Freitag, 12. Dezember 2025

Punch and Judy (1967/68), Oper in einem Akt von Harrison Birtwistle / Libretto von Stephen Pruslin, Bockenheimer Depot, 11. 12. 2025, Frankfurter Erstaufführung

v. l.: Jarrett Porter (Punch), Liviu Holender (Choregos), Cecelia Hall (Judy)
alle Fotos: Monika Rittershaus

Ein Spiegel der Realität?

Ein wirklich makabres Spektakel zum Abschluss des Jahres 2025, eines Jahres voller politischer Ungereimtheiten und realitätsferner Entscheidungen. Ein Spiegelbild mitnichten, dafür aber eine herrliche Groteske in einer Zeit der grassierenden Verantwortungslosigkeit und moralischer Verwirrung. 

Wie sagte doch der Librettist Stephen Pruslin (1940-2022): „In Punch und Judy liegt die Prämisse zugrunde, das die Welt der Spielzeuge, Puppen und Marionetten realer sein kann als die tatsächliche Welt.“

Gesamtansicht des Bühnenraums,
v. l.: Jarrett Porter (Punch), Alfred Reiter (Doctor), Sven Hjörleifsson (Lawyer),
Danae Kontora (Pretty Polly), Cecelia Hall (Judy)

Ursache und Wirkung?

Ja, Punch and Judy ist ein Puppenspiel der besonderen Art. Angelehnt an die italienische Commedia dell´Arte (Punch das Pendant der Pulcinella) lässt es die Puppen im Sinne der bösesten Absichten ihrer Erzeuger agieren, mit Mord und Totschlag, ohne Gewissensbisse, aber auch mit Träumen und der Suche nach der freiesten Liebe überhaupt.

In Punch und Judy geht es, kurz zusammengefasst, um Punch (Jarrett Porter, Bariton), eine brutalstmögliche Jahrmarktsfigur, die in einer grotesken Ritualabfolge zuerst Judy (Cecilia Hall, Mezzosopran) und das gemeinsam Kind, danach den Doctor (Alfred Reiter, Bass) und Lawyer (Sven Hjörleifsson, Tenor), später sogar seinen Henker (alias Choregos) überlistet und tötet. Alles das nur für sein unerreichbares Liebes Ideal, Pretty Polly (Danae Kontora, Koloratursopran), das ihm aber versagt bleibt.

Choregos (Liviu Holender, Bariton), sein Erzeuger kommentiert das Geschehen aus der Distanz, wird aber selbst in das Geschehen verwickelt, sodass Ursache und Wirkung der Handlungsebenen bis zur Unkenntlichkeit verschwimmen, wie etwa die Frage, was zuerst war: das Ei oder die Henne.

v. l.:  Danae Kontora (Pretty Polly), Sven Hjörleifsson (Lawyer),
Cecelia Hall (Judy), Jarrett Porter (Punch), Alfred Reiter (Doctor),
Liviu Holender
(Choregos; im Vordergrund)

Ein mörderisches Spiel, mehr nicht?

Im Epilog bricht das mörderische Puppenspiel (die Szenerie wiederholte sich im klassischen Commedia dell´Arte immer wieder) einfach ab – ohne Moral, ohne Lieto fine oder gar aufklärerischer Absicht im Sinne der Verantwortung oder der Ethik menschlichen Daseins. Die Geschichte ist schlicht zu Ende, sie kann wieder von vorne beginnen. Denn Puppen sterben nicht, und der Mord an Choregos ist reine Fiktion, Spiel im Spiel.

Vielleicht sei an dieser Stelle noch bemerkt, das bei der Uraufführung am 08. Juni 1968 im Rahmen des Aldeburgh Festivals, der Veranstalter Benjamin Britten den Saal verlassen haben soll, weil ihm die Gewaltdarstellungen (und nicht nur ihm) doch zu extrem und unmenschlich erschienen.


Idealer Experimentierort

Das Frankfurter Team um Wolfgang Nägele (Regie), Thilo Ullrich (Bühne), Marlen Duken (Kostüme) Joachim Klein (Lichteffekte), Deborah Einspieler (Dramaturgie und nicht zuletzt Alden Gatt (musikalische Leitung) hatte sich dazu das Bockenheimer Depot ausgewählt, ein idealer Ort für Experimente und ungewöhnliche Inszenierungen.

Die Bühne wurde dominiert von einer Jahrmarktsbude, von wo, wie aus einem Panoptikum, die einzelnen Puppen perfekt überblickt und geführt werden konnten. Die Puppen, gespielt von den besagten Sängerinnen und Sängern, befanden sich in einer Art Wagenburg, vier verschiebbare Handlungszellen, grell farbig, einer Küche, einem Betraum, einem Garderobenraum und einem pinkfarbenen Spielraum für autistische Kinder, hier für Pretty Polly (sie köpft mit Freude Barbie Puppen), nachempfunden.


Kreislauf des Immer-Wiederkehrenden

Die Puppenfiguren wechselten beliebig von einer Zelle zur anderen. Sie steckten in giftgrünen (Punch), dunkelblauen (Judy) oder rosa (Pretty Polly) Lackanzügen. Lawyer und Doctor wiederum in wässerigem Blau. Eine Augenweide der perfekten Geschmacklosigkeit und grellen Stillosigkeit. Das Bühnenbild wurde zudem von einem Riesenrad überwölbt, Symbol des Immer Wiederkehrenden und zudem mit Accessoires der Tötungsmittel des Punch garniert.

v. l.: Sven Hjörleifsson (Lawyer), Cecelia Hall (Judy), Jarrett Porter (Punch),
Alfred Reiter (Doctor)

Suche nach Liebesideal

Auch wurden die insgesamt vier Szenen, gerahmt durch Prolog und Epilog, durch Toccaten und Gavotte und ähnliche Tänze aus dem Barock untermalt und die Geschichte zwischen 3, 6, 12 und schließlich 19 Uhr unterteilt (Symbol für die (Tages)-Zeit und die Dauer der Vorstellung). Mal Richtung Westen, dann wieder Richtung Norden und schließlich Richtung Süden, immer auf der Suche nach dem Liebesideal: Polly.


Unglaubliche Vielfalt

Klasse Idee und dazu sehr strukturbildend, denn das Stück besteht in Handlung und Musik aus unzähligen Einzelteilen. Einzelne Szenen können nur wenige Sekunden dauern, selten mehr als drei Minuten. Insofern ist diese Kammeroper, so sie auch genannt wird, von unendlicher Vielfalt und ständigen Abwechslungen durchzogen.

Die Morde sind zwar grotesk und eklig (so verwurstet Punch sein/ihr Kind), und benutzt die Würste als Sprungseil. Auch seiner Frau Judy zieht er genüsslich das Messer durch den Hals (natürlich ohne Blut, denn Puppen - sie wissen ja), Auch spritzt er brutal seine Kritiker mit Gift ab und seinen Erzeuger Choregos quält er genüsslich und begräbt ihn in seiner Kontrabasshülle, bevor er ihn aufhängt (wie gesagt durch List). Aber das Geschehen ist gleichzeitig unglaublich vielfältig, wie die Musik auch.

v. l.: Jarrett Porter (Punch), Danae Kontora (Pretty Polly),
Liviu Holender (Choregos)

Bitter-süßer Spaß

Herrliche Übergange, wie zum Beispiel durch die Trennung der Wagenzellen mit Nebel aus der Unterwelt, und einer Strickleiter von oben kommend, die es den Puppen ermöglicht, in die „reale“ Welt hinabzusteigen.

Oder auch die Entblätterung der Puppen (man sieht jetzt ihre Bänder und Nähte, die sie zusammenhalten), ihre menschlichen Gehversuche und ihre Imitationsversuche der menschlichen Musik auf einer Spieltrompete, einer Zimbel und einer tragbaren Snare. Dazu singen sie einen Lullaby und haben ihren „bitter-süßen Spaß“, denn sie ahnen was auf sie zukommt.


Zwischen Barock und Dadaismus

Textlich grenzt Vieles an den Dadaismus der 1920er Jahre, Wortbildungen, die es nicht gibt, und Dialoge ohne Sinn und Verstand, und dennoch wird alles durch die Musik und die klaren Handlungsastränge zusammengehalten.

Die Gesänge changieren zwischen Rezitativen, Da-Capo-Arien und Sprechgesängen (es wird immer gesungen), mal solistisch (hervorragend hier die Koloraturen von Danae Kontora), mal im Duett (Höhepunkt wohl das Duett in der Schlussszene mit Liviu Holender und Jarrett Porter, beide beherrschten Ihre Parts mit größter Spiel- und Gesangslaune), und nicht zuletzt die gängigen Chöre der sechs Akteure nach jeder der insgesamt vier Szenen.

Cecilia Hall hatte mehrere Da-Capo-Arien zu singen, die sie wirklich in barocker Manier beherrschte. Sie war gesanglich neben ihrer Rivalin Pretty Polly eine Entdeckung der Premiere.

Nicht zu vergessen der Doktor (Alfred Reiter) und der Anwalt (Sven Hjörleifsson), die beide entsprechend der Commedia Dell´ Arte inkompetente Autoritäten abbilden, und sich in ihrer Machtlosigkeit als Kritiker und Nörgler in der Regel über den Tischen ziehen lassen. Beide spielten kongenial ihre vorgegeben Rollen und waren eine echte Bühnenbereicherung.

v. l.: Liviu Holender (Choregos), Jarrett Porter (Punch)

Polystilistik – ohne Berührungsängste

Die Musik ist eines der herausragendsten Elemente des musikalischen Schauspiels. Alden Gatt hatte insgesamt 15 Musikerinnen und Musiker aus dem Frankfurter Opern- und Museumsorchester zusammengestellt, die selten Aufgeführtes spielen mussten. Ein riesiger Perkussionsapparat mit allerlei Klang- und Geräuschelementen, das nur nebenbei. Aber die Streicher und Bläser waren extrem gefordert, denn sie mussten ihre Instrumente nicht nur blasen und streichen, sondern auch klopfen, zupfen, auf dem Holz spielen und dazu allerlei geräuscherzeugende Gegenstände bedienen.

Die Partitur, so Alden Gatt, besteht aus mehr als einhundert Einzelteilen, manche dauern kaum mehr als drei Takte. Außerdem sei die Anlage schroff, eruptiv und vor allem extrem präzise gebaut. Viele Ostinati im ständigen Wechsel, sehr präsentes Schlagwerk, und en passant eingebaute Schnipsel aus Mozarts Zauberflöte, Cosi fan tutte, oder Strawinskys Petruschka, ja man vermeint zwischendurch Elemente aus György Ligetis Le Grand Macabre, Alban Bergs Lulu, oder gar Monteverdis L´incoronazione di Poppea herauszuhören, machen aus ihr ein Suchfeld der Musikgeschichte.

Eine Musik der Polystilistik, ohne Berührungsängste und vor allem perfekt auf die Bühnenhandlung und den Gesang zugeschnitten. Ein Meisterwerk der aufkommenden Postmoderne am Ende der 1960er Jahre und der Abkehr vom Serialismus. Hier leistete das Ensemble des Frankfurter Opern- und Museumsorchesters unter der Leitung von Alden Gatt beste Arbeit und trug zum Erfolg der Premiere nicht unwesentlich bei.

v. l.: Cecelia Hall (Judy), Alfred Reiter (Doctor),
Liviu Holender
(als Jack Ketch, der Scharfrichter),
Jarrett Porter (Punch), Sven Hjörleifsson (Lawyer)

Alles nur ein Spiel?

Das Fazit sollte vielleicht nicht so wirken wie man mutmaßt. Denn die Puppen sind tatsächlich Abbilder ihrer Erzeuger, dem Menschen. Natürlich stirbt niemand wirklich und niemand wird ermordet, aufgehängt, oder zu Würsten verarbeitet. 

Dieses "Mordsspektakel" (O-Ton: D. Einspieler) hat trotzdem von Anfang an die Gemüter erhitzt und wurde seit seiner Uraufführung in Aldeburgh tatsächlich sehr selten aufgeführt. Das hatte nicht allein musikalische (äußerst schwierig zu spielen) und gesangliche (ebenso schwierig die Gesangspartien) Gründe, sondern vielmehr machte es wohl der Tonfall aus, der extrem aggressiv, gewalttätig, und von grotesker Radikalität zeugte, keinerlei Lieto fine oder besser eine Moral von der Geschicht´ zuließ und zuzulassen schien.

Schlussapplaus
v. l. Sven Hjörleifsson, Danae Kontora, Liviu Holender, Jarrett Porter,
Cecilia Hall, Alfred Reiter

Foto: H.boscaiolo

Zeit, Schluss zu machen

Auch das Frankfurter Team scheint sich an dieser Frage abzuarbeiten gehabt. Ihre Lösung ist einfach wie wirksam: Sie stellen die Frage der Verantwortung in den Mittelpunkt ihrer Inszenierung ohne allerdings konkret zu werden.

Der Epilog lässt tatsächlich Punch und Pretty Polly, sein Liebesideal, zusammenkommen, vergleichbar mit Tamino und Papagenos Arie: "Mann und Frau und Frau und Mann", aus Mozarts Zauberflöte. Der Unterschied: Punch und Judy sind weiterhin ohne Moral und Emotion. Pretty Polly scheint lediglich das Bedingungslose der Ruchlosigkeit von Punch zu faszinieren. Oder vielleicht auch nicht? 

Jetzt ist es Zeit, Schluss zu machen.

Schlussapplaus
gesamtes Team, in der Mitte: Alden Gatt, links Teile des Ensembles
Foto: H.boscaiolo

Alles wie gehabt

Der Gehenkte Choregos, der Strippenzieher des Ganzen, befreit sich vom Strick, findet zurück in sein Panoptikum, schließt den Vorhang der Wagenburg. Auf dem steht: „Thank you, Visit again soon.“ Er hängt das Plakat und die Einladung zur nächsten Vorstellung, um 19.00 Uhr, auf und lädt das Publikum zum Kommen ein. Ende gut, alles wie gehabt.

Eine Premiere, die allgemein gefiel (lang anhaltender Beifall), und durchaus Potential für mehrere Besuche hat, denn der Einfallsreichtum des Teams kannte keine Grenzen und die Musik ist aus heutiger Sicht ein The Best der Postmoderne.


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