Dienstag, 6. Juni 2023

Ensemble Modern mit Werken von Fred Frith (*1949) und George Lewis (*1952), Alte Oper Frankfurt, 05.06.2023

Ensemble Modern (Foto: Alte Oper Frankfurt/Ensemble Modern)


Zwei musikalische Grenzgänger

Wieder einmal große Erwartungen für die Liebhaber des Neuen in der Neuen Musik. Zwei musikalische Grenzgänger: Der eine aus Great Britain, nämlich Jeremy Webster „Fred“ Frith, E-Gitarrist, Pianist, Komponist für Film und Ballett, Hard- und Blues-Rocker und was sonst noch. Einer, der bereits im Jahre 2000 extra für das Ensemble Modern Traffic Continues komponierte und somit kein Unbekannter ist. Er hatte Which it is (2021) mitgebracht, das erstmals in Deutschland das Licht der Musikwelt erblickte. Dann George Lewis, geboren in Chicago, Posaunist von Hause aus, einer, der den Spagat zwischen Bebop und Free Jazz liebt, der mit Count Basie ebenso musizierte wie mit Anthony Braxton, mit Evan Parker ebenso wie mit Randy Weston. Über 120 Kompositionen hat er bereits veröffentlicht und seine letzte ist das Monodrama Song of the Shank (2023), dessen Uraufführung das Publikum im Mozartsaal der Alten Oper Frankfurt mit der dramatischen Altistin Gwendolyn Brown, dem Ensemble Pianisten Hermann Kretschmar und vierzehn Mitgliedern des Ensemble Modern unter der Leitung von Vimbayi Kaziboni erleben durfte.

Fred Frith (Archiv-Foto: Festival Moers 2010)

Ein Beat mit Disparitäten

Which it is hat Fred Frith ursprünglich für die britische Band Bang on a Can All Stars geschrieben. Eine siebenminütige Tanz-Variation nach dem Material einer vor 40 Jahren von ihm selbst geschriebenen Schallplatte Gravity. Eine Neu Sicht quasi, die es in sich hat. Ein stetiger Beat im Vierviertel-Takt als Basis wird von höchst komplizierten motivischen Variationen überspannt und von additiven Rhythmen regelrecht verzerrt. Nicht selten war man an Charles Ives´ (1874-1954) Unanswered Question oder Central Park in the Dark (beide 1906) mit seinen disparaten Elementen erinnert. Ein schwieriges Unterfangen für die neun Musikerinnen und Musiker des Ensembles, was nicht immer zur vollsten Zufriedenheit gelang. Selbst der Dirigent hatte so seine Mühe, und es stellte sich die Frage, vom Komponisten selbst gestellt, ob hier überhaupt ein Dirigat notwendig gewesen wäre. Denn seine Anforderung an die Akteure galt im Idealfall der völligen Verinnerlichung des Rhythmus, was ohnehin kaum zu erfüllen ist. Dennoch, ein höchst interessantes musikalisches Experiment.

Tom Wiggins, das pianistische Wunderkind (Archiv-Foto/Ensemble Modern)

Ein oratorisches Monodrama

Dann das gut einstündige Monodrama Song of the Shank (Das Lied vom Messer). Lewis hat hier die Lebensgeschichte des blinden Tom Wiggins (1849-1908), nach dem gleichnamigen Buch von Jeffery Renard Allen (*1962), der übrigens auch das Libretto schrieb, in die Form eines Oratoriums gefasst. Vor allem der Titel habe ihn beflügelt, „eine messerscharfe Musik zu schreiben, die der Vielschichtigkeit von Blind Tom´s Existenz gerecht wird und zugleich unsere Zeit reflektiert.“

Dazu muss man wissen, dass Tom Wiggins, ein pianistisches Wunderkind, Sohn versklavter Eltern, „Eigentum“ des Generals James N. Bethune war. Dieser schätzte sein Talent und förderte ihn. Bereits mit sieben Jahren trat Wiggins öffentlich auf und konnte bereits mit elf Jahren im Weißen Haus vor Abraham Lincoln spielen. Ein gefeierter Junge also, der zeitlebens in der Begleitung des Generals (er adoptierte ihn im Jahre 1870) seiner Karriere nachging. Wiggins galt wegen seiner Blindheit als unfähig sein Leben selbst zu gestalten und man unterstellte im Autismus. Allerdings verdiente er auf seinen Tourneen, die auch bis Europa reichten, sehr viel Geld. Allein im Jahre 1870 mehr als 50.000 Dollar. Nach dem Tod seines Ziehvaters, im Jahre 1884, werden die Nachrichten über Wiggins rar. Er selbst starb an einem Schlaganfall.

 

Ein Schicksal typisch für die Afroamerikaner

Lewis hält die Geschichte des blinden Wiggins typisch für die der Afroamerikaner im Allgemeinen. Man nutzt ihre Talente und Fähigkeiten, ohne sie aber als Menschen zu respektieren. Das Schicksal von „Blind Tom“ sei das vieler seiner farbigen Mitstreiter. Das gelte auch heute noch. Seine Musik, so der Komponist, sei ein Versuch, diese Diskrepanz offenzulegen, dabei das Wesen der Menschen hervorzuheben und der Humanität eine Chance zu geben.

Die Musik ist tatsächlich messerscharf, zwischen purer Atonalität, freier Assoziation zwischen Jazz und music concrète, ergänzt durch eine extreme Lautmalerei, geräuschstark und martialisch. Der Text, unterteilt in sechs Szenen, ist ausgedehnt und reicht vom Prolog (Invocation), über das Wissen zur Person (Acknowledgement), der Resolution oder Manifestation (Resolution), die öffentlichen Auftritte (Pursuance), der Psalmodie (Psalm) bis zum abschließenden Epilog, einem Kreistanz (Circle Dance) im Sinne der ewigen Bewegung, der Zeit, die mit den Toten singt. Die dramatische Altistin, Gwendolyn Brown, opernerfahren und vom Ruf der „fesselnden Naturgewalt“ begleitet, ist extrem gefordert, und kann sich kaum der Lautstärke des Ensembles erwehren. Auch ihre Akzentuierung des Textes lässt den Inhalt, in Englisch gesungen, kaum verständlich machen. Leider. Denn gerade der Text ist es, der dem Werk das Salz in der Suppe bieten soll.

George Lewis (Archiv-Foto/Ensemble Modern)

Eine Musik in Reminiszenz des 1970er Free Jazz und Post-Serialismus

Der Klavierpart, manchmal an die Zeiten von Cecil Taylor (1929-2018), dem meines Erachtens besten frei improvisierenden Jazzpianisten aller Zeiten, erinnernd, ist ausgesprochen virtuos. Kein Ton passt auf den anderen. Hermann Kretschmar kann Free. Das machte er ausgezeichnet. Dennoch sind die Bezüge zum Text nicht immer nachvollziehbar. Lautstärke scheint das Prinzip zu sein und die leisen Töne scheinen vergessen. Viel Cluster und Rumsen, Geräusche von überall her, aber ohne rechten Bezug zum Textinhalt. Die Sängerin mit großem Stimmumfang und gutturaler Tiefe verschwindet oft im Nirwana: man hörte sie einfach nicht. Bemerkenswert allerdings die Intermezzi, mal vom Piano, mal vom Ensemble, mal vom Perkussionisten gestaltet, ein Kaleidoskop der 1970er Free Jazz- und postseriellen Szene.

 

Mehr differenzierte Ausdruckskraft

Eine Musik, die durchaus auch in den 1970er Jahren Gefallen gefunden hätte. Die Free Jazz Größen mit ihrer Experimentierfreudigkeit, die außermusikalische Phänomene wie Formel 1 Rennen, Kriegsszenen und typische Geräusche der Regionen Auto- Eisenbahn- und Fluglärm etc. in ihre Improvisationen einbauten. All das, und noch viel mehr auch hier. Sie hätten ihre Freude gehabt. Ob Wiggins diese Deutung seiner Musik ebenso verstanden hätte, bleibt allerdings offen.

Diese Uraufführung beherbergte viel musikalische Nostalgie, war durchaus messerscharf und vielschichtig, aber, was fehlte war die differenzierte Ausdruckskraft, Lautstärke und Dynamik, der Wechsel zwischen den Stimmungen. Die Absicht der Suggestion und Bildhaftigkeit war leider kaum zu erkennen und ging im allgemeinen Gelärm unter. Vielleicht müsste hier noch ein wenig nachgedacht werden.

Der Beifall war freundlich, wie immer, aber auch nicht mehr.   

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