Cresc … Biennale für aktuelle Musik, Schwärmen 2026 vom 04.02. – 15.02.
Sonic Synergies mit dem Ensemble Modern (EM), IEMA Ensemble 2025 / 2026, musikalische Leitung: Toby Thatcher, Frankfurt LAB, 15.02.2026
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| Ensemble Modern, Toby Thatcher (Dirigent) (alle Fotos: Wonge Bergmann) |
Denkwürdiges Finale mit Schwärmen
Ein wahrlich denkwürdiger Abschluss der diesjährigen Cresc … Biennale Schwärmen im gut besetzten Frankfurter LAB, der Experimentierzentrale der Stadt. Vier Young_Professionals stellten in einem langen Auswahl- und Entwicklungsverfahren ihre Kompositionen vor, darunter eine Uraufführung und ein weiteres Werk. Unter dem Mentoring von Toby Thatcher (dem heutigen Dirigenten) und dem Komponisten Michael Jarrell entstanden ganz spezielle Kompositionen, die zum Festivalthema Bezug nehmen sollten.
Wieder einmal stellten das Ensemble Modern (17) und das IEMA Ensemble 2025 /26 (9) die acht auf dem Programm stehenden Kompositionen vor und das mit Verve und bester Spiellaune. Nebenbei bemerkt waren alle vier Komponisten (Caio de Azevedo, Yixie Shen, Hed Bahack und Eungjin Lee) auch persönlich vor Ort.
Aber gehen wir doch in medias res:
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| Ensemble Modern, Toby Thatcher (Dirigent) |
Etwas für den Film, mehr nicht
Es beginnt mit Brasilianer Caio de Azevedos (*1993) Pierrot posting (2026) eine Komposition für großes Ensemble, hier 15 Musikerinnen und Musiker des EM, ein typisches Produkt eines Suchenden in dieser doch scheinbar chaotischen Welt.
Er selbst beschreibt es als persönliche Eindrücke eines Tagesablaufs, banal aber real. Sein Fazit – Und so weiter. So etwa kommt auch die Musik rüber. Mit viel musique concrète instrumentale bei Hinzuziehung von Messer, Gabel und Löffel, Ziehflöten, einfachem Singsang, viel Reiben und Knacken, Melodica Einschübe, Dröhnen und Hupen, Quietschen und Bläsergetöse.
Ein Sammelsurium von Klang- und Geräuschelementen, die zwar volle Konzentration der Akteure und des Dirigenten erforderten, spannend für den Beobachter waren, aber nicht gerade für die Ohren. Ein Chaos voller Katzenmusik mit Quitschente, heftigsten Tremoli und Dröhtengebläse zum Abschluss. Etwas für den Film vielleicht, mehr aber auch nicht von.
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| Caio de Azevedo |
Viel Psychologie
Das zweite Werk stammte der Chinesin Yixie Shen (*1993). Sie nennt es Illusion und auf deutsch: Der bewegte Wald (2022). Geschrieben hat sie es für vier Instrumente, konkret für Geige, Bratsche, Bassflöte und Bassklarinette, ausgeführt von Mitgliedern der IEMA.
Ein sehr pointillistisches, um nicht zu sagen fragmentiertes kleines Stückchen von knapp fünf Minuten. Mit wenig Bewegung, basiert es doch auf einem durchgehenden Grundton von etlichen Pausen unterbrochen, die sich langsam verdichten und zu einer mittleren Aufwallung führen.
Sie selbst beschreibt es als ein „psychologisches Bild voll gegensätzlicher Atemmuster“. Der Rest muss dem Hörer überlassen bleiben.
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| Quartett für vier Instrumente, Mitglieder der IEMA v. l. Paul Rodriguez Flys, Mari Nagahara, Neus Molero Beneito, Ingvild Ness |
Energiegeladen – sehnsuchtsvoll
Das dritte Werk von Hed Bahack (*1994) nennt sich Fantasien und Realitäten (2021), und ist für ein Septett mit Perkussionisten, Klavier, Oboe, Klarinette, Geige, Viola sowie Cello geschrieben. Auch hier waren Mitglieder der IEMA gefordert.
Denn auch dieses gut 14 Minuten dauernde Werk steckte voller Kontraste und technischer Finessen. Zwei gegensätzliche Strömungen, eine Utopie und eine Dystopie, quasi zwei Weltanschauungen treffen hier gnadenlos aufeinander und machen sich gegenseitig das Leben schwer.
In fünf Phasen entwickelt sich diese Musik zwischen energiegeladenen Passagen und lyrischen sehnsuchtsvollen Figurationen spiralförmig vorwärts und endet nicht etwa im Chaos, wie vermutet, sondern im Versuch, beide Extreme zusammenzuführen.
Das gelingt dem Komponisten zwar nur bedingt, aber immerhin endet es mit einer Psalmodie bei hohen Skalenläufen der Streicher im pianissimo. Eine durchaus hörenswerte und beeindruckende Komposition.
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| Yixie Chen |
Spannungsgeladene Minuten
Der erste Teil des Konzerts wurde mit Lumière Mourante für großes Ensemble (2026, UA) von Eungjin Lee (*1997) dem jüngsten der anwesenden Komponisten, abgeschlossen. Hier war das EM gefordert.
Der Komponist spricht von Zerreißen und Trennen, von Erscheinen und Verschwinden, vom existentiellen Treiben lassen und von Grenzzuständen. Ganz im Sinne der Idee des Schwarms und musikalisch tatsächlich von großer Ambivalenz getragen.
Das Akkordeon als Orgelpunkt und die heftigen Ausbrüche der beiden Perkussionisten gaben dem Werk eine gewisse Basis. Es donnerte und schlug heftig wie Bombeneinschläge. Man fühlte sich in einem Thriller und zugleich gefangen in engen Räumen voller Technik und erschreckender Gefühlskälte.
Auch hier waren Dirigent und Ensemble gewaltig gefordert, denn der Komponist sparte nicht mit rhythmischen Überschreibungen, metrischen Wechseln und plötzlichen Extremausbrüchen, die große Präzision der Musiker erforderten. Wie selbstverständlich und souverän präsentiert, dem allerdings das Werk doch noch einiges hinzuzufügen hätte. Dennoch spannungsgeladene zwölf Minuten, die die Pause notwendig machte.
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| Septett der IEMA, Delia Ramos Rodriguez (Dirigentin) |
Intim – gewaltig – meditativ
Der zweite Teil der Sonic Synergies wird mit Yixie Shens Joy without cause, death tendered on the back (2026), eine Uraufführung für großes Ensemble (hier das EM) mit doch sehr persönlicher Attitüde, denn sie schreibt selbst: „Zugleich ist dieses Werk die persönliche Aufzeichnung eines Verlustes.“ Übersetzt könnte man das Werk als grundlose Freude mit dem angebotenen Tod auf dem Rücken angeben, was tatsächlich viel mit der Musik zu tun hat.
So fühlt man sich unwillkürlich in einen buddhistischen Meditationsraum versetzt mit gewaltigen Ober- und Untertönen der Bläser und tiefem Gesang der Mönche. Dazu müssen das Kontrafagott, die großen Trommeln, Becken, Tamtam und entsprechende Glockentöne aus dem Keyboard sowie lange Orgelpunkte der Streicher herhalten.
Ein gewaltiges sehr intimes und beeindruckendes Konvolut ostasiatischer Traditionen und westlicher Moderne. Das gut zehn-minütige Werk erhielt den bis dahin größten Applaus und das zu Recht.
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| Eungjin Lee, im Hintergrund Steffen Ahrens (E-Gitarre) |
Einfallsreich – tief atmend
Das folgende Werk von der Südkoreanerin Eungjin Lee Pour les voix inquiétantes (2024) sollte sich als nächstes Highlight entpuppen. Für die beunruhigenden Stimmen hat sie zwei Instrumente, die Geige und das Violoncello ausgewählt und beide Instrumente mit einem Sampler gekoppelt. Sie selbst spricht von einem fragilen Portrait und meint abschließend: „Wenn die Angst hereinbricht, müssen wir singen. Tief atmend .“
Okay. Die beiden Musikerinnen von der IEMA knackten diesen Anspruch in bester Manier. Sie bedienten ihre Streichinstrumente mit größter Finesse und zauberten Töne und Klangelemente von feinster Intensität. Man fühlte sich bisweilen wie an einem Teich bei Vollmond voller Nachtschwärmer. Nur acht Minuten, dafür aber von ausgesprochener Innovation und eminentem Einfallsreichtum.
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| Suzune Masimoto (Violine), Mari Nagahara (Violoncello), beide IEMA |
Liebeslied mit Kratzer
Das vorletzte Stück stammte von Caio de Azevedo. Er nennt es schlicht Ela (2025) und hat es für Streichquartett (IEMA) geschrieben. Er selbst bezeichnet das fünfsätzige Werk von knapp zwölf Minuten Dauer als eine Bearbeitung des Weltschlagers Ela, Ela von Caetano Veloso und Arto Lindsay (bekanntlich aus dem Jahre 1987 und als Ella, Ella von France Gall zum Welthit gemacht).
Die Komposition wiederum weicht doch extrem von dieser Absicht ab. Besteht doch der erste Teil vor allem aus Glissandi und heftigen Unisono Abschnitten, die noch durch die Elektronik verstärkt und gesampelt werden. Im zweite Teil verwenden die Spieler ihre Instrumente wie Gitarren und singen zuweilen zu ihren melodischen Linien. Ein mittelalterliches Drehleier Lied scheint sich im dritten Teil herauszuschälen, während erst im vorletzten Satz in fragmentierten Ansätzen Ela, Ela, der Titel des Stücks, herausgehört werden kann.
Es folgen Sprechgesänge der Spieler wie auch aus dem Sampler (dem MIDI) und schließlich endet diese Komposition im fünften Teil mit einem durchgehenden Kratzen des Quartetts auf den Saiten. Ohrenbetäubend durch die elektronische Verstärkung.
Die Coda, wenn man davon sprechen kann, endet in extremer Lautstärke aus dem „Off“, während die Spieler in Starre verharren. Warum das Stück ein Liebeslied sein soll, wie es sich der Komponist erwünscht, muss allerdings beim Betrachter und Hörer bleiben.
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| Hed Bahack |
Psychologische Transformation – Loslassen
Den Abschluss des langen aber interessanten Konzertabends durfte der Israeli Hed Bahack mit seinem Letting Go (2026, UA) gestalten und das Ensemble Modern (17) in allen musikalischen Kategorien herausfordern.
Geht es nach dem Komponisten, so beschreibt das Stück „einen Weg der psychologischen Transformation“ von innen wie von außen. Tatsächlich sind alle Spieler an die zentrale Elektronik (Norbert Ommer, Felix Dreher und Federico Ambruosi) angeschlossen, die sowohl die Töne als auch die Lichteffekte beeinflussen können.
Das Werk besteht aus sehr nervösen Rhythmen, starken Metrenwechseln und tonalen Dur-Moll Überlagerungen, wie auch kleineren motivischen Unterbrechungen von Flöte, Klarinette und Posaune. Alles drin möchte man meinen, sogar Herzschlag Pochen und Seufzer Intervalle, wie auch martialische Trompeten- und Posaunenstöße durchwirken dieses musikalische Konvolut der Gefühle und entsprechenden Gefühlswelten.
Es endet tatsächlich in purem Chaos bei heftigsten Trommelschlägen, vehementen Bläserstößen und rasenden Glissandi rauf und runter im tutti totale und Dreifach Forte. Warum der Komponist sein Konstrukt als Werk der Kämpfe und Erfahrungen des Loslassens“ bezeichnet, wird wohl sein Geheimnis bleiben müssen. Aber dennoch, absoluter Respekt. Dem Publikum hat es gefallen und mit langem Applaus belohnt.
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| Schlussapplaus Ensemble Modern, Toby Thatcher (Dirigent) vorne rechts: Hed Bahack |
Ein Konzertabend der doch einige Erkenntnisse sammeln ließ, nämlich, dass die Komponisten zwar wie immer bestrebt sind, ihren Werken Sinn und zeitgemäße Aussagen zu verleihen, aber sich doch bereits in einer Phase zu befinden scheinen, wo der Dualismus von gut und böse, falsch und richtig, schwarz und weiß abgelöst wird durch das dialektische Denken der komplexen Zusammenhänge, Entwicklungen und Widersprüche. Gegensätze werden nicht mehr ausgeschlossen, sondern in einen Prozess der Vermittlung einbezogen. Musikalisch bei diesen jungen Künstlern nicht immer von Erfolg gekrönt, aber durchaus erkennbar und mit Optimismus aufgenommen.
Ein Cresc … Biennale Finale, der sich absolut gelohnt hat und optimistisch in die Zukunft schauen lässt.




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