Jerusalem Quartet & Elisabeth Leonskaja, Alte Oper Frankfurt, 19.02.2026 (6. Kammerkonzert der Frankfurter Museums-Gesellschaft e. V.)
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| Jerusalem Quartet & Elisabeth Leonskaja v. l.: Sergei Bresler, Alexander Pavlovsky, Alexander Gordon, Elisabeth Leonskaja, Kyril Zlotnikov Foto: Alte Oper |
Debüt dieser Kombination
Diese Kombination war so in Frankfurt noch nicht zu erleben, obwohl Elisabeth Leonskaja (*1945), die Grande Dame am Piano, bereits zum 11. Mal zu Gast bei den Museumskonzerten war. Das Jerusalem Quartet, gegründet 1993, mit Alexander Pavlovsky (1. Geige), Sergei Bresler (2. Geige), Alexander Gordon (Bratsche) und Kyril Zlotnikov (Violoncello) besuchte allerdings zum ersten Mal die Alte Oper und das vor vollem Hause und mit großer Erwartungshaltung.
Mitgebracht hatten sie drei besondere Werke: Von Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791) das Dissonanzenquartett C-Dur KV 465 (1785), das letzte seiner sechs Streichquartette, die er zwischen den Jahren 1782 und 1785 schrieb, dann von Franz Schubert (1797-1828) die selten gespielten Drei Klavierstücke D 946 (1828 / 1868) und schließlich das einzige Klavierquintett A-Dur op.81 (1887 / 1888) von Antonin Dvořák (1841-1904).
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| Elisabeth Leonskaja (Foto: Marco Borggreve) |
Ein Weltereignis
Wie sie leicht ersehen können, lieber Leser, sind die fünf Ausnahmekünstler an diesem Konzertabend nur einmal zusammen gekommen, was aber der Exzeptionalität des Events eher eine besondere Farbe verlieh, denn sowohl das Streichquartett, der Solovortrag wie auch das Klavierquintett waren von besonderer Qualität. Jede der Interpretationen ein Weltereignis, ohne zu übertreiben.
Radikalität der Musiksprache
Beginnen wir mit Mozarts Streichquartett C-Dur KV 465. Es ist zwar nicht sein letztes Streichquartett (er schrieb noch vier weitere, darunter die drei sogenannten Preußischen Quartette), aber, und das sei festzuhalten, dieses Streichquartett, das er übrigens seinem Vorbild Joseph Haydn widmete, sticht heraus durch Reflexionen im Grenzbereich der Tonalität (ständige Dur-Moll Wechsel, extreme Kontrapunktik und, wie der Name schon sagt, diverse experimentelle Dissonanz Passagen, man könnte auch von radikalen harmonischen Abweichungen von der Normalität sprechen), aber auch durch nahezu opernhafte Ausdrucksqualität.
Zwischen Kritik und Begeisterung
Bereits der Anfang ist aus damaliger Sicht absolut provokant. So beginnt der Kopfsatz mit einem Adagio ohne klare tonale Zuordnung, um dann abrupt in das helle C-Dur des Allegro des Hauptsatzes zu wechseln. Eine Zumutung, die die damaligen Kritiker heftig monierten, Joseph Haydn allerdings begeisterte. Heute gehört dieses Quartett zu den gern gespielten, vor allem wegen seiner Dramaturgie, feinen lyrischen Polyphonie und harmonischen Verdichtungen, die ihren Höhepunkt im Menuett, oder besser Scherzo des dritten Satzes erfahren.
| Jerusalem Quartet: v. l.: Kyril Zlotnikov, Alexander Gordon, Alexander Pavlovsky, Sergei Bresler Foto: H.boscaiolo |
Hohe Emotionalität und Spielfreude
Die vier Meister ihres Faches hatten sichtlich Spaß an dieser Aufgabe gefunden und zelebrierten eine gut dreißig minütige Dramaturgie zwischen scheinbarem Chaos und zurück zur Ordnung, dass es nur so eine Freude beim Zuhören und Zuschauen machte.
Besonders auffallend dabei war der Cellist Kyril Zlotnikov, der durch Gestik und herrliches Dialogisieren bei selbstverständlicher brillanter Technik, das eigentliche Zentrum des Quartetts personifizierte. Nicht von ungefähr saß er in der Mitte und dirigierte von dort seine Mitspieler, die sich völlig seiner Emotionalität und Spielfreude hingaben und selbst die spannungsgeladenen Dialoge in perfekter Manier gestalteten.
Ein kühnes Werk der Wiener Klassik avancierte durch das Jerusalem Quartett zu einem ersten Höhepunkt dieses Kammerkonzerts.
| Jerusalem Quartet: v. l.: Kyril Zlotnikov, Alexander Gordon, Alexander Pavlovsky, Sergei Bresler Foto: H.boscaiolo |
Charakterstücke
Der Applaus wollte nicht enden. Aber Elisabeth Leonskaja, in blau weißem Hosenkleid und schwarzem Top, saß bereits am Steinway und und begann mit Verve das erste der Schubertschen Drei Klavierstücke zu interpretieren.
Zu den Werken muss festgehalten werden, dass sie zu Schuberts letzten Klaviersolo-Stücken zählen, die er kurz vor seinem Tode schrieb. Zwar im Charakter seiner insgesamt acht Impromptus, aber dafür freier und dramatischer. Sie wirken wie Charakterstücke zwischen Liedform, Sonatensatz und Fantasiestücken.
Brillante Ambivalenz
Bereits das erste in es-Moll und Es-Dur changiert zwischen dunkel und hell, zwischen schnellstem Allegro, besinnlichem Andante und gibt Auskunft über die ambivalente Stimmung des gerade einmal 31-jährigen Meisters.
Das zweite, ein Allegretto in Es-Dur geschrieben, dreiteilig in A-B-A Form, lebt vor allem durch den markanten Rhythmus und das Wechselspiel zwischen Lyrik, Melancholie und orchestraler Klavierbehandlung, vor allem im abschließenden L´istesso tempo in Ces-Dur (7 b Vorzeichen!).
Das Finale wieder im ursprünglichen Es-Dur von liedhafter Leichtigkeit klingt versöhnlich.
Das dritte Stück wiederum, ein Allegro in C-Dur sticht durch Synkopen heraus und wechselt dann in einen choralartigen Mittelteil in Des-Dur und 3/2 Takt. Das Liedhafte des Anfangs wird abschließend wieder aufgenommen und in einer Coda mit aufreizenden Sforzati und schneller Stretta zu einem fulminanten Finale geführt.
| Elisabeth Leonskaja (Foto: H.boscaiolo) |
Individuelle Freiheit
Elisabeth Leonskaja spielte diese Stück mit großer Routine und lockerer, mitunter aber auch schwerer Hand. Man spürte förmlich ihre Beethoven Affinität, gab sie doch den Stücken eine gewisse Dramaturgie, wobei die Lyrik und Liedhaftigkeit einzelner Passagen nicht gänzlich zu ihrem Recht kamen.
Dennoch eine halbe Stunde voller harmonischer Räume, ohne Pathos und voller individueller Freiheit der Interpretin. Eine konzentrierte Essenz aus Schuberts Spätwerk von einer Künstlerin präsentiert, die ihren ganz eigenen Ausdruck dazu gefunden hat.
Herzlicher Beifall, aber keine Zugabe.
Von
durchschlagendem Erfolg
Kommen wir zum einzigen und erfolgreichen Klavierquintett A-Dur op.81, 1887 von Antonin Dvořák fertiggestellt und ein Jahr später in Prag uraufgeführt, und das mit durchschlagendem Erfolg.
Tatsächlich hatte er bereits 10 Jahre früher ein Klavierquintett mit gleicher Tonart fertiggestellt, aber in der Schublade liegen gelassen. Durch Zufall stieß er auf Teile der Partitur (sein op. 5), fand sie unzureichend und entschloss sich spontan, ein ganz neues in der gleichen Tonart zu schreiben.
Insofern ist op.81 ein Unikat des Meisters der slawischen Folklore und Vertreters der Nationalromantik seiner Zeit. Dieses fast 45 Minuten dauernde viersätzige Gesamtkunstwerk reiht sich nahtlos in die großen romantischen Klavierquintette von Schubert, Brahms, Schumann oder auch Cesar Franck ein.
| Jerusalem Quartet &Elisabeth Leonskaja: v. l.: Alexander Pavlovsky, Elisabeth Leonskaja, Sergei Bresler, Kyril Zlotnikov, Alexander Gordon, Foto: H.boscaiolo |
Synthese zwischen Brahms und Schubert
Es gleicht einer Art Synthese von Brahms Klavierquintett f-Moll und Schuberts Forellenquintett A-Dur. Gleich im ersten Satz, Allegro ma non tanto, wird man mit einem herrlich kantablen Einstieg und dialogischer Anlage zwischen Klavier und Violoncello überrascht. Bemerkenswert: Das Klavier wird nicht als Solo Instrument geführt, sondern integriert sich als gleichberechtigter Partner unter die Streicher. Der erste Satz in A-Dur, ein Sonatenhauptsatz mit intensiver motivischer Arbeit im Durchführungsteil und leuchtender Reprise geht nahtlos über in die Dumka, so nennt sich der zweite Satz, ein Andante con moto in d-Moll.
Herzstück
Dumka bedeutet Ballade und schwankt zwischen Melancholie und Ausgelassenheit. Ein Schwanken zwischen manisch und depressiv, zwischen Himmel hochjauzend und zu Tode betrübt.
Diese Dumka bildet das Herzstück der Komposition, ist von großer Ausdehnung, mehr als 20 Minuten, und tatsächlich von emotionalen Schwankungen geprägt, die einem Bühnendrama nahe kommen.
Hier brillieren die fünf Akteure, kommunizieren unentwegt und spielen jede Art von Stimmung durch, eine variierende Erzählung, die allerdings immer wieder auf den liedhaften Ursprung rekurriert.
Brillante Präzision – richtig krachen lassen
Fast befreiend wirkt da das Scherzo des dritten Satzes im Molto vivace, ein Furiant, ein tschechischer Volkstanz im schnellen Dreiertakt, der sich im Trio thematisch kaum verändert, aber doch stark an Edvard Griegs Lyrische Stücke erinnert. Wahnsinn, die Präzision und Schnelligkeit der Fünf, aber auch ihre brillante Präzision.
Das Finale, ein Rondo mit Saloncharakter, slawischer Polka und ergänzender Fugato-Einlage lässt kein Auge trocken. Hier treiben die fünf Ausnahmekünstler die Vitalität dieses Klavierquintetts noch einmal auf die Spitze und lassen es in einer Schlussstretta mit orchestralem Impetus noch einmal richtig krachen.
| Jerusalem Quartet &Elisabeth Leonskaja (Foto: H.boscaiolo) |
Die Herzen erobert
Das Publikum ist begeistert, Standing Ovations sind obligatorisch und auch eine Zugabe, nämlich der zweite Satz aus Brahms Klavierquintett f-Moll op. 34 (1864), ein Andante, ganz im Geiste Franz Schuberts (O-Ton Brahms) und vom Klavierquintett in tiefer Innigkeit präsentiert.
Fünf wunderbare Musiker haben die Herzen ihres Publikums erobert und für nachhaltiges Glück gesorgt. Das Jerusalem Quartet möchte man öfter in Frankfurt erleben.


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