hr-Sinfonieorchester mit Kent Nagano und Jan Vogler (Violoncello), Alte Oper Frankfurt, 23.01.2026
| Kent Nagano, hr-Sinfonieorchester Foto: Sebastian Reimold |
Zwei denkwürdige Debüts
Zwei Debüts, die es in sich hatten. Tatsächlich stand Kent Nagano (*1951) erstmals am Pult des hr-Sinfonieorchesters und auch der Cellist Jan Vogler (*1964) konnte zum ersten Mal die Bühne des Großen Saals der Alten Oper Frankfurt mit seiner Musik erfüllen.
Bereits im Vorgespräch mit der hr-Moderatorin Christiane Hillebrand wurde das enge Bündnis der beiden Ausnahmekünstler deutlich, denn sie kennen sich seit vielen Jahren und leiten erfolgreich das Projekt The Wagner Cycles im Rahmen der Dresdner Musikfestspiele, das sich der konzertanten Aufführung von Wagners Ring in historisch informierter Praxis widmet.
Mitgebracht hatten sie für diesen denkwürdigen Konzertabend in der vollbesetzten Alten Oper Frankfurt von Henri Dutilleux (1917-2013) Tout un monde lointaine für Violoncello und Orchester (1967-1970) sowie die Große C-Dur Sinfonie D 944 (1826/1839) von Franz Schubert (1797-1828).
| Kent Nagano, hr-Sinfonieorchester Foto: Sebastian Reimold |
Visionär und zeitlos
Auf den ersten Blick ein gewaltiger Kontrast, aber auf den zweiten Werke zweier Visionäre, die mit ihren Kompositionen völlig neue und geniale Wege in der Musikgeschichte gegangen sind. Kent Nagano, das stellte sich in der Konzerteinführung heraus, war eng befreundet mit Henri Dutilleux, studierte Anfang der 1980er Jahre bei Olivier Messiaen, arbeitete mit Pierre Boulez, Iannis Xenakis und Karlheinz Stockhausen, die damaligen Koryphäen der Neuen Musik, zusammen und besprach Tout un monde lointaine (auf deutsch etwa: eine ganze Welt in der Ferne) bereits intensiv mit seinem Freund Henri, als seine Karriere als Dirigent in den frühen 1970er Jahren begann.
Im Gespräch hob er die Sonderstellung des französischen Komponisten heraus, der eigentlich zu Lebzeiten immer „non fashioned“ gewesen sei, also nicht zur Avantgarde gehört und im Schatten der damaligen Musikerneuerer gestanden habe.
Erst nach seinem Tode sei er zu einer Ikone der ganz besonderen Art geworden. Seine Musik, zeitlos, genial und meisterhaft, habe das Zeug, wie die von Beethoven, Bach oder Schubert, alle Zeiten zu überleben und immer wieder neu interpretiert zu werden.
Und genau deshalb, so Kent Nagano, bilde das Programm des Abends keinen Kontrast, denn beide Kompositionen seien visionär und ihre Musik zeitlos genial.
| Jan Vogler, Kent Nagano, hr-Sinfonieorchester Foto: Sebastian Reimold |
Poesie pur – Phantasmagorie – surreal
Auch der Cellist, Jan Vogler, stimmt in dieses Lob ein und beschreibt seine Auseinandersetzung mit diesem Werk, gemeinsam mit Kent Nagano und dem hr-Sinfonieorchester in der vergangenen Woche, als unglaublich fruchtbar.
Dutilleux´s Musik ist Poesie pur (der Komponist bezieht sich in dem konzertanten Werk, das er dem großen Cellisten Mstislav Rostropovich widmete, auf Charles Baudelaires Gedicht La Chevelure (das Haar) aus dem Gedichtband Les Fleurs du mal (Die Blumen des Bösen).
Er unterteilt es in fünf knappe Sätze (Enigma, Blick Wellen, Spiegel und Hymne) und stellt jedem einzelnen von ihnen ein Zitat voran. Ein Werk von knapp 27 Minuten Länge, aber von ungeheurer klanglicher Dichte und außerordentlichem Farbenreichtum.
Vogler erwähnt in diesem Zusammenhang die Heroin- und Alkoholabhängigkeit des Dichters, der tatsächlich in La Chevelure seine selbst erlebte Rauschwelt beschreibt. Eigentlich nicht jugendfrei, meint er, aber von beeindruckender Phantasmagorie und symbolistischer Wirkkraft.
Rätselhaft – Rauschhaft – Traumhaft
Tatsächlich beginnt das Cellokonzert mit sanftem Becken- und Trommelwirbel und wird von einer zwölftönigen Reihe des Cellisten eröffnet. Früh fällt bereits die sehr hohe Tonlage des Cellos sowie der intensive Dialog zwischen Solo und Tutti auf, das der Dirigent Kent Nagano mit großer Übersicht in Händen hält. Eine insgesamt rauschhafte Bewegungsfolge, die große Aufmerksamkeit und Konzentration abverlangt.
Bereits der zweite Satz, mit Blick (Regard) überschrieben, gleicht einer Klage voller Wehmut und Depression. Sehr langsam, gleichsam den Blick ins Ungeheuerliche werfend, ist dieser Teil von tiefem Espressivo im leisestem piano geprägt. Jan Vogler und Kent Nagano sind in ständigem Blickkontakt. Ein höchst diffiziler Teil, der größte Präsenz von allen Akteuren abverlangt.
| Jan Vogler, Kent Nagano, hr-Sinfonieorchester Foto: Sebastian Reimold |
Spannungsgeladen – wilde Party
Houles (Wogen) wiederum ist wie ein Scherzo angelegt. Hier träumt der Dichter vom Segeln, Rudern, von Bootsmasten, Meer und Wimpeln. Sehr energisch setzen die perkussiven Elemente wie Becken, Pauke, Tamtam, Tomtom, Vibraphon und Militärtrommel ihre Akzente, begleitet von Fagott, Klarinette, Kontrabass und Harfe.
Ein spannungsgeladener Part, der auch vom Cellisten große Virtuosität und dialogische Aufmerksamkeit abverlangt.
Die vierte Teil, Miroirs (Spiegel), wieder ein sehr langsam konstruierter Satz, scheint an den ersten und zweiten Satz anzuknüpfen. Eine Art Krebs, bzw. Spiegelung des Vorherigen ist deutlich zu hören. Auch hier dominiert wieder die zwölftonige Reihe. Ein ausgedehnter Dialog zwischen Harfe und Cello leitet in den Schlussteil über. Mit Hymne übertitelt, beschreibt er, so Jan Vogler im Vorgespräch, eine „wilde Party der Außenseiter der Gesellschaft“.
Das Gefühl der Fremdheit wird durch höchste Nervosität (Zupfen und Pizzikati), kontrastreiche Wechselspiele und perkussive Ausbrüche wie synästhetischem Farbenspiel noch einmal herausgehoben. Das Ende besteht aus langsam abebbenden Tremoli des Cello, die sich irisierend in Nichts auflösen.
| Jan Vogler, hr-Sinfonieorchester Foto: Sebastian Reimold |
„Kaleidoskop der Gefühle“
Ein „Kaleidoskop der Gefühle“ (Christiane Hillebrand) und die perfekte Interpretation einer surrealen mit modalen, zwölftönigen, seriellen wie mit impressionistischen Ansätzen gespickten Komposition von traumhafter wie geheimnisvoller Schönheit.
Jan Vogler, Kent Nagano sowie das bestens vorbereitete und motivierte hr-Sinfonieorchester haben großen Anteil an dem prächtigen Gelingen dieses doch insgesamt sehr anspruchsvollen, diffizilen, subtilen und mitunter von langen, fast ereignislosen Phrasen durchzogenen Werk aus der Frühzeit der Postmoderne.
Seine Zugabe, eine Sarabande in C-Dur aus der Cellosuite BWV 1009, belegte noch einmal die klangliche und gesangliche Brillanz des Solisten. Jan Vogler ist eine echte Bereicherung und sollte des Öfteren das Frankfurter Publikum mit seiner Musik beglücken.
„Gewalthaber der Töne“
Kommen wir zu Schuberts Großer C-Dur Sinfonie. Auch hier entscheidet sich Kent Nagano weise für sehr großes Orchester (gut 80 Musiker und Musikerinnen).
Allgemein ist ja bekannt, dass Schubert zwischen seinen ersten sechs Sinfonien (1813-1817) und den beiden folgenden, nämlich der Unvollendeten (1822) und der Großen C-Dur Sinfonie (die Sechste schrieb er auch in C-Dur, daher der Name) von 1825/26 gut acht Jahre verstreichen ließ.
Wienerisches Idiom
Der Grund war einfach wie verständlich: Der „Gewalthaber der Töne“ Ludwig van Beethoven.
Mit der Achten, der Großen C-Dur Sinfonie, hatte er sich von diesem „Makel“ wohl endgültig befreit. Er fand seine eigene musikalische Sprache, löste sich von seinem Vorbild und erfand quasi, wie es einmal Nikolaus Harnoncourt formulierte, "das eigene wienerische Idiom". Gemeint "das Volksliedhafte, frei von jeglicher Tümelei, Wehmut und Melancholie, sowie ein wandernder rhythmischer Schwung aus punktierten Noten, der sich durch das gesamte Werk zieht".
Schubert lässt jetzt singen, entwickelt eine Fülle von Melodien und erzählt in epischer Breite, ohne sich im Unendlichen zu verlieren.
| Kent Nagano, hr-Sinfonieorchester Foto: Sebastian Reimold |
Tatsächlich wurde sie erst 10 Jahre nach seinem Tod von Robert Schumann im Nachlass seines Bruders, Ferdinand Schubert, entdeckt, weiter gegeben an Felix Mendelssohn Bartholdy nach Leipzig, der sie am 21. März 1839 im Gewandhaus uraufführte. Von da an hat sie ihren Siegeszug weltweit angetreten.
Das hr-Sinfonieorchester - diese Sinfonie gehört quasi zu ihrem Repertoire - trumpfte unter der leitenden Hand von Kent Nagano noch einmal mit einem viersätzigen Klanggewitter prächtig auf: von der Einleitung der Hörner im Andante des Kopfsatzes bis zum Allegro vivace des Schlusssatzes, wo der Ruf der Streicher noch einmal an den Anfang zurückblicken lässt.
Großartig die präzise punktierten Sechzehntel (trochäischer Rhythmus), die sich abgewandelt durch alle vier Sätze ziehen und von Kent Nagano in wienerischer Leichtigkeit gefordert wurden, was dem Werk eine schwungvolle Dynamik verlieh, die seinesgleichen sucht.
| Kent Nagano, hr-Sinfonieorchester Foto: H.boscaiolo |
Die Orchestermitglieder wirkten wie ausgelassen und folgten dennoch den deutlichen, aber sparsamen Gesten des Meisters am Pult mit größter Aufmerksamkeit. Ein glanzvolle Präsentation dieser viel gespielten Sinfonie mit ganz speziellen Akzentsetzungen.
Kent Nagano strich das Visionäre, geniale dieser Komposition heraus und bestätigte mit dieser Interpretation seine Aussage im Rahmen der Konzerteinführung, dass beide Werke von Genies geschrieben seien, und geniale Werke überlebten und prägten selbstverständlich alle Zeiten. Wie recht er hat.
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