Montag, 22. Dezember 2025

Die Dreigroschenoper, Texte von Bertolt Brecht und Elisabeth Hauptmann, Musik von Kurt Weill, Staatstheater Mainz, 21.12.2025 (Premiere: 27.09.2025)

Ensemble, vorne Henner Momann als Mackie Messer
Foto: Andreas J. Etter

Meistgespielt und brandaktuell

Mittlerweile die sechste Vorstellung der Dreigroschenoper im Staatstheater Mainz seit ihrer Premiere am 27.09. (übrigens mit einigen Schauspielern und Sängern von der HfMDK Frankfurt aus dem Studiojahr 2025/26), und immer noch sind die Plätze des Großen Saals des Staatstheaters Mainz rar: Ausverkauft heißt es lapidar, wenn man nach Tickets sucht.

Und das nicht von ungefähr, denn wie wir wissen, hat diese besondere Oper seit ihrer Uraufführung am 31. August 1928 bereits in wenigen Jahren mehr als 10.000 Aufführungen erfahren und gehört, nach einer kurzen Zeit ihres Verbots während des Naziregimes, bis heute wohl zu den meistgespielten und meistübersetzten epischen Musiktheatern weltweit überhaupt. 

Ensemble, Mitte Denis Larisch als Tiger Brown
Foto: Andreas J. Etter

Episches Theater

Weshalb aber ist dieses epische Musiktheater so unglaublich beliebt beim Publikum, besteht sie doch aus einer unverhohlenen Kapitalismuskritik, einer gnadenlosen Abrechnung mit den menschlichen Abgründen, wie aus einer epischen, will sagen, distanzierten Erkenntnis schaffenden Absicht, gesellschaftliche Widersprüche aufzunehmen und praktische Konsequenzen daraus zu ziehen. Mit anderen Worten: Hebt sie doch den Zeigefinger zur Veränderung, oder gar Revolutionierung der Gesellschaft. Vielleicht gerade deshalb?


Klassischer Balanceakt

Auch das Team der Mainzer Inszenierung um Jan Neumann (Regie) Cary Gailer (Bühne), Nini von Selzam (Kostüme), Ulrich Schneider (Licht) und Jörg Vorhaben sowie Sonja Westerbeck (Dramaturgie) haben darüber nachgedacht und wollten, eigenen Aussagen zufolge, den „Balanceakt wagen“ zwischen höchst unterhaltsamer, spöttischer-satirischer Kritik an der Gegenwart, wie auch die ursprüngliche Absicht, und gleichzeitig allen großen Gefühlen, die uns Menschen täglich bewegen eine Bühne geben, als da sind: Sehnsucht, Triebe, Eifersucht, Rache, aber auch Liebe, Vertrauen, Verlässlichkeit und vieles anders mehr.

Hierzu hat man sich doch ziemlich genau an die Vorlage der Dreigroschenoper (der Name stammt übrigens von Lion Feuchtwanger), wie sie 1928 auf die Bühne im Berliner Theater am Schiffsbaudamm kam, gehalten. Drei Akte, 9. Bilder und 22 Songs, von denen ein Großteil zu Welthits wurden (darunter: Die Moritat von Mackie Messer, Seeräuber Jenny, Kanonensong, Zuhälterballade oder Die Ballade von der sexuellen Hörigkeit) und bis heute nichts von ihrer Aktualität eingebüßt haben.

Holger Kraft als Jonathan Peachum
Foto: Andreas J. Etter

Gangster – Huren – Liebe – Eifersucht

Kurz erzählt handelt die gut 2,5 stündige Oper von zwei Herrschern der Unterwelt, Jonathan Peachum (Holger Kraft) und Mackie Messer alias Macheath (Henner Momann). Ersterer besitzt eine Horde Bettler (fünf an der Zahl), die er ausbeutet und dabei reich wird, Letzterer ist der größte Gangster Londons und hat eine Schar von Strauchdieben um sich geschart (ebenfalls fünf), mit denen er die Stadt im Griff hält.

Tiger Brown (Denis Larisch), der Polizeipräsident der Stadt ist korrupt und profitiert von der Unterwelt. Dazu kommen noch Polly (Maren Schwier), die Tochter von Peachum, die sich in Mackie verliebt, Lucy (Liudmila Maytak), die Tochter des Polizeichefs, die ebenfalls zur Schar der Geliebten von Mackie gehört; die Frau Peachums (Stephanie Kämmer), eine Intrigantin, die für ihre Tochter jeden Deal eingeht, dazu noch eine Schar von Huren, die von Mackie leben, sich aber von ihm ausgebeutet fühlen. Sie verraten ihn und erreichen seine Hinrichtung. Dazu aber später.


Treffpunkt – B-Ebene

Eigentlich befinden wir uns in der Unterwelt der Gesellschaft einer fiktiven Großstadt (ursprünglich London, aber Frankfurt ist durchaus möglich). Passenderweise hat man dazu die Bühne in die B-Ebene einer S und U-Bahn Haltestelle (vielleicht die Hauptwache?) verwandelt. 

Hier kommen alle Menschen aus allen Klasse und Schichten zusammen, so die Absicht. Man wechselt die Bühne lediglich durch sehr gut ausgedachte Plakate, wie „Weniger ist leer – Brot für die Welt“, oder: „Wohnst du noch, oder lebst du schon“, oder „Sehnsucht – AIDA“ etc. und kann so den Verlauf des Geschehens ohne Pause fortsetzen. Klasse Idee.

Gangsterbande,
rechts Henner Momann (Mackie Messer), Maren Schwier (Polly)
Foto: Andreas J. Etter

Pop Art á la Roy Liechtenstein

Die Kostüme der Protagonisten sind schrill und irgendwie plakativ ausgefallen. Man erinnert sich unwillkürlich an Roy Liechtensteins Pop-Art mit seiner Comic Ästhetik. Sehr ausdrucksstark und dennoch distanzierend und seriell zu reproduzieren, denn die Gesichter sind fratzenhaft geschminkt, der Commedia Dell´ arte angelehnt. Die Charaktere sind dadurch nahezu festgelegt und haben insofern keine, oder kaum menschliche Entwicklungsmöglichkeiten. Dem Motto der Moritate entsprechend: "Die Bettler betteln, die Huren huren, die Diebe stehlen …"

Blick in den Orchestergraben
Foto: H.boscaiolo

Ausbund an Einfallsreichtum

Insgesamt zwölf Sängerinnen und Sänger und noch einmal acht singende Statisten bilden den exzellenten Chor, der die einzelnen Akte abschließt und einleitet. Dazu allerdings gehört ein Ensemble von zwölf Musikerinnen und Musikern, die hervorragende Hintergrundmusik gestalteten. Kurt Weills Komposition für allerlei Instrumente, darunter Orgel, Klavier, Akkordeon, Saxophone, Schlagwerk, Posaune und viel mehr, das sei festzuhalten, ist ein Ausbund an Einfallsreichtum. 

Er changiert zwischen den Stilen seiner Zeit und benutzt sogar barocke und folkloristische Stilelemente aus der Partitur von Johann Christoph Pepusch´s und John Gay´s Beggars opera von 1728, und schafft es gleichzeitig, Musik, Gesang und Handlung kongenial miteinander zu verknüpfen.

Eine gigantomanische Aufgabenstellung, die das Ensemble mit Bravour meisterte. Ein Höhepunkt dieser Vorstellung.

Maren Schwier (Polly), Gangsterbande
Foto: Andreas J. Etter

Geniale Hauptdarsteller

Die Akteure glänzen durchweg durch guten, angemessenen Gesang und schauspielerische Extravaganz. Herausragend hier die Rollen der Polly, verkörpert durch Maren Schwier, die mit guter gestaltungsreicher Stimme und wunderbar aufmüpfiger Haltung ihre Moritate und Songs kreiert, dass es nur so eine Freude ist. Herausragend dabei ihr Seeräuber Jenny Song im ersten Akt.

Ebenfalls perfekt die Rollen von Peachum alias Holger Kraft, ein besserer Schauspieler als Sänger, aber dafür von brillanter Überzeugungskraft, und Mackie Messer, alias Henner Momann, ein Unterwelt Pate erster Güte. Er überzeugte sowohl stimmlich als auch schauspielerisch. Seine Moritate und Songs, herauszuheben sein Abbitte-Song unter dem „Galgen“ am Schluss des 3. Aktes, ein Gedicht an Selbstgefälligkeit, süßlicher Trauer und absoluter Uneinsichtigkeit. Einfach nur schauerlich schön.

Dazu Lucy alias Liudmila Maytak, ein klangvoller Mezzosopran, die ihre Scheinschwangerschaft mit sich herumträgt, um ihren Geliebten Paten zu nötigen. Und last but not least, die Spelunken Jenny alias Verena Tönjes, eine der Huren, die Mackie an den Polizeichef verrät, das aber mit einer Menge Sexappeal und vor allem einem Mezzosopran, der durchaus auch die Opernbühne erreichen könnte.

Natürlich darf der Polizeichef alias Denis Larisch nicht fehlen. Er verkörpert die Karikatur pur. Ein Hampelmann, getrieben von Gier und Macht, aber naiv wie ein Unschuldslamm. Sein Auftritt ist witzig wie grotesk schräg.


Liudmila Maytak als Lucy (Foto: Andreas J. Etter)

Deus ex machina

Tatsächlich aber sind alle Sänger und Schauspieler, ohne ihre Namen im Einzelnen zu nennen, sehr gut ausgesucht und passen perfekt zur Inszenierung.

Die allerdings ist auf ganzer Linie gelungen. Sogar der pseudo- märchenhafte Schluss passte. Denn man glaubt es kaum, dieses epische Musik-Theater endet mit einem klassischen Deus ex machina. Ja, es kommt der sprichwörtliche goldene Reiter, der Robin Hood der Enterbten und Waisen, der ausgerechnet den Schlimmsten aller Schlimmen, Mackie Messer, rettet und mit 100.000 EURO und der Aufnahme in den Adelsstand belohnt (dazu muss man wissen, dass dieses Stück eine „Krönungsfeierlichkeit der Verdorbenheit“ thematisiert, die hier ihren Höhepunkt erfährt)

Schlussapplaus mit allen Akteuren
Foto: H.boscaiolo
Ironie vom Leben

Das abschließende Finale mit dem vermeintlich „reitenden Boten“ aus dem vernebelten Hintergrund (er ist unsichtbar, dafür singen alle im Galopp eines Pferdes), dem herrlichen Epilog des Chores: „Verfolgt das Unrecht nicht zu sehr …“ sowie dem anschließenden finalen Ohrwurm: „Die einen sind im Dunkeln, die anderen sind im Licht ...“, wirken schon exorbitant daneben, skurril, provokativ, und lassen das Publikum mit einem sardonischen Lächeln zurück.

Der Beifall ist langandauernd, herzlich. Das Künstlerkollektiv hat eine beeindruckende Dreigroschenoper hingelegt. Sogar das Ensemble kommt vom Orchestergraben auf die Bühne, und das zu recht.



Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen