Written on Skin (2012), Oper in drei Teilen von George Benjamin, Text: Martin Crimp, Oper Frankfurt, Premiere 01.03.2026 (Frankfurter Erstaufführung)
| Elizabeth Reiter (Agnès) und Bo Skovhus (The Protector) alle Fotos: Barbara Aumüller |
Welterfolg par excellence
George Benjamin (*1960), persönlich auf der gestrigen Premiere und Erstaufführung anwesend, und Martin Crimp (*1956) sind in Frankfurt keine Unbekannten, haben sie doch bereits für das Ensemble Modern ihre erste gemeinsame Oper Into the little Hill (2006) geschrieben, die es in der Frankfurter Alten Oper im März 2019 aufführte, und das mit durchschlagendem Erfolg.
Allerdings ist ihre zweite gemeinsame Oper, Written on Skin, 2012 in Aix-en-Provence uraufgeführt und gut doppelt so lang geraten wie die erste, ein Welterfolg par excellence, wurde sie doch bereits mehr als 100-mal gespielt.
Für eine zeitgenössische Oper ein wohl einmaliger Fall, sieht man einmal von Alban Bergs Wozzeck oder Claude Debussys Pelléas et Mélisande ab, auf die sich thematisch diese Dreiecksoper bezieht.
| Bo Skovhus (The Protector) und Elizabeth Reiter (Agnès) |
Macht – Kontrolle – Unterwerfung – Gewalt
Die Geschichte ist knapp erzählt, bezieht sie sich doch auf die mittelalterliche Legende vom „verspeisten Herzen“, um das 13. Jahrhundert herum, die sich um den Troubadour Guillem de Cabestanh rankt. Er hat eine Affäre mit der Ehefrau seines Gönners, wird enttarnt und ermordet. Sein Herz gibt der Mörder seiner Frau als Speise. Über die Herkunft der Speise aufgeklärt, begeht sie Selbstmord. Der Mörder folgt ihr.
So knapp so gut. Denn Martin Crimp, ein Meister der Worte, versetzt diese Geschichte in die Gegenwart, in die Gesellschaft des 21. Jahrhunderts. Agnès ist die Frau des Protectors. Sie ist Analphabetin und bedingungsloses Eigentum ihres Ehemannes. Er, ein Despot, hat alles, was das Herz begehrt und führt dazu ein grausames Regime: Macht, Unterwerfung, Gewalt und Unmündigkeit sind die zeitlosen Merkmale.
Liebe – Selbstliebe
Drei Engel (der Countertenor Iurii Iushkevich als The Boy, die Sopranistin Cecilia Hall als Marie und der Tenor Michael McCown als John) beobachten das menschliche Paar und ersinnen, ähnlich der Schlange im göttlichen Paradies bei Adam und Eva, eine Versuchung, der die beiden kaum widerstehen können. Einer von ihnen, genannt The Boy (man hat ihm vorsorglich die Flügel gestutzt), bietet sich als Buchmaler an, der die Figur des Protektors zur Verherrlichung seiner selbst führen soll. Der Protector (Bo Skovhus, Bariton und Debütant an der Frankfurter Oper) erkennt in diesem Ansinnen seinen Wunsch nach Ewigkeit, nach historischer Bedeutung und natürlich auch nach narzisstischer Befriedigung, nach Selbstliebe.
Nur hat er nicht mit seiner Frau Agnès (Elizabeth Reiter, Sopran) gerechnet, die die Bilder des Engels betrachtet, ohne sie zu verstehen, aber, wie ihr Ehemann, nach Deutung sucht. Sie fordert ihn auf, eine echte Frau zu malen und erkennt sich selbst darin. Fazit: Ihre Faszination über das Bild verwirklicht sich im Beischlaf mit dem Engel, dem Künstler, dem The Boy.
| Iurii Iushkevich (The Boy, auf dem Stuhl Bo Skovhus (The Protector) |
Bitter – Süß – Liebe
Jetzt nehmen die Verwicklungen ihren Lauf. Die Engel harren ihrer Geschäfte und finden im Stile des griechischen Tragödienchors, Spaß am Spiel mit den Schwächen der Menschen. Sie belegen den Protektor mit Albträumen. Agnès, die erstmals sich selbst erfahren hat, sie tritt jetzt auf wie ein Vamp, wünscht sich Nähe und Liebe zu ihrem Ehemann. Der aber weist sie schroff von sich und hält ihre Handlungsweise für kindisch: „Du bist eine Kind!“
Er selbst aber erkennt seine Liebe zu dem The Boy, dem Künstler, entwickelt eine unbändige Eifersucht, als er erfährt, dass seine Frau mit ihm geschlafen hat. Statt aber seiner Frau Vorwürfe zu machen, tötet er seine heimliche Liebe und kredenzt ihr in einem Akt der Gewaltnahme dessen Herz als Speise. Im Klartext: Ihr werden, gekleidet in ein Hochzeitsgewand, mit verbundenen Augen auf einem Stuhl stehend, von ihrem Ehemann Teile des Herzens in den Mund geschoben mit der Aufforderung, den Geschmack zu beurteilen. Sie schwankt zwischen süß und bitter.
| Iurii Iushkevich (The Boy) und Elizabeth Reiter (Agnès) |
Herz – Apfel – Erkenntnis
Die Aufklärung über die Herkunft der Speise lässt sie allerdings nicht in Verzweiflung stürzen, sondern in einem Akt der Emanzipation mit Nachdruck ihre Liebe zum The Boy bekennen. Ein Akt der Erkenntnis, ähnlich dem der Eva im Paradies, die den Apfel vom Baum der Erkenntnis isst, ein absolutes Verbot Gottes.
Sie begeht Suizid, ohne allerdings zu fallen, sondern, im Gegenteil, aufzusteigen in lichte Höhen. Die Engel sind erstaunt und besingen mit kalter Faszination das Elend der Menschheit. Drei Erden steigen im Hintergrund, aus verschiedenen Perspektiven gesehen, auf.
Akt des Sehens
Wie aber inszeniert das Frankfurter Ensemble um Tatjana Gürbaca (Regie), Erik Nielsen (musikalische Leitung) Klaus Grünberg (Bühne und Licht), Silke Willrett (Kostüme) und, last baut not least, Maximilian Enderle (Dramaturgie) dieses gut 90-minütige Drama?
Na ja. Zunächst sei auf das Ansinnen der Regisseurin verwiesen, die den biblischen Biss in den Apfel der Erkenntnis mit dem Biss in das Herz vergleicht und vor allem die Selbstbefreiung von Agnès als Akt des Sehens hervorhebt. Der Protector dagegen verharrt in seiner Gewalt, auch wenn er einen Funken der Liebe mit dem Künstler, Engel alias The Boy erahnt.
| Bo Skovhus (The Protector), Iurii Iushkevich (The Boy), Elizabeth Reiter (Agnès) |
Banalität der Utopien
Kein Eifersuchtsdrama also, sondern eher ein Spiegelbild der modernen Zivilisation zwischen patriarchalischer Kontrolle, Unterwerfung, Gewalt, Lust an der Macht, wie Sehnsucht nach Freiheit und Wahrheit.
Ganz im Sinne, so die Regie, der meisten Utopien, die sich später als Banalitäten, ja sogar als ihre Negation erweisen. Das beste Beispiel vielleicht der Wunsch, die Utopie des Menschen, fliegen zu können und die Realität der Flugzeuge als Bombenträger und Todbringer.
Absolute Hingucker
Tatsächlich erwies sich die Bühne wie das Licht von Klaus Grünberg als ein absoluter Hingucker. War sie doch spärlich mit in Rechtecken zusammengefügten Dreiecken wie eine Mittelgebirgslandschaft gegliedert, besetzt von Konturen der Frankfurter Skyline, symbolischen Lebensbäumen als Überbleibsel des Paradieses und wenigen Requisiten wie Stuhl, Bett (Ort des Albtraums) oder abstürzendem Flugzeug (an die Ikarus-Saga erinnernd).
Das Licht aber dominierte die Szenerie und setzte die Akteure geschickt in den Fokus des Geschehens. Großartig, wie man jede einzelne der insgesamt 15 Szenen wunderbar nachvollziehen konnte.
Dann die Kostüme von Silke Willrett. Sie kleidete ihre Protagonisten mal in antike Gewänder, Agnes wandelte sich von einem naiven Mütterchen mit Haube und Tracht zu einem Vamp, als sie erstmals sich selbst erfährt. Dann kleidet sie die Engel quer durch die Geschichte streifend von der Renaissance bis zum Rokoko mit Maske, oder lässt den Engel The Boy mal in schlichtem zeitlosen Outfit eines Künstlers, mal in herrlichen wallenden Gewändern, immer aber begehrlich erscheinen.
Auch hier eine wirklich gelungene Mischung aus Kostümwechseln, die genau fokussiert auf die Dramaturgie des Geschehens ausgerichtet war.
| Elizabeth Reiter (Agnès), Iurii Iushkevich (The Boy), Bo Skovhus (The Protector) |
Spezifischer Klang – passendes Idiom
Sicher sind 90 Minuten eine kurze Zeit für eine Oper, aber Benjamin wäre nicht Benjamin, wenn er nicht eine Musik von ungeheuerlicher Eindringlichkeit geschaffen hätte. Er selbst betont immer wieder die Dominanz des Textes, der sich die Musik unterzuordnenden habe.
Ganz im Sinne Richard Wagners, dem ebenfalls das Wort so wichtig war. Zwar verzichtet der Komponist bewusst auf Leitmotive, wie es Wagner bevorzugte, sondern erfindet quasi für jede einzelne Szene eine eigene Atmosphäre, einen spezifischen Klang wie ein passendes Idiom im Sinne immer wiederkehrender Harmonietypen.
Fantasie freien Lauf lassen
So bestückt er das Orchester nicht im herkömmlichen Sinne, sondern ergänzt Streicher, Blech- und Holzbläser durch diverse neue Instrumente, allen voran eine Glasharmonika und Bassgambe. Selbstverständlich auch Harfe, Mandolinen, Bongos, Röhrenglocken, Maracas und auch Schreibmaschine, um nur einige weitere zu nennen.
Alles eingebettet in das Handlungsgeschehen, aber immer zurückhaltend und der Stimmen der Akteure untergeordnet. So fließt das Geschehen auf der Bühne wie in einem Filmstreifen entlang und lässt der Fantasie freien Lauf.
| Elizabeth Reiter (Agnès) |
Symbolistische Tragödie
Sicher strotzt diese Inszenierung vor Symbolik, ja man könnte auch von symbolistischer Tragödie sprechen. Das Werk gleicht einer gewaltigen Steigerung, wo im Finale alle Kraft und Herrlichkeit noch einmal konzentriert zusammenfallen. Was auch für die Musik gilt, die sich ab Szene 11 des dritten Aktes bis zur Wagnerschen Orchestrierung verdichtet.
Die Tragödie spitzt sich zu in der 13. Szene, in der die Engel die Grausamkeit Gottes hervorheben und den Protektor zum Mord an The Boy auffordern (der dann geschieht, übrigens anschaulich auf der Bühne präsentiert) und im Versuch des Protectors in Szene 14, seine Frau wieder unter Kontrolle zu bekommen (das verspeiste Herz).
Erst die letzte Szene, die 15., lässt wieder zu Atem kommen. Agnès setzt ihrem Leben ein Ende (sie schneidet sich mit dem Mordmesser die Kehle durch), fällt aber nicht, sondern streckt ihre Arme zum Himmel, während der Protector seinen Versuch der Wiedererlangung der Kontrolle über seine Frau als gescheitert ansehen muss und auf die Erde sinkt.
| Bo Skovhus (The Protector) |
Das selbstverschuldete Unglück
Statt der drei Engel singt abschließend The Boy alias Iurii Iushkevich in herrlichem Solo über die kalte Faszination des „selbstverschuldeten menschlichen Unglücks“ und gleichzeitig erscheinen drei Welten im Hintergrund. Ein Symbol der unentschiedenen Wahrheitsfindung, der sündhaften Erkenntnis, der Gottlosigkeit und verzweifelten Orientierungssuche des Menschen? Ist die Welt doch eine Scheibe??
| Schlussapplaus fünfter von links: George Benjamin Foto: H.boscaiolo |
Inspirierte Regie – Nachdenklich
Licht aus, alle Fragen offen. Der Vorhang fällt und das Publikum spendet herzlichen Beifall. Man ist geplättet und zum Nachdenken aufgefordert. Auch die diversen Vorhänge und die persönliche Anwesenheit des Komponisten George Benjamin auf der Bühne (ob er überhaupt erkannt wurde?) machen den Applaus nicht, wie üblich, lauter und frenetischer.
Eine Oper allerdings von unglaublicher Dichte, sehr guten Sängern, toller Musik (großes Lob an das Opern- und Museumsorchester unter der Leitung von Erik Nielsen) und inspirierter Regie des Quartetts um Tatjana Gürbaca.
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