Freitag, 29. März 2024

Pnima … Ins Innere (2000), Kammeroper in drei Szenen von Chaya Czernowin (*1957), Staatstheater Darmstadt, 28.03.2024, letzte Vorstellung (Premiere 27.01.2024)

Pnima: Rave Szene mit Statisterie und Jugendchor
des Staatstheaters Darmstadt
 
(Fotos: Sinah Osner/ Seven Kazuo Tagasagi)

Ins Innere schauen

Es ist die letzte Aufführung der Kammeroper Pnima … Ins Innere (2000) von Chaya Czernowin (*1957), die ihr bahnbrechendes Werk als die Auseinandersetzung mit den Traumata verstand, die als Folge des Holocausts nicht allein das jüdische Volk und sie selbst wie ein undurchschaubarer Schleier verfolgt, sondern vor allem ein universelles Thema ist, das alle Menschen angeht. So schreibt sie dazu: Traumata sind wie Schwären und Eiter und vererben sich von Generation zu Generation. Nur Empathie könne diesen Schmerz der Traumata aufspüren. Denn, so Czernowin weiter, „unerkannte traumatische Wunden, die nicht behandelt werden, können zur Infektion werden, die sich von passiv zu aktiv wandelt, oder sogar aggressiv werden kann … Opfer werden dann zu Unterdrückern, die ihre eigenen Qualen und ihr eigenes Leid anderen auferlegen.“

Pnima, Julia Alsdorf, Leere

Musik macht Worte

Genauso versteht sie ihr Werk, das ohne beabsichtigte Handlung von einer Musik umgeben ist, die das anspricht, was Worte nicht können, oder worüber man nicht sprechen kann. Dabei bezieht sie sich im Libretto auf David Grossmans (*1954) 1986 erschienenem Buch: Stichwort: Liebe, worin die beiden Hauptprotagonisten, Momik und sein Großonkel Anschel, der die Shoah am eigenen Leib erlebt hat, nicht zusammenkommen können. Die Sprache versagt. Ein autobiographischer Roman des jüdisch israelischen Autors, den Chaya Czernowin zu ihrer eigenen Erfahrungswelt macht. Czernowin dazu: „Grossmans Text war in der Tat für mich eine einzigartige Inspiration und ein Wegweiser. Aber ich musste meinen eigenen Weg gehen und meinen eigenen Emotionen folgen.“ (aus dem Programm)

v. l.: Szymon Chojnacki, Tomas Möwes, David Pichlmaier, Rede 

Wirkliche Auseinandersetzung mit Traumata

Carsten Wiegand, Intendant des Staatstheaters Darmstadt und verantwortlich für die Regie und die Bühnengestaltung (er inszenierte das Werk bereits im Jahre 2000 in Weimar), hat in Reaktion auf das Massaker an den Israelis von der palästinensischen Hamas am 07. Oktober 2023, eigenen Worten zufolge, spontan an dieses Werk gedacht und es „als Form des Protestes“ für Darmstadt neu inszeniert und in kürzester Zeit auf die Darmstädter Bühne gebracht. Eine beachtliche Leistung.

Aber ist ihm und dem Team damit auch eine wirkliche Auseinandersetzung mit der Problematik der Traumata, der Wort- und Empathielosigkeit, dem binärem Wortgewitter in diesen Zeiten, der Menschenrechtsverletzungen und der wirklichen Auseinandersetzung mit dem grassierenden Antisemitismus gelungen?

 

Wortlos – gedankenreich – Fragen offen

Wortlos war die Vorstellung. Dramaturgische Kunstkniffe, wie die Umkehrung des Publikums – man sah in den leeren Saal des großen Hauses –, das karge Bühnenbild und die tagesübliche Kleidung (Kostüme: Judith Adam), und vor allem die Teilhabe des Jugendchors, der Statisterie und des Staatsorchesters, insgesamt gut 100 Personen, und nicht zuletzt die musikalische Verstärkung von Mitgliedern der IEMA und des Ensemble Modern, die die wirklich heiklen musikalischen Stellen mit Bravour beherrschten (musikalische Leitung: Richard Schwennicke) - all das kann nicht darüber hinwegsehen lassen, dass die Handlung einige Fragen offen ließ.

Pnima, Szymon Chojnacki, Abreise

Verschreckt, verlassen, orientierungslos

So beginnt das Stück mit einer Rave-Szene (bekanntlich waren die ersten Opfer der Mörder junge Teilnehmer an einem Festival, das in der Nähe der Grenze zu Gaza stattfand). Ohne Musik und unter Stroboskop-Gewitter tanzen circa 30 junge Leute in slow Motion auf der Bühne, einschließlich DJ. Ein bisschen Bhagwan-Szene. Dann fällt der Vorhang und eine laute, sehr verstörende Musik setzt ein. Man hört Schreie, ein undurchsichtiges Getümmel scheint stattzufinden, ein Reiben und Mahlen beherrscht die Klangwelt, ehe sich der Vorhang hebt.

Eine weiße Leinwand hängt von der Decke und ein Mädchen befindet sich auf der Bühne. Verschreckt, verlassen, orientierungslos. Eine Leere wohl, so ist diese Szene zumindest ausgelegt. Die musikalische Begleitung erinnert an die musique concrète eines Pierre Schaeffer. Die Bewegungen des Mädchens, vermutlich Julia Alsdorf als Ersatz für Wen Hui, sind ein wenig linkisch und von geringer Theatralik.

 

Rede ohne Worte – es schaudert

Dann folgt eine Vortragszene, die von drei Männern dominiert wird. Tomas Möwes verkörpert die Figur des Anschel. Die beiden anderen David Pichlmaier und Szymon Chojnacki zwingen förmlich den traumatisierten Anschel zu einer Rede vor leerem Publikum (das Rednerpult ist in den leeren Saal gerichtet). Eine kaum zu ertragende Sequenz. Denn Zwang (?) und Wortlosigkeit werden durch Schreie, Choreinlagen und wimmernden Flageoletts der Streicher, Sirenengeheul und hellsten Tenortönen begleitet. Schlagen auf Töpfen, permanente Trommelwirbel, das Stammeln und Röcheln steigert sich bis zum Schreien in die leeren Ränge und dann ins reale Publikum. Es schaudert. Die beiden Männer ziehen ab. Zurück bleibt Anschel und Momik, hier durch Philine Grünewaldt verkörpert. Sie sammelt die leeren Blätter bei Glockenspiel und Schellenklängen. Beide aber bleiben sich fremd.

Pnima, Abendmahlszene, Mitte: Tomas Möwes

Abendmahl oder Schabbat

Der dritte Abschnitt folgt. Ein langer Tisch, reich gedeckt, mit achtzehn Stühlen an der Seite, wird auf die Bühne geschoben. Eine Abendmahlszene, vielleicht eine Schabbat-Treffen, folgt mit acht Protagonisten, darunter Noa Frenkel und Johanna Greulich sowie zwei Tänzer, Hojoon Moon und Julia Alsdorf, und Momik alias Philine Grünewaldt.

Ein etwas undurchsichtiger Part, scheint er doch ein Friedenszeichen abbilden zu wollen. Man bricht das Brot, teilt den Wein, aber die Musik spricht eine andere Sprache. Sie ist schrill, laut und abweisend. Die angedeuteten Dialoge werden entsprechend aggressiv, das verschreckte Lachen wird im Keim erstickt, das Schlagen auf die Töpfe, das Zittern und Stammeln gewinnt Oberhand. Alle scheinen voreinander zu erschrecken, die Töne werden düster, klagende Glissandi und ein Jammern der Hoffnungslosigkeit begleiten die Handlung. Ein Chor, der den leeren Saal bevölkert, singt hebräische Floskeln bei punktueller musikalischer Begleitung, während der Tisch wieder von der Bühne gerollt wird.

Wen Hui/Julia Alsdorf, Verzweiflung

Schreckliche Nachrichten – Aufbruch

Letzter Abschnitt. Heftiger Sturm. Über Handy scheinen schreckliche Nachrichten zu kommen. Man sammelt sich, packt seine Habseligkeiten und verlässt die Bühne. Sirenengeheul, heftige Tremoli, Nebelschwaden und rhythmischer Galopp bei krächzenden Reibungen auf den Kontrabasssaiten (insgesamt acht an der Zahl) lassen wieder an den Anfang der Oper erinnern. Das Mädel, wirr und verlassen, betritt die Bühne, sie leidet und beugt sich entsprechend demonstrativ über eine Stuhllehne - eine Formation der Verzweiflung. Dann erscheint das fast vergessene Kind, Momik, will sich der Tänzerin nähern, aber es reicht nur zu einem Hasche-Spiel. Die Musik besteht aus Tonsplittern, heftigen perkussiven Schlägen, unterbrochen von Ha-Rufen aus dem Off. Mit einer unisono Tonreihe des Chores endet das etwa 70-minütige Geschehen auf der Bühne.

Mitglieder des Staatsorchesters Darmstadt sowie der
 IEMA und des Ensemble Modern
(Foto: H.boscaiolo)

Zu sehr an Zeitgeschehen orientiert

Was bleibt? Zuerst eine ungemein emotionale und zutiefst pessimistische, wenn nicht gar deprimierende Musik. Höchst anspruchsvoll für die gut 60 Instrumentalisten, einschließlich der elektronischen Einspielungen, schwer zu ertragen.

Aber die Inszenierung? Sie kommt der Absicht Czernowins, einer Auseinandersetzung mit den Traumata und der Suche nach Empathie nicht unbedingt entgegen. Die Handlung ist zu sehr auf das politische Geschehen vom Oktober ausgerichtet. Der Krieg zwischen Hamas und Israel hat mittlerweile eine andere gesellschaftspolitische Konnotation bekommen. Der tiefe Schrei kann sich nicht mehr im eigenen Schmerz suhlen, wie in dieser Inszenierung. Jetzt ist es an der Zeit zu erkennen, dass die Infektion geheilt werden muss, sollen Opfer nicht zu Tätern werden. So Czernowin, in Erinnerung.

vorne v. l.: Hojoon Moon, Philine Grünewaldt, Johanna Greulich, Noa Frenkel,
Julia Alsdorf, Richard Schwennicke, Szymon Chojnacki, Tomas Möwes 

(Foto: H.boscaiolo)
 

Dumpfes Gefühl des Unbehagens

Leider bleibt diese Inszenierung in der moralischen, politisch-korrekten Babbel hängen. Das Leid wie der Schmerz werden verabsolutiert, und finden keinen Weg zur Lösung. Schlimmer noch, man scheint sich in der binären Ausdeutung der Traumata geradezu zu suhlen und damit dem Antisemitismus einen Bärendienst zu erweisen. Viele Abschnitte sind vor diesem Hintergrund sehr befremdlich und bezugsarm. So die esoterische Rave-Szene zu Anfang, aber auch die langatmige Tischszene, sehr statisch und vor allem Empathie arm. Die Schlussszene strotzt leider nur so vor Depression und gibt so gar keinen Hinweis auf eine echte Empathie „als Antikörper gegen weiteres Leid“. Leider, leider.

Es bleibt nichts weiter als ein dumpfes Gefühl des Unbehagens und der Hoffnung auf eine bessere und künstlerischere Inszenierung dieses wirklich bewegenden Stoffes.     

 

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