Sonntag, 11. Juni 2023

Aus einem Totenhaus (1928/30), Oper in drei Akten von Leoš Janáček (1854-1928), Staatstheater Wiesbaden, 10.06.2023

Ensemble
alle Fotos: Karl und Monika Forster

Ein Projekt mit Abstrichen

Bekanntlich war das Projekt Aus einem Totenhaus (1928/30) und Die Sache Makropulos (1926), beide Opern sollten die letzten von Leos Janáček sein, für einen Tag geplant, in der Absicht, ähnlich dem Ring Richard Wagners, die unterschiedlichen Ebenen zwischen Ewigkeit  (Makropulos) und lebendigem Tot-Sein (Totenhaus) heraus zu streichen, zwischen dem alltäglichen Immergleichen des Gefangenenlagers ohne jegliche Zukunft einerseits und dem grotesken Traum vom ewigen Leben durch ein lebensverlängerndes Elixier und einem folgenreichen dreihundertdreißig Jahre andauernden Albtraum andererseits. Kurz: Zwischen ewigen Warten auf Godot (1952) und Endspiel (1957), ganz im Sinne Samuel Becketts (1906-1989), der Existenzialist reinsten Wassers auf den Bühnen der 1950er Jahre.

Leider musste die zweite Vorstellung während der diesjährigen Maifestspiele ersatzlos gestrichen werden und konnte lediglich in zeitlichem Abstand jetzt wieder auf die Bühne kommen. Insofern muss der Vergleich weitestgehend ausfallen, was allerdings der Bedeutung beider Opern keinen Abbruch bereiten sollte.

(Der Bericht zur Die Sache Makropulos folgt Ende des Monats Juni.)

Christopher Bolduc, Statisterie

Quälende Zeitlosigkeit

Aus einem Totenhaus will die Unbehaustheit, Zerrissenheit und Einsamkeit des Menschen im frühen 20. Jahrhundert, in der sogenannten Zwischenkriegszeit, zur Sprache und zum Ausdruck bringen. Und keiner scheint das besser beherrscht zu haben als Leoš Janáček. Sein Werk bezieht sich nahezu wörtlich auf die Aufzeichnungen aus einem Totenhaus (1861/62) von Fjodor Dostojewski (1821-1881), der als 28-jähriger Schriftsteller wegen angeblich politischer Unterwanderung des Zarenreiches festgenommen, knapp einer Hinrichtung entgeht und vier Jahre in der Katorga von Omsk, einem klassischen Verlies, die menschlichen Grausamkeiten der Gefangenschaft am eigenen Leib erleben muss. Diese Jahre prägen ihn sowie sein literarisches Schaffen. Er selbst spricht von der quälenden Zeitlosigkeit, von einer Ewigkeit ohne Leben und kommt zum Fazit: „Die Gefangenen sind lebende Tote, denn Pläne und Träume haben sie nicht mehr, leben nur noch in der Vergangenheit.“

Christopher Bolduc, Statisterie

Zwischen Existenzialismus und Spiritualität

Warum Janáček gerade diese Thematik ausgewählt hat, bleibt im Dunkeln. Dennoch schafft er mit diesem Sujet eine düstere Zeitlosigkeit, die sich bis heute weltweit (Bsp. Guantánamo) fortsetzt. Er selbst meint allerdings, dass ihn vor allem die Sprache Dostojewskis (er las „die Aufzeichnungen“ in russischer Sprache) sowie seine markanten Sätze interessiert und inspiriert hätten. Dramaturgisch setzt er seiner Oper das Zitat Dostojewskis voran: „In jeder Kreatur ein Funke Gottes.“ Fortgesetzt in der Frage, wie kann man solch ein würdeloses Leben ertragen. Was ist der Sinn des Lebens unter solchen Bedingungen? Was der Sinn des Lebens überhaupt? Ein Hin und Her zwischen purem Existenzialismus und tiefer Spiritualität?

Stella An, Mikhail Biryukov, Ralf Rachbauer, Chor, Statisterie

Erschreckend deutliche Illustration

Die Teamer des Staatstheaters Wiesbaden unter Nicolas Brieger (Regie), Raimund Bauer (Bühne), Andrea Schmidt-Futterer (Kostüme), Stefano di Buduo (Video), Andreas Frank (Licht), Valenti Rocamora i Torá (Choreographie) sowie Johannes Klumpp (musikalische Leitung) und Albert Horne (Chor) haben, alle Akteure einbezogen, Großes geleistet.

Gleich zu Beginn, einem klassischen Prolog wird das Publikum mit der Untergrundbewegung konfrontiert. Eine revolutionäre Gruppe malt Plakate, klaut Dokumente aus den Archivkästen. Alles muss schnell gehen, aber es reicht nicht mehr für den Hauptprotagonisten Alexander Petrowitsch Gorjantschikow (Christopher Bolduc, Bariton). Er, möglicherweise Synonym für Dostojewski selbst, wird festgenommen. Dazu eine plakative, fast primitiv zu nennender Musik, homophon mit motivischen Ausschlägen, die das Geschehen dennoch erschreckend deutlich illustriert.

Mikhail Biryukov, Aaron Cawley

Schicksalserzählungen

Die Bühne wird dominiert von einem riesigen Hallenventilator und dem Skelett eines Archaeopteryx, einem ausgestorbenen Urvogel. Dazu sargähnliche Kästen ein verletzter Adler (Stella An), der zusammengekauert auf einem der Kästen vegetiert, sowie mit Lumpen bekleidete Akteure, Sänger und Statisten.

Eigentlich fehlt dieser Oper ein wirklicher Handlungsrahmen. Sie ist zusammengesetzt aus den weitestgehend unabhängigen Erzählungen einzelner Gefangener. Schicksale, die aus dem Malstrom der Bilder heraustreten. So zunächst Christopher Bolduc als Gorjantschikow, der mit 100 Stockschlägen malträtiert wird, weil er dem Aufseher (Jiři Sulženko) Paroli bietet. Er brilliert durch einen edlen Bariton und zeigt trotz aller Widrigkeiten immerwährende Noblesse. Gorjantschikow nimmt sich Aljeja an, hier gespielt und gesungen vom lyrisch reinen Tenor Julian Habermann, und möchte ihm das Lesen und Schreiben beibringen. Dann folgen die Geschichten von Luka Kusmitsch, alias Aaron Cawley, der im bräsigen Tenor erzählt, wie er seinen Vorgesetzten erstochen hat. Oder der Tenor Samuel Levine, der als Skuratow aus Eifersucht den Bräutigam seiner Ex-Geliebten erschoss. Nicht zuletzt Schischkows ausgedehnte Geschichte eines Betruges von Filka, der ihn dazu trieb, seine Frau Akulka zu ermorden, während Luka alias Filka im Todeskampf seine eigene Geschichte (er behauptete nämlich, Akulka sei nicht mehr „unschuldig“) mit anhören muss. Eine Tragödie, die sich fast über den gesamten dritten Akt ausbreitet, aber dennoch von Claudio Otelli mit größter Empathie und hinreißendem Timbre gesungen wie choreographiert wird. 

Claudio Otelli, Statisterie

Eine fiktive Welt des Theaters

Der zweite Akt, ein Theater im Theater, gehörte mit zum Besten dieser Inszenierung. Theater galten als einzig mögliche Beschäftigung der Gefangenen. Hier sollten sie in eine fiktive Welt eintauchen, um die Schrecken des Alltags ertragen zu können. So war auch diese Szenerie gestaltet. Liebe, Wahnsinn und männlicher Testosteronüberschuss wurden hier in zwei kleine Dramen gefasst, einmal Don Juan und Kedril (eine Stimme aus der kirgisischen Steppe), wunderbar gespielt vom Bassbariton Mikhail Biryukov und dem frischen Tenor Tianji Lin, und zum anderen die Pantomime von der schönen aber untreuen Müllerin, weitestgehend von Statisten und Chorsängern gestaltet. Und das schaurig schön, ein Transenfest in bestem Sinne. Kräftige Männer zeigten ihre verletzlichen Seelen. Wurden aber alsbald in die grausame Realität zurückgeworfen. Alles endet im Streit, weil offensichtlich der politische Gefangene Gorjantschikow eine Sonderbehandlung genoss. Er durfte Tee trinken.

 

Die unerbittliche Zeit

Hologramme mit unendlich vielen Uhren und dem freien Flug eines Adlers überbrückten die einzelnen Akte und wiesen immer wieder auf die unerbittliche Zeit wie auf den freien Flug des Vogels hin. Dabei die sprechende Musik eines Meisters der Beobachtung: zwischen Trostlosigkeit (das Warten auf Godot) und der Hoffnung auf die Gottgegebenheit des Menschen (ausgelassener Tanz, Wiener Walzer und russischem Trepak).

Christofer Lundin, Tianji Lin, Chor

Keine Identifikation

Das Ende ist zwiegespalten wie überhaupt die gesamte Oper. Die Häftlinge leiden, Luka stirbt, Aljeja ist schwer verletzt. Die Geschichten der Häftlinge lassen keine Identifizierung zu. Einzig der politische Gefangene, Dostojewski alias Gorjantschikow alias der Edle Aristokrat, wird freigelassen. Aber wie? Der besoffene Aufseher, der, dem er die 100 Stockschläge verdankte, entschuldigt sich bei ihm dafür und lässt ihn gehen. Nein. Er erschießt ihn beim Abgang von der Bühne. Nur der Adler bekommt seine Freiheit. Er ist gesundet, kann wieder fliegen und entschwindet beim Gesang des Chores: „Denk an die Freiheit, denk an die Heimat!“ in den Höhen des Bühnendachs. Das Leben der Zurückgebliebenen geht weiter wie gehabt.

Julian Habermann, Christopher Bolduc, Statisterie

Die Zeit ist ein komisch´ Ding

Kein Lieto fine also? Doch. Denn Zeit ist ein komisch´ Ding. Schon Martin Heidegger (1889-1976) sinnierte in seinem Hauptwerk Sein und Zeit (1927) tiefenpsychologisch darüber und spricht von den Existenzialien, die die Menschen lebenslang begleiten, darunter die Sorge, das Sein zum Tode, die Angst wie auch die Schuld. „In die Welt geworfen“, so der Philosoph der fundamentalen Ontologie, „heißt in den Tod geworfen.“ Ob Janáček Heidegger gekannt oder gelesen hat, ist nicht bekannt. Aber Parallelen lassen sich dennoch ziehen. Denn sein pantheistischer Ansatz (die Allheit des Seins tritt an die Stelle Gottes), der ebenfalls von dieser existenziellen Theorie getragen ist, wird auch in dieser Oper sicht- und hörbar. Im Klartext: Das Leben in der Zeit ist unabwendbar. Mach was draus, auch unter den schlechtesten Bedingungen. Nimm dir ein Beispiel am Adler. Er symbolisiert den Funken Gottes.

 

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