Montag, 29. Dezember 2025

Cantos, Hessisches Staatsballett, Choreographie: Maciej Kuźmiński, Musik: Simeon ten Holt, Staatstheater Wiesbaden, 28.12.2025

Cantos
Hessisches Staatsballett (Foto: Sinah Osner)

Angekommen

Es ist die bereits fünfte Vorstellung von Cantos im Kleinen Saal des Staatstheaters Wiesbaden (UA am 05.12.), und kein freier Platz ist mehr zu finden. Mit anderen Worten, Cantos von Maciej Kuźmiński (*1985) ist zumindest in Wiesbaden angekommen und das zu recht, das sei vorweggenommen.


Wiederkehr des Immer-Gleichen

Cantos erzählt keine Geschichte der Menschheit, sondern demonstriert auf eindrückliche Weise die Wiederkehr des Immer-Gleichen, das zyklische wie das lebendige des Daseins. Das aber äußert differenziert, bilderreich und irgendwie auch mit Humor und einem Élan Vital, einer schöpferischen Urkraft besetzt, der das Publikum mit einem Schmunzeln zurücklässt.

Cantos
vorne: Marie Ramet, Enzo Boffa (Foto: Sinah Osner)

Musikalische Marionetten

Alles beginnt mit einem Conférencier in Frack, am Rande der Bühne stehend und stumm ins Publikum schauend, der sich alsbald als einer der beiden Pianisten entpuppt (Waldemar Martynel). Im Hintergrund eine riesige, antik anmutende Mosaikwand. Ansonsten ist die Bühne leer.

Dann erscheinen von der Seite zwölf Tänzer (sechs Frauen und sechs Männer), in Alltagskleidung, reihen sich auf, der Pianist setzt sich an sein Instrument. Gegenüber sitzt sein Kompagnon (Igor Palmov) am zweiten Instrument, und es geht los.

Im 2/4 Takt bei mittlerem Tempo und einfachen Viertonmotiven bewegen sich die Tänzer zunächst wie Maschinen, die von der musikalischen Quelle wie Marionetten vorangetrieben werden. Der Rhythmus ist scharf, treibend, gnadenlos, unerbittlich, und ändert sich während der gesamten Vorstellung (leider) nicht. 

Die Komposition nennt sich Canto Ostinato (1976-1979), ist von Simeon ten Holt (1923-2012) geschrieben und gehört zu den klassischen Minimal Kompositionen dieser Zeit. Vergleichbar mit denen der amerikanischen Größen wie Steve Reich, oder auch Philip Glass.

Cantos
Hessisches Staatsballett (Foto: Sinah Osner)

Musik, die verschlingt

Canto Ostinato, auch Namensgeber dieses Balletts, bedeutet immer wiederkehrender gleichlautender Gesang, für zwei Klaviere geschrieben, aber auch für mehrere Instrumente möglich. Es enthält über einhundert Sektionsnummern auf mehrere Takte verteilt, bei häufigen Wiederholungen und minimalen Veränderungen. Der Choreograph selbst meint dazu: „Dieses meisterhafte Werk ist so komplex und reich, das sie (sic) einen geradezu verschlingt – sie (sic) frisst dich bei lebendigem Leib.“ (aus dem Programm)


Fabelhafte Träumereien – verzerrte Realität

Auch tut sich einiges auf der Bühne. Die Akteure fallen reihenweise aus der Phalanx des roboterhaften „Marschierens“ heraus und zeigen sich als Individuen. Ihre maskenhaften Gesten und abrupten Bewegungen werden fließender und bekommen eine gewisse menschliche Attitüde.

Während die Musik ihre Sektionen abspult, mit einer nahezu immer gleichen Dynamik und einer gewissen Emotionslosigkeit (was leider zu bemängeln ist), ändert sich sukzessive das Bild auf der Bühne.

Einzelne Tänzer erscheinen in Tiermasken, ein Schreitvogel, ein Fuchs mit riesigen Ohren, Esel, Fisch und Hirsch sind erkennbar. Aber es könnten auch Fabeltiere sein, die so langsam die Bühne bevölkern.

Solisten tanzen hoch komplexe und kunstvolle Nummern, während sich die Tiermenschen wie auf rituellen Zusammenkünften bewegen. Mitunter düster, befremdlich und surreal.

Das Moment des tierischen im Menschen, des unkontrolliert Chaotischen gegenüber dem vernünftig Organisierten kommt hier zum Vorschein und setzt den Zuschauer in eine verzerrte Welt der Realität.

Cantos
Hessisches Staatsballett (Foto: Sinah Osner)

Élan Vital – Visionen – Zyklen

Vielleicht sollte an dieser Stelle die Absicht des Choreographen, seines amerikanischen Dramaturgen Paul Bargetto (*1969) und seiner österreichischen Ausstatterin Gabriela Neubauer erläutert werden.

Kuźmiński und sein Team verfolgen gleich dreierlei philosophische Ansätze. Herausgehoben sind dabei der Èlan Vital (übersetzt am besten mit schöpferischer treibender Kraft) eines Henri Bergson (1859-1941) sowie Francisco Goyas (1746-1828) Drucke Los Disparates und Los Proverbios (1816-1823), traumartige Visionen, surreale Bilder von erschreckender Schönheit. Dazu kommt die Idee der Kulturzyklentheorie, die eigentlich von Goethe bis Machiavelli, von Nietzsche bis zum griechischen Philosophen Polybios seit gefühlten Ewigkeiten immer wieder zirkuliert.

Sicher passt Canto Ostinato ebenso dazu wie die ständigen Wechsel von Mensch zu Tier und vice versa, von Ordnung und Entropie, von Triebhaftigkeit und Vernunft. Für Spannung ist dabei für gut eine Stunde gesorgt und die Absicht, einen Spiegel menschlicher Abgründe bis hin zu gewaltiger Schöpferkraft auf die Bühne zu bringen, voll erfüllt.

Cantos
Hessisches Staatsballett, vorne mit Hirschmaske: Marcos Novais 
(Foto: Sinah Osner)

Antithese zur Entropie

Die Zwischenspiele eines fingierten Synchronschwimmens, oder auch Artistic swimming aus dem Bereich des Hochleistungssports, sowie der Schlussreigen der Kompanie, bei durchaus melodischer Spieleinlage der Pianisten, erfüllten witzig und humorvoll den Bereich des Èlan Vital. Den Willen zur Formbildung, die Antithese zur Entropie, den Schopenhauerschen Anspruch, vom Willen zur Vorstellung zu gelangen.

Cantos
Hessisches Staatsballett, an den Klavieren v. l.: Igor Palmov, Waldemar Martynel 
(Foto: Sinah Osner)

Tollhaus der Gegenwart

Eine Inszenierung, die aus einer Menge von Ideen entstanden ist. Ein Spiegel vielleicht des aktuellen politischen Tollhauses, wozu auch das Spiel mit den Alten weißen Männern gehörte. Eine queere oder besser verquere Schöpfung einer woken Gruppe von Weltverbesserern aus den frühen 2010 Jahren, die allein bei den weißen Männern alles Übel dieser Welt verorten. Eine witzige Szenerie mit ständig schüttelnden Maskenköpfen und Armbewegungen, die nichts weiter aussagten als: Was soll das Ganze? Was wollt ihr eigentlich? Sehr einfallsreich, wie die gesamte Produktion.

Cantos
Hessisches Staatsballett, Schlussapplaus (Foto: H.boscaiolo)

Aus Raum und Zeit gerissen

Das abrupte Ende riss das Publikum regelrecht aus Raum und Zeit des Bühnengeschehens in die Realität des Seins zurück. Der Beifall, wie immer bei Veranstaltungen des hessischen Staatsballetts frenetisch und nicht enden wollend.


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