Freitag, 22. September 2023

 

Klaviertrio Delyria, Debütkonzert im Mozart Saal der Alten Oper Frankfurt, 22.09.2023 (eine Veranstaltung der Frankfurter Museums-Gesellschaft e. V.)

Trio Delyria v. .l.: Uriah Tutter, Elisha Kravitz, David Strongin (Foto: Hansjörg Rindsberg)

Drei junge Männer wollen die Welt erobern

Drei junge Männer, israelische Staatsbürger und zurzeit Studenten an der Hochschule für Neue Musik und Darstellende Kunst (HfMDK) sind dabei, die Welt zu erobern: Es sind David Strongin an der Violine, Uriah Tutter am Violoncello und Elisha Kravitz am Klavier.

Erst vor knapp drei Jahren gegründet, gewannen sie bereits mehrere Musikpreise und können dazu eine Debüt-CD mit Werken von Felix Mendelssohn Bartholdy und Paul Ben-Haim vorweisen. Ihr Konzert im Mozart Saal der Alten Oper Frankfurt mit Werken von Ludwig von Beethoven (1770-1827), Paul Ben-Haim (1897-1984) und Johannes Brahms (1833-1897) ließ das ungeheure Potential dieses Trios gegenwärtig werden und zeigte die Vielseitigkeit und tiefe musikalische Auseinandersetzung der Drei mit den Werken der Klassik, der Romantik und der Gegenwart auf.

 

„Ein geniales Prachtstück“

Das Klaviertrio D-Dur op 70 Nr. 01 (1808/09), auch „Geistertrio“ genannt bot da einen ersten Vorgeschmack. Dreisätzig noch, widmete es Beethoven zunächst seiner Gönnerin Gräfin Erdödy (1779-1837), um es dann später, nach einem heftigen Konflikt mit der Dame, seinem Mäzen und Freund, Erzherzog Rudolph (1788-1831), zuzusprechen. Populär wurde dieses Werk vor allem durch die guten Kritiken von E.T. A. Hoffmann, der es ein „geniales Prachtstück“ nannte und durch Carl Czerny, der vor allem das Largo als „geisterhaft schauerlich“ beschrieb, „gleich einer Erscheinung aus der Unterwelt“, und dabei einen Vergleich mit Hamlets Geistererlebnis nicht scheute. Er ist natürlich auch für den Beinamen: „Geistertrio“ verantwortlich.

Tatsächlich befreite Beethoven mit den Doppelwerken 70, 1 und 70, 2 die Gattung Klaviertrio aus ihrer unterhaltenden Oberflächlichkeit und übertrug ihr einen ernsten Charakter mit Gleichberechtigung von Geige, Violoncello und Klavier. Immerhin schrieb er noch sechs weitere Klaviertrios.

 

Ein typischer Beethoven, energetisch und kontrastreich

Aber kommen wir zum Werk. Gleich zu Beginn ein nahezu triumphaler Einstieg von Streichern und Klavier und dann der  unvermittelte Übergang zu einer wunderbaren Cello Kantilene. Beide Themen beherrschen den Kopfsatz und bestimmen die kontrapunktische Dichte und die ungeheure Energie, die Beethoven aus den Motiven herausarbeitet. Man möchte sagen, ein typischer Beethoven mit alle seinen kontrastreichen Gefühlausbrüchen. Immerhin hat er parallel dazu die 5. und 6. Sinfonie, die Coriolan Ouvertüre wie auch das 5. Klavierkonzert geschrieben, was durchaus herauszuhören ist.

Jetzt das geisterhafte Largo. Der Satz beginnt in einer tiefen dramatischen Melancholie, lange Trillerpassagen des Klaviers beherrschen diesen Satz und vermitteln ein schattenhaftes Klangkolorit. Ob allerdings die Geister der Unterwelt anklopfen, bleibt Geschmacksache.

Im folgenden Presto-Finale verlangt Beethoven den Spielern alles ab. Extravagante harmonische Wendungen und ausgesprochene Gesanglichkeit charakterisieren diesen Teil. Eine große Aufgabe für jeden Interpreten, eine Aufgabe, die das Trio Delyria, man kann es nicht anders sagen, meisterhaft bewältigte.

 

„Der mediterrane Stil“

Paul Ben-Haim, alias Paul Frankenburger, scheint für dieses Trio eine entscheidende Rolle zu spielen. Nicht allein als Landsmann, sondern vor allem wegen seiner ganz besonderen Kompositionsauffassung, den der Journalist, Kritiker und Schriftsteller Max Brod (1884-1968) schlicht den „mediterranen Stil“ nannte. Das im Jahre 1939 im palästinensischen Tel Aviv komponierte Variation on a Hebrew Melody ist ein geniales Beispiel für diese Benennung. Ein einsätzig angelegtes Stück, aufgebaut auf eine populäre Melodie seiner Diaspora und fortgesetzt mit sieben Variationen, angelehnt an beduinische Hirtenlieder, an typisch jüdische Rund- (Horah) und Reihentänze (Dabke), und das Ganze gemischt mit Erfahrungen aus der Welt Europas und der Welt Eurasiens und Arabiens. Insgesamt ein großartiger Mix aus Düsterkeit, Melancholie sowie Lebensfreude, Tanzlust und Weltoffenheit. Oft ist man dabei an Béla Bartóks Volkstänze (rumänische Tänze) wie auch an seinen Mikrokosmos erinnert. Sicher ist die letzte Variation eine schmerzhafte Erinnerung an die schrecklichen Ereignisse in Deutschland und Europa. Viel Herzschmerz und lautes Seufzen im barocken Stil. Aber dennoch überwiegen die Hoffnung, die Zuversicht und vor allem die Leichtigkeit der impressionistischen Einschübe. Selten gehört, aber ein Hinhörer, der die Beschäftigung mit diesem Komponisten regelrecht zur Pflicht macht.


Zwischen Urfassung und revidierter Fassung

Dass Johannes Brahms durch und durch ein Pedant war, ist allgemein bekannt. So hatte er keinerlei Skrupel reihenweise seine Produktionen einzustampfen, wenn sie nicht mehr in sein ästhetisches Selbstverständnis passten. Sein Klaviertrio H-Dur op.8 ist in diesem Lösch-Reigen zwar eine Ausnahme, aber, und das sei zu bemerken, sowohl sein ältestes, als auch sein jüngstes Werk dieser Art, dazu eines der ersten kammermusikalischen Kompositionen, die sowohl 1854 wie auch nach der gründlichen Revision 1889 den Weg in die Öffentlichkeit gehen durften. Allerdings mit der Bemerkung, die Brahms höchst selbst seinem Verleger Fritz Simrock zukommen ließ: „Wegen des verneuerten (sic.) Trios muss ich noch ausdrücklich sagen, dass das alte zwar schlecht ist, ich aber nicht behaupte, das neue sei gut.“ Tatsächlich wird heutzutage die Urfassung noch selten gespielt, zumal die revidierte Fassung in weiten Teilen die Urfassung belässt, sogar im Scherzo des zweiten Satzes den alten Bestand nahezu unangetastet lässt.

 

Zwischen Witz, Humor und Melancholie

Das Trio Delyria meisterte das tief romantische, sehr dicht komponierte mit vielen rhythmischen und virtuosen Raffinessen gespickte Trio mit großer Bravour. Von Anfang an lässt dieses knapp 20-minütige vierteilige Werk keinen Zweifel an der Brillanz der Komposition, die es versteht, zwischen Witz, Humor und Melancholie zu changieren. Perfekt interpretierte das Trio das Scherzo, aber auch die Duette zwischen Klavier und Violoncello, wie auch zwischen Klavier und Violine im Adagio des dritten Satzes, und erst recht das kontrastreiche Spiel, tänzerisch mit synkopischen Einsprengseln im abschließenden Finale Allegro, ein Hörgenuss auf höchstem Level. Mehr Presto als Allegro, dafür aber in wunderbarer Harmonie und spannungsgeladener Akzentuierung präsentiert.

Trio Delyria v. .l.: David Strongin,  Elisha Kravitz, Uriah Tutter (Foto: Website Trio Delyria)

Ein Debütkonzert, das in allen Belangen überzeugte

Dieses Trio hat Zukunft. Zum Dank an das begeisterte Publikum spielte es noch den zweiten Satz aus Felix Mendelssohns Bartholdys Klaviertrio Nr. 2 c-Moll op. 66 (1845). Ohne Abstriche gehörte diese Zugabe mit zum Besten des Abends. Zumindest aus der Sicht des Schreibers. Ein Debütkonzert, das in allen musikalischen Bereichen überzeugte.    

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen