Die schöne Helena, Opéra-bouffe von Jacques Offenbach in drei Akten: Neue Text- und musikalische Fassung: Rainer Dachselt, Michael Quast und Rhodri Britton, Premiere Frankfurter Volksbühne, 04.12.2025
| Die schöne Helena Der Wettstreit um die schönste Göttin: Gabriel Spagna, Ulrike Kinbach alle Fotos: Andreas Malkmus |
Persiflage auf die Pariser Gesellschaft
Die schöne Helena: Galt diese am 17. Dezember 1864 im Pariser Théatre des Varietés mit großem Erfolg uraufgeführte Buffo-Oper doch im Second Empire, zu deutsch: im zweiten Kaiserreich unter Napoleon III zwischen 1852 und 1870, doch als bitterböse Persiflage auf die bürgerliche Gesellschaft im Allgemeinen und auf die Pariser Bohème und den dekadenten Adel in Paris im Besonderen.
Ein Lachen von oben nach unten
So meint beispielsweise der Journalist und Musikkritiker Siegfried Kracauer (1889-1966), dass das Publikum in der „Schönen Helena“ überwiegend aus höchsten Adelskreisen und der Pariser Halbwelt bestand.
Der Grund: Die sogenannten „Offenbachiaden“ (nicht allein in dieser Oper) machten sich über ihren Sittenverfall lustig. Die Libretti von Henri Meilhac und Ludovic Halévy (mit ihnen arbeitete Offenbach vielfach zusammen) und dazu natürlich die leichte, witzige und elegante Musik des Komponisten richteten sich nicht unbedingt gegen die gesellschaftlichen Verhältnisse im Sinne des Brechtschen epischen Theaters, sondern parodierten vielmehr die lockeren Moralvorstellungen ihres Publikum, das vorwiegend aus Bankiers, Intellektuellen, Kurtisanen und Mitgliedern der aristokratischen Bohème bestand. Es war also ein Lachen von oben nach unten und nicht von unten nach oben angesagt.
| Ulrike Kinbach, Ingrid El Sigai (Helena), Gabriel Spagna |
Moraltheater
Die schöne Helena, nach Orpheus in der Unterwelt (1858), die nächste Erfolgsoper Offenbachs passte natürlich blendend in diesen Zeitgeist. Angelehnt an die griechische Sagen- und Götterwelt (man schreibt die Zeit vor der Entführung der Helena durch Paris, die bekanntlich zum Trojanischen Krieg ausartete), lebt dieses Werk vor allem von der Figur der Helena, der „schönsten Frau der Antike“. Tatsächlich rekrutierten sich die Besucherzahlen auch wegen der oftmals provozierenden Wirkung der Hauptdarstellerinnen, die sich bisweilen nackt oder fast nackt auf der Bühne zeigten. Ein Skandal, den man erlebte, denn Offenbachs „Moraltheater“ passte bestens in die Zeit der Dekadenz und des Fin de Siècle, auch als Belle Époque bekannt.
Dem Volk auf Maul schauen
Die schöne Helena, heute wird sie wegen ihrer banalen Handlung nicht mehr so häufig aufgeführt wie während der Belle Époque, lebt vor allem von der Parodie, ihrer Frivolität, vom Narzissmus der handelnden Personen und nicht zuletzt von der Eitelkeit, den selbstgerechten Posen und der Pflichtvergessenheit der Akteure. Wer sie heute aufführt, kommt eigentlich nicht umhin, im Sprachgebrauch Luthers, dem Volk aufs Maul zu schauen und ihre täglichen Gemeinheiten und Auswüchse auf die Schippe zu nehmen.
| Sam Michelson (Paris) |
Witzig – einfallsreich – farbig
Michael Quast und sein Team um Rainer Dachselt (Regie), Rhodri Britton, Markus Neumeyer (beide Musik), Anne Sophia Blersch (Kostüme und Bühnenbild), Katja Reich (Maske), Bruno Briggmann (Licht und Technik) und ihre vielen Helfer haben sich an diese „Oper“ herangewagt, ganz im Sinne des modernen Volkstheaters, mit viel Witz, Einfällen, Lichteffekten und Farbe. Ganz der Antike verhaftet ist die Besetzung der einzelnen Rollen doch sehr frei gewählt.
So glänzen die Helden Ajax I und II durch Asterix Kostüme (gesungen und gespielt von Susanne Schäfer und Pirkko Cremer), Achilles (Melissa Breitenbach) mimt eher einen Giftzwerg als einen Helden. Orest, ursprünglich eine Hosenrolle, wird hier von Alexander J. Beck besetzt, eher einem Bacchus gleichend. Herausragend und einfallsreich der Chor mit Ulrike Kinbach und Gabriel Spagna, die als wandelnde Dorische Säulen die Bühne beleben und für das historische Narrativ der Helena Sage sorgen.
Alles paletti
Kommen wir zu den Hauptdarstellern. Allen voran die Helena (Ingrid El Sigai) in rauschendem Tarlatangewand und schrillem Make up. Ihr Soprangesang war zwar nicht unbedingt Operetten gemäß, dafür ihre Erscheinung edel und selbstbewusst. Ihr Mann, Melenaus (sic.) (Michael Quast höchstselbst) musste den Trottel spielen, was er perfekt beherrschte. Er, einer der Höhepunkte der Premiere.
Dann Kalchas (Jochen Döring), eigentlich ein Mittler zwischen der Götterwelt und Menschenwelt, verkörperte den Zeus Priester mit gutem Bassbariton und überzeugender Ausstrahlung.
Paris (Sam Michelson), der Ver- und Entführer der Helena, in der Rolle eines etwas linkischen Liebhabers im Hirtenlook. Agamemnon (Eric Lenz), der in martialischer Ritterrüstung mit guter Bassstimme seine Rolle als Anführer der Griechen bestens ausfüllte, und Philokomus (Christof Fraunholz), ein sogenanntes stummes Mädchen für alles. Er bediente den Donner und sorgte für die „priesterlichen“ Angelegenheiten. Soweit alles paletti.
Harmonisches Arrangement
Das musikalische Arrangement reduzierte sich auf sechs Musikerinnen (die Oper ist für großes Orchester geschrieben), einziger Mann am Flügel Rhodri Britton, dazu Anna-Lena Perenthaler (Cello), die mit großer Verve und Hingabe ihren Part spielte, Ching Yun Lin (Perkussion), Anne Sophie Matzen (Klarinette), Leevke Hinrichs (Flöte) und Myriam Colliou (Trompete). Ein Arrangement, das bestens zur Bühne und Ausstattung passte, sehr gut harmonierend mit Spielern und Sängern.
| v. l.: Gabriel Spagna, Susanne Cremer, Alexander J. Beck, Pirkko Schäfer, Michael Quast, Melissa Breitenbach, Ulrike Kinbach |
Offenbachiaden?
Ja, eine Premiere hat so ihre Tücken, über die man geflissentlich hinweg zuschauen und zu hören hat. Aber Fragen stellen sich dennoch.
Die Schöne Helena ist eigentlich als Satire, als Parodie auf die Moral und den Sittenverfall gedacht. Die handelnden Personen schwimmen darin vor Selbstliebe, Selbstgerechtigkeit und leeren narzisstischen Posen. Auch kann man damit durchaus Fingerzeige auf aktuelle Mode- und Dekadenzerscheinungen geben, alias Offenbachiaden. All das kam ein wenig zu kurz. Und wenn, dann doch banal und oberflächlich (Beispiel: „Sparbeschlüsse der Stadt Frankfurt“ im ersten Akt).
Ist das Schicksal?
Auch die „Festspiele des Geistes“, der Höhepunkt des ersten Aktes, gehört dazu. Hier outen sich die Führer der Antike als geistlose Gesellen und lediglich Paris, Sohn des Priamos von Troja, gewinnt den Wettstreit. Aber wie? Mit Mobiltelefon, einem dämlichen Spruch und der sicheren Wahl der Helena als schönste Frau der Welt? Na ja, vielleicht witzig, aber warum kommt man auf Kim Kardashian (*1980), Xanthippe und Kleopatra als weibliche Auswahl?
Paris erweist sich im zweiten Akt, der Höhepunkt der Verführung mit der berühmten Traum Arie der Helena, als doch linkischer und wenig überzeugender Verführer. Seine Künste zwischen Liebe, Gewalt und List verflüchtigen sich bereits nach ihrer Aussprache. Auch Helena hat so ihre Mühe, ihrer Lust nachzugeben. Eine ausgelassene Liebesnacht stellt man sich eigentlich anders vor. Ist das Schicksal?
| Die Spartaner in Siegerpose |
Lust – Schuld – Pflicht
Der dritte Akt schließlich, die Griechen haben gänzlich die Kontenance verloren, Venus hat Macht über sie errungen, denn Melenaus (sic.) hat die beiden Turteltauben in flagranti erwischt und fordert Reue, die auf dem Fuß folgen soll. Cythere, eine Insel im Nirgendwo, heißt das Schlüsselwort. Der Ort der Venus, wo Helena 100 Schafe opfern soll, um sich reinzuwaschen von ihrer Schuld.
Natürlich soll hier die List des Paris erfüllt werden. Er erscheint auf einem Schiff (gut dargestellt, mit einem herabfallenden Steg aus dem Off), verkleidet als Götterbote der Venus. Helena, betrunken wie das griechische Volk trunken von ihren bacchantischen Exzessen, erkennt natürlich ihren Verführer, steigt mit ihm aufs Schiff und entschwindet den Augen der Spartaner. Wie wir alle wissen, ist das der Beginn des 10 jährigen Trojanischen Krieges.
| Schlussapplaus, vierter von links: Michael Quast Foto: H.boscaiolo |
Wo bleibt die Parodie?
Fragen auch hier: Wo bleibt die Parodie? Alle sprechen vom Religionskonflikt, von der Krise des Glaubens. Aber geht es hier nicht vielmehr um die Scheinheiligkeit der Moral? Um die Fragen von Macht, Sittenverfall und Pflichtvergessenheit? All das bleibt ein wenig im Dunkeln. Alles endet mit dem Ausruf des Chores: „Wehe, wehe vor dem gräulichen Ende!“ Und die Spartaner skandieren: „Das Schicksal schlägt wieder zu!“. Erinnert sei hier daran, dass Helena immer mit dem/ihrem Schicksal hadert.
Dem Publikum gefiel´s, viele Vorhänge, aber auch die Nachbemerkung: Der Vorhang fällt, viele Fragen offen. Vielleicht ein wenig straffen (sehr lange Szenen) und ein wenig mehr zeitnahe Bezüge herstellen, denn das gibt die Opéra bouffe allemal her.
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