Mittwoch, 21. Januar 2026

Happy New Ears, Portrait mit Miroslav Srnka (*1975), Werkstattkonzert mit dem Ensemble Modern (EM), Oper Frankfurt, 20.01. 2026

Miroslav Srnka (Foto: Kaupo Kikkas)

Preisgekrönt – kaum bekannt

Happy New Ears, die geniale Werkstatt Idee von John Cage, befindet sich mittlerweile im 23. Jahr und hat an Aktualität und Spannungsreichtum nichts verloren, im Gegenteil, eher enorm dazugewonnen.

Dieses Mal, quasi als Einstieg in das Jahr 2026, sollte es das Portrait eines zwar bereits preisgekrönten Komponisten sein, der aber dennoch über die Kreise von Liebhabern und Kennern seiner Musik bisher kaum hinausgewachsen ist: Miroslav Srnka (*1975), in Prag geboren und zurzeit in Köln lebend, letztmals vor 20 Jahren in Kontakt mit dem EM.

Zwei für ihn entscheidende Werke hatte er dabei, die vom Ensemble Modern unter der perfekten Leitung von Michael Wendeberg in bester Manier präsentiert wurden: Overheating for Ensemble (2018) sowie Emojis, Likes and Ringtones für Klaviertrio (2028).

Das übliche Prozedere, Interpretation, Gespräch und Wiederholung, wurde dieses Mal etwas aufgelockert. So spielte das EM zuerst das sieben Minuten dauernde Emojis, Likes and Ringtones mit den Ensemblemitgliedern, Ueli Wiget am Klavier, Eva Böcker am Violoncello und Giorgos Panagiotidis an der Geige.

Michael Wendeberg (Foto: RSB)

Wunderbares Vorbeireden

Anna Schürmer, die Moderatorin an diesem Abend, und der Komponist Miroslav Srnka unterhielten sich dann über Sinn und Absicht dieser Komposition, die als Pflichtstück für den ARD Musikwettbewerb in der Kategorie Klaviertrio immerhin mit dem südkoreanischen Trio Lux 2018 den zweiten Preis ergatterte.

Beide, das wurde im Gespräch sehr bald deutlich, sprachen wunderbar aneinander vorbei. Sie versuchte im Gendersprech Begriffe wie Nachhaltigkeit, Ressourcenschutz, digitale Medienproblematik und Zeitsteuerung herauszuheben und ließ dabei lange, viele zu lange englische Texte an die Opernwand projizieren, und er sprach schlicht von seiner Absicht, die viel benutzten Emojis (in 2018 gab es seiner Aussage nach viele hundert, dabei allein 60 für menschliche Gesichtsausdrücke) in Musik zu fassen.

Das kurze Stück ist unterteilt in fünf Abschnitte, die er mit einer Liste von Emojis, hier sind es 37, beginnt, sie dann in Postings, d.h. in quantifizierter Form präsentiert. Mixed Feelings, der dritte Abschnitt und Posts and Tapbacks, der vierte Abschnitt, also Reaktionen und emotionale Zeichen, bedienen die Emojis in ihrer vielfältigen Ausdeutung, und abschließend im fünften Abschnitt sind es Klingeltöne, Ringtones, ein individuelles Merkmal vieler Smartphone Benutzer, oder auch nicht.

v. l.: Giorgos Panagiotidis, Ueli Wiget, Eva Böcker
(Hintergrund: Partitur zu Emojis, Likes and Ringtoner)
Foto: H.boscaiolo

Social-Media-Interface

Musik wird hier zum akustischen Social-Media-Interface, blitzartige Gesten von kaum zwei Sekunden Länge, abrupte Klangwechsel, Plinkes und Klicks werden hier musikalisch umgedeutet. Kein Puls sondern eher punktuelle Ereignisse. Die Streicher reiben, zupfen, spielen col legno und entfremden das Gerät, wie es Helmut Lachenmann schon vorgemacht hat. Der Pianist bedient Tasten wie Saiten, clustert oder rutsch über die Tasten.


Emojis im Fluss

Ein wirklich unglaublich lebendiges Klangensemble, das tatsächlich die Emotionen der abstrahierten, kategorisierten und gar sortierten digitalen Zeichen wunderbar musikalisiert. Ein bisschen kritisch vielleicht, aber dafür unglaublich belebend. Die Bemerkung der Moderatorin, Emojis würden die Emotionen durch das 'copy paste' Verfahren, der unendlichen Vervielfältigung die kulturellen Unterschiede, weltweit vereinheitlichen, kann er nicht teilen. Seiner Auffassung nach entwickeln sich Emotionen und finden immer neue Ausdrucksformen was allein die heutige Vielfalt der angebotenen Emojis, Likes und Ringtones belege.

Miroslav Srnka, Anna Schürmer 
(Hintergrund: Partitur zu Emojis, Likes and Ringtoner)
Foto: H.boscaiolo

Hyperstrukturalist“ mit Inspiration

Overheating for Ensemble wird im Gespräch teilweise schon vorweggenommen. Schürmer redet von der Problematik von Mensch und Maschine, behauptet, Srnka schreibe eher rein instrumentale, materialbezogene Werke, was er erneut von sich weist. Immerhin habe er bereits fünf Opern geschrieben, darunter seine neueste The Voice Killer, aus dem Jahr 2025. Nein, er handele einfach nach seinen inneren Beweggründen. Er empfinde sich zwar als „Hyperstrukturalist“, vertrete aber die Botschaft der Inspiration des Hörers.

Foto: H.boscaiolo

Expandierende Energie

Overheating schrieb Srnka als Auftrag zum hundertjährigen Jubiläum des Los Angeles Philharmonic, das es im Rahmen 'Green Umbrella' Festivals uraufführten. Er selbst habe dieses Ensemblestück in Gedanken über den Sinn von Jubiläen verfasst und sich dabei die Frage gestellt: „Was passiert, wenn es zu viel von einer expandierenden Energie gibt.“

In dreizehn Minuten lässt er 17 Musikerinnen und Musiker der EM an zwei Marimbaphonen, einem Vibraphon, einem Akkordeon, Harfe, Klavier, Horn, Oboe, Flöte, Klarinette, Fagott und Streichern ein fließendes, ja konvulsivisches und von ständiger Erregung und Beruhigung getragenes Klangereignis präsentieren.


Fließende Aggregatzustände

Auch dieses Schlüsselwerk zeigt, wie er mit Minimalstrukturen arbeitet, ein wenig wie Pierre Boulez, Helmut Lachenmann oder auch György Ligeti zur Zeit des Postserialismus. Die Frage der Überhitzung ist weit entfernt von physikalischen Erwägungen oder gar der Thermodynamik, sondern konzentriert sich vielmehr auf Aggregatzustände – fest, flüssig oder gasförmig – in der Behandlung der Töne und Instrumente. 

Hier ausgedrückt durch Schwingungen, zellenhaften solistischen Einsprengseln der Instrumentalisten und vor allem ausgedehnte, orgelpunktähnliche klangliche Resonanzen der Marimbaphone, dem Vibraphon, dem Akkordeon und dem Klavier, die dem Werk eine monochrome Klangfarbe verleihen.

Sehr beeindruckend, aber die Frage der Überhitzung muss dennoch offen bleiben, denn das Werk wirkt in keiner Phase so. Eher, wie gesagt, wie ein Rückblick auf den Postserialismus der 1960er und 70er Jahre.

Ensemble Modern (Foto: H.boscaiolo)

Politischer Kontext – Fehlanzeige

Der folgende Diskurs, wieder durch lange, ausführliche englische Wanderläuterungen verwirrend ergänzt, konzentriert sich zunächst auf den Satz „a joy of responsibility“, was so viel bedeutet wie Lust auf Verantwortung. Großer Satz, wenig Inhalt. Denn Srnka lehnt die damit intendierte Absicht der politischen Verantwortung von Musik rundweg ab.

Musik meint er, wenn sie überleben will, kann es nur „ohne politischen Kontext“ geben. Mit Nachhaltigkeit kann er ebenfalls nichts anfangen und Physiker, wie Schürmer behauptet, sei er nie gewesen. Sein Absicht sei es vielmehr, auf die Problematik der Energie, des Energiemissbrauchs hinzuweisen. Wir, meint er, missbrauchten die Energie und übersähen ihre Gefahren. 

Wie immer er das meint, so sei doch immerhin bemerkt, dass ohne Energie jegliches Leben unmöglich ist. Zu viel Energie, oder gar energetische Überhitzung, kann zwar schädlich sein, wird aber nach allen Regeln der Physik zu Leistungsverlust oder gar Beschädigung der Leistungsträgern wie Computer, Maschinen etc. führen. Wo liegt also das Problem?

Miroslav Srnka, Anna Schürmer
(Hintergrund: Partitur von Superorganism)
Foto: H.boscaiolo

Energetische Schwärme

Hier lässt man noch beispielgebend die letzten Takte seines Orchesterwerks Superorganism (2023/2025) für 100 Instrumentalisten vom Band abspielen. Fliegende energetische Schwärme seien es die am Schluss explodierten. Von Explosion kann keine Rede sein, dafür von einem Schlussakkord, der auch bei Beethoven schon möglich war. (Nebenbei bemerkt, wird es während der cresc… Biennale im Februar in Bad Vilbel aufgeführt)

Skizze von Miroslav Srnka zu Overheating
Foto: H.boscaiolo

Keine Zeitwahrnehmung

Die Moderatorin stellt die letzte Frage nach der Steuerung der Zeit. Zeit ist immer Bestandteil der musikalischen Prozesse, keine Frage, aber Srnka meint auch hier, dass sie für ihn bedeutungslos sei, denn er arbeite ohne Zeitsteuerung: „Ich habe kein Zeitwahrnehmung“, lautet schlicht sein Fazit, Zeit sei für ihn „unendschließbar“ (sic). Zu Overheating lässt er noch eine eigene Skizze mit einer Ansammlung von spiralförmigen Gebilden an die Opernwand projizieren. Seine Musik zu Overheating vergleicht er noch einmal mit einem Wasserkocher, der das Wasser langsam in einen anderen Aggregatzustand transformiert. Vielleicht sollten wir es dabei belassen.

Ensemble Modern, vorne: Miroslav Srnka, Michael Wendeberg 
Foto: H.boscaiolo

Elaboriert – unikate Effekte

Die beiden Wiederholungen, einige Gäste verließen bereits den spärlich besetzten Großen Saal der Oper Frankfurt, ließen noch einmal die Werke vorüberziehen, auch wenn das Werkstattgespräch elaboriert wie zu Zeiten der Neue Musik in den 1960er Jahren verlief, nur noch ergänzt durch den nicht gerade förderlichen Gendersprech, und dazu noch ohne wirklichen Dialog, bietet die Musik von Miroslav Srnka doch ganz neue, bemerkenswert unikate Effekte und vor allem weiß dieser Komponist was er will und nicht will.

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