Mittwoch, 10. Dezember 2025

Xavier de Maistre, Harfe, und das Festival Springs Lucerne Orchester, Leitung und Violine Daniel Dodds, Alte Oper Frankfurt, 09.12.2025

Festival Strings Lucerne (Foto: Andreas Etter /PRO ARTE Frankfurt)

Beschwingt – fröhlich – besinnlich

Ein beschwingter, fröhlicher und besinnlicher Vorweihnachtsabend war es allemal, was die Künstler auf ihren Instrumenten im leider nur mäßig besetzten Großen Saal der Alten Oper Frankfurt boten.

Viele Bekanntes aus dem Barock und der Romantik, darunter Werke von Georg Friedrich Händel (1685-1759), John Dowland (1562-1626), Alexandre Guilmant (1837-1911), François Adrien Boieldieu (1775-1834) und Peter Tschaikowsky (1840-1893).


Festival Strings Lucerne (Foto: Website)

Kraft und Eleganz

Gleich zu Beginn die Ankunft der Königin von Saba, aus Georg Friedrich Händels Oratorium Salomo HWV 67 (1748/49), besetzt mit zwei Oboen, Fagott, Cembalo und Streichern. Eine lebhafte und freudvolle Sinfonia quasi zum Warm machen, tausendmal gespielt und routiniert absolviert, für eine doch relativ umfangreiche Programmfolge.

Dann kam er, Xavier de Maistre (*1975), wie aus dem Kraftraum geschält, sehr sportlich in jeder Beziehung. Zuvor trug man theatralisch seine Harfe auf die Bühne, ein schwarz weißes, äußerst elegantes Prunkstück von Lyon & Healy (wie es heißt). 

Zunächst mit John Dowlands Lachrimae Pavane von 1596, ursprünglich ein Lautenlied nach einem Gedicht mit dem Titel Flow my Tears. Hier in einer Fassung für Streicher und Harfe, aber dem Original entsprechend.

Das dreiteilige oder besser dreistrophige Werk ist von Trauer und Melancholie geprägt, allerdings in eine plastische Bildsprache übersetzt. Der Harfenpart besteht aus vielen kleinen Soloeinlagen und verlangt eine fein ziselierte und sehr differenzierte Klangsprache.

De Maistre brilliert hier bereits mit perfekt inszenierten Trillern, wunderschönen Seufzern wie auch juchzenden Ausbrüchen. Kraft braucht das Instrument ebenso wie zarteste Behandlung der Saiten.


Xavier De Maistre (Foto: Andreas Etter /PRO ARTE Frankfurt)

Phänomenale Interpretation

Ein Paraphrase über einen Chor aus Händels Oratorium Judas Maccabaeus HWV 63 (1747), besser bekannt als Tochter Zion, eine Orgelbearbeitung von Alexandre Guilmant aus dem Jahre 1904, und vom Festival Strings Lucerne in der Fassung von Martin Braun vorgetragen, soll dem Harfenisten ein wenig Atem verschaffen. 

Die bekannte, oft zu Weihnachten intonierte Melodie ist hier in romantische, Choral ähnliche, homophone Strukturen verpackt, sehr schön anzuhören. Höhepunkt ist allerdings der fugierte Mittelteil, von großer Dramatik ausgefüllt. 

Bei dieser Interpretation spürt man das eingespielte Team, das sich quasi blind versteht, trotz oder wegen der perfekten Leitung ihres ersten Geigers und Chefs, Daniel Dodds (*1971). Nach anfänglichen Startschwierigkeiten, gelang diese Interpretation dann doch phänomenal.

Daniel Dodds (Foto: Dorothee Falke)

Musikwettbewerbs like

Den ersten Teil des Konzertabends beschloss man mit Händels Konzert für Orgel und Orchester B-Dur HWV 294 (1736), natürlich in der Fassung für Harfe und Streichorchester. Tatsächlich hat Händel dieses Konzert ursprünglich für Harfe geschrieben. Es ist aber als Orgelkonzert berühmt geworden. Wie sich die Zeiten ändern. Denn heute gehört es zu den bekanntesten Harfenkonzerten überhaupt.

Xavier de Maistre brillierte in diesem dreiteiligen Werk (Andante allegro, Larghetto, Allegro moderato) nicht allein durch technische Versiertheit und reiche Dynamik, nein, auch das Zusammenspiel mit den Streichern funktionierte bestens, ja, er hatte sogar Muße, zwischenzeitlich mit dem Publikum zu kokettieren, was es auch durch Zwischenapplaus goutierte. Hervorragend das Larghetto, das seine Musikalität durch perfekte Koloraturen und wunderschöne Triller in besonderer Weise herausstrich.


Xavier De Maistre, Festival Strings Lucerne 
(Foto: Andreas Etter /PRO ARTE Frankfurt)

Revolutionäre Fortentwicklung der Harfe

François Adrien Boieldieus Konzert für Harfe und Orchester C-Dur op.82 (1801) ist wohl das einzige, wirklich ausschließlich für Harfe konzipierte Werk des Abends, spielt es doch auch eine gewichtige Rolle auf Wettbewerben, auf denen die Harfe dominiert.

Charmant kommt es daher, in Vielem an Mozart und Haydn erinnernd, von klassischer Sonatenform, dreiteilig (Allegro brillante, Andante lento, Rondeau Allegro agitato) im Stile eines Klavierkonzerts. Höchst virtuos mit vielen Skalen- und chromatischen Läufen sowie komplexen Arpeggien.


Staunendes Bewundern

Dass De Maistre zwischendurch eine C-Saite riss, nahm er gelassen hin, informierte allerdings das Publikum von diesem Missgeschick (sonst hätte es kaum einer gemerkt). Dann aber folgte das abschließende Rondeau, gespickt mit Soloeinlagen und hanebüchenen technischen Anforderungen, das im Sinne staunender Bewunderung seiner Meisterschaft noch einmal für ein Aha-Erlebnis sorgte - verbunden mit der Frage: Wie kann man so auf der Harfe spielen? 

Tatsächlich, so sagt man, schuf Boieldieu dieses Werk im Rahmen seiner Bekanntschaft mit dem Instrumentenbauer Sébastian Érard (1752- 1831), der zu dieser Zeit an der Doppelpedalmechanik der Harfe arbeitete, eine revolutionäre Fortentwicklung des Instruments, das heute allgemein im Gebrauch ist.

Der Beifall war stürmisch und die Zugabe von Manuel de Falla (1876- 1946), eine Harfenbearbeitung aus dessen Ballett Der Dreispitz (1917/19), geriet noch einmal zu einem Leckerbissen seines Könnens an diesem klanglich und farblich einmaligen Instrument.

links stehend: Daniel Dodds, Xavier De Maistre an der Harfe,
Festival Strings Lucerne
(Foto: H.boscaiolo)

Eine viersätzige Glanztat

Peter Tschaikowskys Serenade für Streichorchester C-Dur op. 48 (1880): wer kennt sie nicht? Eine viersätzige Glanztat des russischen Meisters der reichhaltigsten farbigsten Instrumentierung und des Erfinders schönster und eingängigster Melodien.

Auch diese Serenade enthält eine Fülle dieser Charakterisierungen. Sie ist dramatisch, lyrisch und theatralisch aus einem Guss. Das Festival String Lucerne mit seinen 24 Musikerinnen und Musikern, übrigens gegründet im Jahre 1956, geleitet von den besten aller besten Dirigenten und seit 2012 unter den Händen von Daniel Dodds, (es spielte seine Parts übrigens im Stehen) fühlte sich in dieser Musik besonders wohl.


Festival Strings Lucerne (Foto: H.boscaiolo)

Von herausragendem Spirit

Voll großer Freude und Hingabe, absolut ausdrucksstark und mit herausragendem Spirit, ließen sie diese Serenade im klassischen Stile Mozarts zu einem klanglichen Erlebnis des Konzertabends werden. 

Neben dem eingängigen Walzer (Valse Moderato) des zweiten Satzes, stach allerdings die Élégie (Larghetto elegiaco) des dritten Satzes heraus. Eine Stille, die den Saal zum Knistern brachte, und ein dreifaches piano - das kaum hörbar - doch so fein, dass es den Ohren die Englein jubilieren ließ.

Ein runder Abschluss, wie gesagt, heiter, fröhlich und spritzig, und mitunter auch besinnlich, ganz wie es der Harfenist Xavier De Maistre sich wünschte.

Die Zugabe, ein Abendlied – nein, Das Abendlied op. 68 Nr. 12 (1840) von Robert Schumann, geriet noch einmal zu einem Festival (String Lucerne) der Klangfarbe.


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