Mittwoch, 10. Mai 2023

Parisien/Peirani Project, zwei französische Protagonisten der aktuellen Jazzszene mit ihren Formationen Louise (Sextett) und Jokers (Trio), Alte Oper Frankfurt, 09.05.2023 (im Rahmen von JAZZnights)

Duo Abrazo, Èmile Parisien (Sopransaxophon), Vincent Peirani (Akkordeon)
Foto: Wonge Bergmann


Das Beste aus der französischen Jazzszene

Èmile Parisien (Sopransaxophon) und Vincent Peirani (Akkordeon) gehören zurzeit wohl zum Besten was die französische Jazzszene zu bieten. Tatsächlich werden beide mit Preisen überschüttet und die von ihnen gegründeten Formationen Louise und Jokers zeugen von ihrem Einfallsreichtum, ihrem Hunger auf Neues und nicht zuletzt von ihrem musikalischen wie instrumentalen Innovationsbedürfnis.

 

Hommage an den Tango

Als Duo Abrazo eröffneten das ungleiche Paar den doch sehr ausgedehnten Konzertabend vor nicht ausverkauftem Großen Saal der Alten Oper Frankfurt. Eine Hommage an den Tango sollte es sein, ganz in der Tradition von Astor Piazzolla (1921-1992), Tomás Gubitsch (*1957) und Xavier Cugat (*1957). Aber auch Anklänge an die Lyrik von Kate Bush (*1958) waren nicht zu verkennen.

Beide haben sich 2010 auf einer Korea-Tour kennengelernt und treten seit 2014 als Duo Abrazo (übersetzt: Umarmung, Engtanz, aber auch Nahkampf) auf die Bühnen der Welt und können auf mehr als 1000 Konzerte zurückschauen. Ungleich waren sie aufgrund ihrer Körpergröße (Peirani war zwei Köpfe größer als sein Mitstreiter), aber auch wegen ihres Temperaments. Parisien, ganz Musik, tanzte förmlich seine Partien und lebte intensiv die teils selbst komponierten und oftmals arrangierten Stücke (ein Medley aus: Fuga misteria und Deus Example), während Peirani relativ cool seine Parts entwickelte und höchst virtuos die Knöpfe seines Akkordeons bediente. Beide bezeichnen sich als eine Art Ehepaar: „Am Anfang ist alles großartig, ein Paradies. Doch dann gibt es immer wieder Krisen, das ist ganz normal.“ In knapp 25 Minuten zeigten beide ihre unglaubliche Musikalität. Ein traumwandlerisches Zusammenspiel, sensibel, magisch und von einer vitalen Lust geprägt. Ein „Ehepaar“, das blendend harmonierte.

Sextett Louise, v. l.: Roberto Negro, Joe Martin, Émile Parisien, Theo Croker, Nasheet Waits, Manu Codija (Foto: Jacques Lerognon) 

Freie Bewegung in Räumen

Das Sextett Louise hat sich 2018 zusammengefunden und sein erstes Album Louise genannt, nach der Bildhauerin Louise Bourgeois (1911-2010), deren riesige "Maman"-Spinnen-Skulpturen Parisien tief beeindrucken. Sie seien, so der Saxophonist, Sinnbild dafür, wie der Corona-Lockdown den Menschen die Freude daran genommen habe, sich in Räumen bewegen zu können. Räume des Webens, Pflegens und Schützens. Auch enthalte der Titel seine unbedingte Liebe zu den Müttern und ihren Kindern.

Zwei Stücke aus dem neunteiligen Album präsentierte das Sextett, bestehend aus drei Amerikanern (Theo Croker, Trompete, Joe Martin, Kontrabass, Nasheet Waits, Schlagzeug), einem Italiener (Roberto Negro, Piano) sowie zwei Franzosen (Èmile Parisien und Manu Codija, E-Gitarre). Warum die besondere Erwähnung der Nationalitäten? Alle Mitstreiter stehen für die musikalischen Vorlieben Parisiens. Die Amerikaner für die Wurzeln des Jazz (er stand mit ihnen erstmals auf einer Tribute-Tour mit den Jazz Animals auf der Bühne) und Roberto Negro sowie Manu Codija für tiefe Freundschaft und langjähriges Erforschen des europäischen Jazz.

 

Zwischen sanfter Harmonik und wilder Eruption

Diese Formation spielte zwei der neun Stücke aus ihrem ersten Album Louise, Louise und Memento Part I. Sie changierten zwischen sanfter Harmonik und wilder Eruption. Hervorragend der Trompeter Theo Croker, der vor allem im cool-Jazz zuhause ist mit starker Affinität zu Miles Davies. Auffallend auch Nasheet Waits am Schlagzeug, der vor allem in Memento, das Parisien seiner Mutter widmet, durch rhythmische Variabilität und technische Versiertheit auffiel. Eigenwillig auch das Klaviersolo von Roberto Negro. Eher ein kontrapunktischer Versuch der Improvisation, wirkte bei ihm doch vieles fragmentarisch, um nicht von experimentell zu sprechen. Stark war er im perkussiven Bereich. Neben dem Schlagzeuger gehörte er zu denjenigen, die die Band zusammenhielten. Dennoch, alle waren versierte Künstler an ihren Instrumenten, hatten sichtbare Freude am Spiel und boten sich spannende Dialoge.

Trio Jokers, v. l.: Federico Casagrande, Vincent Peirani, Ziv Ravitz (Foto: Archiv - Jazz-Bayreuth)


Statt Trumpfkarte – Bösewicht

Nach der Pause folgte ein kleines Desaster. Das Trio Jokers, das neueste Steckenpferd von Vincent Peirani mit Federico Casagrande an der E-Gitarre und Ziv Ravitz am Schlagzeug, scheiterte zunächst an der Technik. Man begann in einer unerträglichen Lautstärke. Pause. Nach fünf Minuten, zweiter Versuch. Kaum besser. Man einigte sich schließlich auf einen Kompromiss: ein schlechter, wie sich alsbald herausstellt. Wie heißt es sinngemäß in der Homepage: Joker habe nicht die Bedeutung eines Bösewichts wie im amerikanischen Comic, sondern vielmehr die einer Spielkarte, die überall als Trumpf eingesetzt werden könne. Eine Carte Blanche also, eine unbeschränkte Handlungsfreiheit. Leider stellte sich eher der Bösewicht ein.

 

Duo Abrazo, Èmile Parisien (Sopransaxophon), Vincent Peirani (Akkordeon)
Foto: Wonge Bergmann

Die vermaledeite Technik

Man hörte lediglich ein undifferenziertes Rauschen, alles in einer kaum erträglichen Lautstärke. Sampler und Sequenzer führten ein Eigenleben, ohne jegliche Kontrolle. Man spielte drei Titel aus ihrem L´Album: River, Salsa Fake, Twilight, aber leider muss man, trotz der unbestrittenen Brillanz der Drei, diesen Teil des Konzertabends streichen. Schade, schade, schade. Warum, fragt man sich, können solch erfahrene Künstler, die dazu noch von der Spontaneität inspiriert sind, nicht die Technik, Technik sein lassen, und frei heraus ihr schöpferisches Talent auf der Bühne präsentieren. Stattdessen werkelte man bis zum bitteren Ende an den Samplern und Sequenzern herum und die Frau an der Regeltechnik wusste in den seltensten Fällen Bescheid – es schien als säße sie zum ersten Mal an diesem Gerät. Das Publikum lief in der Zwischenzeit scharenweise davon. Bleibt ein fader Beigeschmack, was allerdings die Klasse der insgesamt neun Akteure nicht mindern soll. Es kann auch mal etwas schief gehen. Aber gerade von einem Jazzensemble erwartet man doch etwas mehr Spontaneität und Flexibilität.

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