Frankfurter Opern- und Museumsorchester unter der Leitung von Marek Janowski, Arabella Steinbacher (Violine), Alte Oper Frankfurt, 18.01.2026 (eine Veranstaltung der Frankfurter Museumsgesellschaft e. V.)
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| Opern- und Museumsorchester Frankfurt (Foto: Sophia Hegewald) |
Gern gesehene Gäste
Marek Janowski (*1939) und Arabella Steinbacher (*1981) sind gern gesehene Gäste in der Alten Oper Frankfurt. Letztmals konnte man Marek Janowski im Jahre 2024 mit Bruckners Dritter Sinfonie erleben und Arabella Steinbacher ist bereits das sechste Mal zu Gast. Dieses Mal mit Felix Mendelssohn-Bartholdys (1809-1847) Konzert für Violine und Orchester e-Moll op.64 (1845).
Der zweite Höhepunkt des Sonntag Morgens sollte noch die Sinfonie Nr. 7 E-Dur (1881/83) von Anton Bruckner (1824-1896) werden, diejenige des Meisters, mit der ihm der internationale Durchbruch als Sinfoniker gelingen sollte. Heute gehört sie zu den meistgespielten seiner insgesamt neun Sinfonien. Aber dazu später.
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| Marek Janowski (Foto: Felix Broede) |
Die Engel freuen sich
Arabella Steinbacher, ein schlanke, sportliche Erscheinung mit sehr apartem, nachtblauem, geschickt gewundenen bodenlangen Abendkleid, nebst einer schlanken seitlichen Schleppe, beginnt nach einer kurzen Einleitung des etwa sechzigköpfigen Frankfurter Opern- und Museumsorchesters mit der bekannt wunderschönen Melodie, mit der Mendelssohn das Werk beginnen lässt. Sie schwelgt regelrecht im Klang und singt im wahrsten Sinne mit ihrer “Sainton“Violine von Guarneri del Gesú aus dem Jahre 1744.
Marek Janowski zeigt sich auffaltend rüstig und lässt dem Orchester viel Raum zur musikalisch interpretatorischen Entwicklung. Bekannt ist er ja für die hohe Kultur des Zusammenspiels der Instrumente, was gerade bei diesem Konzert von außerordentlicher Bedeutung ist.
Mendelssohn hat für dieses Werk ganze sechs Jahre gebraucht, es mit den schönsten Melodien bestückt, mit Bach und Beethoven Idioms garniert und seinem Freund Ferdinand David (1810-1873), einem begnadeten Violinsolisten seiner Zeit, gewidmet, der es so schön spielen wollte, „dass sich die Engel im Himmel freuen sollen“.
Tatsächlich trat es seinen Siegeszug mit der Uraufführung am 13. März 1845 im Leipziger Gewandhaus an und ist bis heute quasi ein Pflichtstück für jeden herausragenden Violinisten.
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| Arabella Steinbacher (Foto: Peter Rigaud) |
Süßlich romantisierend
Arabella Steinbacher scheint sich an Ferdinand David orientiert zu haben, denn sie spielte tatsächlich engelsschön, was ihr vor allem im zweiten Satz, im Andante perfekt glückte. Alles lief wie von selbst, der Dirigent nahm sich absolut zurück (bekanntlich arbeiten beide schon seit Jahren eng zusammen, man schätzt sich offensichtlich sehr).
Sicher geriet ihr einiges sehr süßlich romantisierend. Sie bevorzugt die Rubati und vor allem den ständigen Tempowechsel, vom Accelerando zum Ritardando und zurück. Das macht es teilweise schwierig für das Orchester, das ein klares Dirigat braucht, nicht aus dem Dialog zu geraten.
Wunderschön, nebenbei bemerkt, ist ihr die Kadenz Interpretation gelungen, die fast ins Andante wechselte und extrem mit dem Tempo changierte. Mit ausgedehnten Fermaten und langgezogenen Linien, bei Rückblicken auf das bisherige thematisch und motivische Geschehen, wirkt so doch sehr speziell, entspricht aber durchaus ihrer Spielweise, die weniger das Virtuose, sondern vielmehr das klanglich-melodische präferiert.
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| Arabella Steinbacher (Foto: Peter Rigaud) |
Paralleles Rennen
Problematisch wurde ihr Vorspiel allerdings im dritten Satz, einem Allegretto ma non troppo, dass unmittelbar in ein Allegro molto vivace übergeht. Hier lief sie dem Orchester davon, das verzweifelt versuchte, sie einzuholen, was bis zum Schluss misslang. Marek Janowski versuchte zu retten, was ihm nicht gelang.
Völlig von der Rolle spielten quasi zwei Klangkörper gegeneinander. Statt sich zu sammeln, was durchaus die Partitur hergibt, denn der lebhafte Dialog zwischen Solo und Tutti zieht sich durch den gesamten Part, beharrten beide Seiten auf ihr eingeübtes Tempo und der Dirigent war machtlos, dieses Dilemma aufzufangen. Ein Wermutstropfen leider, wohl der geringen Vorbereitung und vorzeitigen Abstimmung geschuldet. Vielleicht wird es beim zweiten Konzert am Montag, den 20.01. an gleicher Stell ausgebügelt.
| Marek Janowski, Arabella Steinbacher, Opern- und Museumsorchester Frankfurt Foto: H.boscaiolo |
Tänzerisch – witzige – ironisch
Dennoch, der Beifall war herzlich, denn Arabella Steinbacher ist beim Frankfurter Publikum, das übrigens zahlreich erschienen war, sehr beliebt. Ihr Zugabe passte wiederum perfekt zu ihrer Spielweise. So präsentierte sie den ersten Satz aus Sergej Prokofjews 2. Violinsonate D-Dur op.94a (1943/44) in der Tempovorgabe Moderato. Tänzerisch, transparent, voller russischer Folklore, mit einem Schuss Ironie, wie auch witzigen Passagen. Das Beste, was dieser Konzertabend bis dahin geboten hat.
Kampf eines Löwen
Kommen wir zur Siebenten von Anton Bruckner. Tatsächlich verschaffte sie ihm seinen Durchbruch als anerkannter Sinfoniker, war er doch bis dahin eher ein Außenseiter unter den anerkannten Komponisten seiner Zeit. Vielen galt er als Sonderling, der eher als Organist überzeugte. Heute würde man sagen, seine Ideen waren nicht zeitgemäß und man neigt schon immer dazu, solche Menschen zu Außenseitern zu stempeln.
Bruckner allerdings kämpfte wie ein Löwe um seine Anerkennung, wobei ihm sowohl sein Schüler Joseph Schalk (1857-1900) und der Dirigent Arthur Nikisch (1855-1923) kräftig unter die Arme griffen. Beide erkannten den Wert dieser Komposition und sorgten für ihre Aufführung in Leipzig, wo sie ihren Siegeszug begann.
Makellose Welt
Diese Sinfonie ist monumental (sie braucht mindestens 100 Musikerinnen und Musiker), sie ist instrumental von außerordentlicher Besonderheit. So füllen ihre Reihen mindestens vier Hörner und vier Wagnertuben im Tenor und Bass, Kontrabasstuba, drei Posaunen und drei Trompeten, Oboen, Fagotte, Klarinetten, Flöten im Doppelpack und last baut not least Pauken, Becken und Triangel wie mehr als 50 Streicher.
Ein Instrumentarium für 'sinfonische Kathedralen', für eine von Gott erschaffene Welt, und die sollte ganz im Sinne des Philosophen Gottfried-Wilhelm Leibniz perfekt und makellos sein.
| Marek Janowski, Opern- und Museumsorchester Frankfurt Foto: H.boscaiolo |
Viel Wagner – viel Fragezeichen
Das nahezu 70 Minuten dauernde Werk scheint aus einem Sammelsurium von Themen, Motiven, Naturlauten und endlosen Melodien zu bestehen, die nur über Durchbrüche, wechselnde Dynamiken, kontrapunktische Verschlingungen und fein ziselierte Gewebe in Form gebracht werden.
Vieles ist mit musikalischen Fragezeichen versehen, wie die Frage nach dem Sinn des Lebens im Kopfsatz, oder die Trauer über den Tod des heimlich Verehrten Richard Wagner im Frühjahr 1883, dem er den zweiten Satz, das feierliche Adagio gewidmet hat.
Überhaupt spielt in diversen Passagen Richard Wagner eine nicht unerhebliche Rolle, so am Ende des ersten Satzes, der unwillkürlich an die Rheintöchter aus dessen Ring Tetralogie erinnert. Oder die Bläsersätze im genannten Adagio, die Bruckner dem „Andenken an den Hochseligen, heißgeliebten Meister“ widmet. Und wer denkt da nicht an Wagners Walküre?
Auch vergisst er nicht als praktizierender Katholik den lateinischen Psalm 70 Vers 1 zu rezitieren, „Auf dich, Herr hoffe, in Ewigkeit werde ich nicht zuschanden“, der tief in die Herzen und Seelen aller Christen reichen soll, ein Trauergesang von tiefem Glauben beseelt, den Bruckner auch in seinem Chorwerk Te Deum (1881) verwendete. Allerdings auch hier wieder mit Anleihen aus Wagners Tetralogie, nämlich Siegfrieds Tod, dritter Akt aus der Götterdämmerung.
| Marek Janowski (Foto: Concerti) |
Als wäre nichts gewesen
Endlich scheint den Zuhörer das Scherzo des dritten Satzes zu erlösen. Es wird relativ schnell gespielt und besteht lediglich aus einer Viertongruppe mit erweiterter punktierter Triole. Einem Ostinato ähnlich rufen die Blechbläser zunächst ununterbrochen und werden von den Streichern und Holzbläsern in ausgedehnten Melodiebögen überspannt.
Alles mit großer Verve vorgetragen, bis zum Trio, das kontrastierend eine himmlische Melodie intoniert, um dann wieder abrupt ins deklamatorische Geschehen des Scherzo Themas überzuwechseln. Kurz ist der Satz und führt gleich, quasi im attacca ins Finale.
Hier schließt sich der Kreis. Das Eingangsthema des Kopfsatzes wieder aufnehmend bietet der Komponist noch einmal einen As-Dur Choral mit Wagnertuben und gewaltigem Bläseraufgebot, ohne aber wirklich nach Apotheose oder Erlösung zu suchen.
Die Dinge scheinen jetzt irgendwie in Auflösung begriffen, man könnte auch ironisch meinen, der Schöpfer dieser 'Kathedrale' hätte mit dem transzendenten Blick ins Jenseits sich ab jetzt entschlossen, spazieren zu gehen.
So endet das Finale, ebenfalls von vergleichbar sehr kurzer Dauer, mit plakativem Mehrklang und Skalen-Einlagen in triumphalen C-Dur so gar nicht mehr mit metaphysischer Schwere und Wagnerschem Tiefgang. Man hat sich seinem Schicksal ergeben, alles geht seinen Gang, als wäre nichts gewesen.
Eigene Schönheit
Die Kritiker sind sich vor allem über dieses Finale uneinig. Während die einen die Harmlosigkeit kritisierten, ja von Unwürdigkeit gegenüber dem tiefgründigen Adagio sprechen, sehen die anderen doch die kristalline Klarheit, die das Finale zu einer ganz eigen Schönheit werden lässt.
| Marek Janowski, Opern- und Museumsorchester Frankfurt Foto: H.boscaiolo |
Ein Phänomen – ein Wagnis
Am gestrigen Konzertabend, das kann man zumindest festhalten, hat sich das Opern- und Museumsorchester wacker geschlagen, wobei man Marek Janowski, der ohne Partitur seiner Konstitution entsprechend minimalst dirigierte (er stand übrigens während der gesamten zwei Stunden ohne irgendeine Stütze frei am Pult, Chapeau), großes Standvermögen und gleichzeitig tiefe Kenntnis und Einsicht in das Werk konzedieren muss.
Siebzig Minuten Bruckner, viele Zuhörer verließen frühzeitig den Saal, sind eine geistige und intellektuelle Anstrengung par excellence.
Die Siebente ist und bleibt für den Verfasser dieser Zeilen ein musikalisches Phänomen, bei jedem Hören vernimmt man Neues, aber man wird auch sensibilisiert für Längen, musikalische Oberflächlichkeiten und langatmige Passagen, denen der Sinn fehlt. Bruckners Siebente ist immer ein Wagnis und das war sie am gestrigen Abend auch.
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