Ensemble Modern, Viertes Abonnement Konzert 2025/26, Alte Oper Frankfurt, 15.01.2026
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| Ensemble Modern (Foto: Katharina Dubno) |
Fünf Juwelen
Ein wunderbarer Einstieg ins Neue Jahr 2026 sollte es werden: „Jedes Stück ein Juwel!“ versprach der Geschäftsführer Christian Fausch in einer kurzen Einführungs- und Begrüßungsrede, bevor er die Bühne freigab für fünf Werke, entstanden zwischen 1967 und 2023, die tatsächlich Glanz und Glamour in den leider nicht vollbesetzten Mozart Saal der Alten Oper Frankfurt brachten.
Gleich zu Beginn Inquieta Limina – un ommagio a Berio (1996) von Luca Francesconi (*1956). Ein siebenminütiges Fanfaren behaftetes Hors d´Oeuvre für vierzehn Instrumente, darunter zwei Schlagwerke, Streichquintett, Akkordeon, diverse Holz- und Blechinstrumente und Klavier.
Neue Gefilde
Francesconi, Schüler und Freund von Luciano Berio (von ihm kommt ebenfalls ein Werk zu Gehör) nennt es nicht von ungefähr „Unruhige Schwellen“, worunter er eigenen Aussagen entsprechend „unruhige Freude“, „Lebensenergie“ und das „unbändige Bedürfnis nach Kommunikation und Ausdruckskraft“ versteht. Das allerdings gelingt ihm vollends.
So lässt er die Blechbläser schmettern, kraftvolle vertikale Klangflächen erzeugen, das Akkordeon mit dynamischem Espressivo dominieren und mit sinfonischer Kraft, aber auch bei Glocken- und virtuosem Klavierklang eine ganz eigene Welt entdecken: An diesem musikalischen Abend war es der Ruf, Schwellen zu überwinden, sich in ganz neue Gefilde treiben zu lassen.
| vorne von links: Hermann Kretzschmar, Malika Kishino, David Haller, zweiter von rechts: Stefan Asbury (Foto: H.boscaiolo) |
Synästhetischer Geruch
Oud (2020) von der Japanerin Malika Kishino (*1971), sie selbst war im Saal anwesend, sollte das Publikum in den Bereich der Synästhesie führen. Schon der Titel besagt, dass es um Holz geht, aber nicht um bekanntes, sondern sehr seltenes Holz. Sandelholz, oder auch Adlerholz, ein so seltenes und begehrtes Holz, das im Kilopreis bei 250.000 Dollar auf dem Markt gehandelt wird.
Kishino geht es um den Duft dieser Hölzer, der ihrer Auffassung nach vor allem von der Marimba bzw. dem Balafon (zwei Holzschlaginstrumente) bestens repräsentiert werde. Tatsächlich werden in Japan sowohl Adlerholz als auch Marimbaphon höchst geschätzt.
Sie hat sich für eine Doppelkonzert für Marimbaphon, Klavier und Ensemble (10 Instrumentalisten) entschieden, um den Duft dieser seltenen Hölzer erfahrbar und spürbar werden zu lassen. Ihr einsätziges Konzert von gut 15 Minuten Länge, das am 12.Oktober 2020 in Tokio uraufgeführt wurde, ist absolut farbenreich und wird neben Marimba (David Haller) und Klavier (Ueli Wiget) vor allem von Flöte, Klarinette und Streichern geprägt.
Klangduft
Helle Klangschläge initiieren förmlich repetitive und arpeggiative Reaktionen von Marimba und Klavier. Man fühlt sich förmlich in einem Garten voller Bäume und Vogelgesang.
Die Flüchtigkeit der Klänge werden in einem zweiten Teil durch schnelle Figuren und drohende Kontrabass Einlagen fortgesetzt und einem dritten Teil durch Oboen und Geigen Part mit Glissandi und Chromatik auf einen Höhepunkt geführt, der noch durch Hall und elektronische Verstärkung eine besondere Note erfährt.
Tatsächlich scheint sich der Klang in Duft zu verwandeln, wenn Klavier und Marimba in einem Soloduett den Schluss einleiten. Die Geigen flirren, nebulöse Düfte ziehen virtuell durch den Raum und mit drei kurzen Schlägen endet dieser synästhetische Versuch. Musikalisch ein Gedicht, synästhetisch allerdings 'Geschmackssache'.
| Ensemble Modern vorne: Stefan Asbury, Shigeko Hata Foto: H.boscaiolo |
Schwarze Moral eines Steins
Der aus Prag stammenden Ondře Adámek (*1979) ist in Sachen Musik ein Weltenbummler und liebt es, beispielsweise koreanische, asiatische und nordische, wie auch westliche Musiken miteinander zu verbinden.
Sein Extrakt aus seiner Kammeroper Seven Stones, die 2018 in Ex-en-Provence uraufgeführt wurde, besteht hier aus einer Geschichte (Text vom Isländer Sión, geb. 1963), in der ein Handelsreisender aus Boston in den Osten gereist ist, in ein Hinterzimmer eines heruntergekommenen Hauses gerät, wo ihm drei Frauen einen schwarzen Stein schenken, dessen Kraft ihn ins Unglück und letztendlich in den Tod stürzt.
Eine tragische Geschichte zwar, aber mit ungeheurer epischer Präsenz von der Mezzosopranistin Shigeko Hata (*1976) vorgetragen.
Theatraler Genuss
Adámek nennt, seine Szene von gut 15 Minuten (die Kammeroper dauert 1,5 Stunden) Let me tell you a Story (2023 bearbeitet), und lässt die Sängerin den Text auf englisch rezitieren. 15 Instrumentalisten begleiten sie dabei mit diversen Klangkörpern wie Holzrasseln, Maracas, Gongs und koreanischer Buk.
Vor allem aber Shigeko Hata lässt dieses Werk zu einem Erlebnis werden. Mit tiefer, elektronisch verstärkter dramatischer Stimme rezitiert sie die Geschichte und demonstriert eindringlich den Teil, wo der Handelsreisende den Stein aus der Tasche nimmt, ihn anhaucht, am Ärmel poliert, anstarrt und zum Ohr führt. Das im Einklang mit einem knallenden spanischen Fächer, den sie bei diesem Akt aufschlägt.
Die Geschichte endet mit einem rasselnden, blanken Totenkopf und eben diesem sich immer wiederholenden Akt, der schlussendlich vom gesamten Ensemble in endlosem Fortgang imitiert wird.
Gruselig schön und herrlich inszeniert von allen Akteuren. Sogar der Dirigent, Stefan Asbury, seine Qualität ist absolut unbestritten, machte mit. Ein Komposition, einfach gestaltet, aber perfekt rezitiert und musiktheatralisch ein Hör- und Sehgenuss.
| Ensemble Modern vorne links: Megumi Kasakawa, rechts Stefan Asbury Foto: H.boscaiolo |
Sequenze – Chemins – Konzert
Leider lichteten sich die Reihen nach der Pause doch erheblich, dauerte der erste Teil doch über eine Stunde. Dennoch steigerte sich das Angebot der Juwelen noch gehörig.
Luciano Berio (1925-2003) trumpfte nicht etwa mit einer seiner Sequenze auf, dafür aber mit den Chemins (zu deutsch: Wege).
Warum der Vergleich? Bekanntlich schrieb er XIV Sequenze in den Jahren 1958 bis 2003 für verschiedene Solo-Instrumente. Seine bekanntesten sind wohl die für Flöte, Klarinette und Violoncello. Die sechste Sequenza gehört der Viola, die er 1967 fertigstellte.
Seine Absicht bei diesem Zyklus war es, Studien über Funktions- und Spielweisen, über Klang und Ausdruck durchzuführen. Seine Chemins allerdings basieren auf der Sequenza-Reihe, sind allerdings sehr verschieden angelegt, mit unterschiedlichen instrumentalen Besetzungen, quasi konzertant. Allein für seine Sequenza VI für Viola schrieb er Chemins II für neunköpfiges Ensemble, aber auch Chemins III für großes Orchester, Chemins IIa und IIb, wo das Soloinstrument ersetzt wird durch die Bassklarinette oder ganz wegfällt.
| Ensemble Modern vorne links: Megumi Kasakawa, rechts Stefan Asbury Foto: H.boscaiolo |
An diesem Abend steht Chemins II auf dem Programm, wo das Mitglied des Ensemble Modern, Megumi Kasakawa, den Solopart übernimmt.
Ein zwölfminütiger Hammer, denn für die Solistin ist diese konzertante „Etüde“ ein physischer Kraftakt par excellence. Keine Ruhephasen, extrem schnelle Arpeggien über die Vier Saiten der Viola, dann rasende Tremoli und perkussive im Presstissimo geforderte Repetitionen.
Aber auch die Begleiter sind virtuos und anspruchsvoll gefordert. Kurz vor Ende, die Solistin schüttelt nach jeder aktiven Passage ihre Arme, beruhigt sich das Geschehen. Alles zurück auf Los, möchte man meinen.
Megumi Kasakawa spielt, in einer Art Coda, zweistimmig die Akkorde, die die tonale Basis dieser unglaublichen Partitur bilden. Chapeau an die Solistin, die ihre Klasse an diesem Instrument vollauf bewiesen hat.
| Ensemble Modern vorne rechts Michele Sanna, links: Stefan Asbury Foto: H.boscaiolo |
Suite in fünf Bildern
Den Abschluss sollte ein Werk rahmen, das sich als „Musik der Waldvölker“ vorstellt, gemeint sind die afrikanischen Pygmäen, hier im Besonderen die Ba-Benzélé, aber, in der Tradition von György Ligeti und seinem Sohn Lukas (beide bekanntlich große Bewunderer dieser Völker), zu einem herrlich lockeren unglaublich tänzerischen Abschluss des langen Abends führen sollte.
Es stammt vom Sarden Michele Sanna (*1981), selbst anwesend im Mozart Saal, der das 20-minütige Werk mit The Factory of Illusions (2023) betitelt.
Was will er damit sagen? Sanna weiß sich von den afrikanischen Waldvölkern inspiriert und meint als in Sardinien Geborener eine tiefe Affinität mit Afrika zu haben. Sardinien wie Afrika schützte seine musikalischen Traditionen (nicht nur diese), was Sanna sehr entgegen komme, und seine Suite, bestehend aus fünf Bildern, schaffe ein illusorisches Klanggewebe, das beide Traditionen verbinde.
Vertrackte Rhythmen
Für die Pygmäen wie auch die Sarden bestehe Musik im wesentlichen aus Rhythmus und Theater bzw. Schauspiel. Der sogenannte Aksak (hier auf die Ba-Benzélé bezogen) sei ein asymmetrisches hinkendes System zwischen geraden und ungerade Rhythmen, und genau das versuche er in Bildern und Tänzen wiederzugeben.
Lange Rede kurzer Sinn: Das Stück kommt jazzig, witzig, leger und tonal einfach (in positivem Sinne) rüber. Vor allem der Perkussionist (David Haller) hat alle Hände voll zu tun, den Rhythmus vorzugeben, der von drei Blechbläsern (Thomas Mittler, Horn, Sava Stoianov, Trompete und Till Künkler, Posaune) zwei Klavierspielern (Ueli Wiget und Hermann Kretschmar) sowie Paul Cannon am Kontrabass im Duktus einer Bigband ergänzt und erweitert wird.
Jedes der fünf Bilder bzw. Erzählungen bekommt einen anderen Charakter. So besteht die dritte Suite aus einen Blues Rhythmus mit entsprechenden Bluestönen und verändert sich rasch in überlagerte Asynchronitäten mit zweier, dreier, vierer, fünfer und sechser Folgen, bei gleichzeitig vertrackter Metrik. Die vierte Suite wiederum lässt einen stampfenden Rhythmus zu, der allerdings starke Akzente setzt, die vor allem der Perkussionist vorgibt.
| Ensemble Modern v. l.: David Haller, Sava Stoianov, Stefan Asbury, Thomas Mittler, Till Künkler, Paul Cannon Foto: H.boscaiolo |
Klanggewebe voller Überraschungen
Das abschließende Bild wiederum besteht aus Obertönen der Bleche, begleitet von einem Wasserfallgeräusch vom Schlagzeug, Tropfenklängen vom Klavier, Klappern des Kontrabasses und nicht zuletzt von ätherischen Klangimpressionen der Bläser und Pianisten.
Ein Morendo des Glücks, denn tatsächlich schaffte es der Komponist und Philoafrikaner ein Klanggewebe voller Überraschungen zu spinnen, dass den langen Konzertabend in bester Stimmung beendete.
Wie immer ein großartiges Ensemble Modern mit einem Dirigenten Stefan Asbury der Extraklasse und überragenden Solisten, allen voran die Aktionssängerin Shigeko Hata und die Viola-Solistin Megumi Kasakawa.

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