Montag, 9. Februar 2026

Cresc … Biennale für aktuelle Musik, Schwärmen 2026 vom 04.02. – 15.02.

Von Schwärmen & Einzelgängern, Theres – Liederzyklus in fünf Episoden und fünf Kontrapunkten mit Julian Prégardien (Tenor), Pia Davila (Sopran) sowie dem Ensemble Modern, musikalische Leitung: Lucie Leguay, Casals Forum Kronberg, 08.02.2026

Ensemble Modern (Foto: Website)

Winterreise nach Julian Prégardien

Ein bemerkenswertes Projekt, das sich den Namen Theres – Liederzyklus in fünf Episoden und fünf Kontrapunkten gibt, bezogen nämlich auf zwei Frauennamen, Therese Grob und vermutlich Therese von Zandt, die sich im engeren Umkreis von Franz Schubert und dem Dichter und Freund Wilhelm Müller bewegten, und somit indirekt einen Bezug zum berühmten Winterreise Zyklus herstellt. 

Und genau das ist die Idee, die Julian Prégardien (*1984) zu einem modernen Lieder Zyklus ähnlicher Couleur angeregt hat.

Lassen wir ihn doch gleich selbst sprechen: „Mich hat von vorneherein gar nicht so sehr Schubert interessiert, sondern das Phänomen der Winterreise … das ganz losgelöst von Schuberts Winterreise verschiedene Facetten des Werkes aufzeigt. Und zwar sowohl in anderen Kulturkreisen als auch zu anderen Zeiten und mit anderen Perspektiven.“

Julian Prégardien (Foto: Website)

Von Schwärmen & Einzelgängern

Dazu hat er sich einen ganz eigenen Zyklus ausgedacht. Er engagierte sechs Komponisten (Bernard Foccroulle, *1953, Leon Liang, *2001, Helena Cánovas Parés, *1994, Thierry Tidrow, *1986, Malika Kishino, *1971 sowie Sarah Nemtsov, *1980), die insgesamt 10 Lieder komponierten; dazu nahm er sich die wunderbare Sopranistin und Opernsängerin der Staatsoper Hamburg, Pia Davila (*1988) sowie das Ensemble Modern mit 14 Musikerinnen und Musikern, das die beiden Liedersänger wie gewöhnlich in perfekter Manier unterstützte.

Vorangestellt sei noch, dass fünf der Lieder bereits in einer Art Flashmob am Nachmittag in Frankfurt an verschiedenen Orten der Innenstadt präsentiert wurden (ohne Anwesenheit des Verfassers dieser Zeilen)

Leider war das Konzert im Kronberger Casals Forum nicht sehr gut besucht, was aber nichts über die Qualität des Kammermusik-Vortrags, der Texte und Kompositionen, alle übrigens uraufgeführt, aussagt.

Unterteilt war der knapp fünfzig-minütige Zyklus zwar in 10 Lieder, aber dramaturgisch von fünf Kontrapunkten durchwoben, die sich textlich mit dem Leben von Obdachlosen auseinandersetzten. 

Beeindruckende Texte von Stefan Weiller (*1972) nach Gesprächen mit Menschen im Abseits, Menschen als Einzelgänger, und Kompositionen von Leon Liang, einem noch blutjungen australischen Komponisten, der wirklich spannungsgeladene Kontrapunkte im klassischen Sinne herzustellen vermochte. Musik verschiedener Couleurs zwischen extremer, nahezu bruitistischer Provokation bis hin zu Ragtime ja Broadway Auslassungen im Finale unter dem Liedtitel Der Welt abhanden und dem Schlussrefrain „abhandenkommen ist ja ganz banal“.

Pia Davila (Foto: Website)

Winterreise auf japanisch

Dazwischen die Uraufführungen der genannten Komponisten, die teilweise solistisch wie Komm von Julian Prégardien, oder Der Lindenbaum von Pia Davila interpretiert, aber meistens im Duett gesungen wurden.

Beeindruckend dabei das sechste Lied von der Japanerin Malika Kishino nach Texten von Haruki Murakami (*1949) und Julian Prégardien. Ja, nicht falsch gelesen. Tatsächlich sang er solo seine Episode IV, der man durchaus den Titel Atme hätte geben können, sowohl auf deutsch, als auch auf japanisch, bei heftigem Reißen der Saiten von Cello und Kontrabass, wie auch in Begleitung der Harfe (übrigens vom Pianisten Ueli Wiget bestens bedient), das dem Lied durchaus ein japanisches Flair verlieh. Großartiger Gesang und spannungsgeladene acht Minuten.


Pia Davila, Lucie Leguay, Julian Prégardien, Ensemble Modern
Foto: Wonge Bergmann

Sarkastischer Humor

Bemerkenswert noch das Lied Nr. 5 komponiert vom Kanadier Thierry Tidrow mit Texten vom französischen Schriftsteller und Romancier Alain Fournier (bekannt durch seinen Roman: Auf der Suche nach dem verlorenen Paradies) und Friedrich Hölderlin. In der Tendenz sehr depressiv: „Ich bin nichts mehr, Ich lebe nicht mehr gerne“, aber dennoch von einem sarkastischen Humor getragen. Perfekt von beiden in französisch und deutsch vorgetragen.

die sechs Komponisten (Foto: Programmheft)

Romantische musique concrète

Nicht zu vergessen auch das Lied Nr. drei, komponiert von der Spanierin Helena Cánovas Parés mit einem Gedicht von Luise Hensel (1798-1876, bekannt vor allem durch das Schlaflied: Müde bin ich, geh zur Ruh …) unter dem Titel: Kein Frühling mehr.

Von romantischer Melancholie getragen, aber musikalisch in frei tonaler Manier und einer extrem anspruchsvollen musique concrète konterkariert. Ein absolut innovativer und anspruchsvoller Abschnitt des Zyklus´ und dabei noch blendend vom Gesangsduett vorgetragen.

Schlussapplaus
vorne stehend v. l.: Pia Davila, Lucie Leguay, Julian Prégardien, Ensemble Modern
Foto. H.boscaiolo

Neuer Blick auf das Kunstlied

Wie überhaupt alle Komponisten eine besondere Farbe in den Zyklus brachten und die gute Stunde im Casals Forum wie im Fluge vorüberziehen ließ. Tatsächlich schafft dieser Zyklus einen ganz neuen perspektivischen Blick auf das Kunstlied und seine Bedeutung im 21. Jahrhundert. 

Sicher sind die Absichten des Initiators dieses Projektes, Julian Prégardien, absolut nachzuvollziehen, wenn er davon spricht, diese Art Kunst aus den Kammern und Sälen herauszuholen, wo sie ein abgeschottetes Dasein pflegen. Heraus aus der Wohlfühlgesellschaft, herein in die Realität des Alltags.

Dazu hat er die stetig Reisenden in der Moderne, die Obdachlosen herausgepickt. Alles bestens. Aber die Post Postmoderne schafft automatisch alles Sesshafte, Traditionelle, Bodenständige, Realitätsverbundene sukzessive ab. 

Schlussapplaus
von links: Pia Davila, Leon Liang, Helena Cánovas Parés, Felicitas M. Pfaus,
Lucie Leguay, Thierry Tidrow, Bernard Foccroulle, Malika Kishino, 
Sarah Nemtsov 
Foto: H.boscaiolo

Abhandenkommen – ganz banal

Insofern ist das Finale des Zyklus´ doch auch hinweisgebend. Der Welt abhanden heißt es dort und endet: „Welt, ich hab dich verstanden. Abhandenkommen ist ja ganz banal.“ Ein Schlusssatz von Stefan Weiller, der ironisch, ja sarkastisch bei Broadway Musik und Ragtime, übrigens großartig vom Ensemble Modern gespielt, schließt, und gleichzeitig einen Ausblick auf die Zukunft gibt. Vielleicht ein Thema für ein erweitertes Zyklus-Projekt.

Jedenfalls eine wunderbare Idee mit perfekten Kompositionen, zwei wunderbaren Sängern, Julian Prégardien und Pia Davila, sowie einem Ensemble Modern unter der unauffälligen Leitung von Lucie Leguay, das wieder einmal bewies, dass es auch Sänger atmend, mit perfekter Balance und Austarierung, quasi mitgestaltend begleiten kann.


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