Evgeny Kissin, Klavierrezital, Alte Oper Frankfurt, 26.02.2026
![]() |
| Evgeny Kissin (Foto: Mascia Sergievskaia) |
Ein Pianist mit Prinzipien
Vor genau drei Jahren, am 27.02.2023, beehrte Evgeny Kissin (*1971) die Stadt Frankfurt, nach langer Absenz, und hinterließ einen unauslöschlichen Eindruck bei allen Besuchern seines Rezitals im Großen Saal der Alten Oper Frankfurt.
Damals wie heute lautete sein Auftritts-Prinzip: „Ich spiele niemals in einem autokratischen Staat.“ Ob er dieser Maxime noch heute folgen kann, sei ihm zu wünschen. Dennoch weiß man, dass er genau aus diesem Grund seinen Hauptwohnsitz von Israel nach Tschechien verlegt hat, weil er dort als Jude, israelischer Staatsbürger und Kosmopolit die besten politischen Voraussetzungen vorzufinden glaubt.
| Evgeny Kissin (Foto: AO /Tibor Florestan-Pluto) |
Reines romantisches Programm
Aber kommen wir zum gestrigen Rezital. Ein brechend voller großer Saal der Alten Oper Frankfurt empfing einen gereiften, zunächst fast schüchtern auftretenden Maestro, der ohne Umschweife mit der recht frühen Klaviersonate Nr. 7 op.10 Nr. 3, D-Dur (1798) von Ludwig van Beethoven in den langen Konzertabend einstieg.
Vorweg sei gesagt, dass er sich dieses Mal der reinen Romantik zugewandt hat mit fünf Mazurkas von Frédéric Chopin (1811-1849), Der Kreisleriana op.16 (1838) von Robert Schumann (1810-1856) und last but not least mit der Ungarischen Rhapsodie Nr. 12. cis-Moll (1851/53) von Franz Liszt (1811-1886).
Das Schwergewichtigste und Vorausdenkende
Beethovens Sonate in D-Dur ist das wohl das schwergewichtigste aus der Trilogie von op.10, die zwischen 1795 und 1798 von ihm konzipiert wurde, und weist, neben noch starken Anklängen an Mozart und Haydn, doch auch schon weit in die Romantik hinein. Vor allem das Largo des zweiten Satzes galt gar für Franz Liszt wie auch Robert Schumann als Denkanstoß und Ideengeber ihrer eigenen Kompositionen.
Ist das Eingangs Presto noch geprägt von Allerweltsmaterial, von „ökonomischer“ Struktur und, wie gesagt, von klassisch harmonischer Prägung, so wandelt sich das Ganze radikal im Largo des zweiten Satzes. Hier wechselt Beethoven in den Seelenzustands eine Melancholikers, in die Fallgrube des Grüblers, wie es oft interpretiert wird. Largo e mesto nennt er den Satz und verliert sich dabei in tiefe Traurigkeit.
Ein Beethoven, wie man ihn eigentlich erst in seiner Spätphase erlebt. Weiß er bereits mit Mitte Zwanzig, ein stürmischer Twen seiner Zeit, von seinem Schicksal der Taubheit und diversen Krankheitsbildern?
| Evgeny Kissin (Foto: AO /Tibor Florestan-Pluto) |
Schockstarre – tiefer Seelenblick
Hier zeigt sich bereits die tiefe Kenntnis der Seele und des Materials bei Evgeny Kissin. Er spielt diesen Satz, nur 87 Takte lang und in d-Moll gehalten, in einer Langsamkeit, die den ersten Satz mit 344 Takten rein zeitlich bei weitem übertrifft. Jeder Ton ein Klangerlebnis, alle drei Themen des Sonatensatzes in allen Nuancen von Licht und Schatten, von Destruktivität und Produktivität, von Beruhigung und Entsetzen, von Seufzern und Schreien. Der Pianist und Dirigent András Schiff hebt in seiner Analyse zu recht die pathetischen Gesten dieses Satzes hervor und will darin sogar „opernhafte und erlösende Momente erkennen“.
Evgeny Kissin versetzte den Saal in in eine Art Schockstarre. Man hörte nichts, kein Räuspern, kein Rascheln. Eine Stille umsäumte das Spiel des Pianisten, die tief in die eigene Seele blicken ließ.
Alle Fragen offen
Das Menuett des dritten Satzes mit gerade 68 Takten und wieder in D-Dur ließ das Atmen wieder zu, und das abschließende Rondo mit dem altbekannten Schema A-B-A-C-A-B-A beginnt mit mehreren Fragezeichen und vielsagenden Fermaten, ehe es sich von all dem befreit, ohne allerdings in einen fröhlichen Kehraus zu wechseln. Alles, nur das nicht.
Es bleiben die Fragen in Dreitonmotiven und statt in einem allseits erwarteten Feuerwerk endet es in einer besinnlichen fast beiläufigen Art und Weise: Gebrochene abwärts gleitende Arpeggien im Pianissimo.
Wehmut – Traurigkeit – Nachdenklichkeit
Ein erstes Schmankerl seines Könnens, der Pianist war noch ganz befangen von Beethoven, begann er doch gleich mit den fünf ausgewählten Mazurkas von Frédéric Chopin. Insgesamt schrieb er mehr als 50 davon in den Jahren 1825 bis 1849.
Diese Auswahl beschränkte sich auf die Jahre 1838/39 op. 41, 1843 op.56, 1846 op. 63 sowie 1849 posthum op. 68. Allesamt Miniaturen von ausgesprochener Wehmut, und wenn man so möchte, von tiefer Traurigkeit beseelt.
Sicher hat Chopin die Mazurka als polnische Volksmusik, als Tanz im Dreiviertel Takt verstanden und durch sie seiner Heimatliebe Ausdruck verliehen. Dennoch scheint diese Auswahl, die einen Zeitraum von 10 Jahren umfasst, die Volksfeststimmung, den ausgelassenen Tanz und die Eleganz des dreiviertel Takts eher in den Hintergrund treten zu lassen und der persönlichen Stimmung des Meisters den Vorrang zu geben.
Dieser Zyklus zeigte ein völlig anderes Bild der Mazurka und ließ tatsächlich das Publikum nachdenklich in die Pause gehen.
| Evgeny Kissin (Foto: AO /Tibor Florestan-Pluto) |
„Bild meines Charakters“
Robert Schumann wiederum schrieb seine Kreisleriana nach Erzählungen von E.T.A. Hoffmann (die Schriften des exzentrischen Kapellmeisters Johannes Kreisler, gemeinsam mit den Lebens-Ansichten des Kater Katers Murr, 1814/1815) im Jahre 1838 und das in knapp vier Tagen, wie er selbst es behauptet.
Er schreibt es im Zustand der Liebe zu Clara Wieck, seiner späteren Frau, aber auch wegen der grotesken Figur des Kapellmeisters, seinen unberechenbaren Gedankengänge, seiner Sprunghaftigkeit und seiner Exzentrik. Er selbst sieht darin ein Spiegelbild seiner selbst und schreibt über die Kreisleriana: „Sie werden ihnen (gemeint der Leser) ein Bild meines Charakters, meines Strebens geben.“
Ist es das? Jedenfalls besteht das Werk aus reiner Emotion, aufgeteilt in acht Abschnitte mit den Bezeichnungen „äußerst bewegt, sehr innig, sehr aufgeregt, sehr lebhaft, sehr langsam, sehr rasch, schnell und spielend“. Dazu sollte man wissen, dass sich Schumann in dieser Zeit in heftigem Streit mit dem Vater von Clara befand, der die Eheabsichten seiner Tochter mit dem mittellosen Komponisten rundweg ablehnte. Auch weil er um die Karriere seiner Tochter fürchtete.
Jugendliche Energie
Schumann nimmt man ab, diese Piecen, ein scheinbar formloses Manifest in höchster Erregung geschrieben zu haben. Dennoch wird es von dreiteiliger Liedform, rhythmischer Stabilität, die an barocke Tänze erinnern, und tonartlichen Dichte zusammengehalten, bei kontrastierenden Wechseln zwischen Leidenschaft (Florestan) und Verträumtheit (Eusebius).
Beide Figuren verwendet Schumann auch in seinem Carnaval op.9 und Faschingsschwank op. 26, sind Ausdruck seiner Gemütsverfassung, zugleich aber auch seiner unbändigen Energie, die ihn vor allem in Liebe zu Clara zu dieser emotionalen Intensität hinriss.
Kissin zu Schumann
Die Kreisleriana gilt als Sinnbild der Seele des Klaviers, was Evgeny Kissin in fast schon berückender Weise zum Hören brachte. Ganz Schumann wechselte er seine Stimmungen zwischen Eusebius und Florestan, bewältigte die technisch höchsten Anforderungen dieser wohl bedeutendsten Komposition von Robert Schumann mit bester Mischung aus tiefer poetischer Versunkenheit und eruptiver Aufruhr, von Wahnsinn, Leidenschaft bis zu tiefer Verzweiflung.
Alles drin möchte man meinen. Kissin wurde kurzfristig zu Schumann, fand aber durch den frenetischen Applaus wieder zu sich. Erstmals ein Lächeln auf seinen Lippen.
| Evgeny Kissin (Foto: H.boscaiolo) |
Zwischen Lassan und Friska
Dann der finale Franz Liszt mit seiner Ungarischen Rhapsodie Nr. 12 cis-Moll (1851/53).
Bekanntlich schrieb er zu seinen Lebzeiten 19 davon. Die Nr. 12 stammt aus seiner mittleren Schaffenszeit und gehört zu seinen technisch anspruchsvollsten. Er hat sie Josef Joachim, dem damals wohl besten und bekanntesten Pianisten, gewidmet. Ein knapp 10-minütiges Konvolut, eine Mischung aus melancholischem „Lassan“ und stürmischer „Friska“.
Ein Akrobatenstück voller Effekte und Leidenschaften, worin er gleich fünf Themen verarbeitet und den Pianisten vor schier unlösbare Aufgaben stellt. Man vergleiche es mit einem Vierfachen Salto beim Turner, oder einer fünffachen Drehung mit doppelter Schraube im Freestyle-Skiing.
Nein, dieses Werk gehört zu Evgeny Kissin, der es bereits vielfach interpretierte und es selbst als „ridiculous amounts of fun“ (übersetzt: außerordentlich unterhaltsam) beschrieb.
Eine Interpretation, die selbst wohl Franz Liszt hätte aufhorchen lassen. Ob er selbst, der Jahrtausend Pianist, dieses Werk so hätte spielen können? Bestimmt hat er es von seinem himmlischen Thron heraus gehört und Beifall geklatscht. Das Publikum im Saal jedenfalls geriet aus dem Häuschen und ließ Evgeny Kissin nicht von der Bühne.
| Evgeny Kissin (Foto: H.boscaiolo) |
Erlebnis – Ereignis – Credo
Er selbst war kaum wieder zuerkennen. Ein fröhliches Lachen und kein langes Bitten für insgesamt drei Zugaben:
Von Frédéric Chopin die Etüde Nr. 6 op.10, von Joaquin Llaregla Viva Navarra und von Peter Tschaikowsky aus den Vier Jahreszeiten die Nr. 5 Der Mai. Über die Qualität erübrigt sich jedes Wort. Jede Zugabe ein Erlebnis, jeder Ton ein Ereignis, jeder Satz ein Credo.
Evgeny Kissin gehört wohl zu den besten Pianisten aller Zeiten, wie auch zu den tiefsten und innovativsten Denkern seiner Zunft.

Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen