4. Sinfoniekonzert der Saison 2025/26 des Frankfurter Opern- und Museumsorchesters, musikalische Leitung: Anja Bihlmaier, Klavier: Behzod Abduraimov, Alte Oper Frankfurt, 15.12. 2025
![]() |
| Frankfurter Opern- und Museumsorchester (Foto: Website) |
Grandioser Abschluss – gute Wahl
Zum Abschluss des Jahres wollte man noch einmal grandios in die Vollen greifen. Das Frankfurter Opern- und Museumsorchester unter der Leitung von Anja Bihlmaier (* 1978, sie gab ihr Debüt in der Alten Oper Frankfurt) wählte dazu Grażyna Bacewiczs (1909-1969) Konzert für Streichorchester (1948/1950 UA in Warschau), das Klavierkonzert Nr. 2 g-Moll op.16 (1913/1923/1924) von Sergej Prokofjew (1891-1953) sowie Peter Tschaikowskys (1840-1893) Sinfonie Nr. 5 e-Moll op.64 (1888) aus: und das war, das sei vorweggenommen, eine gute Wahl.
Keine Unbekannte
Gleich zu Beginn des Konzertabends im gut besuchten Großen Saal der Alten Oper konnte die weitgehend unbekannte Grażyna Bacewicz mit ihrem Konzert für Streichorchester ebenfalls ihr Debüt in Frankfurt feiern. Sie ist beileibe keine Unbekannte in internationalen Komponistenkreisen, so schrieb sie immerhin vier Sinfonien und, als ausgebildete Geigerin, allein sieben Konzerte für dieses Instrument, aber dennoch musste sie ihrer Rolle zunächst als Frau, und zudem wegen eines schweren Unfalls, der ihr das Spiel auf der Geige verunmöglichte, einen gewissen Tribut zollen. Bekannt ist sie außerdem als Schriftstellerin und Geschichtenschreiberin.
![]() |
| Anja Bihlmaier (Foto: Alex Burns) |
Großartiger Neoklassizismus
Ihr Stil ist stark angelehnt an Béla Bartók, Paul Hindemith, ihrem polnischen Kollegen Karol Szymanowski und nicht zuletzt Igor Strawinsky. Auch die französische Schule, beeinflusst von Nadja Boulanger, zeitweise ihre Lehrerin, ist durchaus herauszuhören.
Dieses dreiteilige (Allegro, Andante, Vivo) unglaublich dichte, prägnante, von rhythmischer Schärfe und energetischer Motorik geprägte Werk, ganz in der Tradition des frühen 20. Jahrhunderts geschrieben, ist wirklich eine Lichtgestalt an Neoklassizismus, mit starken Kontrasten im ersten, kantabler Spannung im zweiten sowie nervöser Brillanz und präziser Rasanz im dritten Satz.
Ein Kleinod der Musikgeschichte und zudem noch herausragend von den gut 60 Streichern unter der leitenden Hand der agilen Dirigentin Anja Bihlmaier interpretiert. Man sollte mehr von dieser fast vergessenen Komponistin auf die Bühne bringen.
![]() |
| Behzod Abduraimov (Foto: Evgeny + Eutykov) |
Gewagt und gewonnen
Kurzer Umbau, und ein nicht mehr ganz so junger Pianist, der Usbeke Behzod Abduraimov (1990) betrat die Bühne im schlichten Schwarz und begann gleich, mit gewaltigem Anschlag in das 2. Klavierkonzert g-Moll op.16 von Sergej Prokofjew einzusteigen.
Ein gewagter Schritt noch heute, denn dies ist ein Frühwerk des begnadeten Komponisten und Pianisten, er schrieb es mit 22 Jahren als junger Wilder, in „dem Selbstbewusstsein eines Barbaren“, ohne auferlegte Schranken. Die Uraufführung, er selbst saß am Klavier, geriet zum Desaster. Man sprach von futuristischer Musik, die in den Wahnsinn treibe, ließ schlicht kein gutes Haar daran.
Glückssuche
Bekanntlich verließ Prokofjew im Jahre 1918 die neu gegründete Sowjetunion. Nein, er floh nicht, sondern suchte sein Glück in den USA und Frankreich, wo er sich internationalen Ruhm versprach, und ließ die Partitur in seiner Heimat zurück. Im Jahre 1923 schrieb er das Klavierkonzert aus dem Kopf neu und führte es, mit einigen orchestralen und klavieristischen Änderungen natürlich, 1924, wieder selbst am Flügel, in Paris auf.
Der Erfolg war ihm allein schon deshalb sicher, da er bereits mit seinem 3. Klavierkonzert op. 26 (1921) größtes Lob verbuchen konnte und sich einen Namen in Paris und allgemein im Westen erobert hatte. Dennoch ruhte das Werk noch fast 40 Jahre, ehe es 1953 (kurz nach dem Tod des Komponisten in Moskau) mit kubanischen Pianisten Jorge Bolet (1914-1990) und dem Cincinnati Symphony Orchestra auf Schallplatte gepresst, die Welt eroberte, und gleichwohl als schwierigstes und virtuosestes Klavierkonzert aller Zeiten galt.
![]() |
| Behzod Abduraimov (Foto: Evgeny + Eutykov) |
Ausbund an Obsession
Ein komplizierter und dornenreicher Weg also, was man dem Werk allerdings auch anhört. So sind die vier Sätze (Andante Allegro, Scherzo Vivace, Intermezzo, Allegro moderato, Finale Allegro tempestoso) durchweg ein Ausbund an Obsession, mechanischer Motorik und aggressiver Rhythmik.
Gleich zu Beginn vernimmt man Passagen, die an Sergej Rachmaninows 1. Klavierkonzert erinnern, hier aber von hammerharter Präzision und mit mehreren solistischen ausgedehnten Einlagen: keine Kadenzen, sondern eher Ausflüge eines begnadeten grenzfernen Tastenkünstlers.
| Behzod Abduraimov, Anja Bihlmaier, Frankfurter Opern- und Museumsorchester Foto: H.boscaiolo |
Ohne Anstrengung – große Verve
Behzod Abduraimov bewältigte seine Parts ohne Anstrengung und mit großer Verve. Sein Anschlag ließ den hart gestimmten Steinway des Öfteren erzittern. Dennoch konnte er auch piano und mit Wärme. Das Scherzo ein durchgehendes Prestissimo mit atemberaubenden chromatischen Läufen führte er quasi attacca in das Intermezzo über, das grotesk und marschartig, wie aus Modest Mussorgskis Ochsenkarren aus seinem Zyklus Bilder einer Ausstellung wirkte. Aber hier doch eher klanglich massig und irgendwie brutal in der Ausführung.
Wahnsinn – Standing Ovations
Das Finale wiederum glich einem Dance Macabre in seiner entfesselsten Art und Weise. Militärtrommel, Tuba und Posaunen ergänzten den Schauder. Mittendrin ein Trauermarsch voller Theatralik. Ein Apotheose Versuch, der aber gleich wieder blitzartig unterbrochen, in ein repetitives Chaos mit Rasseln und Fanfaren führt. Es endet in einer faustischen Coda, die noch einmal teuflische Virtuosität und höchste Spannung aller Mitwirkenden erfordert. Ein Peitschenhieb, der Solist wie Orchester die letzten Energien aus ihren Körpern herauszutreiben scheint.
Wahnsinn, mehr ist nicht dazu zu sagen. Damals pfiff man das Werk und den Solisten aus, in der Alten Oper Frankfurt dagegen gab es Standing Ovations und viele Lobesrufe.
Die obligatorische Zugabe des Titanen galt Sergej Rachmaninow, nämlich sein Prélude in g-Moll. Von ausnehmend lyrischer Melodik und herrlichen Arpeggien begleitet. Auch das kann Behzod Abduraimov.
| Behzod Abduraimov, Frankfurter Opern- und Museumsorchester Foto: H.boscaiolo |
„Unecht – gekünstelt“
Auch Peter Tschaikowskys 5. Sinfonie e-Moll op.64 (1888) hatte seine Entstehung-Tücken. Man tadelte es als effekthascherisch, ideenarm und von Routine durchzogen. Selbst Tschaikowsky kam ins Grübeln und hielt es für nicht gelungen. So schrieb er im Dezember 1888 wohl an seine Gönnerin Nadeschda von Meck: „Es steckt etwas Abstoßendes in ihr, sie wirkt irgendwie zu bunt, unecht und gekünstelt …“
Gut, sei´s drum. Heute gehört es immerhin zu seinen häufig gespielten sechs Sinfonien, enthält es doch ein Kaleidoskop seiner genialen Einfälle, trotz tiefer Depression und Weltvergessenheit, die ihn schon seit längerem beherrschten und wenige Jahre später seinen Tod herbeiführten.
Schicksalsmotiv
Gleich als Introduktion, ein Trauermarsch, das Schicksalsmotiv, das durch alle vier Sätze geht (Andante – Allegro con anima, Andante cantabile, Valse, Finale, Andante maestoso - Allegro vivace). Das Allegro con anima macht es nicht besser. Denn es handelt von „Murren, Zagen, Klagen und Vorwürfen“, wie der Komponist selbst festhält.
Leider kann das Orchester mit mehr als 80 Musikerinnen und Musikern, hier das Spannungsgefüge nicht aufrecht erhalten. Seine Interpretation im Largo-Tempo ist zwar weich und lieblich, wie gefordert, aber ohne ausgeprägte Bogenführung und viel zu routiniert vorgetragen.
| Frankfurter Opern- und Museumsorchester Foto: H.boscaiolo |
Psychodrama
Das ändert sich im Andante cantabile des zweiten Satzes. Dieser wohl längste Teil der Sinfonie ist mit seinem berühmten Horn Solo, immer vom Schicksalsmotiv unterbrochen, von außerordentlicher Lyrik und extreme Kontrastierung. Con alcuna licenca, zu deutsch: ohne Erlaubnis, bedeutet hier nichts weniger als freie Fahrt durch sämtliche Schicksalsschläge, die das Frankfurter Opern- und Museumsorchester mit Bravour meistert.
Der Walzer im Allegro moderato hingegen ist allerdings weit entfernt von seinem Anspruch. Eleganz und ironisch sollte er sein. Hier aber wirkt er eher oberflächlich, von geringer Aussagekraft. Schade, denn er ist ein Lichtblick in dieses Psychodramas.
Interpretation mit Hindernissen
Das Finale, beginnend mit einem Andante maestoso, dem Schicksalsmotiv, in E-Dur dieses Mal, kann zunächst auch nicht unbedingt gefallen, zu wenig Esprit. Die Dirigentin Anja Bihlmaier versucht zwar gestenreich das Orchester zu motivieren, aber allein es scheint in seiner eigenen Schicksalswelt zu operieren.
Kurzzeitig entflammt dann Einiges aus Tschaikowskys Ouvertüre 1812 op. 49 (1889), auch Revolutionsouvertüre genannt, wo das Orchester seine volle Kraft entfaltet, martialisch, triumphal, um dann aber wieder in den doch routinierten Gleichklang zu verfallen.
Eine Interpretation mit Hindernissen, mal brillant, mal routiniert, mal mit, mal ohne emotionaler Energie. Ganz wie ein Psychodrama, oder auch das Ringen um das Schicksal. Der Beifall war herzlich, aber ohne große Begeisterung.
| Anja Bihlmaier, Frankfurter Opern- und Museumsorchester Foto: H.boscaiolo |
Maßvolle Verabschiedung
Zu erwähnen wichtig: Die Verabschiedung in den Ruhestand der stellvertretenden Solocellistin Sabine Krams, die seit 36 Jahren Mitglied des Frankfurter Opern- und Museumsorchesters ist. Sehr warmherzig und sympathisch die Verabschiedungsworte von Gesine Kalbhenn-Rzepka. Man wünscht ihr im besten Sinne einen Unruhestand mit vielen neuen Eindrücken und Erfahrungen.




Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen