Cresc … Biennale für aktuelle Musik, Schwärmen 2026 vom 04.02. – 15.02.
Desert Music, hr-Sinfonieorchester, Synergy Vocals, musikalische Leitung: Brad Lubman, hr-Sendesaal, 07.02.2026
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| hr-Sinfonieorchester (Foto: Website) |
Desert Music – Schwärmen
Desert Music, das Motto des Konzerts im vollbesetzten Sendesaal des Hessischen Rundfunks, wird unwillkürlich mit dem berühmten, gleichnamigen Werk von Steve Reich (*1936) aus dem Jahre 1983 verbunden, und das zu Recht. Denn der Hauptteil des Konzertabends im Rahmen der cresc … Biennale 2026 bestand aus seinem Werk. Dazu aber später.
| Justé Janulyte (Foto: Florian Ganslmeier) |
Vögel und anderes Zeug
Zuerst standen die Uccelli et altre cose (2025) von der litauischen Komponistin Justé Janulyte (*1982) auf dem Programm, ein Auftragswerk des Hessischen Rundfunks, das an diesem Abend seine Uraufführung erfuhr.
Sie selbst stellt den Titel: (auf deutsch) Vögel und andere Dinge, man könnte auch sagen … und anderes Zeug in den Zusammenhang mit den Beobachtungen und Untersuchungen von Leonardo da Vinci (1452-1519) über den Vogelflug, sowie seine Bedeutung für den Wunsch des Menschen, selbst einmal fliegen zu können, dem dieser Ausspruch von späteren Archivaren allerdings in den Mund gelegt wurde.
Justé Janulyte, das sei ebenfalls festzuhalten, fasziniert das Schwarmverhalten der Vögel, ihre seltsamen Formationen, die scheinbar ohne Kontrolle, ohne Leitung, wie von selbst „den Gesetzen der Natur folgen: dem Wind, dem Luftwiderstand, den Strömungen der Schwerkraft“. (aus dem Programm)
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| Brad Lubman (Foto: Andreu Dalmau) |
Ein riesiges monochromes Gemälde
Gut 50 Musiker und Musikerinnen, 12 Bläser, zwei Perkussionisten und Streicher, beginnen mit weichem, hauchendem Klang, zunächst von den Holzbläsern und fortgesetzt von den übrigen Instrumenten mit leichten perkussiven Rhythmen im Hintergrund. Der Klang wirkt gewichtslos, irgendwie von einer anderen Welt, während die Dynamik von kaum hörbaren Crescendo- und Decrescendo-Wellen durchzogen ist.
Das Zeitgefühl ist nahezu ausgeschaltet, alles dehnt sich während der 20-minütigen Dauer dieser Komposition in endlose Weiten, verfärbt sich in mikrotonalen Nuancen, pulsiert in minimalen Veränderungen und lässt ein riesiges monochromes Gemälde im Kopf entstehen.
Parallelen zur Alten-Neuen-Musik
Automatisch ist man an György Ligetis (1923-2006) Atmosphères (1961 auf den Donaueschinger Musiktagen uraufgeführt) erinnert. Nur unterscheiden sich beide Werke durch ihre Dramaturgie. Janulytes Werk ist absolut antidramatisch im Gegensatz zu Atmosphères. Quasi entkörperlicht im schwebenden Zustand. Ein Bezug zu Vogelschwärmen ist kaum herstellbar, dafür aber eine fließende Bewegung ohne Ziel, ein Musik über das Hören selbst.
Hier findet man Anklänge an Morton Feldman (1926-1987), dem Meister der unendlichen Langsamkeit, und Giacinto Scelsi (1905-1988), „das Medium mit den göttlichen Eingebungen“, die in ihrer Zeit ähnlich gedacht und komponiert haben haben.
Freundlicher Beifall. Die Komponistin war persönlich anwesend.
| vorne stehend: Justé Janulyte, Brad Lubman, hr-Sinfonieorchester Foto: H.boscaiolo |
Außermusikalische Verbindungen
Dann, im zweiten Teil es Konzertabends, Desert Music von Steve Reich. Bekanntlich gehört er gemeinsam mit Terry Riley, La Monte Young, Philip Glass etc. zu den Gründern der Minimal Music in den 1970er Jahren.
Allerdings ist sein Werdegang doch wesentlich differenzierter. So stellt er im Laufe seiner Karriere mehr und mehr außermusikalische Verbindungen her, zunächst mit Stimmen, poetischen Texten bis zu Psalm Vertonungen wie beispielsweise in Tehillim (1981), wo er jüdische Glaubenstraditionen verarbeitete.
Desert Music, das er 1983 veröffentlichte, schrieb er für großes Orchester mit Chor nach Gedichten von William Carlos Williams (1883-1963), des Namenssymmetrie ihn zunächst faszinierte, dann aber auch seine Gedichte, die existentiell, unerbittlich klar und gegen die europäische Lyrik gebürstet, ihn zu kompositorischen Ideen wie Desert Music inspirierten.
Tatsächlich ist der Titel ebenfalls von Williams, aber textlich benutzt er Fragmente aus seinen Gedichten: The Orchestra (1952), Theocritus Idyl (1953) sowie Asphodel, That Green Flower (1955), die allerdings bei der musikalischen Präsentation unverständlich bleiben, bleiben müssen.
| hr-Sinfonieorchester, Synergy Vocals (Foto: H.boscaiolo) |
Pracht und Monumentalität
Ein Aufgebot von fast einhundert Musikern des hr-Sinfonieorchesters, darunter vier Xylophone und Vibraphone, vier Klavierspieler auf zwei Flügeln und einem Keyboard, drei Perkussionisten mit zwei Paukensortimenten und diversen Klangelementen, vierfach besetzten Blechen und Hölzern, ein Aufgebot allein von optischer Pracht und Monumentalität.
Dann ein „Chor“ von 10 Sängerinnen und Sängern (sechs Frauen und vier Männern), genannt die Synergy Vocals, ein Ensemble aus zehn Einzelsängern, ein Gesangsteam, elektronisch verdrahtet (nahmikrofiniert), von außerordentlicher Präzision und umwerfend harmonisch schöner Stimmführung. Sie standen auf der Empore der Bühne und überstrahlten weite Teile der Aufführung.
Brad Lubman, der bereits das kleinere Orchester für die Uccelli et altre cose mit größter Umsicht führte, hatte mit dieser fast 50-minütigen Komposition alle Hände voll zu tun. Und das erfüllte er mit absoluter Brillanz.
| Synergy Vocals (Foto: Website) |
Spiegelsymmetrie
Ein äußerst komplexes Werk ist Desert Music, unterteilt in fünf Abschnitte, die wiederum spiegelsymmetrisch angelegt sind. Das heißt 1 und 5 gehören zusammen, 2 und 4 ebenfalls, und 3 das Zentrum des Werks ist noch einmal in einen A-B-A Teil gegliedert. Die einzelnen Sätze gehen natürlich attacca ineinander über und sind lediglich durch Motivabschnitte, Rhythmuswechsel, oder auch durch bestimmte Instrumentalgruppen zu unterscheiden.
Brad Lubman, hr-Sinfonieorchester, Synergy Vocals Foto: H.boscaiolo |
Genug der Formbeschreibung. Das Werk beginnt mit einem ostinaten Pochen der Xylophone und Vibraphone, dazu Akkordblöcke der Instrumentengruppen und der Gesang der Stimmen, der sich dem gänzlich unterordnet. Alles hat einen ziemlich kanonischen Charakter von strenger Ausführung.
Der zweite Satz besteht aus typischen repetitiven Patterns aus der Minimal Music, angereichert mit pulsierenden Crescendo und Decrescendo Abschnitten. Das Gesangsensemble singt syllabisch offensichtlich mit Texten aus den Dichtungen von Williams, ohne allerdings den Inhalt zu verstehen.
„Ständiges Flackern der Aufmerksamkeit“
Der Mittelteil, oder das Zentrum des dritten Satzes, lässt lateinamerikanische Rhythmen erkennbar werden. Perkussive Motorik beherrscht weite Teile diese Satzes und erinnert an kubanischen Rumba oder Samba sowie afroamerikanischen Jazzdance. Bekanntlich hat Reich diese Kultur sehr geschätzt.
In diesem Zentralsatz scheint er ebenfalls Bezug zur zerstörerischen Kraft der Wüste wie der damals gängigen US-amerikanischen Atomtests auf diversen Inseln und Atollen nehmen zu wollen. Alles durchaus interpretierbar, aber lassen wir ihn dazu selbst sprechen: „Dieses ständige Flackern der Aufmerksamkeit zwischen der Bedeutung der Worte und ihrem Klang, wenn sie in Musik gesetzt werden, ist eine der Hauptideen der Desert Music.“
Lied – Choral – Finale Grande
Lassen wir es dabei bewenden. Denn die Sätze vier und fünf sind zunächst von jazziger Leichtigkeit, eine Art Atemholen nach dem langen und anstrengenden dritten Satz. Doch auch hier hört man indirekt seine Affinität zu osteuropäischen Liedstrukturen heraus. Erinnern wir uns an sein Tehillim von 1981. Hier greift er durchaus auf die osteuropäische, aschkenasische Gesangstradition zurück, wo auch dem Chor in syllabischer Textrezitation eine dominante Rolle zugesprochenen wird.
Der fünfte und Schlusssatz wiederum greift konsistent auf den ersten Satz zurück, in Puls, Schichtung wie auch repetitiven Elementen. Allerdings bekommt er einen hymnischen Charakter. Das Stimmensemble wächst zu einem Choral an, unglaublich gewaltig und erschütternd, während die Vibraphone und Xylophone in einem nahezu 140er-Beat einen fast zerstörerischen Gegenpol zum hellen Choral und den fast heiteren Motiven der Streicher und Bläser bilden.
Ein Finale Grande von gewaltiger Dichte, das sich aber sukzessive in langsamen minimalistischen Patterns verliert und in einen grollenden Pianissimo vergeht.
Foto: H.boscaiolo |
Grandios – epochenprägend
Eine grandiose Aufführung, die selbst dem Komponisten gefallen hätte. Denn die Aufführungen von Desert Music sind jeweils unterschiedlich und trotz auskomponierter Partitur immer wieder neu zu erschließen.
Brad Lubman und das hr-Sinfonieorchester haben hier eine wirklich epochenprägende Interpretation hingelegt, die durchaus als Vorlage zukünftiger Aufführungen dienen könnte. Geplant ist der Sendetermin am 10.04. im Hessischen Rundfunk. Man kann diesen Termin nur wärmstens empfehlen.


Danke.
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