
der Regeltechnik wusste in den seltensten Fällen Bescheid – es schien als säße
sie zum ersten Mal an diesem Gerät. Das Publikum lief in der Zwischenzeit
scharenweise davon. Bleibt ein fader Beigeschmack, was allerdings die Klasse
der insgesamt neun Akteure nicht mindern soll. Es kann auch mal etwas schief
gehen. Aber gerade von einem Jazzensemble erwartet man doch etwas mehr Spontaneität
und Flexibilität.

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