Sonntag, 14. Dezember 2025

Weihnachtsoratorium von Johann Sebastian Bach, Kantaten I – III & VI BWV 248, mit den Augsburger Domsingknaben, dem B´Rock Orchestra (musikalische Leitung: Stefan Steinemann) sowie den Sängern Daniel Johannsen (Tenor) und Lisandro Abadie (Bassbariton), Alte Oper Frankfurt, 13.12. 2025 (eine Veranstaltung der Frankfurter Bachkonzerte e.V. in Kooperation mit der Alten Oper Frankfurt)

B´Rock Orchestra (Foto: Mirjam Devriendt)

Tradition in der Vorweihnachtszeit

Es gehört doch zur jährlichen Tradition der Vorweihnachtszeit, Johann Sebastian Bachs (1685-1750) Weihnachtsoratorium (1734/35) auf die Bühne des Großen Saals der Alten Oper zu bringen.

Mal ist es der Frankfurter Cäcilienchor, wie vergangenes Jahr, oder die Frankfurter Singakademie, wie vor drei Jahren. Immer aber sind es großartige Veranstaltungen, meist aus dem Frankfurter Kulturbetrieb, die dieses geniale Gesamtkunstwerk, das tatsächlich gut einhundert Jahre nach seiner Uraufführung in den Leipziger Zentralkirchen, Nikolai- und Thomaskirche, ruhte, und erst wieder die Bühnen eroberte, als es Felix Mendelssohn Bartholdy Anfang der 1830er Jahre wieder entdeckte. 

Bis dahin galt es als zu umfangreich (sechsteilig und von 3 Stunden Dauer) und gar als zu schwierig für Chöre, Sänger und Orchester.


Augsburger Domsingknaben, Mitte: Stefan Steinemann
Foto: Bernhard Gastager)

Stimmungsbarometer – Soli Deo Gloria

Ganz anders allerdings als es Bach seinerzeit selbst sah. Er ließ diesen Zyklus angeblich von seinem Thomanern vom Blatt singen und über die Ensembles lässt er sich erst gar nicht aus, denn sie waren eh daran gewöhnt, die Partituren erst kurz vor der Aufführung zu Gesicht zu bekommen.

Heute, wie gesagt, steht es nahezu auf allen Programmen der Vorweihnachtszeit, und das zu recht, denn: „Jauchzet, frohlocket, auf preiset die Tage …“ (mit diesem Chor beginnt die 1. Kantate) ist mehr als nur ein Jubelgesang, sondern vor allem auch ein Stimmungsbarometer für das wundersame Geschehen der Geburt Christi und die Soli Deo Gloria eines Wunderwerks aus der Hand wohl des genialsten Barockkünstlers der Menschheitsgeschichte.


Komplexe Zusammensetzung

In diesem Jahr haben sich die Augsburger Domknaben (1976 von Reinhard Kammler gegründet) und das belgische B´Rock Orchestra (2005 im belgischen Gent gegründet) angesagt. Eine neue Formation unter der Leitung von Stefan Steinemann (*1992), der seit 2020 als Augsburger Domkapellmeister den Knabenchor leitet.

54 Buben und junge Männer mit 24 Musikerinnen und Musikern. Dazu zwei Sänger: der Österreicher Daniel Johannsen (*1978), Tenor, und bekannt vor allem als Schubert Spezialist, sowie der Argentinier Lisandro Abadie (*1974), Bassbariton, Opernsänger und Buchautor. Wer jetzt nach dem Sopran und Alt fragt, der bekommt die Antwort von fünf Jungen aus dem Chor, die die entsprechenden Rezitative und Arien interpretierten.


Stefan Steinemann (Foto: Website) 

Oh Haupt voll Blut und Wunden“

Man hatte sich für die Kantaten I – III & VI entschieden, eine Auswahl, die relativ oft getroffen wird, denn mit der Epiphanias Kantate (am 6. Januar) wird der Zyklus geschlossen, was auch durch den Schlusschor: „Nun seid ihr wohl gerochen" (= gerächt), nach der Melodie des Chorals aus der 1. Kantate: "Wie soll ich dich empfangen“, und nach dem Passionslied: „Oh Haupt voll Blut und Wunden“ erfüllt wird, nur dramatischer und mit langen Pausen zwischen jeder Textzeile.


Meister der Dramaturgie

Gut 110 Minuten ein Dramma per musica mit heftigen Stimmungsschwankungen: Warum lässt beispielsweise Bach den Choral: „Wie soll ich dich empfangen und wie begegn´ ich dir?“ mit dem Passionslied: „Oh Haupt voll Blut und Wunden“ verbinden? 

Denkt er hier schon den Tod Christi voraus? Bach ist ein Meister der Dramaturgie. Dazu gehört auch seine Sinfonia zu Beginn der II. Kantate. Das Kernstück des Zyklus, denn es ist das einzige Instrumentalstück des Oratoriums.



B´Rock Orchestra, Augsburger Domsingknaben
Foto: H.boscaiolo

Statt Heiterkeit traurige Stimmung

In der Kritik wird sie gelobt als bezauberndes Stück von stiller Heiterkeit (Philipp Spitta, 1801-1859, Bach-Biograph), und der große Bach Kenner Albert Schweitzer (1875-1965) meint dazu: „Zwei Instrumentengruppen stehen einander gegenüber, auf der einen Seite vier dunkel klingende Oboen, auf der anderen helle Flöten und Streicher … über ihnen (den Hirten, d. V.) schwebt schon das Heer der Engel, das ihnen bald erscheinen soll.“

Tatsächlich hört man zwei Gruppen, aber die Stimmung ist nicht heiter, sondern eher traurig und verzagt. Wo ist die freudige Botschaft des Engels?: „Denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids.“


Besser Profis als Chormitglieder

Und an dieser Stelle setzt doch die Kritik an. Der Chor ist mit 54 Kindern und jungen Männern zwar mittelgroß, aber doch mit sehr dünnen Stimmen besetzt. Einzig die Bässe sind gut herauszuhören. 

Die fünf Solisten aus dem Chor sind zwar sehr bemüht und verständlicherweise aufgeregt: aber warum begleitet man sie Accompagnato, mit Streichern, Bläsern, Orgel und Kontrabass, sodass sie kaum noch zu hören sind? Ein Instrument, eine secco Begleitung, hätte gereicht.  

Außerdem fehlte ihnen allen ein klare sprachliche Akzentuierung. Mit anderen Worten: Man verstand nichts. In einer Kirchenhalle hätte man das alles vielleicht wegen der hallenden Akustik kaschieren können, aber nicht im Großen Saal der Alten Oper.

Nein die solistischen Auftritte der Kinder konnten kaum überzeugen, da hätte man sich doch Profis erwartet.

Schlussapplaus
v. l. stehend: Lisandro Abadie, Daniel Johannsen,
dritter v. r. Stefan Steinemann, fünf Sänger der Domsingknaben
Foto: H.boscaiolo

Brillant – gewöhnungsbedürftig – solide

Von den Sängern konnte vor allem Daniel Johannsen überzeugen. Seine rezitativischen Erzählungen aus den Lukas- und Matthäus Evangelien waren brillant, verständlich und tatsächlich ohne Textvorlage rezitiert. 

Seine beiden Arien: „Frohe Hirten, eilt, ach eilet ... “ (mit schwierigsten Koloraturen in Kantate II), und: „Nun möget ihr stolzen Feinde schrecken …“ (arioser und nicht so koloraturreich, Kantate VI) dagegen waren vor allem wegen seiner schwankenden Stimmlage und seiner äußerst leise ausgeführten Verzierungen doch gewöhnungsbedürftig. Würde ihn gern mal als Schubert Interpret hören.

Lisandro Abadie hatte eine Menge Einsätze, die er insgesamt doch sehr solide ausführte, wenn auch ohne Glanz. Seine Duette mit den kindlichen Sängern passten insofern, als er sich doch zurücknahm, um die Sängerbuben nicht zu überfordern.


Routine – Gleichförmigkeit – Herzblut

Das B´Rock Orchestra spielte auf historischen Instrumenten (darunter zwei Oboen da caccia, zwei Traversflöten, Barockpauke und drei Bachtrompeten), brauchte insofern lange zwischen den einzelnen Kantaten, um die Instrumente wieder aneinander anzupassen.

Insgesamt spielte es zwar routiniert, aber alles andere als jubelnd, freudig stimmend, heiter oder „von schwellender Sehnsucht“ (Spitta). Nein, alles geriet ein bisschen gleichförmig und ausdrucksarm.

Allein die selten eingesetzten drei Trompeten (Antonia Kapelari, Manuela Tanzer, Gert Bachmann) und vor allem die erste Geige, Nadja Zwiener (Konzertmeisterin) konnten das Herzblut erahnen, das in diesem Oratorium steckt. Sie rissen doch in vielen Szenen das Dahinplätschern der Nummern aus der Eintönigkeit.

Schlussapplaus
v. l. stehend: Lisandro Abadie, Daniel Johannsen, 
fünf Sänger der Domsingknaben, Stefan Steinemann 
(Foto: H.boscaiolo)

Kein Wunderwerk

Bei Stefan Steinemann spürte man förmlich die Aufregung, die er bei den Auftritten seiner Zöglinge nicht verbergen konnte. 

Er gab sich alle Mühe, aber vor allem bei den Tutti (Chorälen und Chören) ja auch schon beim triumphalen Einstieg in den Kantatenzyklus: „Jauchzet frohlocket …“, passte eigentlich wenig zusammen, man hörte lediglich ein dumpfes Rauschen, zwar relativ leise, aber nie transparent und von großer Strahlkraft.

Viel Lärm um nichts, möchte man als Fazit festhalten. Ein Weihnachtoratorium I – III & VI, das vielleicht besser in eine Domkirche (Frankfurter Kaiserdom St. Bartholomäus?) gepasst hätte, aber für den Großen Saal der Alten Oper Frankfurt, der übrigens ausverkauft war, wohl eine Nummer zu klein geriet.

Das Publikum applaudierte freundlich, aber ein Wunderwerk war es nicht.

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