Freitag, 30. Januar 2026

Flucht ins Glück, ein Kino-Varieté mit Film, Live Musik und Bühnen-Show, Musik von Uwe Dierksen und Michael Quast als Conférencier, Volksbühne Frankfurt, Premiere 29.01.2026


v. l.: Michael Quast, Miguel Casas, Bill Forman
Foto: Andreas Malkmus

Anarchische Komik

Flucht ins Glück, so heißt es sinngemäß im Programm, sei schlicht „Überlebensstrategie“ in unruhigen Zeiten. 

In diesem Sinne hat sich das Team um Michael Quast (*1959), bekanntlich die Seele der Volksbühne Frankfurt, die Filmredakteurin Nina Goslar (*1957) und Uwe Dierksen (*1959), Posaunist und Komponist des Ensemble Modern, sowie fünf seiner musikalischen Mitstreiter, die anarchische Komik der wohl bekanntesten Stummfilmlegenden der 1920er Jahre ausgesucht, nämlich Stan Laurel (Stan) und Oliver Hardy (Olli) sowie Charles Chaplin.


 Michael Quast (Foto: Andreas Malkmus)

Gags im Grenzbereich

Zwei Streifen mit ihnen als Hauptdarsteller, sollten es sein, nämlich Liberty, oder Die Sache mit der Hose (1929) von Leo McCarey (1898-1969), wo Stan und Olli, gerade aus dem Gefängnis ausgebrochen, und auf der Flucht vor der Polizei, nicht allein durch Hosenverwechslungen, Krebs-Attacken und Schallplatten Demolierungen auffallen, sondern auch noch einen Fassadenkletterer-Thriller am Gerüst eines Wolkenkratzers von schreiender Komik hinlegen, der damals wie heute Zeugnis ablegt von ihrem „unglaublichen Können im Variieren und Ausreizen eines Gags bis zur Grenze des Möglichen“ (prisma).



v. l.: Yuka Ohta, Miguel Casas, Bill Forman, Schattenspiel: Michael Quast
Foto: Andreas Malkmus

Ironie und Satire

Und The Immigrant (der Einwanderer), Drehbuch, Regie und Hauptrolle Charles Chaplin. Ein Stummfilm von 1917, in dem er einen namenlosen Vagabunden spielt, der auf einem Dampfer den Atlantischen Ozean überquert mit Zielpunkt USA (New York), nach etlichen Episoden auf dem Schiff wie an Land seine große Liebe – Edna Purviance spielte damals diese Rolle – findet, und sie während eines heftigen Regengusses in den Straßen der Großstadt zum Standesamt führt.

Ein 24-minütiges Meisterwerk voller Ironie und Satire. Viel wurde in diesen Streifen rein interpretiert, man spricht von Chaplins Antiamerikanismus und Kritik an der McCarthy Verfolgung der 1950er Jahre. 

Heutzutage wirkt der Film vor allem durch Charles Chaplins kongeniale mimische Gestik, seinem berühmten Tramp-Outfit mit Melone, Stock und zu engen Hosen.


Michael Quast (Foto: Andreas Malkmus)

Musikalisches Erlebnis

Uwe Dierksen hat sich diesen beiden Filmen von insgesamt knapp dreiviertel Stunden gewidmet und dazu eine Musik komponiert, die den Premierenabend zu einem musikalischen Erlebnis werden ließ. 

Seine Musik, besteht aus einem Mix aus der Zeit der Music Hall (Musikhalle) um die 1920er Jahre, vor allem konzentriert in London (Saloons) und Wien (Cafés). Ein populäres Unterhaltungstheater mit Gesang, Musik, komischen Einlagen und kleinen Theaterszenen in lockerer entspannter Atmosphäre. 

Varieté, Revue, wie die modernen Comedy-Shows führen diese Musik-Hall Tradition in heutiger Zeit fort.



Crossover mit Wirkung

Die Musik sollte demzufolge das Flair der Zeit einfangen. Dierksen hatte sich dazu dem populären Stil von Kurt Weill, Hanns Eisler, aber auch Ernst Krenek und Paul Hindemith angenommen, mit eigenen Ideen und Techniken erweitert, und so ein Crossover von beeindruckender Wirkung geschaffen. 

Dabei haben ihm die fünf Instrumentalisten bestens unter die Arme gegriffen. Zu nennen sind die Schlagzeugerin Yuka Ohta, die Pianistin Miharu Ogura, der Posaunist Miguel Garcia Casas, der Trompeter Bill Forman sowie der Kontrabassist Peter Schlier.



Miguel Casas, Bill Forman,
Foto: Andreas Malkmus
Musikalisches Erzählen

Dieses Quintett untermalte, über Laptop Technik realisiert, punktgenau die unzähligen kleinen Szenen auf der großen Leinwand, und entwickelte, trotz sehr geringer Untertitelung der Filmszenen, eine musikalische Erzählung, die geschätzt alle 27 existierenden Emotionen, zwischen Liebe und Hass, Mut und Angst, Wut und Freude etc., einzufangen verstand.

Bekanntlich hat sich Uwe Dierksen mit Ma(i)nhatta, einem Stummfilm Varieté von 2017, und dem Musiktheater Mina aus dem Jahre 2019, eine großartige Jugendoper von und mit Jugendlichen produziert, einen Namen als Komponist und Entertainer gemacht. 

Seit 1983 ist er als Posaunist Mitglied des Ensemble Modern und als international anerkannter Solist bereits mit den bekanntesten Orchestern der Welt aufgetreten, darunter mit den Wiener Symphonikern, oder auch dem Niederländischen Rundfunkorchester.


Trotz Krankheit persönlich anwesend

Uwe Dierksen ist leider schwer an Krebs erkrankt und verarbeitet seine Erfahrungen damit in seinem künstlerischen Projekt „Hirngespinste // Pipedreams“, in dem er Musik präsentiert, die den Umgang mit dieser Krankheit thematisiert. Chapeau. 

Er war bei der Premiere anwesend und konnte mit Stolz seine wunderbaren Arrangements, kompositorischen Crossover und das perfekt spielende Quintett noch einmal hören und sehen.

Miguel Casas, Bill Forman, Schattenspiel: Michael Quast
Foto: Andreas Malkmus

 
Flucht ins Glück – Fragezeichen

Jetzt zu Michael Quast. Seine Rolle als Conférencier überzeugte allenfalls zu Anfang der 70-minütigen Vorstellung, wo er in einem Schattenspiel (gestaltet von Sarah Groß, Charlotte Henkel, Ulrike Kinbach und Sascha Weitzel) die Flucht in das gelobte Land Amerika durch einen Galgenstrick symbolisierte und mit witzigen holzschnittartigen Einfällen die Atlantik Überquerung und die Ankunft in New York spielte, wo ihn ebenfalls der symbolische Henkersstrick empfing. Flucht ins Glück – Fragezeichen.


Wenig Bezug zu den Filmen

Seine Zwischenauftritte bestanden aus mehreren abgelesenen „Flüchtlingsberichten“ von Betroffenen wie Nicht Betroffenen, darunter vom amtierenden Papst Leo XIV und Hannah Arendt, aber auch erschreckende Berichte von NGOs über 300 Flüchtlinge, die im Mittelmeer ertranken und nur ein Baby überlebte.

Viel Klamauk in der Stimme, dazu einige wenige Sketches mit viel Luft Gebläse und heftigen Flügelschlägen, aber doch wenig Bezug zu den beiden Filmen. 

Handelt doch Die Sache mit der Hose von zwei ausgebüxten Gefängnisinsassen (dazu kein Kommentar) und The Immigrant von Auswanderern, die ihr Glück im gelobten Land Amerika suchen, getoppt mit einer herzzerreißenden Liebesgeschichte. 

Hier hätte es doch mehr Varieté bedurft und weniger Vermischung von unseliger und sozial eruptiver Flüchtlingspolitik, wie man es zurzeit erlebt, und Auswanderer Aufbruch des frühen 20. Jahrhunderts, wo man allenfalls von Exilanten und Gold- bzw. Glückssucher sprechen kann. Ganz zu schweigen von Der Sache mit der Hose.

vorne Uwe Dierksen und Familie
auf der Bühne v. l.: Michael Quast, Miharu Ogura, Yuka Ohta,
Peter Schlier, Miguel Casas, Bill Forman
Foto: H.boscaiolo

Flucht als Glückssache

Flucht ins Glück als Titel des Kino Varietés deutet zwar an, dass Glückssuche ein Menschenrecht ist, aber auch, dass das Finden des Glücks, oder auch die 'Flucht ins Glück', halt eben auch zur Glücksache zählt. 

Das zeigen die beiden Filme wie die Musik in prächtiger Weise. Kleine, angemessene Wendungen in der Moderation hätten dem Hör- und Sehgenuss der Premiere durchaus gut getan. Dennoch zeigte sich Michael Quast als sechstes Mitglied des genialen musikalischen Quintetts durchaus als hilfreicher Perkussionist mit ausgesprochenem Rhythmus Gefühl.




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