Sonntag, 18. Januar 2026

Academy of St Martin in the Fields mit Joshua Bell (Violine und musikalische Leitung), Alte Oper Frankfurt, 17.01.2026 (eine Veranstaltung von PRO ARTE Frankfurt)

Joshua Bell (Foto: Phillip Knott)

Frühlingsträume

Der Frühling hält bereits Einzug in dem noch frühen noch ungemütlich kalten Januar 2026, zumindest im gut besetzten und warmen Großen Saal der Alten Oper Frankfurt.

In aller Regelmäßigkeit besucht die beliebte und renommierte Academy of St Martin in the Fields (ASFM) Frankfurt und beglückt das treue Publikum mit immer neuen Einfällen und Werkzusammenstellungen unter der gewohnten Leitung ihres Chefdirigenten Joshua Bell (* 1967), der mittlerweile seit gut 15 Jahren seines Amtes waltet und das mit Bravour.

Mitgebracht hatten sie vom US-amerikanischen und in Europa weitgehend unbekannten Komponisten Kevin Puts (*1972) Earth (2023), ein Auftragswerk des Künstlers höchstpersönlich. Aber dazu später. Dazu von Johannes Brahms (1833-1897) das Konzert für Violine und Orchester D-Dur op.77 (1879) und von Robert Schumann (1810-1856) die Sinfonie Nr.1 B-Dur op.38 (1841).

Academy of St Martin in the Fields (ASMF)
Foto: Website

Naturschönheit

Joshua Bell, das sei vorweg gesagt, verkörpert immer noch einen jugendlichen Elan, der sowohl das Publikum wie auch das dieses Mal relativ kleine Orchester absolut mitreißt. Er beginnt gleich mit Earth, den Eingangssatz einer fünfsätzigen Suite The Elements (2023), die er selbst in Auftrag gegeben hat und von weiteren vier Komponisten schreiben ließ. Das Thema bezieht sich auf die vier Elemente, Wasser (Edgar Meyer), Feuer (Jake Heggie), Luft (Jennifer Higdon) und Erde (Kevin Puts) sowie zusätzlich Raum bzw. Äther (Jessie Montgomery).

Die Idee war es, so Bell in einem Interview mit Concerti im Januar 2026, ein Bewusstsein über die Erhabenheit unseres Globus zu schaffen und die Schönheit unserer Natur zu feiern. Dazu habe er fünf Komponisten beauftragt, die „stilistisch und musikalisch seine Idee teilten“.


Mutter Erde

Earth alias Mutter Erde beginnt gleich mit einer hypnotisierenden Ostinato Figur von Harfe und Cello, die sich fast durch das ganze Stück zieht. In tonaler und sehr melodischer Liedform gehalten, ist es doch sehr stark am Solisten Joshua Bell orientiert, der variativ und teilweise höchst virtuos die melodische Linie ausschmückt und vom relativ kleinen Ensemble (ca. 35 Instrumentalisten) ergänzt und gestützt wird.

Im Mittelteil wird es dann dramatisch bewegt, der Rhythmus wird treibend und die Erde scheint durch äußere, unbekannte Umstände verletzt zu werden. Aber wenige Minuten später (die Suite dauert knapp 10 Minuten) geht es zurück zum Ursprung, jetzt allerdings wird das Ostinato sukzessive auf einen langen Orgelpunkt der Violen reduziert, mit wunderschöner elegischer Melodie übermalt (man ist leicht an Spielbergs Filmklassiker Soundtrack aus Schindlers Liste erinnert) und endet in einem hellen Dur-Akkord, leise aber bestimmt.

Ein eindrucksvoller Einstieg in den kurzweiligen Konzertabend allemal. Tatsächlich dauert diese fünfteilige Suite vollständig gespielt ca. 40 Minuten, hat ihre Uraufführung in der Hamburger Erbphilharmonie erfahren und sollte doch irgendwann auch in Frankfurt zu hören und erleben sein.

ASMF, Mitte: Joshua Bell (Foto: H.boscaiolo)

Mut zur Sinfonie

Johannes Brahms hat sich als ausgezeichneter Pianist seiner Zeit doch recht spät an ein Violinkonzert getraut. Nicht von ungefähr hat er seinen Freund und Stargeiger Josef Joachim (1831-1907) um Beistand gebeten, ihm einige Particelle zugeschickt und große Begeisterung von ihm erfahren. Das machte Mut und wenige Monate später stand sein erstes und tatsächlich einziges Violinkonzert, in der Sommerfrische und bei bester Laune am Wörthersee komponiert, das er seinem Freund widmete und gemeinsam mit ihm am Neujahrstag 1841 in Leipzig uraufführen ließ.


Eigene Schlachten schlagen

Das allerdings mit gemischtem Erfolg, denn den einen war es zu wenig solistisch und zu viel sinfonisch, den anderen zu wenig violinistisch, ja gar gegen den Charakter der Violine geschrieben. Tatsächlich allerdings gehört es heute zu den vier wichtigsten Violinkonzerten der Romantik, allen voran die von Beethoven, von Tschaikowski, von Mendelssohn und von Bruch.

Sei´s drum. Joshua Bell experimentiert gerne in seiner Doppelfunktion als Dirigent und Solist. Auch dieses Mal dirigiert und spielt er das Konzert gleichzeitig. Er selbst, äußert er sich im Concerti Interview, betrachte seine Funktion als musikalische und geistige Bereicherung: „Ich wähle sozusagen meine eigene Schlachten, wie man so schön sagt. Aber es bedeutet mehr Arbeit, weil ich mich nicht nur mit meinem Geigenpart auseinandersetzen muss, sondern mit dem eines ganzen Orchesters. Mit dem ASFM bin ich ein besserer Musiker geworden!“

Sicher sind die einzelnen Musiker des ASFM Künstler und Koryphäen auf ihren Instrumenten und könnten dieses doch fast vierzig Minuten dauernde dreisätzige Werk auch ohne Dirigenten absolvieren. Allerdings muss man doch die Frage stellen, ob das der Interpretation dieser gewaltigen ausladenden Komposition gut täte. 

So hätte man sich doch ein größeres Orchester gewünscht (immerhin besteht das ASFM aus 70 Mitgliedern) hier aber saßen knapp vierzig von ihnen, und außerdem schien Bell durch seine Doppelfunktion doch von der Konzentration auf seine eigene Spielweise abgelenkt zu sein. Immerhin musste der erste Geiger des Öfteren mit seinem Bogen heftig gestikulierend einschreiten, denn nicht immer klappte das perfekte Zusammenspiel.

Auch Joshua Bells Bogenstrich auf seiner über 300 Jahre alten Huberman Stradivarius Geige von 1713, sehr gesanglich, leicht und fließend zwar, konnte dennoch die Dramaturgie des Kopf- wie Schlusssatzes nicht voll erfüllen. Alles wirkte ein wenig dünn und musikalisch zurückgenommen.

ASMF, Mitte: Joshua Bell (Foto: H.boscaiolo)

Das "Schönste und Kreativste"

Seine eigene Kadenz anfangs der Reprise des ersten Satzes ist stark an der vorgegebenen Thematik orientiert und ganz im Stil der Romantik gehalten. Bekanntlich haben nahezu alle großen Geigenvirtuosen zu diesem Konzert eigene Kadenzen geschrieben. Für Bell ist sie „das Schönste und Kreativste überhaupt“. Und tatsächlich spielt er sie mit großer Empathie und wunderbarem Klang. Brahms hätte seine Freude daran gehabt und Josef Joachim, der selbst eine eigene Kadenz spielte, hätte sie wohlwollend akzeptiert und wohl auch übernommen.


Mut zum Unbekannten

Leider ersparte sich Bell ein Zugabe, warum auch immer. Und nach einer ausgiebigen Pause wurde nun endgültig der Frühling ausgerufen.

Robert Schumann, zurzeit der Komposition über beide Ohren in Clara verliebt, tat sich schwer mit einer eigenen Sinfonie, besonders nach dem Titanen Beethoven, wurde aber ausgerechnet durch die unveröffentlichte Große C-Dur Sinfonie von Franz Schubert (sein Bruder zeigte sie ihm bei einem Besuch in Wien im Jahre 1838) ermutigt, sich selbst an ein eigenes Werk zu trauen.

In kürzester Zeit stellte er die Partitur fertig und bereits am 26. Januar 1841 stand die viersätzige gut 35 Minuten dauernde Sinfonie B-Dur op.38, die unter dem Dirigat von Felix Mendelssohn Bartholdy am 31 März 1841 mit dem Gewandhausorchester in Leipzig uraufgeführt wurde.

Joshua Bell (Foto: Website)

Aufbruch - Lebenslust - Naturerwachen

Schumanns Begeisterung schien grenzenlos zu sein, gab er doch jedem einzelnen Satz sinnstiftende Titel wie Frühlingsbeginn für den ersten im Maestoso, Abend für den zweiten im Larghetto, frohe Gespielen für das Scherzo des dritten und Voller Frühling für das Allegro des Schlusssatzes.

Nein, es sollte keine Programmmusik sein, keine sinfonische Dichtung, sondern vielmehr ein Gefühl des Aufbruchs, der Lebenslust und vor allem des Naturerwachens erzeugen: „Gleich den ersten Trompeteneinsatz, möcht´ ich, dass er wie aus der Höhe klänge, wie ein Ruf zum Erwachen …!" Des weiteren spricht er davon wie alles „zu grüneln anfängt“ und Schmetterling aufsteigen, halt eben alles was zum Frühling gehört.

ASMF, Mitte: Joshua Bell (Foto: H.boscaiolo)

Wunderbarer Frühlingssegen

Hier ist die Besetzung etwas größer (gut 50 Musikerinnen und Musiker) und Bell sitzt neben dem ersten Geiger und dirigiert hauptsächlich durch gestenreiche Körperbewegungen. Ein Abschluss des Konzertabends nach Maß, möchte man meinen.

Das ASFM ist einfach blendend eingespielt, man sieht sich an, hört aufeinander und reagiert auf kleinste Regungen der Mitspieler sowie des „Dirigenten“, der, wie gesagt, auch in dieser Sinfonie durchaus auch fehlen könnte.

Insgesamt ist dieses doch recht anspruchsvolle Werk zwischen Triumph und Besinnung, zwischen Schwelgen und Kräftemessen, durchaus für großes Orchester konzipiert und sollte auch von einem solchen aufgeführt werden. Warum das ASFM dieses Mal so klein geriet, bleibt schlicht ein Geheimnis. 

Man hätte sich doch mehr Naturgewalt und triumphalen Aufbruch gewünscht. Nichtsdestotrotz war es ein wunderbarer Frühlingssegen abseits des doch sehr kalten und schmuddeligen Winterwetters im Rhein-Main Gebiet.

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