Dienstag, 10. Februar 2026

2 x Hören / Schumann, Märchenbilder op.113, Tabea Zimmermann (Viola), Isabel von Bernstorff (Klavier), Dr. Markus Fein (Moderation), Alte Oper Frankfurt, 09.02.2026

Foto: H.boscaiolo

Ein harmonisches Paar

Wieder einmal ein prallvoller Mozartsaal (seit Wochen ausverkauft) mit großer Erwartungshaltung, denn dieses Mal, und das zum ersten Mal in der Frankfurter Alten Oper bei Dr. Markus Fein, dem Intendanten des Hauses, das Duo Tabea Zimmermann (*1966) an der Viola mit ihrer Begleiterin Isabel von Bernstorff (* ?) am Flügel.

Ein harmonisches Paar, das sich durch ihre Lehrtätigkeit an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst (HfMDK) in Frankfurt und an der Kronberg Academy bestens kennt und entsprechend professionell und intensiv die Schumannschen Märchenbilder op.113 (1851) interpretierte. Ein langer aber analytischer Konzertabend mit vielen Details und bemerkenswerten Besonderheiten folgte.

Tabea Zimmermann (Foto: Website)

Stimmungsbilder

Das Werk selbst lässt sich kurz zusammenfassen: Es entstand im Dezember 1851 in Düsseldorf, besteht aus vier „Charakterstücken“ (Nicht schnell, Lebhaft, Rasch und Langsam mit melancholischem Ausdruck übertitelt), die Stimmungsbilder vermitteln, ohne literarische Vorlage und festgelegte Handlung. Aber lassen wir die Künstlerinnen selbst sprechen.

Isabel von Bernstorff (Foto: HfMDK, Frankfurt)

Ein Juwel der Kammermusik

Dr. Markus Fein, wie immer ein einfühlsamer, bestens vorbereiteter und mittlerweile elegant agierender Moderator, bezeichnet im Eingangsgespräch mit den beiden Interpretinnen das Stück als „ein Juwel der Kammermusik“ und erhält die absolute Zustimmung der beiden Damen.

Tabea Zimmermann spielt dieses Stück, sie weiß es nicht mehr genau, mindestens seit 1980, also bereits als 16-jähriges Wunderkind an diesem Instrument und meint, dass sie es über alles liebe. Ihre Begleiterin bestätigt dies und ergänzt zu recht, dass es aus der Perspektive eines Pianisten geschrieben sei und insofern bestens in den Fingern liege.


Verinnerlichte Poesie

Dr. Fein geht in den ersten Satz, überschrieben mit Nicht schnell, lässt die ersten 21 Takte spielen und dann die Interpretinnen urteilen. Nein, es sei in keiner Weise ein Erzählung stellen beide fest, sondern eine Ansammlung von Bildern, das Märchen sei hier eher ein Erinnerungsbild in einer dreiteiligen Liedform gefasst. In D-Dur geschrieben wirke es eher melancholisch, mehr poetisch verinnerlicht, ja introvertiert. Man höre den späten Schumann heraus, meint die Pianistin und die Bratschistin insistiert vor allem auf die geniale Verzahnung zwischen den Instrumenten.

Tabea Zimmermann, Isabel von Bernstorff, Dr. Markus Fein
Foto: H.boscaiolo

Stil Experimente

Der Moderator schlägt wie üblich verschieden Experimente vor, er lässt das Duo die Melodik reduzieren im Verweis auf die Klassik, spricht von mäandernden unendlichen Melodien, verweist auf das Notenbild, das er an die Wand des Saales projizieren lässt.

Dann folgen endlos Sequenzierungen und Quintfälle, um die Unendlichkeit der romantischen Melodik auf die Spitze zu treiben. Auch dynamische Akzentuierungen werden durchgespielt, mal ohne, mal mit Extreme, das heißt abrupte Wechsel zwischen piano und fortissimo.

Ein Kaleidoskop der musikalischen Stile, das beim Publikum offensichtlich gut ankommt, was der Beifall belegt.

Tabea Zimmermann, Partitur Seite des ersten Satzes op.113
Foto: H.boscaiolo

Treibjagd

Der zweite Satz, überschrieben mit Lebhaft, ist in F-Dur gehalten, allgemein tänzerisch, ironisch und folkloristisch beschrieben.

Hier aber verfällt man automatisch in den Begriff des Galopps, der Jagdszenen und des Halali. Dr. Fein hat sich dazu etwas ausgedacht, das die beiden Damen etwas zu irritieren scheint. Er lässt aus dem Off Pferdegetrappel, Wiehern, Schüsse, Halali und das „Die Jagd ist vorbei!“ Signal ertönen und das Duo bitten, parallel dazu den A-Teil des Satzes zu spielen.

Alles paletti, das Publikum ist begeistert bis zum „Der Bock ist tot – es leben hoch die Musiker“.

Der nervöse B-Teil spielt nur noch eine untergeordnete Rolle, während Tabea Zimmermann doch auf das Ende, die Coda insistiert, worin sie ein „Sturheit des Charakters“ zu spüren glaubt. Sie vergleicht es mit Reiter und Pferd, die irgendwie nicht harmonieren. Das Ganze endet tatsächlich unbefriedigend, zwischen Heiterkeit, Ironie und Bedrohlichkeit.

Tabea Zimmermann, Isabel von Bernstorff, Dr. Markus Fein
Partitur vom 3. Satz op.113
Foto: H.boscaiolo

Film – Musik – Schumann

Nächster Satz, mit Rasch überschrieben, einer von großer Unruhe und Überdruck getragen in d-Moll verfasst, technisch anspruchsvoll für beide Interpreten.

Dr. Fein lässt auch hier in einem Film-Experiment den ersten Teil der zweiteiligen Anlage dieses Satzes spielen. Dazu hat er „Böses Blut“ (1986) von Leos Carax (*1960) ausgewählt, ein poetischer, düsterer Thriller aus der Zeit der AIDS Hysterie, mit rivalisierenden Banden und einer tragischen Liebesgeschichte, mit Denis Lavant und Juliette Binoche als Hauptdarsteller. 

Nur eine kurze Sequenz wählt er aus, nämlich die Flucht, ein Run durch düstere Gassen von Denis Lavant (*1961), die er parallel zu den erste Takten einspielen lässt. Eine gute Mischung aus Bild und Ton, aber die Idee kommt nicht so gut an, denn Tabea Zimmermann meint, dass Bilder zu dieser Musik individuell entstehen sollten und nicht von außer zugespielt. Kurzes Ende, aber trotzdem frenetischen Klatschen.

Tabea Zimmermann, Isabel von Bernstorff, Dr. Markus Fein
Daguerreotype von Robert Schumann
Foto: H.boscaiolo

Viel Historie – Vermutungen – Verbindungen

Jetzt wird es ein wenig historisch, denn Dr. Fein zeigt die penibel angelegten Haushaltsbücher des Komponisten und liest daraus nicht allein, wie Schumann in kurzer Zeit diese vier Bilder zusammenstellt, sondern bestätigt auch seine Freundschaft mit Wilhelm Joseph von Wasielewski (1822-1896), dem Wunderbratschisten seiner Zeit, mit dem die Märchenbilder allerdings erst 1853 öffentlich uraufführt wurden (am Klavier selbstverständlich seine Frau Clara).

Auch zeigt er ein erstes Foto, eine Daguerreotypie von Robert Schumann höchstpersönlich. Spannungsgeladen sein Ausdruck, ängstlich in die Zukunft schauend, so die Meinung des Trios auf der Bühne.

Dr. Fein nutzt diese Gelegenheit, um auf einen Brief von Louis de Rieux (1824-1862) hinzuweisen, in dem er auf die Märchenerzählungen verweist, die Schumann tatsächlich in seinem op.132 (1853) berücksichtigt, aber für die Märchenbilder doch in keiner Weise zutreffen.

Dennoch, in einem langen Brief, den der Moderator vorliest, glaubt er enge Bezüge zu Inspirationen für diese Komposition op.113 zu entdecken. Nein, op.113 beschreibt ein inneres Märchen, Gedankenbilder, ist psychologisch tatsächlich hochinteressant, während op.132 ein Märchen erzählt, quasi programmatisch konnotiert ist. An dieser Stelle sind viele der Zuhörer überfordert, auch die beiden Künstlerinnen hören stumm zu, ohne zu kommentieren.

Erwähnenswert noch die Zusammenhänge mit den Irrenhäusern. Tatsächlich scheint es Briefe aus dieser Zeit zu geben, unter anderem einer an seinen Freund und Förderer Ferdinand Hiller (1811-1885), in dem er auf seine Wohnungsfenstersicht in Dresden auf ein Irrenhaus, wie auch in Düsseldorf hinweist und selbst das Gruseln bekommt. Bemerkenswerte Voraussicht auf seine spätere Einweisung in Endenich bei Bonn? Verbindungen?

Tabea Zimmermann, Isabel von Bernstorff, Georg Poplutz, Dr. Markus Fein
Partitur vom 4. Satz mit Untertitel op.113
Foto: H.boscaiolo

Wiegenlied – Märchenerzählung

Kommen wir abschließend - es ging auf die zwei Stunden zu - , auf den vierten Satz, überschrieben mit Langsam, mit melancholischem Ausdruck, zu sprechen, in D-Dur geschrieben und in erweiterter Liedform mit Coda gefasst.

Auf die Frage, wie dieser Satz auf das Duo wirke, bestand Tabea Zimmermann auf ihre ganz individuelle Bilderwelt, die sie nicht preisgeben wolle. Isabel von Bernstorff hingegen verband diesen Schlusssatz gleich mit einem Wiegenlied. Vom Charakter entrückt und sehr resignativ, sei es dennoch gesungene Musik, was Dr. Fein gleich zum Anlass nahm, seinen Überraschungsgast zu präsentieren, den Tenor, Lied- und Konzertsänger Georg Poplutz (*?).

Dazu hatte man einen romantischen Text unter die ersten acht Takte gelegt und das Publikum aufgefordert, mitzusingen, was gerne angenommen wurde. Wieder einmal zeigte sich, wie viele gute Stimmen auch im Publikum vorhanden sind. Georg Poplutz sang gemeinsam mit den beiden Damen das Kinderlied und das Publikum durfte den Refrain mitsingen.

Ein Abschied aus den Märchenbildern mit einer kurzen Märchenerzählung, wohl nicht im Sinne des Erfinders, aber doch sehr publikumswirksam.

Dr. Markus Fein,  Isabel von Bernstorff, Tabea Zimmermann, Georg Poplutz
Foto: H.boscaiolo

Schönste Romantik

Dass 2 x Hören zweimal Hören bedeutet ist selbstverständlich. Die beiden Interpretinnen spielten dieses Mal wesentlich befreiter, vor allem der zweite und dritte Satz gerieten ausdrucksstark und von ausnehmend schöner Romantik mit allen Facetten der typischen Dynamik dieser Zeit. Ein wirklich geniales Duo sorgte noch einmal für einen glänzenden Abschluss dieses doch sehr lang geratenen Konzert- und Gesprächsabend.


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen