Montag, 12. Juni 2023

Orchesterfest mit dem Mahler Chamber Orchestra unter der Leitung von Andris Nelsons und dem Starpianisten Lang Lang, Alte Oper Frankfurt und Opernplatz, 11.06.2023

Lang Lang, Andris Nelsons, Mahler Chamber Orchestra (Foto: Wonge Bergmann)

Ein Orchesterfest fürs Bewusstsein

Es sollte das letzte Orchesterkonzert der Saison 2022/23 im Großen Saal der Alten Oper Frankfurt sein und wer eignet sich da idealer als Ludwig van Beethoven (1770-1827) unter den bewährten Händen von Andris Nelsons, dem Mahler Chamber Orchestra (MCO) und nicht zuletzt der Chinese und Kosmopolit Lang Lang. Ein voller Saal tat sein Übriges, dazu die Übertragung des Events auf den Opernplatz, der nach Aussagen von Teilnehmern ebenfalls „rammelvoll“ war.

 

Dreimal c-Moll – Dreimal Freiheitsrufe

Die Auswahl der Werke sind wohl bekannt: darunter die Coriolan Ouvertüre c-Moll op. 62 von 1807, das Dritte Klavierkonzert c-Moll op. 37, das seine Uraufführung am 05. April 1803 im berühmten Theater-an-der-Wien erfuhr, unter den Händen von Beethoven höchstpersönlich, in der Alten Oper unter denen von Lang Lang (*1982), und zu guter Letzt die 5. Sinfonie c-Moll op.67 mit dem wohl berühmtesten Schicksal Motivs aller Zeiten, das bis heute auch im Weltall kursiert, um möglichen außermenschlichen Entitäten die außergewöhnlichen Errungenschaften der Menschheit mitzuteilen. Allerdings geriet die Uraufführung am 22.12 1808 im Theater-an-der-Wien nicht zu aller Zufriedenheit, da sie gemischt war mit seiner 6. Sinfonie, dem 4. Klavierkonzert (Solist Beethoven), der Messe in C-Dur sowie seiner Chorfantasien. Ein Mammutabend von mehr als vier Stunden in einem unbeheizten eiskalten Saal und einem relativ schlecht konditionierten, bereits fortgeschritten tauben Beethoven. Beethoven soll nach dieser bitteren Erfahrung seine solistische Karriere auch abgebrochen haben.

Public -Viewing-Szene am Opernplatz (Foto: Wonge Bergmann)

Den Freiheitsgeist der Zeit erfasst

Kommen wir zum Detail. Die Coriolan Ouvertüre hat Beethoven aus Begeisterung für die fünfaktige Coriolan-Tragödie von Heinrich Josef von Collins (1771-1811) geschrieben, die, 1802 uraufgeführt, den Freiheits-Geist der Zeit vollständig erfasste. Ein römischer Heerführer greift Rom an, provoziert dazu eine künstliche Hungersnot, geht einen Bund mit den romfeindlichen Volskern ein (alles Todsünden der res publica), wird von Frauen einschließlich seiner Mutter von dieser Untat abgehalten und begeht schließlich aus Gewissengründen Selbstmord. Wer denkt da nicht an die Folgen der französischen Revolution, die Intrigen des Adels und die Bösartigkeiten der machtbesessenen Eliten.

Beethoven setzte diese von Aufruhr, Revolution, Heldentum und persönlichem Schicksal durchzogene Tragödie in eine gut 9-minütige Ouvertüre um, voller Unruhe, Leidenschaft und gesanglicher Poesie. Ein Kontrast voller Dramen, Wahnsinn, liebevoller Melodiebögen. Eine tragisch-historische Erzählung, die bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts die Gattung der Programmmusik einleitet.

Fantastisch die Interpretation des MCO (es feiert dieses Jahr sein 25-jähriges Bestehen) unter Andris Nelsons (*1978). Mit starker Dynamik, extremer Kontrastierung zwischen dreifachem piano und vierfachem fortissimo, dazwischen zahllose rhythmische, synkopische wie lautmalerische Finessen von brillantem Einfallsreichtum. Eine großartige Erzählung, spannungsgeladen bis in die kleinste Muskelfaser. Ein exzellenter Vorgeschmack auf die kommenden musikalischen Ereignisse des Abends.

Lang Lang (Foto: Wonge Bergmann)

„Dem Schicksal in den Rachen greifen“

Das 3. Klavierkonzert brauchte gut sieben Jahre bis zu seiner Veröffentlichung im Jahre 1803. In ihm ist noch viel Haydn und Mozart enthalten und man sagt zurecht, dass es sich einschließlich der Orchesterbesetzung noch eng an Mozarts Klavierkonzert c-Moll KV491 anlehnt. Tatsächlich aber kommen hier bereits die typischen Beethovenschen Charakterzüge zum Vorschein. Zwischen energischer Themen Bearbeitung, romantisch versöhnlicher Lyrik und heiteren Passagen, ist alles vorhanden und das in ausdrucksstarker Manier.

Lang Lang ließ zunächst auf sich warten. Das Publikum platzte fast vor Spannung. Dann erscheint er, in schlichtem dunklem Anzug und sympathisch-chinesischem Gestus. Er begrüßt die Orchestermitglieder wie auch das Publikum und hat sofort alle im Saal auf seiner Seite. Sein Spiel ist exzellent. Er liebt die Show. Ist ganz Musik, aber zugleich auch beim Publikum. Seine musikalische Interpretation charakterisiert Beethoven pur, extrem kontrastierend mit manchmal ein wenig zu viel Rubati, immer aber im Dialog mit dem Dirigenten.

Nicht immer sind Orchester und Solist einer Meinung, aber immer sind sie voll auf der Höhe der musikalischen Erfordernisse. Herauszuheben vielleicht das Largo, das Lang Lang im Pianissimo einleitet, die Tasten streichelnd, in einem romantischen, fast süßlichen Gestus. Vielleicht irritierend für das Orchester, denn nicht immer stimmte man überein, ließ aber die Differenzen professionell mit einem Lächeln zu. Wunderbar das abrupt einsetzende Rondo-Allegro im ABACABA-Verlauf, eingebauter Fuge, Kadenz und einem höchst virtuosen Schlussteil voller Energie, Lebensfreude und Zuversicht. Ein Wesenszug, der den jungen, zwar an seiner Taubheit verzweifelnden 33-jährigen, auszeichnet. „Ich will dem Schicksal in den Rachen greifen … Oh es ist schön das Leben tausendmal leben.“ Besser kann man diesen 3. Satz nicht beschreiben und besser kann man ihn auch nicht musikalisch interpretieren.

Lang Lang, Andris Nelsons, Mahler Chamber Orchestra (Foto: Wonge Bergmann)

Ein perfekter Entertainer

Natürlich war eine Zugabe Pflicht. Die erfüllte Lang Lang mit einer Eigenkomposition die er „Rimbo-Connection“ (?) nannte. Ein bisschen Salon, ein bisschen Broadway, ein bisschen Revue, sehr publikumsfreundlich mit virtuosen Ausschmückungen, aber dennoch auch ein Retro in vergangene Zeiten. Dem Publikum gefiel es. Überhaupt ist Lang Lang ein perfekter Entertainer. Er kann sich bestens vermarkten und dabei ist er noch ein ausgezeichneter Tastenkünstler.

 

Ein Prunkstück, ein Ohrwurm – eine Sehnsucht

Die Fünfte, ja die 5. Sinfonie, das Prunkstück deutscher Kompositionen, die Spitze sinfonischen Levels, das so manchen Nachfolger wie Brahms oder Wagner vor Ehrfurcht verblassen ließ, ja, die 5. Sinfonie ist auch ein Werk, mit dem man seine Reputation vollkommen vergeigen kann. Denn ein Ohrwurm will sie bleiben, und jeder, der sich daran wagt, muss höchste Ansprüche erfüllen, um den Erwartungen an dieses Werk gerecht zu werden. Wie bereits gesagt, war der Einstieg in die Musikwelt nicht gerade vom Schicksal beseelt. Und doch hat sie eine einzigartige Erfolgskarriere hingelegt. Liegt es am berühmten Anfangsmotiv, das jedes Kind nachsummen kann, und der Sinfonie seinen Beinamen „Schicksalssinfonie“ einbrachte? Liegt es an dem herrlichen Andante mit seiner punktierten Rhythmik und dem variativen Marschthema, ein Maestoso der Sonderklasse? Liegt es am scherzohaften Allegro des dritten Satzes mit seinem Fanfarenthema, das an das Schicksalmotiv erinnert? Oder ist es vielleicht der Impetus, den diese Sinfonie ausstrahlt, den E.T.A. Hoffmann seinerzeit mit Schauer, Furcht, Entsetzen, Schmerz umschreibt? Ein appellativer Charakterzug, der den Zeitgeist einfängt und das Düstere, Erhabene aber auch Sehnsüchtige und Hoffnungserfüllte einfängt und musikalische widerspielgelt.

Public -Viewing-Szene am Opernplatz (Foto: Wonge Bergmann)


Ein Zeitdokument für jede Epoche

Man könnte sagen, alles stimmt und noch viel mehr. Diese Sinfonie ist ein Zeitdokument für jede Epoche, ein Werk ohne Geschichte und doch voll davon. Denn es wird quasi permanent neu geschrieben.

Und genau das gelang dem MCO in ausgezeichneter Weise. Man hörte förmlich den Zustand der Gegenwart heraus. E.T.A. Hoffmann hätte seine scharfsinnige Analyse auch gestern schreiben können. Ein Lehrstück in 35 Minuten. Theodor W. Adorno schrieb einmal dazu: „Die Beethovenschen Sinfonien waren objektiv Volksreden an die Menschheit, die, indem sie ihr das Gesetz ihres Lebens vorführten, sie zum unbewussten Bewusstsein jener Einheit bringen wollten, die den Individuen sonst in ihrer diffusen Existenz verborgen ist.“ Respekt. Andris Nelsons verstand es am gestrigen Abend, mit seinem bestens motivierten Klangkörper MCO zum Abschluss der Orchestersaison dem Publikum durch diese Werk Zuversicht, Kraft und den unbedingten Willen zur Volkssouveränität mitzugeben. Man war selten so inspiriert, wie nach dem Genuss dieser speziellen Interpretation. Keine Zugabe, dafür aber ein frenetischer Beifall, der kein Ende finden wollte.  

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen