Freitag, 6. Februar 2026

Cresc … Biennale für aktuelle Musik, Schwärmen 2026 vom 04.02. – 15.02.

Swarming Voices mit der hr-Bigband, den Trondheim Voices und John Hollenbeck (musikalische Leitung und Komposition), Centralstation Darmstadt, 05.02.2026


hr-Bigband (Foto: Website)

Schwärmen contra Vernunft

In diesem Jahr steht die Biennale für zeitgenössische Musik unter dem Motto SCHWÄRMEN, das, vielschichtig konnotiert, sehr Vieles aussagt. In der Soziologie steht es für emergente Systeme, in der Computertechnik für algorithmische Netzwerke und in der Musik … ja in der Musik bezeichnet es schlicht das Schwärmen über eine wunderbare Komposition, oder gar eine außergewöhnliche Interpretation, die einem die Worte verschlägt.

Was aber sagt die Philosophie zu diesem Begriff? Ja. Sie ist sich da nicht unbedingt einig. 

Haben die antiken Philosophen wie Platon oder auch Aristoteles das Schwärmen eher als Einbildung verstanden, und dessen Gefahr betont, wenn sie das Maß überschreitet, Immanuel Kant, der „König der Aufklärung“, sie gar gänzlich verworfen, weil sie die krankhafte Überspannung der Vernunft bezeuge, die Romantiker sie gar als Erweiterung der Vernunft bezeichnet, so sind die modernen Philosophen wie Nietzsche, Heidegger oder auch Adorno zur Auffassung gelangt, dass das Schwärmen die Flucht vor der Vernunft, ein Sich Verlieren im Irrationalen, oder gar ein unreflektiertes Verhalten, Kitsch und falsche Ideologie beschreibe.

John Hollenbeck (Foto: Scott Friedlander)

Superorganismen

So steht das diesjährige Festival, organisiert vom Ensemble Modern und dem hr-Sinfonieorchester – übrigens zum achten Mal seit seiner Gründung im Jahre 2011 – unter einem durchaus diskutablem Motto, das auch in der angebotenen Musik seine Bedeutung erhalten mag.

Das gestrige Auftaktkonzert mit der hr-Bigband, den Trondheim Voices und John Hollenbeck (*1968) als Dirigent und Komponist, präsentierte sich denn auch als SWARMING VOICES und hatte Werke im Angebot, die sich vor allem mit Superorganismen in der Natur, wie Vogelschwärmen, Regen, Wasser, aber auch auf von Craig Reynolds (*1953) in den 1980er entwickelten algorithmischen Computersimulationen, die das Schwärmen von Tieren wie Vögeln oder Fischen simuliert, beschäftigten.

Trondheim Voices (Foto: Sebastian Reimold)

"Symphonie tausender Gänse"

Alles begann mit Flock für Jazzorchester (2011) von John Hollenbeck. Vier Minuten lang simulierten 16 Musiker der hr-Bigband eine „Symphonie tausender Gänse“ auf der schottischen Insel Islay, die das amerikanische Multitalent (er ist als Schlagzeuger ebenso bekannt wie als Hochschullehrer und Bandleader) aufnahm und zu einem Gesamtkunstwerk werden ließ. Mit selbstgebastelten rasselnden Dosenbüchsen, einem verwirrenden Singsang der verschiedenen Instrumente simulierte er das chaotische Geflatter der Gänse, ließ einzelne Musiker kleine punktuell eingestreute Improvisationen kreieren, so als ob sich der Leitvogel immer wieder der Dynamik des Schwarms versichere.

Spannende vier Minuten, die gleich viel Gruppendynamik erforderte.

hr-Bigband und Trondheim Voices nach UA von Boids 
Foto: H.boscaiolo 

Lebendiges Boids Modell

Dann der erste Höhepunkt des Abends im gut besuchten Obergeschoss der Centralstation. Boids für Vokalensemble und Bigband (2025) nannte sich die 30-minütige Uraufführung.

Was aber bedeutet Boids? Der Begriff geht auf Graig Reynolds (s.o.) zurück, simuliert wie gesagt die Bewegungsmuster von Vogel- und Fischschwärmen und wird auf drei Kernaspekte konzentriert: Abstand, Ausrichtung und Zusammenhalt. Hollenbeck hat dazu die Stimmen der Trondheim Voices, hier fünf Frauen, mit der hr-Bigband vermischt, nach eigenen Aussagen zu acht Einheiten zusammengefasst, und daraus ein lebendiges Boids Modell gezaubert, arrangiert, komponiert, wie auch immer.


hr-Bigband und Voices (Foto: Sebastian Reimold)

Stilistische Mischungen

Für den Hörer bot sich ein Kaleidoskop wechselnder Rhythmen, diverser Soloeinlagen von Flöten, Klavier, Trompete, Posaune, aber auch ein immer wiederkehrendes gegenseitiges Finden, dass sich in Bebop-Melodien, Rock und Indie Passagen, Choral ähnlichen Abschnitten, oder auch in typischer Fanfaren Manier à la Aaron Copland fokussierte. 

Die Stimmen der fünf Frauen vermischten sich kongenial mit denen der Instrumentalisten. Zu Beginn der Komposition sangen sogar einige Musiker der hr-Bigband mit. Die letzten Teile wurden von Rasseln und einer effektvollen Stretta eingeleitet und in einer typischen Bigband Coda zu einem gewaltigen Tutti ausgeweitet.

Sehr gefällige Musik, die gut ankam, aber doch musikalisch wenig Neues bot. Zu oft war man an die bekannten amerikanischen Minimalisten wie auch John Adams, Aaron Copland, Edgar Varèse oder auch Charles Ives erinnert.

Trondheim Voices nach Elektronische Improvisation
Foto: H.boscaiolo

Effektvolle Stimmakrobatik

Die Trondheim Voices leiteten a capella den zweiten Teil des Abends ein. Sieben Frauen boten Elektroakustische Improvisationen für Vokalensemble. Ein 15-minütiges Rauschen, Hauchen, Lispeln, Lippentrillern, Tropfen, Vogelstimmen Imitationen wie auch Gesang. Der allerdings in höchsten Tönen, mal horizontal, unisono, mal vertikal, akkordisch. Alles natürlich mit Sampler, MIDI, Sounddesigner und Synthesizer geformt und verfremdet. Dazu trugen alle Damen entsprechende Gürtel um ihre Hüften und verfeinerten mit entsprechenden Klicks so effektvoll bis zu akrobatischen Höhen ihre Stimmen und Geräusche.

Eine sehr spannende Vorstellung, die ein völlig anderes Hörerlebnis bot.

 

hr-Bigband / John Hollenbeck (Foto: Sebastian Reimold)

Gnade vor Recht

Regen und Gnade für Jazzorchester (2005/überarbeitet 2014) von John Hollenbeck folgte. Diese Komposition wurde bereits 2005 von der hr-Bigband in Auftrag gegeben, was die lange Zusammenarbeit zwischen beiden dokumentiert.

Hier konzentriert sich der Komponist auf den Regen, der auf ein Dach plätschert, aber gleichzeitig auch um die wunderbare Frische und gefühlte Wiedergeburt der Natur nach der Regen- und Sturmflut. 

So wird aus dem Stück gleichsam ein Herzrhythmus Diagramm (EKG): wildem Geprassel folgt Ruhe und Erholung, und das in ständiger pulsierender Wiederholung. Der Schluss ist bemerkenswert. Alle Musiker schlagen mit Holzklöppeln auf ihre Instrumente, oder auf die Notenständer. Gnade geht vor Recht?

hr-Bigband, Trondheim Voices, ganz rechts: John Hollenbeck
Foto: H.boscaiolo

Die Macht des Wassers

Den Abschluss bildete dann The Power of Water (2011) von John Hollenbeck, wo alle sieben Sängerinnen und 17 Musiker noch einmal die Bühne füllen.

Ein gewaltiges Auftragswerk des Französischen Orchestre National de Jazz. Wasser, so der Komponist, sei in stetiger Bewegung, höhle den Stein und präge, ohne Gewalt und nur durch unerschütterliche Präsenz, die Natur. Falsch gedacht zwar, denn Wasser kann in verschiedene Aggregatzustände wechseln und durchaus mit Gewalt auf die Natur einwirken. Man denke nur an Überschwemmungen, heftige Unwetter und dergleichen. Egal.


hr-Bigband / John Hollenbeck (Foto: Sebastian Reimold)

Kurzweilig – amerikanisch – gefällig

Dieses Werk öffnet noch einmal mit einfachen Motiven und Fortspinnungen das ganze Areal des kompositorischen Ansatzes von John Hollenbeck. Auch hier geprägt von ständigen Wechseln zwischen Chaos und Ordnung, zwischen melodischen Splittern und bruitistischen Phrasen. 

Die Trondheim Voices wurden hier wieder zu instrumentalen Stimmen. Bemerkenswert die rhythmischen Verschiebungen und ostinaten Wiederholungen der motivischen Zellen. Alles in allem ein Kaleidoskop amerikanischer Musikauffassung mit viel Fanfaren, heftigen Blecheinlagen und theatralischer Abwechslung, sehr kurzweilig zwar, aber wenig innovativ.

hr-Bigband, Trondheim Voices, ganz rechts: John Hollenbeck
nach Power of Water (
Foto: H.boscaiolo)

Nie platt – ernsthaft – unakademisch

Ein Einstieg in das Festival mit effektvollen Swarming bzw. Trondheim Voices, einer gut aufgelegten und routiniert agierenden hr-Bigband und einem John Hollenbeck, cool mit Hut, der akribisch notiert, alles von Noten spielen lässt, mit wenig improvisatorischem Freiraum. 

Einem Künstler, der der Natur viel abschaut, groovig und gefällig schreibt, mit ein bisschen Bebop, Rock und Indie, sich dabei an den amerikanischen Minimalisten und bekannten musikalischen Innovatoren des 20. Jahrhunderts orientiert und, last baut not least, eine Musik schreibt, die nie platt, eher kühl und ernsthaft, aber nicht akademisch daherkommt.

Ein Abend, der sich insgesamt lohnte und vielleicht in Sachen Schwärmen diskursiv auf das weitere Festival wirkt.



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