Amor Vien Dal Destino (1709), Oper mit Prolog und drei Akten von Agostino Steffani (1654-1728) nach einem Text von Ortensio Mauro mit Motiven aus der Aeneis von Vergil, Oper Frankfurt, 25.01.2026, Premiere und Frankfurter Erstaufführung
| v.l.n.r. Constantin Zimmermann (Coralto), Karolina Makuła (Turno; kniend) und Daniela Zib (Giuturna) alle weiteren Fotos von Matthias Baus |
Die Macht des Schicksals
Die Macht des Schicksals möchte man meinen, ohne auch nur halbwegs an die gleichnamige Oper von Giuseppe Verdi zu denken.
Nein, diese Oper handelt zwar entsprechend der Aeneis Saga vom Schicksalsvollzug der römischen Gründungssage, wonach Aeneas, Sohn der Venus und Jupiters, nach langer Irrfahrt, auf Geheiß der Götter endlich Italien bzw. Latium erreicht, nach langen Kämpfen mit den Rutulern (einem ansässigen Volksstamm) und ihres Königs Turnus, Lavinium, das spätere Rom gründet, und als Ahnherr von Romulus und Remus gilt.
| Constantin Zimmermann (Giove) und Michael Porter (Enea; liegend) |
Dynastische Machtsicherung
Agostino Steffani (1654-1728) hat dieses Thema für seine Oper gewählt, weil es das dynastische Instrument der Machtsicherung durch strategische Ehen behandelt, was zur damaligen Zeit die Gemüter bewegte.
Darum geht es in dieser Oper: Turnus ist aus dynastischen Gründen Lavinia, der Tochter des Latiner Königs Latinus versprochen, wird aber von ihr abgelehnt. In einem Traum (den ihr die Götter senden) sieht sie Aeneas (Enea), in den sie sich unsterblich verliebt. In der Urform endet diese Geschichte mit dem Tod des Turnus – Aeneas erschlägt ihn im Zweikampf –, der Okkupation des Landes und der Liebesheirat zwischen beiden.
Offensichtlich war diese Version der Hannoverschen Fürstenfamilie, wo Steffani seit 1696 als Hofkapellmeister und Operndirektor wirkte, nicht genehm. So nicht. Er musste diese Oper zu einem lieto fine führen. Das heißt, alle finden ihre (Liebes)Partner, alle sind zufrieden, es herrscht Friede, Freude und Eierkuchen.
Die erste Fassung von 1694 ist nicht mehr erhalten, dafür die zweite, die 1709 in Düsseldorf, wo er seit 1703 am Hof des Kurfürsten Johann Wilhelm von der Pfalz als päpstlicher Vertreter in diplomatischer Funktion tätig war, mit Erfolg uraufgeführt wurde.
| Daniela Zib (Giuturna) |
Musik als Ausgleich im Extrem der Ereignisse
Steffani, bekanntlich ein Grenzgänger in diversen Bereichen, man kann ihn mit Fug und Recht als Universalgelehrten bezeichnen, konnte Cembalo, Singen, Komponieren, Geschäfte aller Art betreiben, besaß die priesterliche Weihe, war in diplomatischen Kreisen gern gesehen und schaffte es vorzüglich, die kriegerischen Geister seiner Zeit zu besänftigen.
Er selbst litt wohl darunter, wie er in einem Brief von 1702 an seine Freundin Sophie Charlotte zugibt, und meint darin lapidar, dass er sich in diesem 'Extrem der Ereignisse' kaum noch aus seinem Zimmer bewege und nur noch in der Nähe seines Cembalos verweile. Mit anderen Worten: Musik galt ihm als Ausgleich für die täglichen diplomatischen und intriganten Umtriebe.
Er schaffte es tatsächlich zu insgesamt 17 Opern, wovon diese, in Frankfurt Erstaufgeführte, die 12. manche sagen die 11. ist. Amor Vien Dal Destino (Liebe kommt vom Schicksal/Schicksalsliebe) gehört allerdings unbezweifelbar zu seinen besseren.
| v.l.n.r. Thomas Faulkner (Latino), Michael Porter (Enea; kniend) Karolina Makuła (Turno; im Hintergrund) und Margherita Maria Sala (Lavinia) |
Lange verschollen – erfolgreich wiederentdeckt
Die Frankfurter Produktion liegt in den Händen von R.B. Schlather (Regie), Václav Luks (musikalische Leitung), Anna-Sofia Kirsch (Bühne), Katrin Lea Tag (Kostüme), Jan Hartmann (Licht) und Mareike Wink (Dramaturgie).
Ein auf den ersten Blick gewagtes Unterfangen, sind doch Musik und Gesang äußerst diffizil und die Handlung meist langatmig (man hatte viel Zeit zu Steffanis Zeiten), immerhin dauert dieses Werk gut drei Stunden fünfzehn Minuten ohne Pause.
Außerdem ist der Komponist seit fast hundert Jahren verschollen und wird erst in neuester Zeit wiederentdeckt, was vor allem der Operndiva und Barockikone Cecilia Bartoli und der Schriftstellerin und Themengeberin der Fernsehkrimireihe Donna Leon zu verdanken ist, die beide diesen außergewöhnlichen frühbarocken Zeitgenossen wiederentdeckt haben.
Dramma giocoso – ein Genuss
Diese Premiere mit einigen Debütanten und Neulingen auf der Bühne, war, das sei vorweggenommen, ein Genuss für die Sinne, zwischen Ernst und Komik, zwischen Humor und Drama, zwischen Liebe und Wahnsinn, ein Dramma giocoso, wie es beispielsweise ein Mozart mit einem Da Ponte nicht annähernd besser machten.
| Michael Porter (Enea) und Julia Alsdorf (szenisches Double Venere; im Hintergrund) |
Einfallsreich – effektvoll - Kurzweilig
Die Bühne zeigte sich als Spielwiese – im dritten Akt gemischt mit Feuerstellen (Liebesfeuer) –, einem Guckkasten gleich, in den man interessiert und gespannt reinschauen durfte.
Mit perfektem, fokussiert auf die Personen ausgerichtetem Lichtspiel und Kostümen aus der Zeit des Rokoko und mitunter in die Neuzeit verlegt, wurde das Auge des Betrachters ständig mit neuen einfallsreichen Effekten verwöhnt.
Die handelnden Personen, neun insgesamt (dazu später), traten, abgesehen vom Schluss des dritten Aktes, nie mit mehr als drei Personen auf die Bühne. In der Regel im Duo oder solistisch. Das machte die langen Passagen (eine Da capo Arie kann schon mal die fünf Minuten überschreiten, und die 80 Prozent Rezitative, aus denen die Oper besteht, weitschweifig werden), kurzweilig, übersichtlich und ließ das Publikum sich leicht auf die einzelnen Protagonisten konzentrieren.
| von vorne nach hinten Karolina Makuła (Turno; kniend), Daniela Zib (Giuturna; mit Schwert) und Michael Porter (Enea) |
Ein Hör- und Seherlebnis
Das Orchester, etwa vierzig Musikerinnen und Musiker, agierte in historisch informierter Praxis, und musizierte nahezu auf gleicher Höhe wie die Bühne. Also kein Orchestergraben.
Instrumente wie Psalterium, zwei Cembali, Oboe d´Amore, Barockfagotte, Laute, Theorben, Chalumeaux (Holzblasinstrumente zwischen Klarinette und Flöte), diverse perkussive Klangkörper, wie Militärtrommel, Große Trommel, Hölzer, Kastagnetten, Rasseln, Zimbeln, Windspielen, Röhrenglöckchen und Klangblech, bereicherten Arsenal ungemein und schafften einen spannungsgeladenen musikalischen Teppich.
An dieser Stelle muss man Václav Luks, der sein Debüt auf der Frankfurter Bühne als musikalischer Leiter gab, Höchstnoten verleihen, wenn der Begriff überhaupt dafür ausreicht. Er schaffte mit Bravour ein enges Bündnis von Gesang und Spiel, ließ die Solisten mit den entsprechenden Instrumenten begleiten, und das in einer Harmonie, die seinesgleichen sucht. Jede der gut 120 Nummern (!) wurde somit zu einem Hör- und Seherlebnis.
Wie gesagt gestalteten neun Sängerinnen und Sänger das Bühnengeschehen.
| Theo Lebow (Nicea) und Pete Thanapat (Corebo) |
Ein ungleiches Paar
Allen voran natürlich die beiden Hauptprotagonisten Enea (Aeneas), gesungen von Michael Porter (Tenor) und Margherita Maria Sala (Alt), die die Rolle der Lavinia verkörperte.
Ein etwas ungleiches Paar, hatte Michael Porter doch nicht den Helden zu spielen, sondern eher einen entscheidungsarmen, zögerlichen und unsicheren Welteroberer. Ein charakterlicher Widerspruch, denn nach der Sage ist er ein Held und durchaus mit Odysseus zu vergleichen. Stimmlich lag er nicht an der vordersten Front, was auch seiner ungewöhnlichen Rolle geschuldet war.
Margherita Maria Sala hat ihr Debüt auf der Frankfurter Opernbühne durchaus bestanden.
Ihre Altstimme ist warm und hat durchaus einen guten Umfang. Ihre Soli sang sie oft in tiefer Verzweiflung bis zum Todeswunsch am Ende des 2. Aktes, mit sehr elegischen Zügen. Dabei wurde sie kongenial von der Laute begleitet. Die von ihr geforderte Rolle passte, wenngleich sie sich etwas freier hätte bewegen können.
| Margherita Maria Sala (Lavinia) |
Ein Paar der Extraklasse
An zweiter Stelle seien Turno, gesungen und gespielt von Karolina Makuła (Sopran) sowie Giuturna, die Schwester von Lavinia, hier von Daniela Zib (Sopran) verkörpert, genannt. Beide konnten sowohl gesanglich wie schauspielerisch auf ganzer Linie überzeugen.
Karolina Makuła spielte die Hosenrolle mit ausgeprägter männlicher Attitüde, kreierte in bester Manier einen Matador in der Stier Arena und verfügt darüber hinaus über einen Mix aus Koloratur, Dramatik und Lyrik in ihrer Stimme. Der Zwischenbeifall und Schlussbeifall waren bei ihr am größten.
Allerdings stand die Debütantin Daniela Zib in der Doppelrolle als Giuturna und Venere (Venus) in Nichts nach. Sie glänzte vor allem durch geschwisterliche Unbekümmertheit, ließ dem Schicksal seinen Lauf, was auch durch ihr Kostüm, ein wenig poppig und lolitalike, zum Ausdruck kam. Ihre Stimme war leicht und von guter Koloratur. Ihr standen musikalisch die Oboe, das Basso continuo und die Viola zur Seite. Eine Stimmigkeit von bester Qualität.
| Margherita Maria Sala (Lavinia) und Michael Porter (Enea; mit dem Rücken zum Betrachter) |
Trio: Ernst – witzig – humorvoll – intrigant
Kommen wir zum König Latino, in gutem Bass von Thomas Faulkner gesungen. Er spielte den verantwortungsbewussten und diplomatischen Vater wie Herrscher, und das trotz seines etwas harlekinesken Outfits, was ein Geheimnis des Regieteams bleiben wird.
Die beiden Diener ihrer Herren sangen und spielten Pete Thanapat (Bassbariton), als Gefährte bzw. Corebo von Enea sowie als Fauno, und Theo Lebow (Tenor) als Amme, alias Nicea, von Lavinia.
Beide stammen aus der Kiste der Commedia Dell Arte und belebten die Bühnenszenerie ungemein. Voller Witz, Humor und gespielter Intrige, könnten sie durchaus in den Rollen des Narren, oder des hintersinnigen Beraters ihrer Herren fungieren.
Vor allem Theo Lebow war die Hosenrolle der Amme Nicea wie auf den Leib geschnitten. Er sang nicht nur perfekt in höchsten Höhen, sondern spielte alle Nuancen der Intrigen mit Bravour. Pete Thanapats Gesang konnte zwar nicht unbedingt mithalten, dafür spielte er die Duette mit seinem Widersacher aus der anderen Liga perfekt und mit tänzerischer Noblesse.
Beide scheinen sich schlussendlich zu verlieben, obwohl sie sich doch gegenseitig auszuspionieren haben. Eine erotisch-schräge Liebesszene auf der Bühne, rief entsprechend allgemeines Gelächter hervor. Beide wurden frenetisch gefeiert.
| Margherita Maria Sala (Lavinia) und Thomas Faulkner (Latino) |
Die Schicksalsgötter
Kommen wir noch zu Giove (Jupiter, Coralto in menschlicher Gestalt) Constantin Zimmermann (Countertenor, Debüt) und dem Double von Giuturna und Venus, Julia Alsdorf (Ballettöse). Ihre Rollen waren nur von kurzer Dauer, zu Anfang im Prolog und im angehängten Epilog.
Wild und exotisch fiel das Kostüm des Herrschers über alle Menschen aus. Sein Gesang dafür geriet ein wenig leicht und ohne wirkliche Durchsetzungskraft. Vielleicht auch gewollt, denn wie immer ist Jupiter am Schluss der Gehörnte und muss sich gedemütigt zurückziehen.
Hier muss er sich ebenfalls der Lächerlichkeit preisgeben, denn seine Frau Venus nimmt letztendlich das Heft in die Hand und gibt dem Schicksal ihre eigene Richtung. Julia Alsdorf in überdimensioniertem hüftbetonten Rokokokleid, spielte mit Maske überzeugend und konnte auch gut singen.
| Ensemble |
Barockes lieto fine vom Feinsten
Wie bereits gesagt, musste Steffani ein lieto fine finden, das er in typisch barocker Manier auch löste. Alle Paare finden sich, ob mit Liebe oder ohne, egal, und die Venus, die Mutter von Aeneas und Jupiter, der selbstgefällig in sein Spiegelbild verliebte Herrscher über alle Lebewesen, ist ebenfalls zufrieden, vermutlich auf neue Intrigen und Abenteuer aus.
| Ensemble und Regieteam beim Schlussapplaus (Foto: H.boscaiolo) |
Harmonische Perfektion
Diese Premiere ist ein Lichtblick aus dem frühen Barock und eine Vorausschau in die klassische Oper bis hin zur Romantik.
Agostino Steffani betrachtete aufgrund seiner Welterfahrung (er starb übrigens in Frankfurt am Main mit stolzen 74 Jahren und ist in der Kapelle des Bartholomäus Doms in einem Epitaph verewigt) sowie seiner Philosophie, die sich an Gottfried Wilhelm Leibnitz orientierte, die bestehende Welt als harmonisch perfektes Gebäude, das der Mensch auch musikalisch zu erkennen habe.
Steffani: Ein musikalischer Visionär mit Humor und Weltblick im Platonischen und Leibnizschen Sinne.
Sein Dramma giocoso Amor Vien dal Destino ist ein Ausbund an Lebendigkeit, musikalischem Einfallsreichtum und stilistischer Perfektion. Nicht umsonst wurde er von seinen komponierenden Zeitgenossen Händel, Bach, Corelli, Lully und vielen anderen seiner Gilde hochgeschätzt.
Die Premiere und Frankfurter Erstaufführung am gestrigen Sonntag Abend kann als voller Erfolg in die Geschichte der Frankfurter Oper eingeschrieben werden. Ein wunderbares Opernereignis im kalten, Schnee bedeckten Frankfurt.
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